Tag 2955 – Ferienende.

Heute war der letzte Tag der Sommerferien der Kinder. Das heißt, ab morgen geht Michel in die 6. Klasse und Pippi in die 3. Wann sind die denn eigentlich so groß geworden?

Wir sind verhältnismäßig gut vorbereitet, zumindest sachlich, geistig kann ich nur für mich sprechen, ich glaube aber, die Kinder sind schon ein bisschen aufgeregt. Wir haben sie aber sowohl zum Packen als auch zum Baden/Duschen bewegen können. Auch daran merkt man, dass Michel langsam auf die Pubertät zugeht: er muss öfter duschen. Nicht, weil er irgendwie riecht, aber seine Haare werden viel schneller sichtbar fettig als sie das sonst taten. Er ist auch ein bisschen angepisst davon, dass er schon seit Wochen* eine strikte Hautpflegeroutine** durchzieht und trotzdem auf seiner Nase noch Pickelchen*** sind. Dabei hatte ich doch gesagt, dass das hilft****!Mein Baby…

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*3

**Waschen mit Reinigungsöl und danach eincremen mit Feuchtigkeitscreme

***wirklich harmlos, definitiv keine Akne, lediglich eben verstopfte Poren

****Wundertaten habe ich sicher nicht versprochen und es hilft ja auch, nur sind die Tage der Babyhaut***** eben leider gezählt, was Michel stark missfällt

*****Haha, Babyhaut, meine Kinder hatten beide Neugeborenenakne, Milchschorf und trockene Haut. Vielleicht wäre Einjahres-Haut ein treffenderer Begriff.

Tag 2953 – Alles wie immer.

Erster Tag nach dem Urlaub, und alles ist wie immer. Die Da Draußen(TM) stellen Fragen, die von „huff, du wirfst da echt Dinge durcheinander, die nichts miteinander zu tun haben, und das solltest du wissen“ bis „das ist eine echt gute Frage, ich habe keine Ahnung, wie ich sie beantworten soll, ohne erst mal drei Stunden Recherche zu betreiben“ alle möglichen Reaktionen auslösen. Das Essen in der Kantine ist fleischlastig mit der tollen vegetarischen Alternative einen grünen Salat zu essen. Wenn man Glück hat, gibt es eine vegetarische Proteinkomponente an der Salatbar, wenn ich Pech habe, ist diese Hüttenkäse*. Ich habe also spätestens auf dem Nachhauseweg wieder großen Hunger. Das IT-Projekt denkt, ich sei doof und ich möchte es aus dem Fenster werfen, an Tag 1 nach dem Urlaub habe ich immerhin noch Energie, sauer zu werden, wenn mich Leute für dumm verkaufen wollen. Ins Büro fahren schlaucht voll, es ist laut und hell überall draußen und drinnen, aber immerhin habe ich meinen Lieblingsplatz bekommen, obwohl ich wegen dem unter Wasser stehenden Bahnhof und den daraus resultierenden Verspätungen ein bisschen spät dran war. Züge können nämlich nur an einem von drei Bahnsteigen Menschen ein- und aussteigen lassen, denn zu den anderen Bahnsteigen kommt man nur mit Schnorchel.

Selbst, dass die Züge auf dem Rückweg allesamt aus unerklärlichen Gründen total verspätet waren und ich zwischendurch kurz mal dachte, ich würde vielleicht doch aus Versehen nach Drammen fahren (weil der Zug das innen anzeigte), war irgendwie wie immer.

Irgendwie auch ok, dass die Welt sich nicht plötzlich ganz anders dreht als vor sechs Wochen.

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*Hüttenkäse ist so eine seltsame Erfindung. Geschmackloser Milch-Schlonz mit Brocken, wie nicht mehr ganz so guter Joghurt, nur halt ohne Geschmack. Die Brocken machen es für mich sehr schwierig.

Tag 2952 – Geschafft.

Das Dorf meldet keinen weiter steigenden Wasserspiegel, es ist also wohl, wenn das Wasser weg ist, tatsächlich glimpflich abgelaufen. Ein paar volle Keller. Anderenorts sieht es natürlich ganz anders aus, aber auch da handelt es sich wohl nur um Sachschaden, jedenfalls haben die Medien (die die ganze Sache natürlich maximal ausgeschlachtet haben) nicht von irgendwelchen Personenschäden berichtet. Nicht mal von Tieren. Da es ein mega Drama ist, wenn irgendwo ein Rentier nicht bis ganz an die neu errichtete Windkraftanlage gehen möchte*, nehme ich an, dass es ein ähnliches Drama wäre, wenn irgendwo ein Rentier/Schaf/Katze durch Extremwetter stirbt.

Auch ansonsten war hier heute nicht so viel los. Herr Rabe und ich haben mit Michel/für Michel dessen Zimmer umgeplant, der möchte Dinge (verständlicherweise) anders haben. Leider ist das Zimmer halt auch mit so Notwendigkeiten wie einem Fenster und einer Tür versehen, irgendwo muss das Kind ja auch schlafen und es gibt da noch den klitzekleinen Sachzwang der Zimmergröße. Ich glaube aber, wir haben jetzt eine gute Lösung gefunden. Michel ist mit dem Vorschlag jedenfalls zufrieden.

Morgen muss ich wieder arbeiten. Meine Gefühle dazu sind gemischt.

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*andere Rentiere gehen im selben Windpark aber besonders gerne bis ganz an die Anlagen heran, wenn man ihnen Zeit gibt, sich daran zu gewöhnen, las ich. Vielleicht sind Rentiere genau wie Menschen dazu verschiedener Meinung? Oder Menschen interpretieren in ein in einem Moment beobachtetes Verhalten (kein Rentier am Kraftwerk) das rein, was ihnen in den Kram passt (die haben bestimmt Angst davor!) und schreiben es in die Zeitung, schneller als das Rentier sich umdrehen kann? Vielleicht.

Tag 2951 – Piep 2.

Alles gut, heute stieg das Wasser lange nicht so sehr wie erwartet, vermutlich sind stromabwärts mehr Schleusen geöffnet worden als bisher. Vielleicht war’s das sogar schon mit der Flut, das wäre ja sehr erfreulich.

Ich habe leider Laune und war heute nicht gesellschaftskompatibel. Zwischendurch war ich alleine knapp zwei Stunden im Wald, auf der Suche nach Pilzen, aber ich fand echt wenig und stolperte erst ganz am Schluss, als ich eigentlich schon aufgegeben hatte, über eine Abendessensportion Pfifferlinge. Alleine sein war trotzdem schön.

Tag 2950 – Piep.

Alles gut. Wasser noch nicht voll da. Wird wohl auch noch etwas dauern, Sonntag/Montag sind die Prognosen jetzt.

Was mich beruhigt: die Besitzerinnen des Restaurants zu dem die Terrasse im zweiten Bild gehört, saßen total entspannt auf selbiger und schnackten. So reagieren hier Leute, die das ein paar mal mitgemacht haben. Man sieht auch an der hinteren Ecke der Terrasse Wasser aus einem blauen Schlauch spritzen: das ist aus deren Keller. Scheinbar auch kein Grund zu größerer Verzweiflung*. Nur wir Zugezogenen sind aufgeregt.

Pippi hat heute Übernachtungsparty mit den Nachbarsmädchen – allen dreien. 50% schlafen. 50% halten sich gegenseitig vom Schlafen ab, keins davon meins, sonst hätte ich schon längst ein Machtwort gesprochen. Ich, schon bei Michel im Bett eingeschlafen, werde langsam irre, weil ich echt gerne schlafen würde – aufgeregt sein ist anscheinend anstrengend – aber mich nicht traue, wenn ich verantwortlich für fremde Kinder bin. Herr Rabe ist jetzt noch mal rüber gegangen und hofft auf die einschläfernde Wirkung seiner Präsenz. Oder besser der Uhrzeit.

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* Naja, anders gedacht: was soll man auch machen? Man kann eh nicht rein, bevor es vorbei ist, Zeit genug, Zeug in die höheren Etagen zu verfrachten, hatten sie und solange man nicht in den Keller kann hat man eh Schrödingers Keller – nicht so schlimm und total zerstört gleichzeitig. Da würde ich vielleicht auch keine Energie darauf verschwenden wollen, mich verrückt zu machen.

Tag 2949 – Warten aufs Wasser.

Der Bahnhof läuft voll und am Fluss sind so Flutsperren aufgestellt worden. Da, wo ich Montag das Bild gemacht habe, steht man jetzt bis zur Hüfte im Wasser. Es wird noch ein weiterer Meter (ca.) Wasseranstieg erwartet. Das alles scheint die Norweger hier im Ort (und im Nachbarort, wo ich heute mit Michel beim Kieferorthopäden war) aber kaum groß zu beeindrucken. Für mich/uns ist es aber die erste Flut und offen gestanden ziemlich gruselig.

Tag 2948 – Insel.

Bei uns ist weiter alles gut – aber in alle Himmelsrichtungen sind die Überschwemmungen, Erdrutsche, weggespülten Straßen und gebrochenen Dämme nicht weit. Man kann praktisch nicht mehr nach Norden fahren, ab Lillehammer ist alles gesperrt, weder Zug noch Auto geht. Falls man von Oslo nach Trondheim oder umgekehrt muss, hat man also momentan nur die Option, zu fliegen. Da eine Brücke einzustürzen droht, kann das auch dauern, bis man wieder Zug fahren kann. Man kommt von uns aus noch ganz gut (also normal – aber irgendwie sind heute alle gefahren wie Sau, so viele Drängler und halsbrecherische Überholmanöver hab ich auf der Strecke noch nie erlebt) bis Hamar und das haben wir heute auch gemacht, ich und die Kinder, auf der Strecke ist alles trocken* und so konnten wir kurz Mjøsa sehen. Norwegens größter Binnensee ist noch nicht sichtbar stärker gefüllt als normal, aber der ist halt auch enorm groß und tief, da geht einiges an Wasser rein, bevor es auffällt. Die Zu- und Abläufe sind stärker betroffen. Bisher haben 15 Ortschaften 50-Jahres-Fluten. In Drammen wird zum Wochenende hin eine Jahrhundertflut erwartet, da kommt das ganze Wasser nämlich am Ende an. Unser Fluss hier ist schon gestiegen, der Weg, von dem aus ich Montag das Bild gemacht habe, steht inzwischen unter Wasser, geschätzt so knöcheltief. Hier wird der Höhepunkt am Freitag erwartet. Entwarnung ist also anders, auch wenn es jetzt von oben trocken ist. Meine Gedanken gehen immer wieder an die, die evakuiert sind und nur Daumen drücken können, dass ihr Haus noch steht und noch bewohnbar ist, wenn sie zurück kommen.

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* Ein Hoch auf vegvesen.no, wo man alle aktuellen Verkehrsdaten für eine geplante Route einfach abrufen kann

Tag 2947 – Unverändert.

Wir grüßen aus dem Dauerregen, der hier aber, anders als anderswo (nicht sonderlich weit weg von uns, vor allem nach norwegischen Maßstäben nicht…), nichts weiter macht als es draußen ungemütlich. Keine Erdrutsche, keine Überflutung. Aber Verlängerung der Gefahrenlage, was ja jetzt auch nicht so unbedingt auf Entwarnung hindeutet.

Aber, wenn man nichts besseres zu tun hat, kann man ja das Taj Mahal fertig bauen. (Sehen Sie über den Kram im Hintergrund einfach hinweg und die falsch herum verbauten Simse wurden noch umgedreht.)

Das war ein meditativer Zeitvertreib, aber nach dem Zusammenbauen von 72 kleinen „Säulen“ aus je 6 klaren „Einern“ weiß ich nicht, ob das Gefühl in meiner rechten Zeigefingerspitze jemals zurück kommen wird.

Tag 2946 – Persönlich alles gut.

Wir sind am Rande der roten Zone und es hat zwar ordentlich geschüttet hier, aber das war’s dann auch. Keine schlimmeren Dinge sind uns passiert, auch insgesamt ist Eidsvoll wohl ganz glimpflich davon gekommen. Andere Orte hatten und haben es da deutlich schlimmer, aber auch dort ist das schlimmste wohl vollgelaufene Tunnel und Keller und unterspülte und dadurch eingesackte Straßen.

Die Vorma ist allerdings schon recht voll und auch sehr bewegt jetzt gerade:

So viel kann da nicht mehr zukommen, bevor die Anlieger nasse Füße bekommen. Und das Haupt-Niederschlagsgebiet ist da, wo das Wasser in der Vorma herkommt.