Tag 2300 – Grusel.

Michel war natürlich erst mal sehr traurig. Wir hatten ihn aber gestern schon darauf vorbereitet, dass Muffin vielleicht bald stirbt und er fing sich recht schnell und ging dann gewohnt pragmatisch an die Sache. „Wo ist Muffin jetzt?“ – „Draußen. In einem Schuhkarton.“ [Aus zwei Gründen, 1. wollte ich nicht, dass Michel morgens als erstes über den toten Muffin stolpert, 2. wollte ich lieber kein totes Tier mit dem Bauch voller Gas bei Raumtemperatur aufbewahren. Den Karton hatten wir noch Raubtiersicher verpackt, für alle Fälle.] „Können wir den Karton einfach mit begraben?“ – „Ja, so war das gedacht.“ [Deshalb haben wir vorher noch sämtliches Klebeband abgefriemelt, ich hebe ja eigentlich keine Schuhkartons und ähnlichen Müll auf, in dem hier hatten wir mal Post bekommen und dann war er in den Abstellraum gewandert.] „Ok, gut, ich will das JETZT machen.“

Also hatten wir eine sehr spontane kleine und sehr unzeremonielle Beerdigung auf Raben-Art (unsentimental). Michel hat einen Platz unter seinem Apfelbäumchen ausgesucht, als Grabbepflanzung dient ein fast abgegraster Topf Petersilie aus der Küche und Michel möchte noch einen Stein bemalen. Beide Kinder haben noch mal geguckt, wie Muffin im Schuhkarton lag und jetzt wird er Apfelbaumdünger.

Abends hat Michel das Grab dekoriert. Mit „Augen“.

Pippi war auf einer Halloweenparty, als Gruseleinhorn-Patomimen-Prinzessin. Als ich sie abholte, kam sie mir freudestrahlend entgegen: „Mama, ich hab ganz viel Cola getrunken!“

Memo to self: Allen, wirklich allen Norwegern, die mit den Kindern zu tun haben, mitteilen, dass MEINE KINDER KEINE COLA DÜRFEN, GAR KEINE, AUCH KEINE ZUCKERFREIE.

Hier waren recht viele Kinder zum Trick-or-treat-en, Herr Rabe hatte da vorgesorgt und deshalb war das auch gar kein Problem. Besonders freute mich das Mädchen, das über seinem Zombiekostüm eine Reflexweste des norwegischen Diabetesverbandes trug. Chrchrchr.

Tag 2295 – Yes, ma‘am.

Der Tunnel ist tief.

Die Sprachbarriere, die Verzögerung, die völlig anderen Hierarchien und dass man halt einfach nicht dort ist – all das macht das grad ganz und gar nicht einfach.

Muffin geht es überraschend gut. Er hat die Narkose und das Zähne abschleifen gut überstanden und mümmelt jetzt vorsichtig ein bisschen vor sich hin.

Michel hatte heute Korpskonzert – darauf, dass das wohl eine große Sache mit Solo(!!!)-Auftritten aller Korpsmusiker*Innen ist, waren wir nicht eingestellt, wie auch, wenn man erst eine Woche vorher Bescheid bekommt. Deshalb hab ich es auch verpasst, weil ich Leute auf einem anderen Kontinent durchs Internet anschreien dazu bewegen musste, sich durch Produktionsanlagen zu bewegen. Herr Rabe war da und hat aus lauter schlechtem Gewissen 40 Lose gekauft, von denen dann 5 gewonnen haben. Außerdem hat er ein Video von Michels Solo aufgenommen, so konnte ich wenigstens hinterher gucken, wie es war.

Ist echt erst Dienstag? Ich wäre bereit für baldigen Freitag.

Tag 2283 – Uff uff uff.

Michel hat grad ne Laune, es ist… wundervoll. Einfach herzig. Ganz reizend. (Ist es natürlich nicht, aber ich muss das hier ja nicht ausbreiten.)

Pippi hingegen hat nur morgens Laune, bevorzugt von 08:00 bis 08:10. Das Resultat ist aber dann immer, dass sie und Michel zu spät zur Schule kommen und das wiederum ist Michels Laune (und meiner, und der von Herrn Rabe) ganz und gar nicht zuträglich.

Nach einer langen und schwierigen Geburt mit vielen Beteiligten hat heute ein wichtiges Dokument endlich das Haus verlassen. Leider ist damit vermutlich nur das x. Kapitel in einem mehrbändigen Epos abgeschlossen.

Wir haben jetzt eine Consultant (lange Geschichte) und ich hatte ein Vorbereitungsmeeting mit der – und hab danach echt mit den Ohren geschlackert. Das ging schnell! Super effizient alles durchgerattert und dann mussten wir eh aufhören, weil bei ihr der Internetmensch vor der Tür stand um Breitband zu verlegen. Sie wohnt bei uns in der Nähe, aber in einem noch viel dorfigeren Dorf. Nebenher betreibt sie eine Alpakafarm, ab nächster Woche dann eben auch mit Breitbandanschluss. Life goals.

Tag 2281 – Muss Augen zumachen.

Pippi heute Morgen im Bad: „Mama? Warum hast du so rot auf den Augen?“ (auf Deutsch, faktisk.) „Weil ich müde bin. Sehr müde.“ „Dann musst du wohl früher ins Bett gehen!“ (wieder auf Norwegisch.)

Pippi ist ein sehr kluges Kind. Überhaupt habe ich sehr kluge Kinder und einen klugen Mann und hoffentlich morgen was schriftliches raus, damit endlich mal ein paar Tage Ruhe ist.

(Und Hey – es kommt was an von dem, was ich versuche, den Kindern mitzugeben. Es geht nicht zum anderen Ohr wieder raus, sondern biegt im Kopf ab und kommt durch den Mund wieder raus. Ich bin ganz fasziniert.)

Tag 2280 – Morgen mehr.

Michel ist jetzt neun, und das und alles, was damit zu tun hatte heute, ist super. Rundum superes Kind, meiner bescheidenen und natürlich absolut objektiven Meinung nach.

Es gab Frühstück mit Kuchen, Geschenke (unter anderem ein Kristall-/Halbedelsteinausgrabeset, das er am liebsten SOFORT, also noch vor dem Frühstück, ausprobiert hätte) und Abendessen nach Wunsch – der Wunsch war das Gasthaus Zur Goldenen Möwe.

Dazwischen, also zwischen Schule und Abendessen, war ich nicht da, sondern im Büro (in echt! Mit Menschen!) und als ich abends wieder aufwachte, nachdem ich in Michels Bett eingeschlafen war (die Migräne war heute Vormittag langsam zurück gekommen und dann den Großteil des Tages bei mir geblieben, und außerdem brennt alles und Menschen sind anstrengend und überhaupt), war eine neue Mail in meinem Postfach, die mich einfach nur WAS ZUR…? denken ließ. Darüber rege ich mich seither auf und deshalb mache ich jetzt hier Schluss. Morgen Schadensbegrenzung und hoffentlich genug Zeit um mit Michels Minecraft-Lego vorführen zu lassen. Er hat da inzwischen eine recht imposante Welt zusammen.

(Ich hab gar keine Zeit dafür, dass alles brennt.)

Tag 2276 – Smirk + grin.

Hurra, die Familie ist wieder da. Ein Familienmitglied ist um einen Milchzahn ärmer:

Der allererste Milchzahn ist raus!

Der Zahn war schon seit Ewigkeiten lose und dann immer loser und heute war er dann plötzlich ganz ab von seinem seidenen Faden. Warum sagt man eigentlich seidener Faden? Seide ist doch sehr reißfest? Seltsam. Jedenfalls ist das natürlich eine große Sache für Pippi und war auch schon länger Thema, inklusive „aber ich mag den Zahn doch, der soll nicht ausfallen!“. Jetzt freut sie sich sehr, ihre Zahnlücke schnellstmöglich allen zu zeigen. Montag wird sie vermutlich einfach deshalb dauergrinsen, damit aaaaaalle das sehen.

Wie man an der Farbe sieht, ist der benachbarte Schneidezahn auch schon lose. Hach, große Kinder sind toll.

Heute Nacht kommt die Zahnfee und bringt ein kleines Geschenk. Danach kommt aber keine Zahnfee mehr, weil die arme für uns zuständige Zahnfee ja so einen weiten Weg aus Deutschland zu uns hat. Das hat sich bei Michel bewährt, daran halten wir fest.

Ich musste heute eine Pause von der Arbeit haben und habe meine schiefe Narbe mit meinen herausragenden Bildbearbeitungsskills zu Quatsch gemacht:

Smirk-emoji am Hals.

Ja, ich bin sehr erwachsen.

Mit dem Narbenstatus an sich bin ich sehr zufrieden, das wird schon werden, aber warum man ein mittig sitzendes Organ nicht durch einen mittigen Schnitt entfernen konnte, erschließt sich mir nicht. Vorläufig klebe ich weiter einen Tapestreifen so drauf, dass wenigstens der mittig sitzt und hoffe einfach, dass man, wenn die Narbe heller geworden ist, da wirklich nichts mehr von sieht.

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P.S. ich habe den gestrigen Beitrag wirklich gestern geschrieben, ehrlich ganz in echt, ich hab nur (offenbar) nicht auf „publizieren“ gedrückt. Hoppla.

Tag 2254 und 2255 – Lasst uns doch einfach in Frieden.

Gestern war sozial anstrengend für mich, heute war sozial anstrengend für Michel. Für mich auch ein bisschen, aber für ihn war’s schlimmer. Jetzt habe ich noch ein bisschen nachgearbeitet (ganz schön wenig kompatibel mit Erwerbsarbeit zu normalen Zeiten, eine spitzenmäßige Mutti zu sein, die Kindern und Besuchskindern zu 16:30 Uhr Pfannkuchen brät) und ich werde jetzt einfach ins Bett fallen. Gestern bin ich bei Michel im Bett eingeschlafen, wahrscheinlich hätte ich heute sonst auch gar keinen Akku mehr für irgendwas gehabt, geschweige denn Pfannkuchen.

Ich hoffe, bei Michel geht es morgen auch wieder.

Tag 2235 – Gras und ein halber Zoo.

Herr Rabe befindet sich dieses Wochenende auf einem Field Trip mit seiner Arbeit, sie machen lauter Sachen, die reiche Boomer jung gebliebene, erfolgreiche Geschäftsleute gut und hip finden, wir Rafting und auf Berge steigen. Michel hofft, dass sich Herr Rabe dabei keinen Fuß bricht, das hoffen wir natürlich alle. Mein Kollege bezeichnete mich deshalb heute als „Graswitwe“ und es dauerte ein bisschen, bis ich schnallte, dass das wohl das norwegische Wort für Strohwitwe sein muss. Dann scherzten wir ein bisschen vorfeierabendlich herum und ich dachte im Nachhinein noch darüber nach und bleibe dabei, was ich ihm sagte: im Vergleich zu vielen Müttern, die ich kenne, wird mein (großes) Bedürfnis nach Alleinzeit hier eigentlich schon recht gut respektiert, deshalb bin ich auch nicht „froh“ dass Herr Rabe aus dem Haus ist. Ich freue mich für ihn, dass er raus kommt und Boomerdinge tut, und ich schaukele das hier zu Hause schon, aber ich freue mich nicht über mehr Alleinzeit. Herr Rabe nervt ja nicht.

Wo das gesagt ist, muss ich aber wenigstens erwähnen, dass ich „mein“ Bett, in dem ich theoretisch ja heute Nacht total viel Platz hätte, mit zwei Kindern und einem halben Zoo aus Kuscheltieren teile. Das hat Gründe, die viel mit sehr müden Kindern und Dingen, die anders sind als immer, zu tun haben, aber so richtig mega begeistert bin ich darüber nicht. Jetzt gerade hat Pippi Herrn Rabes Hälfte vom Bett, während Michel halb auf mir und halb auf seinem riesigen Kuscheltier „Bunti“ liegt.

Aber was soll‘s. Ich bin ab Sonntag sechs Nächte in einem Hotel und da sind keine anderen Menschen in meinem Bett, da kann ich nach- und vorschlafen.

Tag 2226 – Schulkinder.

Zwei Kinder am gleichen Ort abliefern – das wird ein Traum.

Zwei Kinder pünktlich abliefern – das wird ein Albtraum.

Aber das ist ja heute noch egal. Pippis Einschulung war gelungen, würde ich sagen, und ich finde, man kann das bei gutem Wetter ruhig beibehalten, dass solche Dinge draußen stattfinden, ich finde (und das geht bestimmt nicht nur mir so) große Mengen Menschen unter freiem Himmel viel weniger anstrengend, als in der sonst üblichen Turnhalle.

Pippi hatte einen super Tag und hat quasi nonstop geredet. Ich hoffe, sie hat dann irgendwann doch mal damit aufgehört, sonst täte mir die Lehrerin sehr leid. Pippi war halt aufgeregt und dann muss das alles raus, was in ihrem Kopf passiert, und das ist eine Menge.

Zu Pippis Klasse kann ich noch nicht so viel sagen. Es könnte auf den ersten Blick gerne etwas kulturell diverser sein, aber man kann ja aus Namen und Gesichtern solche Dinge nur höchst unzuverlässig ableiten (allerdings sind es schon viele sehr deutlich norwegische* Namen). Die Lehrerin, I., scheint nett zu sein und auch von der eher durchsetzungsstarken Sorte, jedenfalls auf den ersten Blick.

Auch Michel hatte einen guten 1. Tag als Viertklässler, jedenfalls kam er nach Hause und sagte, es sei gut, wieder zurück [in der Schule] zu sein.

Pippi ist übrigens recht lang, gemessen an anderen Erstklässler*Innen. Trotzdem sieht es ein bisschen nach Rucksack auf Beinen aus.

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* Kategorie deutlich norwegisch**: Marthe, Synnøve, Øystein, Stian; Dem gegenüber stehen Namen wie Henrik, Martin, Bastian, Alexander, Maximilian, Karoline, Kristin, Ida, Eva, Mona… also Namen, die es so auch (vielleicht in anderer Schreibweise) anderswo gibt.

** nordisch

Tag 2225 – Tabula rasa.

Hier werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus. Da ist ein leerer Plan (nicht mal Essen steht drauf, das sollte eigentlich anders sein, ist über die Ferien aber so eingerissen), der mit allerlei Hobbies und Verpflichtungen gefüllt werden will. Vor einem Jahr haben wir auch Bürotage eingetragen, haha, wie lustig wir waren. Das machen wir wohl erst mal nicht.

Im Spiegelbild der Wasserkanister, weil wir mal wieder unser (Trink-)Wasser abkochen sollen. Hach ja, gut, dass wir die Hamstervorratskanister haben.

Morgen ist hier großer Tag.

Schultüte und kleine Schultüte, wie auch Pippi sie bekommen hat, als Michel eingeschult wurde.

Ich musste da selbst basteln, Schultüten gibt es hier ja nicht, also auch keine Bastelsets. Der „Pippi darf ihn nicht in die Finger kriegen“-Flüssigkleber ist jetzt leer (Nachschub schon besorgt), ich habe den gefühlt 35. Anspitzer für Michel gekauft, beschriftet und in seine kleine Tüte gepackt, sowie Radiergummis und keinen neuen Bleistift, weil seiner zwar zerkaut ist, aber die Mine noch intakt und ein neuer sofort ebenfalls zerkaut wäre. Herr Rabe sagt, das habe er auch als Kind gemacht. Ürgs. Pippi kriegt viel Mal- und Bastelkram und beide ein kleines bisschen Süßigkeiten. Schultüten haben hier ja gar keine Tradition, da fände ich es falsch, drei Welpen und eine Diamantkette da rein zu tun. Es ist so schon besonders genug und ich glaube, Pippi wird ausrasten vor Freude.

Hach, schon Schulkind. Die kleine Zwergmaus, die hat doch eben erst laufen gelernt.