Tag 2276 – Smirk + grin.

Hurra, die Familie ist wieder da. Ein Familienmitglied ist um einen Milchzahn ärmer:

Der allererste Milchzahn ist raus!

Der Zahn war schon seit Ewigkeiten lose und dann immer loser und heute war er dann plötzlich ganz ab von seinem seidenen Faden. Warum sagt man eigentlich seidener Faden? Seide ist doch sehr reißfest? Seltsam. Jedenfalls ist das natürlich eine große Sache für Pippi und war auch schon länger Thema, inklusive „aber ich mag den Zahn doch, der soll nicht ausfallen!“. Jetzt freut sie sich sehr, ihre Zahnlücke schnellstmöglich allen zu zeigen. Montag wird sie vermutlich einfach deshalb dauergrinsen, damit aaaaaalle das sehen.

Wie man an der Farbe sieht, ist der benachbarte Schneidezahn auch schon lose. Hach, große Kinder sind toll.

Heute Nacht kommt die Zahnfee und bringt ein kleines Geschenk. Danach kommt aber keine Zahnfee mehr, weil die arme für uns zuständige Zahnfee ja so einen weiten Weg aus Deutschland zu uns hat. Das hat sich bei Michel bewährt, daran halten wir fest.

Ich musste heute eine Pause von der Arbeit haben und habe meine schiefe Narbe mit meinen herausragenden Bildbearbeitungsskills zu Quatsch gemacht:

Smirk-emoji am Hals.

Ja, ich bin sehr erwachsen.

Mit dem Narbenstatus an sich bin ich sehr zufrieden, das wird schon werden, aber warum man ein mittig sitzendes Organ nicht durch einen mittigen Schnitt entfernen konnte, erschließt sich mir nicht. Vorläufig klebe ich weiter einen Tapestreifen so drauf, dass wenigstens der mittig sitzt und hoffe einfach, dass man, wenn die Narbe heller geworden ist, da wirklich nichts mehr von sieht.

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P.S. ich habe den gestrigen Beitrag wirklich gestern geschrieben, ehrlich ganz in echt, ich hab nur (offenbar) nicht auf „publizieren“ gedrückt. Hoppla.

Tag 2244 – :) .

Als ich eben in der Badewanne saß und das Tape von der Halsnarbe abfummelte, um mich darunter zu waschen, kam Michel rein. „Kann ich mal gucken?“ „Ja klar.“ (wohl wissend, dass das überhaupt nicht schlimm aussieht, abgesehen von der Asymmetrie natürlich).

„Sieht aus wie ein Mund, wenn du jetzt noch zwei Pickel da drüber kriegst, ist es ein Smiley.“

:)

So hatte ich das noch gar nicht gesehen, dann hoffe ich mal auf Pickel.

Tag 2220 – Frust, halber.

Also, so ne Schilddrüsenoperation kann ich niemandem wirklich empfehlen, die*er gerne singt, selbst wenn’s nur unter der Dusche ist. Heute versuchte ich im Auto ein bisschen Radiopop mitzuträllern, und… naja. Selbst ganz leise komme ich bei manchen Tönen – und wir reden nicht von Mariah Carey! – einfach nicht mehr an. Es kommt einfach gar kein Ton mehr, oder, wenn ich es wirklich mit Gewalt versuche, der höchste, den ich produzieren kann und der klingt ziemlich schrecklich. Es ist jetzt nicht so, als hätte ich vorher unfassbar gut gesungen, aber halt schon ok, für den Hausgebrauch. So würd ich nicht mal Happy Birthday singen wollen, weil ich vermutlich das dritte „birth-“ nicht erreichen würde. Ich finde das offen gestanden ziemlich scheiße.

Und da kommen wir zum nächsten Punkt. Ich muss ja noch zur Nachkontrolle der OP, also zur Endokrinologin im Krankenhaus. Wie das in Norwegen so ist, bekam ich gestern den Termin per digitaler Post – und er ist, wenn ich auf einer Inspektion bin. Das passt nun wirklich nicht so besonders gut, selbst für einen Videotermin. Inspektion ist nicht Kaffee bei Oma, wo ich mal grad „bin gleich wieder da“ sagen könnte. Man kann aber, das ist neu, direkt online um einen neuen Termin bitten. Was ich tat, woraufhin keine fünf Minuten später mein Handy klingelte. Was folgte kann ich auch mit einem Tag Abstand nicht anders beschreiben: die Sprechstundenhilfe setzte mich massiv unter Druck, den Termin zu behalten, ich könne doch sicher mal kurz während meiner Jobreise telefonieren, ich sei schließlich operiert worden und MÜSSE diesen Termin haben, aber wenn ich den jetzt nicht nähme, müsse ich bis nach Weihnachten auf einen neuen Termin warten. Ich bekam immerhin heraus, dass ich mich überrumpelt fühle, und nun ist der Termin erst mal so stehen geblieben und ich habe mir ein wenig Zeit erkauft aber bitte was sind denn das für Kommunikationsmethoden?

Ich habe jetzt mehrere Optionen und weiß nicht, was ich machen soll:

  • Ich behalte den Termin und habe immerhin zeitnah einen Termin. Unglücklich: ich bin da auf einer Inspektion, muss mit Kollege und Kollegin und der kompletten Firma dort absprechen, das irgendwie möglich zu machen. Besonders unglücklich: das ist der Tag, an dem wir normalerweise die Produktion inspizieren, das ist zeitlich nicht gut planbar. Es ist immerhin quasi zur Mittagessenszeit, also wenigstens nicht komplett unmöglich („Kann mich jemand ausschleusen und in 10 Minuten wieder einschleusen, ich müsste mal telefonieren!“ hahahaha nein.) Allergrößter Minuspunkt: ich bin ein bisschen bockig und will, dass das Krankenhaus lernt, dass sie nicht alles mit mir machen können.
  • Ich bitte meine Hausärztin um eine Überweisung in ein anderes Krankenhaus. Da bekomme ich dann innerhalb von, laut Webseite, 12 Wochen einen Termin. Unglücklich daran: das ist auch schon fast Weihnachten und meine Hausärztin müsste die Einstellung bis zum Spezialist*Innen-Termin allein managen und mich gegebenenfalls auch an HNO überweisen. Daran besonders unglücklich: allein nen Termin zur Blutabnahme muss man bei der Hausärztin am besten 3 Wochen im Voraus abmachen, von einem Termin um dann eine Überweisung zu bekommen ganz zu schweigen. Realistisch gesehen reden wir also auch hier von Mitte bis Ende Dezember, bis ich eine*n Spezialist*In zu Gesicht bekomme. Trostpflaster: ich glaube meine Hausärztin ist wirklich gut und lässt mit sich reden, was „meinen persönlichen Wohlfühlwert“ angeht, außerdem kann sie ja jederzeit im Krankenhaus anrufen und die Spezialist*Innen um Rat fragen, im Gegensatz zu mir Normalsterblicher.
  • Ich gehe damit in die Privatklinik. Vorteil: da kriege ich, wenn ich will, morgen einen Termin. Nachteil: der kostet mich dann 250€ und das jedes Mal, wenn ich hingehe (und da ist weder Massage noch Champagner mit inbegriffen, Frechheit). Ob die zum Beispiel wieder an die HNO des Krankenhauses (des ANDEREN Krankenhauses, denn in DIESES Krankenhaus möchte ich inzwischen nur noch im totalen Notfall einen Fuß setzen) überweisen können, weiß ich auch nicht. HNO in der Privatklinik dann halt wieder 250€. Und so weiter.

Tja, so sieht das aus, alles nicht so richtig einfach, ehrlich gesagt.

Warum der Frust dann nur halb ist? 1. ist Michel heute fast direkt nach der Entspannungs-CD, die die Babysittermama mir geliehen hat, eingeschlafen und 2. habe ich heute Nachmittag, nach ein paar Fingerbrechern mit zu vielen Vorzeichen (die Etüden sind in steigender Schwierigkeit im Buch und ich beackere grad die letzte und vorletzte in kombiniert 1. und 3. Lage) sowohl am Ende das Vivace in, naja, größtenteils lebendigem Tempo und größtenteils echt okayer Intonation gespielt und danach die zwei Kinderkonzerte so sauber durchgeorgelt, dass ich selbst erstaunt war. Aber G-Dur/D-Dur/e-Moll/h-Moll sind nach c-Moll, H-Dur und As-Dur ein bisschen wie Urlaub für Finger und Ohren. Besonders schön finde ich, dass meine Geige jeden Tag besser (voller, irgendwie „klingender“) klingt. Ist wohl doch was dran, dass Streichinstrumente „schlafen gehen“, wenn man sie lange nicht spielt und man sie danach erst wieder „öffnen“ muss.

Nur Vibrato kann ich nach wie vor nur mit 2,5 Fingern in akzeptabler Ausführung.

Tag 2209 – Niemals Symptome googeln.

Wie‘s mir so geht, wollen immer wieder Leute wissen (verständlich und lieb!).

Im Grunde gut. Ich habe, wie der Chirurg gesagt hatte, vor ein paar Tagen die Kalziumtabletten versuchsweise abgesetzt und habe keine Symptome von (erheblichem, akutem) Kalziummangel, da bleibt also nicht viel mehr als in wieder ca. 2 Wochen, wenn eh die Schilddrüsenhormone überprüft werden müssen, auch die Kalziumlevel zu checken, aber ich gehe mal davon aus, dass sich die Nebenschilddrüsen an ihre neue, etwas kahlere, Umgebung jetzt gewöhnt haben. Von den Narkosenachwirkungen, die die ersten Tage ziemlich fies waren, merke ich auch nichts mehr. Ich habe keine Schmerzen mehr, auch nicht beim Schlucken, auch nicht, wenn ich auf der Seite liegend schlucke (aus irgendeinem Grund war das etwas länger schmerzhaft). Die Narbe heilt, juckt nicht mehr, ist nicht mehr berührungsempfindlich, ich habe aber normales Gefühl dort. Das Gefühl, einen riesigen Kloß im Hals zu haben, ist schon deutlich weniger geworden, ist jetzt höchstens noch ein Grießklößchen und auch nur, wenn ich in gekrümmter Halshaltung sitze oder liege (Handynacken). Das einzige, was mich noch umtreibt, ist, dass meine Stimme nicht normal ist und ich nicht gewohnt viel und lange reden kann, dann wird sie müde und monoton. Mir fehlen nach oben noch ein paar Register und höhere Töne, auch beim Sprechen, sind nicht „spontan da“, sondern ich muss mich da rantasten. Ich merke, dass ich beim Sprechen dabei sehr viel presse, was vermutlich die Ermüdungserscheinungen erklärt. Beim Singen mache ich eine Art ungewolltes Glissando nach oben, um die Töne am momentanen oberen Rand meines Stimmumfanges überhaupt zu treffen.

Das habe ich gegoogelt und naja, also entweder ist der Kehlkopfnerv bei der OP verletzt worden, dagegen spricht aber, dass ich nicht heiser bin und auch nicht war. Auch eine Nervenverletzung wäre in den meisten Fällen transient und man gibt dem so ca. drei Monate, sagt das Internet. Oder es liegt einfach daran, dass da ordentlich ummöbliert wurde in meinem Hals, die Muskeln bei der OP weggezogen wurden, damit man an die Schilddrüse kommt und die Stimme unter anderem mit Muskeln zu tun hat, die die Schilddrüse bewegen und da ist ja nun nix mehr, also muss sich der Stimmapparat erst mal umgewöhnen. Auch dem gibt man laut Internet erst mal etwas Zeit.

So oder so werde ich das sämtlichen Ärzt*Innen, denen ich im Zusammenhang mit dieser OP noch begegnen werde, auf die Nase binden, vor allem, weil ich halt ganz und gar nicht weiß, wann ich mir Gedanken machen sollte. Das hätte man mir gut mal vorher sagen können, dass, auch unabhängig von der Intaktheit der Stimmbandnerven selbst, die Stimme anders sein kann.

Aber ein Gutes hatte das Googeln (außer der Beruhigung, dass es vermutlich weggehen wird, da es ja schon besser wird, nur halt langsam): ich weiß jetzt, dass Toiletten im Hals eine Möglichkeit gewesen wären und die habe ich schon mal nicht.

Und ansonsten, wie geht’s sonst so? Auch gut. Insgesamt gut, doch. Ich bin tatsächlich arbeitsreif nach den langen Ferien, und auch (vor allem?) Kinder-aus-dem-Haus-reif. Corona stinkt weiterhin*, klar. Vieles stinkt, Klimawandel usw., keine Frage. Aber wenn ich mal so ein bisschen Nabelschau betreibe, geht es mir grad** wirklich gut. Ich bin zufrieden mit mir*** und meinen Beziehungen****und meiner persönlichen Gesamtsituation so allgemein.

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* haben Sie mitbekommen, dass Norwegen in Bloombergs Pandemie-Rating auf dem 1. Platz gelandet ist? Jajaja, wir sind so supi hier. Da muss ich aber mal gesondert drüber schreiben, wenn ich in einer Rant-igeren Stimmung bin.

** gesehen auf die letzten ca. 2 Jahre (?)

*** je älter ich werde, desto besser kann ich mit meinen Eigenheiten leben

**** also denen zu Herrn Rabe und den Kindern, sowie meinen Freundschaften, ein paar sind es ja doch. Ein paar problematische Beziehungen hab ich natürlich auch, wer hat die nicht, aber die belasten mich zur Zeit nicht. Dito die kleineren und größeren Reibereien mit den MitbewohnerInnen.

Tag 2205 – Grüße vom Campingplatz.

Das Puzzleteil ist wieder aufgetaucht, es war in Michels Hosentasche, aus welchen Gründen auch immer.

Es ist ja aber typisch, dass ich in den Ferien ausgerechnet eine Nacht durchmache, wo ich am nächsten Tag nicht einfach bis ewig schlafen kann, sondern an dem wir eigentlich um 11 Uhr aufbrechen wollten, um 4,5 Stunden plus Laden nach Kristiansand zu fahren. Naja, aus 11 Uhr wurde aus diversen Gründen (unter anderem damit ich wenigstens so 4 Stunden geschlafen hatte) 14 Uhr und dann war auch noch Stau, aber jetzt haben wir unsere Planwagenähnliche Hütte bezogen, ein Würstchenabendessen abgehalten, die Sanitäranlagen inspiziert und jetzt schlafen die zwei völlig überdrehten Rübennasen hoffentlich gleich mal (und ich auch).

Die zwei haben sich dauernd in den Haaren, wenn die so weitermachen, könnte es gut sein, dass wir sie im Tierpark einfach irgendwo vergessen, bei den Erdmännchen oder so, hups, über die Mauer gefallen, gar nicht gemerkt.

Ich habe gestern das Pflaster gewechselt, todesmutig, weil es halt eh nur noch in der Mitte hielt. Hab mir das ganze beschaut, ja, auch Fotos gemacht, die sind auch nicht schlimm, aber manche Leute wollen frische OP-Narben vielleicht trotzdem nicht ungefragt sehen. Es sieht super aus, alles ist schön geschlossen, kein Faden ist zu sehen, es ist nicht sonderlich wülstig, und nachdem ich mit viel Geduld und viel Reinigungsöl gaaaaaaaanz vorsichtig die Pflasterreste entfernt hatte, auch nicht mehr verfärbt (diese durchsichtigen Film-Pflaster die man im Krankenhaus manchmal kriegt, werden irgendwann gelb, weiß ich jetzt, und die Haut darunter sieht auch gelb aus, das war bei mir aber nur Schmodder von abgestorbenen Hautschüppchen plus Pflasterkleber). Das, was für einen dezenten Frankensteineffekt gesorgt hatte, war wirklich nur getrocknetes Blut vom Nähen gewesen, und jetzt, mit neuem Tape drauf, sieht es so aus:

(Ja, asymmetrisch, das stört mich mehr als Sie, das können Sie mir glauben.)

Von den Einstichstellen für die Stimmbandnervstimulation sieht man schon gar nichts mehr.

Außerdem hab ich mich gestern gefreut, dass auch Musiker, die auf einem ganz anderen Level operieren als ich, mit Tonarten mit vielen Kreuzen oder bs kämpfen und fluchen. Achtung, Bratschenwitze, 40 Stunden am Tag.

Tag 2197 – Geht, geht.

Neuer Spaziergangsversuch, deutlich besser als vorgestern. Es wird also.

Unter dem Pflaster haben sich gleich zwei neue Level freigeschaltet, nämlich Berührungsempfindlichkeit und Jucken. Hurra. Das ist aber hauptsächlich nervig und ja ein Zeichen für Heilung, ich klage also nicht nur wenig. Weiterhin kann ich langsam wieder normal klingende Fragen stellen und auch singen – klingt nur seltsam, muss ich noch üben. Ich vermute mal, das ist, wie wenn man an der Hüfte operiert wurde und dann erst mal wieder üben muss, normal zu laufen.

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Pippi fand im Garten zelten so gut, dass sie und Herr Rabe das gleich noch mal machen. Mit Frühstück im Zelt! Ich schlafe also wieder alleine, jedenfalls so lange, bis Michel sich dazu kuschelt. Aber das ist immer noch viel mehr Platz, als mit Herrn Rabe UND Michel im Bett.

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Morgen kommen M. und H. aus Trondheim zu Besuch, Michel ist schon ganz aus dem Häuschen. Siehe oben.

Tag 2196 – Freiheiiiit!

Pippi und Herr Rabe zelten heute im Garten, das hat sich Pippi so gewünscht, beziehungsweise wollte eigentlich nur die im Garten zelten, fand das aber dann doch alleine viel zu gruselig (Michel sagte gleich rundweg nein), also erklärte sich Herr Rabe bereit. Das heißt, solange Michel in seinem Bett bleibt, habe ich das große Bett ganz für mich allein! Ich liege auch schon quer drin. [Disclaimer: ich liebe Herrn Rabe sehr und schlafe auch ausgesprochen gerne mit ihm in einem Bett, aber alleine schlafen ist manchmal einfach so, so gut!]

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Michel und ich haben heute einen Ausflug gemacht, Geburtstagsgeschenke für Pippi kaufen. Für Michel war es gut, weil der ein bisschen Abstand von seinem manchmal etwas sehr energischen Freund brauchte und für mich war es gut, weil der Punkt „Geschenke besorgen“ jetzt erledigt ist und mich nicht mehr stresst. Es war ein richtig netter kleiner Ausflug, bei dem ich viel über mein großes Kind erfahren habe. Der ist schon sehr wohlgeraten, muss ich sagen, und in diesem kleinen Kopf stecken viele kluge und erstaunlich reife Gedanken… und unglaublich viel Faktenwissen über alles mögliche, das manchmal einfach wahllos aus ihm rausblubbert.

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Der Ausflug ging kräftemäßig ganz gut, es scheint doch, als ginge es wirklich aufwärts. Ohne Paracetamol ins Bett war aber ne blöde Idee. Heute habe ich Geige gespielt, ich hatte ein bisschen Schiss, dass die am Hals drückt, aber das tut sie nicht, beziehungsweise weiter an der Seite, genau neben dem Pflaster (und auch da hinterlässt nur die Zwinge der Kinnstütze eine kleine Druckstelle am Schlüsselbein). Uff, da kann ich mir ja wenigstens die Zeit mit einer weiteren Aktivität vertreiben. Bei Kreislauf kann ich ja auch im Sitzen spielen, aber auch der war heute schon viel zuverlässiger als gestern noch.

Tag 2195 – Noch üben.

Uffz, ich bin keine gute Patientin, ich bin jetzt schon völlig rastlos, aber mein Körper ist noch nicht wieder ganz hergestellt, wie auch, das dauert halt nach so einer Operation, Vollnarkose und jeder Menge für mich ungewohnt starker Schmerzmittel (ich verdächtige meinen Körper auch, irgendwas davon nicht richtig rauszubekommen). Heute habe ich einen kurzen und langsamen Spaziergang gemacht und war danach völlig alle. Mich nervt das. Hoffentlich wird das bald besser, ich möchte meine Routinen zurück.

Positiv: der Hals ist schon wesentlich besser, ich versuche jetzt mal, ohne noch eine Paracetamol zu nehmen, einfach zu schlafen. Auch positiv: duschen dürfen und in normaler Haltung schlafen können.

Tag 2193 – Zu Hause ist‘s doch am schönsten.

Ich wurde heute morgen nach einem letzten Abschlussgespräch mit dem Chirurgen entlassen. So läuft das in Norwegen, kaum kommt man knapp ohne Schmerzmittel, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, zurecht, wird man entlassen. Paracetamol nehmen und spazieren gehen. Nein, ganz so ist es natürlich auch nicht, aber ich habe ja zum Beispiel keine Drainage, das machte es schon mal einfacher, ich habe keine Probleme mit der Stimme, Schwellung, Schmerzen (najaaaa…) und mein Kalzium ist nicht toll aber auch nicht dramatisch schlecht, das kriegen wir so hin. Ich bin auch froh drum, nach Hause zu können, hier kenne ich die Geräusche, niemand schnarcht, niemand bekommt nachts Infusionen oder Einlagen gewechselt, und schon mal gar nicht kommt jemand und sticht mir mitten in der Nacht Nadeln in den Arm. Das ist ein eindeutiger Vorteil, man weiß das ja so gar nicht unbedingt zu schätzen.

Ich hoffe jedenfalls, dass ich zu Hause nicht wieder um vier Uhr morgens wach bin und trotz Schmerzmittel, das eigentlich dösig machen sollte, nicht mehr schlafen kann.

Die Schmerzen waren in der Nacht schlimm, aber wenn man versucht, zu schlafen, fühlt sich ja auch alles, was eine daran hindert, noch schlimmer an. Dazu diese quasi sitzende Schlafposition… Jetzt gerade geht es schon viel besser, der Hals ist zwar belegt und Sprechen strengt an, aber ich habe eben testweise ein wenig gesummt und auch das geht nahezu normal. Der Rest kommt auch wieder, bin ich ganz sicher.

Jetzt nehme ich eine (kleine) Weile Kalziumtabletten mit Zitronengeschmack, bis meine Nebenschilddrüsen sich von den „Prügeln“, wie der Chirurg es nannte, erholt haben und werde danach 3Ms beste Kundin, damit ich brav ganz lange Narbenpflaster tragen kann.

Und morgen feiere ich das Wiedersehen mit der Dusche. Ich kann gerne ein paar Tage hauptsächlich auf dem Sofa liegen, aber nicht, wenn ich dabei von drülfzig Fliegen bekrabbelt werde.

Am Besten an allem ist aber, wieder meine drei Lieblingsmenschen um mich zu haben. Hach!

Tag 2192 – Zerstochen, vermöbelt und zufrieden damit.

CN OP, Narkose, Erbrechen

Mein Nacken fühlt sich an, als hätte ich beim Krafttraining völlig übertrieben, ich muss alles sehr sehr gut kauen, damit es auf dem Weg nach unten nicht hängen bleibt, ich habe ziemlich krasse blaue Flecken und Löcher in Armbeugen und am Fußrücken und das Kinn heben oder den Kopf ansatzweise normal drehen geht nicht. Insgesamt fühlt sich alles zwischen Brustbein und Kinn an, wie vermöbelt. Und all das ist genau wie geplant, nach so ner Schilddrüsen-OP.

Und damit kann ich auch das Geheimnis lüften, was gestern schief lief: die OP sollte nämlich gestern stattfinden. Um 06:30 musste ich kommen, nüchtern, um operiert zu werden. Herr Rabe sollte mich fahren, weil ich nicht abends schon aufgenommen werden konnte, das Hotel, mit dem das Krankenhaus eine Absprache hat, sodass ich das hätte erstattet bekommen können, im Juli geschlossen hat und um die Zeit noch kein Zug fährt. Dazu war extra dienstag abends die Babysittertochter zu uns gekommen und hat bei uns übernachtet, damit die Kinder nicht alleine sind, sollten sie aufwachen, bevor Herr Rabe zurück käme (ca. 07:30). Erstes Ding, das schief lief: Michel, der sich gewünscht hatte, wir mögen ihn wecken, wenn wir losfahren (er durfte bei uns im Bett schlafen, weil er so aufgeregt war. Avocadobaum „Benjamin“ passte auf ihn auf. Das Kind ist etwas speziell in seiner Phantasie, ja.), weinte bitterlich, als wir ihm Bescheid sagten, weil er Angst hatte, nicht wieder einschlafen zu können, bevor wir fuhren. Nun ja, wenn man doll weinen muss, kann man auch tatsächlich schlecht schlafen, und im Endeffekt zogen wir ihm ein T-Shirt über und nahmen ihn halt mit.

Michel hat alle unsere Pflanzen benannt.

Ich kam pünktlich ins Krankenhaus, bekam ein Bett und eine OP-Kluft, die ich auch direkt anziehen sollte und ziemlich direkt auch einen Zugang gelegt und harrte fortan der Dinge, die da kommen mögen. Nach einiger Zeit kam eine Schwester und sagte, ich stehe als Nummer 3 auf der Liste, es dauere also noch, wie lange, konnte sie aber nicht sagen. Sie versprach mir aber eine Infusion mit Flüssigkeit, ich hatte ja höchstens ein halbes Glas Wasser getrunken seit dem Aufstehen (um 04:45), um meine Tabletten herunterzuspülen. Um viertel nach elf, nüchtern seit 13 Stunden, mit beginnenden Kopfschmerzen vom niedrigen Blutzucker und dem Körpergefühl einer vertrockneten Rosine, fragte ich nach dieser Infusion. Die war vergessen worden und ich bekam sie dann immerhin binnen Minuten. Da war endlich der Zugang zu was gut. Die Kopfschmerzen killte die NaCl-Lösung leider nicht.

Die Wartezeit vertrieb ich mir mit Lesen, Handygedaddel, etwas Dösen und Musik hören. Medizinstudentin T. vertrieb sich meine Wartezeit damit, ein EKG abzunehmen, also erst mal sehr lange sehr, ähm, planlos, mit Kabeln und Aufklebern und der Anleitung herumzufummeln, dann die falschen Kabel an der falschen Stelle anzubringen und wieder zu tauschen, dann ratlos auf den Ausdruck zu schauen und lieber doch einen fertigen Arzt zu fragen. Nicht falsch verstehen, wir hatten beide Spaß dabei und ich glaub, ich kann jetzt auch ein EKG abnehmen, sie muss es ja auch lernen und ich hatte ja Zeit. Besonders lustig war, dass mittendrin Michel anrief und fragte, wie es ginge, und als ich sagte, ich müsse noch warten, sagte er (natürlich auf Norwegisch und natürlich hatte ich den Lautsprecher an) „Papa sagt, du bist damit nicht sehr zufrieden?“. Da T. schon schmunzelte, schob ich es Michel gegenüber darauf, dass ich seit sehr sehr langer Zeit nichts gegessen hatte und sehr hungrig war und „das haben wir dir ja erklärt, manche Leute, so wie du und ich auch, werden dann sehr sauer, dabei ist es eigentlich nur Hunger“.

Irgendwann kam meine Zimmernachbarin (oh ja, Doppelzimmer mit Doppelbelegung, Pandemie, keine Mundschütze, keine Coronatests) aus dem OP. Sie war Nummer 1 gewesen und hatte noch lange im Aufwachraum gelegen, ich schöpfte also etwas Hoffnung, dass Nummer 2 bald durch und ich dran sei.

Um halb zwei (ca., ich nüchtern seit 15 Stunden) kam der Chirurg, der mich operieren sollte. Meine Kopfschmerzen waren inzwischen mörderisch und ich hatte das Gefühl, mein Magen verdaue sich selbst. Leider hatte der Chirurg eine Hiobsbotschaft: es gab einen Notfall, der vorgezogen werden musste, mit dem „mein“ Anästhesieteam beschäftigt war, man könne mich eventuell (!) in der für Notfälle vorgesehenen Zeit um 16 Uhr operieren. Wenn nicht – dann nicht. Der Chirurg wirkte darüber selbst ziemlich frustriert und leitete das Gespräch auch ein mit den Worten „ich könnte ne Stunde diskutieren über Operationsplanung in diesem Krankenhaus, aber es hilft ja nicht“. Immerhin sorgte er, als er hörte, dass ich seit Ewigkeiten nichts gegessen hatte, dafür, dass ich sehr schnell eine Glucoseinfusion (von T.) bekam.

Mit der intus versuchte ich verzweifelt, die Kopfschmerzen wegzudösen. Das funktionierte eher schlecht als recht, und um viertel nach drei weckte mich eine Schwester mit Paracetamol und Dexametason, das ich zur OP-Vorbereitung nehmen sollte. Kein Problem, immerhin hieß das, dass 16 Uhr wahrscheinlich sei. Meine Zimmernachbarin freute sich schon mit mir, ich war aber noch vorsichtig und, tja, um 16:15 kam der Chirurg und sagte „es hat grad so nicht geklappt“. Faen, altså. Er sagte aber, immerhin, dass ich dann jetzt essen dürfe, und, noch viel wichtiger, dass ich über Nacht bleiben könne/solle und wir es am Folgetag (also heute) noch mal auf die gleiche Art probieren würden und wenn es wieder nicht klappe, ich in jedem Fall zeitnah einen neuen Termin bekommen würde (NOCH MAL DIE GANZE ODYSSEE? BITTE NICHT!). Er wirkte ein wenig, als wolle er was anzünden.

Ich schaffte es, nicht zu flennen, bis ich Herrn Rabe anrief. Yeah.

Nun ja, es gab dann Essen (Krankenhausessen, kein besonders schlechtes, aber auch keine herausragende Küche, aber immerhin feste Nahrung – nach 18 Stunden) und tröstende Worte von der Krankenschwester und dann war alles schon etwas besser. Herr Rabe und die Kinder kamen mich besuchen, die Kinder waren mit McD auf dem Weg bestochen worden, und sie brachten mir meine Tabletten, die ich ja nicht mehr zu brauchen geglaubt hatte, sowie eine Migränetablette. Wir saßen in der „Glassgata“, ich mit Milchkaffee und alle mit Eis vom Narvesen, und ich musste beiden Kindern erklären, wie der Zugang funktioniert und wofür ich den haben muss. Weil Michel fragte, erklärte ich ihm außerdem, warum wir nicht in mein Zimmer gehen würden und weil er sich dann Sorgen machte, dass es mir nach meiner Operation auch „nicht so gut“ gehen würde, musste ich leider auch erklären, was Krebs ist und dass und warum man solide Tumore wegoperiert, wenn man kann. Ich muss sagen, ich bin immer noch unsicher, wie viel Information für Michel angemessen ist, ohne ihn zu ängstigen. Er will halt immer alles wissen und hält damit glaube ich seine Ängste in Schach, aber herrje, ich hab doch selbst Angst vor Krebs und weiß noch viel viel mehr darüber, hab sowas ja studiert… Uff uff. Sowas wie „Noiiin, niemand von uns kriegt je Krebs“ geht auch nicht, das durchschaut er sofort, dass das eine unzulässige Aussage ist, aber wir waren uns dann einig, dass wir beide doll hoffen, dass niemand von uns oder die wir gern haben, Krebs bekommt.

Der Rest des Tages ging unspektakulär rum, ich musste noch mal duschen zur Vorbereitung auf die OP, las, daddelte am Handy, und versuchte, recht früh zu schlafen – was mäßig klappte. Vor allem war ich heute morgen um viertel vor fünf knallwach, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als weiter lesen und warten… heute bekam ich aber schon um halb sieben eine NaCl-Infusion, um sieben Paracetamol und um halb acht wurde ich abgeholt.

Trotzdem glaubte ich nicht so richtig daran, dass ich tatsächlich operiert würde, bis ich auf dem OP-Tisch lag und mir der sehr nette (deutsche, wie sich herausstellte) Anästhesist erklärte, was nun alles passiere.

Bei der OP ging wohl alles gut, sie haben alle Nebenschilddrüsen gefunden und erhalten können, ich kann normal reden („Üb‘ das, die Stimmbänder müssen jetzt wieder ein bisschen trainiert werden“, sagte die Chirurgin), hatte „minimale Blutung“, habe also auch keine Drainage, und bisher nur eine leichte Schwellung an der Wunde. Im Aufwachraum gab es noch einen lustigen Schmerzmittelmix wegen doch ziemlichem Aua und dann ein Eis, wegen Aua im Schluckapparat. Ich fand noch eine Elektrode an meiner Stirn, von der Stimmbandstimulation, nehme ich an. Mir ist nicht schlecht (beim letzten Mal, dass ich eine Vollnarkose hatte, musste ich danach brechen), ich durfte, als ich endlich wieder auf dem Zimmer war, auch sofort essen und wenig später in meine normalen Klamotten umziehen, aufs Klo und mein Gesicht waschen (Kleberreste überall!) und war auch schon beim Narvesen, ordentlichen Kaffee und ein weiteres Eis holen. Hurra!

Morgen geht es, aller Voraussicht nach, nach Hause.

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*Fun fact: in Norwegen gibt es das nicht mit den obligatorischen Heparinspritzen, nur wenn man einen bestimmten Risikoscore erfüllt, auf dessen Skala ich aber nur einen Punkt erreiche.