Tag 2295 – Yes, ma‘am.

Der Tunnel ist tief.

Die Sprachbarriere, die Verzögerung, die völlig anderen Hierarchien und dass man halt einfach nicht dort ist – all das macht das grad ganz und gar nicht einfach.

Muffin geht es überraschend gut. Er hat die Narkose und das Zähne abschleifen gut überstanden und mümmelt jetzt vorsichtig ein bisschen vor sich hin.

Michel hatte heute Korpskonzert – darauf, dass das wohl eine große Sache mit Solo(!!!)-Auftritten aller Korpsmusiker*Innen ist, waren wir nicht eingestellt, wie auch, wenn man erst eine Woche vorher Bescheid bekommt. Deshalb hab ich es auch verpasst, weil ich Leute auf einem anderen Kontinent durchs Internet anschreien dazu bewegen musste, sich durch Produktionsanlagen zu bewegen. Herr Rabe war da und hat aus lauter schlechtem Gewissen 40 Lose gekauft, von denen dann 5 gewonnen haben. Außerdem hat er ein Video von Michels Solo aufgenommen, so konnte ich wenigstens hinterher gucken, wie es war.

Ist echt erst Dienstag? Ich wäre bereit für baldigen Freitag.

Tag 2294 – Gar.

Ferninspektion ist anstrengender als On-Site. There, I said it. Natürlich ist bei vielen Graden in Indien in fensterlosen Meetingräumen sitzen auch anstrengend, aber ich möchte doch hoffen, dass ich da nicht am Ende des Tages heiser wäre, weil dieses Telefonieren komisch ist.

Die Technik war auch nur so halb mit uns. Geht alles schöner.

Abends war ich immerhin rechtzeitig zu Hause, um Michel vorzulesen.

Muffin geht es unverändert. Frisst extrem wenig, findet päppeln total scheiße, hängt traurig in der Ecke. Die Tierärztin sagte heute, er hat sehr viel Luft im Bauch und wahrscheinlich sei was mit den Backenzähnen. Damit er sich mehr bewegt und Bewegung in die Verdauung kommt, hat sie ihm Schmerzmittel gegeben und wir geben die weiter, ansonsten bringt ihn Herr Rabe morgen wieder hin und im Laufe des Tages schleifen sie ihm die Backenzähne runter, in der Hoffnung, dass das hilft. Herr Rabe war erstaunt, dass die Tierärztin Meerschweinchen als Exoten bezeichnet hat. Mich erstaunt das gar nicht, die sind hier zwar Standard-Haustiere, aber nichts, mit dem „man“ zum Tierarzt geht, die liegen halt irgendwann tot im Käfig, ja mei. Muffins Vorbesitzerin meinte ja auch, die kahlen, blutigen Stellen in seinem Fell seien Kratzer von seinem (angenagten Plastik-)Häuschen. Das waren Stellen, die er sich selbst blutig gebissen hat, weil ihn die Milben so schrecklich gejuckt haben. (Armer Muffin.)

Jetzt müde und morgen wieder los. Memo to self: morgen nicht wieder den Lunch zu Hause im Kühlschrank vergessen und auf dem Weg zur Arbeit noch schnell einen Kirschjoghurt kaufen, um die Kirschjoghurtschulden beim Lieblingskollegen begleichen zu können. Vielleicht einfach gleich zwei Kirschjoghurts kaufen. Häschtäck Kirschjoghurtinfluencerin.

Tag 2293 – Nicht bereit.

Gesundheitlich ging es heute allerseits besser, außer Muffin, dem geht es unverändert.

Ab morgen bin ich möglicherweise wieder im Inspektionstunnel, mit dem Kopf in Indien und dem Hintern den Füßen im Büro. Ich kann überhaupt noch nicht einschätzen, wie der Empfang in diesem Tunnel sein wird, aber sonderlich gut vorbereitet fühle ich mich offen gestanden nicht. Da passt es super, dass mein Computer seit Tagen spinnt und der Support bei den letzten drei Telefonaten deutlich der Überzeugung war, dass ich halt einfach zu doof bin, mein Passwort richtig einzugeben. Vielleicht hole ich den Support demnächst durchs Telefon, nächste Woche böte sich an, wenn sowas noch mal passiert. Auch auf höherer Ebene hat das Werk IT-Probleme, das kommt halt davon, wenn man „mal eben“ in die Cloud umziehen will, diese Probleme bereiten mir persönlich aber grad nicht so viel Kopfschmerzen. Das Damoklesschwert, aus Teams, Outlook und SharePoint gleichzeitig zu fliegen und dann erst den Support anrufen zu müssen, damit sie mir meinen Account öffnen, schon.

Was heute gut war: Michel hat sich ein Stirnband und einen Schal genäht und ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich musste hauptsächlich mit Rat und filigraneren Nähten helfen, und konnte an einer Stelle nicht schnell genug eingreifen, bevor aus einem breiten Stoffstreifen mittig eine kleine Applikation ausgeschnitten wurde, aber bei Licht betrachtet habe ich eh zu viel Stoff. Außerdem hat Michel kein Fieber und niemand hat Covid, das ist ja auch sehr gut.

Jetzt schnell schlafen und morgen früh los und vorher noch mal das Schweinchen füttern.

Tag 2291 – Langer Tag.

Als ich nach Hause kam, stand grad Michels Freund E. vor der Tür, um nach Hause zu gehen. „Langer Tag bei der Arbeit, nicht wahr?“ sagte er wissend zu mir. E. ist mitnichten 80, E. ist 10. So lang war der Arbeitstag auch gar nicht*, sondern ich war nach der Arbeit noch „schnell“ in der Apotheke am Jernbanetorget, mir die Impfung gegen die diesjährige prognostizierte Grippe abholen. Liebe Menschen in Norwegen: dieses Jahr ist da nichts rationiert, alle dürfen, fast jede Apotheke impft – es gibt keine Ausrede. Die Apothekentechnikerin war überaus vorsichtig, ich habe quasi nichts gemerkt von der Spritze selbst, aber jetzt entwickle ich trotzdem ein Ei am Arm. „Schnell“ ist in Anführungszeichen, weil mein Warten auf meinen Termin nicht als solches erkannt wurde und ich erst bei „Sie [andere Person] können gleich dran kommen, der Termin um 18 Uhr [meiner] ist nicht gekommen“ schnallte, dass ich vergessen worden war. Insofern wartete ich 30 Minuten auf den Termin (arbeitend) und 20 Minuten nach dem Termin (am Handy daddelnd).

Aus Gründen dachte ich heute darüber nach, warum ich mich eigentlich auf allen Gebieten unzulänglich fühle, als Ehefrau, besonders als Mutter, aber auch ein wenig als Arbeitnehmerin, weil ich bestimmt einfach noch ein paar Stunden mehr arbeiten könnte (und eine noch besch…eidenere Ehefrau und Mutter sein) und mehr schaffen und nicht so unsicher sein und was weiß ich. Und dann höre ich mich zum Kollegen sagen, dass er sich auf gar keinen Fall schlecht fühlen soll, wenn er heute Abend das Privatleben priorisiert und in der Konsequenz am Wochenende arbeiten muss**, weil man kaputt geht, wenn man nie das Privatleben priorisiert. Es ist kompliziert, wie ich mich dazu fühle. Das hier fasst es ganz gut zusammen. Ich möchte da auch gar kein Köpfchentätscheln haben, es ist einfach was, über das ich nachdenke. Zugegeben, „Haha“ war auch nicht die optimal verständnisvolle Reaktion.

Wie gesagt, kein Köpfchentätscheln, Trost oder sonstwas nötig, ich muss „nur“*** meine Ansprüche an mich selbst überdenken und gegebenenfalls justieren****.

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*hahaha Lüge, war er wohl

**weil unser Arbeitgeber uns einfach VIEL. ZU. VIEL. aufhalst. Alles nach ganz unten delegieren ohne die ganz unten in ihrer Position und Entscheidungsmacht zu stärken, ist ne scheiß Idee. There, I said it.

***hahahaha

****hahahahahahaha. Heute bin ich wieder besonders lustig.

Tag 2290 – Ausflug in die große Stadt.

Das war alles sehr aufregend, so aufregend, dass ich direkt erst mal ohne jegliches Plastikgeld (und echtes Geld haben wir ja eh nie) los bin. Weil Pippi alles blockierte und ein riesiges Theater machte, hatte ich auch keine Zeit, noch mal zurück nach Hause zu fahren. Bloß gut, dass ich den besten Mann der Welt hab, der mir am Bahnhof einen Kaffee besorgt hatte und dort auf mich wartete. Bester Mann.

Bei der Arbeit ist der Lack weiter besonders billig. Ich möchte nicht weiter darauf eingehen, ein heftiges gesichtspalmen, kombiniert mit jemanden schütteln wollen und Aaaarrrrgh muss reichen. *hust* Mitarbeiterbefragung *hust*

Trotz allem war heute wirklich vieles sehr hach, ich arbeite ja gern und mag meinen Job und die anderen Inspekteure und es tut tatsächlich gut, mal wieder aus dem Haus zu kommen. Muss ich weiterhin nicht jeden Tag haben, aber so ab und an ist das ja doch nett, zusammen Mittag zu essen.

Der technische Test heute lief zum Großteil überraschend gut. Danach feilten die Kollegin, der Kollege und ich an einer höflichen Version von „Euer Sound ist unterirdisch, wir verstehen quasi nichts weil es furchtbar hallt, habt ihr vielleicht Räume, die nicht komplett nackt sind?“. Die Antwort folgte wenig später und sie sind furchtbar sorry for the inconvenience. Naja, dafür machen wir ja den Test, alles gut.

Abends Michel bei den Hausaufgaben geholfen. Er sollte 10 Kleidungsstücke auf Englisch anhand eines Bildes benennen, zur Auswahl standen 10 Begriffe. Als letztes sollte er nicht benutzte Wörter auflisten, was ihn sehr aufregte, weil er ja alle 10 benutzt hatte. Michel kennt jetzt das Wort „none“* und ich frage mich, was mit Menschen generell eigentlich los ist, dass sie so seltsame Fragen stellen. *hust* Mitarbeiterbefragung *hust*.

Michel ins Bett gebracht und dabei so schön friedlich mit dem warmen Kind gekuschelt, dass ich selbst mit eingeschlafen bin. Ist halt anstrengend, so ein Ausflug ins Büro. Michel hat selbst in Rekordzeit geschlafen, was super für alle ist, er braucht ja eigentlich seinen Schlaf ziemlich dringend, kriegt aber wegen der großen Hürden beim Einschlafen oft zu wenig.

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*Konnte grad so widerstehen, ihm N.A. beizubringen.

Tag 2283 – Uff uff uff.

Michel hat grad ne Laune, es ist… wundervoll. Einfach herzig. Ganz reizend. (Ist es natürlich nicht, aber ich muss das hier ja nicht ausbreiten.)

Pippi hingegen hat nur morgens Laune, bevorzugt von 08:00 bis 08:10. Das Resultat ist aber dann immer, dass sie und Michel zu spät zur Schule kommen und das wiederum ist Michels Laune (und meiner, und der von Herrn Rabe) ganz und gar nicht zuträglich.

Nach einer langen und schwierigen Geburt mit vielen Beteiligten hat heute ein wichtiges Dokument endlich das Haus verlassen. Leider ist damit vermutlich nur das x. Kapitel in einem mehrbändigen Epos abgeschlossen.

Wir haben jetzt eine Consultant (lange Geschichte) und ich hatte ein Vorbereitungsmeeting mit der – und hab danach echt mit den Ohren geschlackert. Das ging schnell! Super effizient alles durchgerattert und dann mussten wir eh aufhören, weil bei ihr der Internetmensch vor der Tür stand um Breitband zu verlegen. Sie wohnt bei uns in der Nähe, aber in einem noch viel dorfigeren Dorf. Nebenher betreibt sie eine Alpakafarm, ab nächster Woche dann eben auch mit Breitbandanschluss. Life goals.

Tag 2280 – Morgen mehr.

Michel ist jetzt neun, und das und alles, was damit zu tun hatte heute, ist super. Rundum superes Kind, meiner bescheidenen und natürlich absolut objektiven Meinung nach.

Es gab Frühstück mit Kuchen, Geschenke (unter anderem ein Kristall-/Halbedelsteinausgrabeset, das er am liebsten SOFORT, also noch vor dem Frühstück, ausprobiert hätte) und Abendessen nach Wunsch – der Wunsch war das Gasthaus Zur Goldenen Möwe.

Dazwischen, also zwischen Schule und Abendessen, war ich nicht da, sondern im Büro (in echt! Mit Menschen!) und als ich abends wieder aufwachte, nachdem ich in Michels Bett eingeschlafen war (die Migräne war heute Vormittag langsam zurück gekommen und dann den Großteil des Tages bei mir geblieben, und außerdem brennt alles und Menschen sind anstrengend und überhaupt), war eine neue Mail in meinem Postfach, die mich einfach nur WAS ZUR…? denken ließ. Darüber rege ich mich seither auf und deshalb mache ich jetzt hier Schluss. Morgen Schadensbegrenzung und hoffentlich genug Zeit um mit Michels Minecraft-Lego vorführen zu lassen. Er hat da inzwischen eine recht imposante Welt zusammen.

(Ich hab gar keine Zeit dafür, dass alles brennt.)

Tag 2275 – Koko Frau macht koko jobb.

Hmmja, wird Zeit, dass die Familie zurück kommt und mich davon abhält, 24/7 zu arbeiten.

Andererseits ist es auch ganz schön, wenn Michel anruft und ins Telefon brüllt „MAMA! HIER IST EIN MINK!!!“. Nehme an, der Marder ist taub, sonst wäre er vermutlich nicht einfach sitzen geblieben bei dem Lärm.

Morgen arbeite ich noch vormittags ein wenig und den Rest des Arbeitstages feiere ich ab. Freitag arbeite ich vermutlich so 2-3 Stunden und selbst das nur unter Protest. Heute hat zum Abschluss des Arbeitstages mein Outlook gestreikt, weshalb ich um [Zeit zu der man nicht arbeiten sollte] noch den (grünen) Kollegen angerufen habe, um ihn zu bitten, zu einem Meeting einzuladen. Der Kollege arbeitet auch öfter mal spät abends, wir wollen aus Gründen eine Partei zusammen gründen, die die Interessen von Spätschläfer*Innen* vertritt, und ich wusste, dass er heute noch lange arbeiten würde, aber wir haben da im Werk schon flächendeckend einen am Apfel, ja.

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*erstes Ziel: den norwegischen Begriff „B-Mensch“ ( als Gegensatz zu A-Mensch = Frühaufsteher*In) wegen abwertender Sprache abschaffen. Danach die Weltherrschaft, Abschaffung von Kernarbeitszeit für alle, Gruppenaktivitäten auch ab 22 Uhr noch und Schulbeginn gestaffelt und angepasst an individuelle Bedürfnisse von Lehrpersonen und Kindern. Wir sind empfänglich für Lobbyarbeit in Richtung Abschaffung der Uhrzeitumstellungsblödsinns. Wählt uns, wir sind super für alle, sogar für Frühaufsteher*Innen.

Tag 2274 – Außer Arbeit wenig gewesen.

Ich lebe das happy life des alleinseins. Dieser Tage beinhaltet das leider sehr viel Arbeit, das Problem bei solchen Inspektionen wie der letzte Woche ist (wenn man sie leitet) ein Haufen Nachbereitungsarbeit. Ein absurd großer Haufen. Das ist auch Zeug, das ich nicht herumliegen lassen kann, wenn hier Leute sind. Das würde ich nicht mal im Büro auf meinem Tisch liegen lassen, jedenfalls jetzt noch nicht.

Wie gesagt, das wird ein spannender Herbst.

Tag 2270 – Illegal.

Die bisher wirklich am meisten andere Inspektion ist überstanden. Zumindest der on-Site-Teil. Ich habe noch mal ganz andere, ungeahnte Level von Erwachsensein freigeschaltet und aus vollkommen unerwarteten Richtungen Lob bekommen und bin über all dem nicht in Tränen ausgebrochen, yeah. Zwischendurch wollte ich sehr gerne auf den Arm, stattdessen war ich halt Die Inspekteurin(TM). Freundlich, offen, fachlich integer und seriös. Immerhin gehört Verbergen von Gefühlen (zum Beispiel auf den Arm zu wollen) zu meinen Kernkompetenzen.

Wie viele Stunden Arbeit das nun waren, ist mit total ausgelutschtem Hirn nicht mehr so leicht festzustellen, was wohl heißt, dass es viel zu viele waren. Das sagt auch die Zeiterfassung, die mir Mecker-Mails schickt, welche Paragraphen im Arbeitszeitgesetz ich alle überschritten habe. So ca. alle, aber die für die wöchentliche Arbeitszeit kommt erst Montag.

Der Abend war zum runter kommen gedacht, sowie zum Feiern. Ich habe das diese Woche wirklich gut gemacht (wurde mir gesagt und ich versuche mir das auch selbst zu sagen – der Impostor stark in mir ist). Deshalb war ich auf dem Rückweg auch noch schnell im Vinmonopolet und habe streng nach Hübschheit des Etiketts eine Flasche veganen Biosekt gekauft, der tatsächlich sehr lecker ist. Da gehen sie hin, die staatlichen Spesen…

Man muss meinen Job schon sehr mögen, um ihn überhaupt freiwillig zu machen. Gott sei Dank liebe ich ihn nach wie vor.

Nach ausgiebigem Riechen an den Kindern und Herrn Rabe ist jetzt aber WIRKLICH Schlafenszeit. Aus verwaltungsrechtlichen Gründen müsste ich eigentlich am Wochenende noch mehr arbeiten, aber die Vorschrift übertrete ich nun auch, ist auch schon egal.