Tag 3095 – 10 Minuten.

Dauerte es heute morgen, bis ich eine Chatnachricht geschrieben und dann doch wieder gelöscht habe. Sie enthielt Schimpfwörter und war in Großbuchstaben verfasst, und es ging um das IT-Projekt in Kombination mit der Namensänderung meines Arbeitgebers. Das ist eh eine Kombination die direkt aus der Hölle stammt. Und da haben es einfach Leute so richtig verkackt und ich wollte nach 10 Minuten Arbeit deshalb schon wieder Leute schütteln. Oder halt pöbelige Chatnachrichten schreiben.

Apropos Namensänderung: unser Logo und alle unsere Vorlagen sind auch geändert. Wir haben auch neue Farben, von denen uns die Namen nicht mitgeteilt wurden, also nenne ich sie Popelgrün und Mekoniumgrün. Wie kann man aus dem Grünspektrum (beste Farbe!) diese furchtbaren Farben auswählen? Am schlimmsten ist die Powerpointvorlage, da ist nämlich auf jeder Folie der Hintergrund komplett popelgrün, ich befürchte Augenschäden durch zu starke Exposition damit. Dazu sind überall jetzt kleine und große Hexagons hingestreut, wie achtlos hingeworfenes Konfetti sieht das aus und Menschen auf Facebook kommentierten bereits, ob das ein Sehtest sein soll, alle diese Punkte Hexagons auf popelgrünem Hintergrund. Dass es keine schwarzen Hexagons sind, sondern mekoniumgrüne, glaubt mir immer erst mal keiner, aber isso, steht auch im Designdokument (was niemand liest, außer mir, auf der Suche nach der Bezeichnung der scheußlichen Farben).

So, genug gemeckert, hilft ja Nix, Augen zu, morgen wird der ganze Bums auch noch feierlich eröffnet mit Pomp und Trara und der Ministerin und einem Büro, in dem sie uns vorwarnen, dass es kalt werden kann. Sehr kalt, denn draußen sind jetzt -20 grad und morgen und in Oslo sollen es noch weniger werden. Das wird sicher super für diejenigen, die schon ihre Pulswärmer von letztem Jahr vermisst haben.

Tag 3075 und 3076 – Emsig.

Alles muss fertig werden, eigentlich arbeite ich nur und falle abends irgendwann um. Zwischendurch irgendwann werden Bestellungen bei der Apotheke (hüben wie drüben) aufgegeben, Bücher bestellt, andere Bücher mit Click & Collect bestellt, weil Michel jetzt liest. Oder besser – ein Buch gelesen hat und man das ein bisschen pushen muss, solange er begeistert ist.

Irgendwie noch Sport (naja, ein wenig Bewegung) und Geige in den Tag gequetscht und heute Abend mit Herrn Rabe ein bisschen Fernsehen geguckt, auf unserem flecklosen Fernseher. Jetzt ist wirklich Zeit für erst Bett und dann Wochenende. Und generell ist langsam mal Zeit für Urlaub (zwei Arbeitstage noch).

Tag 3074 – Alle Jahre wieder.

Der Glögg oder der Lack oder beides scheint wieder mal ganz billig zu sein. Bei der Arbeit kann ich mir jedenfalls diverse… Phänomene nicht anders erklären, als dass Leute sich in den morgendlichen Kaffe schon mal ein Rümchen oder zwei kippen. (Disclaimer: Ich weiß, dass das manche Leute tatsächlich tun und dass das für diese Leute ein großes Problem ist. Ich will das nicht klein reden oder lächerlich machen. Es soll eine humoristisch-überspitzte Darstellung sein, was möglicherweise dazu führen könnte, dass Leute auf komplett Banane Ideen kommen, und warum sich das jetzt vor Weihnachten so häuft.)

Abgesehen davon alles wie immer. Weihnachtsstimmung wird vergeblich gesucht.

Tag 3067 und 3068 – Neu.

Ugh, die App sieht anders aus als vor dem letzten Update. Warum auch Sachen einfach mal so lassen, wie sie sind, solange sie so zufriedenstellend funktionieren.

Nicht neu: Michel hat wieder Fieber, ich weiß nicht, wie er das schafft, andererseits geht in der Schule zur Zeit alles rum, was rumgehen kann. An Arbeitsplätzen ja auch.

Der Lieblingskollege und die Lieblingskollegin riefen aus China an. Erstens war die Verbindung grausig, als führe man die ganze Zeit durch einen Tunnel. Wirklich seit vielen Jahren keine so schlechte Verbindung mehr gehabt. Es erforderte von meiner Seite viel Willenskraft, nicht einfach aufzulegen und das Gespräch per SMS (as if it’s 2003, nicht neu) weiterzuführen. Zweitens berichten sie, dass in China sehr viele verrotzte und herumhustende Menschen unterwegs sind und dabei gar nicht mal unbedingt Mundbinde tragen. Das ist neu oder zumindest unerwartet. Drittens frage ich mich, wann sie wohl ankommen und sehr lieb zu mir sind, weil irgendwer den Report, zumindest die Deficiencies, noch vor Weihnachten, in der Praxis vor Ende nächster Woche, qualitätssichern muss und ich eine von zwei Personen bin, die dafür in Frage kommt. Die andere ist unter einem Haufen Arbeit begraben. Nicht neu, vor Weihnachten ist immer schlimm.

Das war’s, mehr Neues und weniger Neues ist nicht passiert.

Tag 3059 – Zähne zusammenbeißen.

Es war Ballett. Wir waren nur vier und deshalb hat uns die Lehrerin extra gequält. Wahrscheinlich kann ich morgen keinen Schritt mehr gehen.

Muss ich aber auch nicht. Ich hab mich eben aus akuter Unlust heraus dazu entschieden, morgen nicht ins Büro zu fahren. Es gibt keinen Grund, wieso ich das sollte, außer um physisch da zu sein und meinen Report an einer schlechteren Tastatur weiter zu schreiben. Und dann hab ich abends wieder Kopfschmerzen und das Bedürfnis, um acht ins Bett zu gehen, nein danke.

Aber, zurück zum Ballett und zum Titel: man versucht ja, im Gesicht so auszusehen, als sei das alles total mühelos. Als würde man im sommerlichen Sonnenuntergang leicht bedröhnt über eine Blumenwiese schweben. Wenn man aber nur zu viert ist, kann man sich ständig in allen Anstrengungslagen im Spiegel bewundern und ich kann jetzt sagen: ab dem 4. Relevé auf einem Fuß (was nach drei mal 24 auf beiden kommt), ist das beste, was ich noch hinbekomme, ein versteinertes Gesicht, dem man grad so nicht den Schmerz und den drohenden Wadenkrampf ansieht. Also, ich ziehe sie schon noch durch, aber schön ist das nicht mehr, über die Zehen komme ich auch nicht mehr und ich kämpfe hart gegen den Wunsch an, mit den Armen und der Stange nachzuhelfen. Danach fühlt sich das Adagio an wie Ferien, ey. Da kann ich dann auch wieder leicht amüsiert und gar nicht davon betroffen, was der Körper tut, gucken.

Tag 3058 – Ganz normaler Montag.

Die Kinder motzen sich schon morgens an, in der Kantine gibt es nur Salat, auf dem Rückweg vom Büro muss ich im Zug stehen. Bonus: Blutabnahme mit anschließendem dickem blauem Fleck und eine von innen vereiste Frontscheibe am Bahnhof, weil morgens wegen der Blutabnahme keine Zeit mehr war, die Alufolie aufs Auto zu prömmeln (Cardos ist WIRKLICH kein Winterauto).

Lichtblick: Ikea-Blumenbällchen am Abend, danach satt und zufrieden.

Tag 3055 – Zu Hause, Müde, Spät, diesdas.

Wir haben jetzt einen neuen Fernseher, der keinen grünen Fleck in der Mitte hat. Das ist sehr schön. Eine Folge Simpsons verifizierte die Fleckfreiheit. Ansonsten war die Inspektion heute sehr seltsam, sehr schnell vorbei und wir trotzdem nicht eher zu Hause. Abends habe ich eine Dreiviertel Stunde schlecht Geige gespielt, also tatsächlich schlecht, mein Hirn war nicht ganz da und dann machen die Finger auch was sie wollen.

Tag 3053 und 3054 – Weiter im Inspektionstunnel.

Es ist anstrengend, aber ein paar Nächte in so einem Hotelbett sind schon auch erholsam. Dafür schmeckt das Wasser aus der Leitung, vor allem der erste Schluck (wenn man nicht, sehr typisch für Norweger und mich regelmäßig wahnsinnig machend, die ersten paar Liter einfach laufen lässt, als wären die Leitungen noch von 1850) nach Meerwasser, genaugenommen nach Tang, und das ist gar nicht mal so schön.

Aber gestern haben wir ausnehmend leckere Burger (von lokalen, glücklichen Kühen, mit selbst gebackenem Sauerteig-Brötchen) gegessen, heute sehr leckeres Sushi (ich hab nämlich gar nicht generell was gegen den Geschmack von Tang). TripAdvisor ftw., ein sehr nützliches Programm.

Außerdem bin ich das erste Mal mit einer Kollegin unterwegs, die schon die ganze Zeit meine Kollegin ist, mit der ich aber noch nie inspiziert habe, das hat sich einfach nie ergeben. Und das funktioniert ausgesprochen gut, wenn es auch für mich extra anstrengend ist (neue Leute, huiiii, so aufregend und spannend, welche Maske ich wohl brauchen werde???).

Morgen geht es nach Hause, ich freue mich wirklich schon.

Tag 3052 – Müdchhhchhh…

Ja hmm, halt wenig geschlafen von gestern auf heute. Muss das nachholen.

Ansonsten ganz ok auf der Inspektion bisher. Trauriges Mittagessen. Meetingraum ohne Fenster. Und wie konnte mir in den letzten 5 Jahren entgehen, dass die Pharmakopoeia eine Grenze von 10^2 CFU*/g als „maximal 200“ definiert? Saufen die Lack da in Strasbourg? Ich glaube, mein Gehirn WOLLTE das einfach nicht wahrnehmen.

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*Colony forming units, aka Bakterien und Pilze, mit der Einschränkung, dass sie eben auch unter den ihnen angebotenen Bedingungen Kolonien bilden, das ist manchmal gar nicht so ohne.

Tag 3051 – Aufgeregt.

Michel fühlt sich eigentlich wieder ganz gut, hatte aber abends wieder erhöhte Temperatur und bleibt deshalb auch morgen zu Hause. Ich habe keinerlei Krankheitssymptome und einen negativen Test. Solange ich nicht morgen früh (um halb sechs, und dann muss ich auch ohne snoozen aufstehen, urgs) krank aufwache, breche ich auf die letzte Inspektion des Jahres auf. Ich bin total aufgeregt, als wäre ich noch nie verreist, bin unnötig viele Schritte beim Packen gelaufen weil ständig irgendwas vergessen und überlege die ganze Zeit, ob ein Paar Schuhe wirklich reicht (ja) und ob nicht doch das Kissen hier bleiben und extra Schuhe mit sollen (nein). Schlafen erscheint mir utopisch. Aber muss ja alles, ne?

Ahhh.

Außerdem heute ein Meeting gehabt, das eine akustische Geduldprobe war, und das ich mehrmals stumm schalten musste, obwohl ich gleich zu Anfang geschrieben hatte, dass für uns zu Hause alle gleich laut und aus der gleichen Richtung aus dem Lautsprecher kommen und dass sie deshalb BITTE nicht alle gleichzeitig reden sollen. Das wurde einfach mal komplett ignoriert. Manche lachen auch echt laut. Auch dass manche nach drei Jahren Homeoffice noch nicht geschnallt haben, dass die Meetingraum-Mikrofone das, was man dem Nachbarn zuraunt, genauso auffangen, als sei man (und alle anderen zu Hause, die das Meeting noch nicht gemutet haben) der Nachbar, oder dass manche den Sinn von Mikrofonen generell nicht so ganz verstanden haben und meinen, da rein rufen zu müssen: ORRRR! Vielleicht bin ich auch extra empfindlich, weil aufgeregt, aber ORRRR!