Tag 2302 – Ready?

Jöss, ich bin froh wenn das morgen rum ist. Es ist anstrengend. Es wäre das sicher auch in Indien, aber es ist tatsächlich noch mal ne andere Nummer, wenn man die Gesichter der Gegenüber einfach gar nicht sieht.

Ich bin außerdem immer noch unsicher, was den richtigen Ton angeht. Da ich ja auch keine Gesichter sehe, bin ich nicht mal sicher, ob ich immer mit den gleichen Personen spreche, oder ob das andere sind. Offenbar bin ich stimmtaub.

Ich, äh, freue ich auch darauf, wieder mit Frauen zu reden. Der Unterschied zu Norwegen ist frappierend, denn hier sind so ca. 90% der QA-Menschen in Pharma weiblich (hängt damit zusammen, dass Pharmazie hier ein Frauenberuf ist). Dort – null. Zumindest keine, mit denen wir reden dürfen. Oder die mit uns reden dürfen.

Apropos Kultur: als ich heute kurz auf die Beschaffung von Dokumenten und SMEs warten musste, googelte ich, was „Reddy“ eigentlich heißt, das an viele Namen angehängt wird. Also in Form von „Mr. Vorname Nachname Reddy“. Reddy, so fand ich heraus, ist die Bezeichnung einer hohen Kaste aus Südindien. Telugu, genauer gesagt. Mein erster Reflex war, das sehr, sehr seltsam und rückständig zu finden, Kastensystem ist ja auch pfui, hab ich in der Schule gelernt. Dann fiel mir aber das deutsche „von“ ein, oder die Briten mit ihrem Sir, Dame, Lord, usw. und das ist sicher nicht direkt vergleichbar, aber es ist nun auch nicht so, als würde man im Westen Klassenbezeichnungen (solange sie anzeigen, dass man einer [vermeintlich] „höheren“ Klasse angehört) nicht traditionell auch gerne heraushängen lassen.

Solche Gedanken mache ich mir nebenbei.

Noch ein Tag. (Uff.)

Tag 2231 – Nicht lachen.

Drei nordeuropäische paar Ohren, drei mal mehr oder weniger starke nordeuropäische Akzente (meine Kollegin sagt immer „…, or what?“ und ich muss immer ein bisschen darüber schmunzeln). Indisches Englisch auf der anderen Seite, zwei Tage Pause – heute wieder völlig hoffnungslos. Das heißt, nicht völlig. Die individuellen Unterschiede, wie heftig der Dialekt (???) ist, sind sehr groß, manche verstehen wir gut und andere… naja halt einfach mal gar nicht. Die ratlosen Gesichter meines Kollegen und meiner Kollegin, die aber stets bemüht waren, die Contenance zu bewahren (man will ja die andere Seite nicht beschämen), waren heute kurzzeitig zu viel für mich und ich musste kurz den Raum verlassen und außer Hörweite über diese absurde Situation lachen. Mein Kollege, der irgendwas fragt und etwas zur Antwort bekommt, von dem wir maximal einzelne Worte verstehen. Ich, die die selbe Frage noch mal anders stellt, in der Hoffnung, die gleiche Antwort noch mal anders formuliert zu bekommen, auf dass man sich aus zwei mal Brocken irgendwas zusammenreimen kann. Meine Kollegin, die mit Pokerface am Ende der völlig unverständlichen Antwort einfach „Yes, thank you“ antwortet, auf fragendem Blick aber mit einem kaum merklichen Kopfschütteln antwortet und hinterher sagt, die hätten auch antworten können, dass sie alle Steriltests vorm Inkubieren autoklavieren, sie hätte es nicht bemerkt.

Ich lache wirklich nicht über die. Ich lache über uns.

Mal gucken, ob ich in dem Tonfall träume. Ich finde den indisch-englischen Tonfall nämlich eigentlich sehr einlullend, vielleicht auch, weil so viel Energie dabei drauf geht, den Inhalt zu erfassen.

Tag 2300 – Grusel.

Michel war natürlich erst mal sehr traurig. Wir hatten ihn aber gestern schon darauf vorbereitet, dass Muffin vielleicht bald stirbt und er fing sich recht schnell und ging dann gewohnt pragmatisch an die Sache. „Wo ist Muffin jetzt?“ – „Draußen. In einem Schuhkarton.“ [Aus zwei Gründen, 1. wollte ich nicht, dass Michel morgens als erstes über den toten Muffin stolpert, 2. wollte ich lieber kein totes Tier mit dem Bauch voller Gas bei Raumtemperatur aufbewahren. Den Karton hatten wir noch Raubtiersicher verpackt, für alle Fälle.] „Können wir den Karton einfach mit begraben?“ – „Ja, so war das gedacht.“ [Deshalb haben wir vorher noch sämtliches Klebeband abgefriemelt, ich hebe ja eigentlich keine Schuhkartons und ähnlichen Müll auf, in dem hier hatten wir mal Post bekommen und dann war er in den Abstellraum gewandert.] „Ok, gut, ich will das JETZT machen.“

Also hatten wir eine sehr spontane kleine und sehr unzeremonielle Beerdigung auf Raben-Art (unsentimental). Michel hat einen Platz unter seinem Apfelbäumchen ausgesucht, als Grabbepflanzung dient ein fast abgegraster Topf Petersilie aus der Küche und Michel möchte noch einen Stein bemalen. Beide Kinder haben noch mal geguckt, wie Muffin im Schuhkarton lag und jetzt wird er Apfelbaumdünger.

Abends hat Michel das Grab dekoriert. Mit „Augen“.

Pippi war auf einer Halloweenparty, als Gruseleinhorn-Patomimen-Prinzessin. Als ich sie abholte, kam sie mir freudestrahlend entgegen: „Mama, ich hab ganz viel Cola getrunken!“

Memo to self: Allen, wirklich allen Norwegern, die mit den Kindern zu tun haben, mitteilen, dass MEINE KINDER KEINE COLA DÜRFEN, GAR KEINE, AUCH KEINE ZUCKERFREIE.

Hier waren recht viele Kinder zum Trick-or-treat-en, Herr Rabe hatte da vorgesorgt und deshalb war das auch gar kein Problem. Besonders freute mich das Mädchen, das über seinem Zombiekostüm eine Reflexweste des norwegischen Diabetesverbandes trug. Chrchrchr.

Tag 2299 – Sicher auch alles falsch.

Alle Mühen waren vergebens und jetzt liege ich hier auf dem Sofa, mit Muffin auf dem Bauch, der zu schwach ist, auch nur den Kopf zu heben oder die Beine zu bewegen. Den Päppelbrei lässt er seit heute morgen einfach aus dem Maul laufen. Gestern hatte er schon einiges an gekautem Zeug im Mund, das er wohl nicht geschluckt hat. Ich mache mir schlimmste Vorwürfe, weil das sicher alles meine Schuld ist, weil ich hätte zusehen müssen (wie???), dass er von dem eigentlich alle Schweinebedürfnisse abdeckenden Futter (Heu, Check, reichlich frisches Gemüse, Check, keine Pellets, Check) die richtigen Dinge frisst oder sich mehr bewegt oder was weiß ich. Das Dimeticon hätten wir früher besorgen können und öfter geben. Mindestens hätte ich heute nicht so lange schlafen müssen, dann hätten wir es zum Tierarzt geschafft und der hätte diese Quälerei beenden können. Jetzt bade ich das halt aus, indem ich versuche, wenigstens jetzt ganz am Ende da zu sein, damit Muffin nicht ganz allein sterben muss. Zu den anderen zwei wollte ich ihn nicht setzen, weil ich keine Ahnung habe, wie Meerschweinchen mit kranken Meerschweinchen umgehen. Im besten Fall ignorieren sie ihn und dann hat er da auch nichts von, dachte ich. Denke ich. Aber das ist sicher auch falsch.

Das hier ist der Grund, weshalb ich keine Kleinnager mehr wollte. Überhaupt Haustiere. Man hängt sein Herz dran und steckt Arbeit und Geld rein und am Ende sterben sie qualvolle Tode* und man kann nichts machen außer gegebenenfalls früh genug erkennen, dass das nichts mehr wird und dem Tier schlimmeres ersparen.

Es tut mir wirklich leid, Muffin.

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* meine Ratten starben alle an diversen Tumoren, bzw. wurden wegen solchen eingeschläfert als es wirklich nicht mehr ging.

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P.S. während ich die Tags setzte, hörte ich das letzte Schnappen nach Luft und ich glaube, jetzt hat er es endlich geschafft. Mach’s gut, Muffin.

Tag 2298 – Sollte…

… nicht schreiben mit diesem Müdigkeitslevel. Wirklich einfach nein. Ich nehme mir jetzt zu Herzen, was ich Michel neulich gesagt habe, nämlich dass alles, was vorm einschlafen schlimm, schrecklich und furchtbar erscheint, morgens meistens schon viel besser ist.

(Das Meerschwein ist es nicht, auch wenn es dem nach wie vor nicht gut geht.)

Tag 2295 – Yes, ma‘am.

Der Tunnel ist tief.

Die Sprachbarriere, die Verzögerung, die völlig anderen Hierarchien und dass man halt einfach nicht dort ist – all das macht das grad ganz und gar nicht einfach.

Muffin geht es überraschend gut. Er hat die Narkose und das Zähne abschleifen gut überstanden und mümmelt jetzt vorsichtig ein bisschen vor sich hin.

Michel hatte heute Korpskonzert – darauf, dass das wohl eine große Sache mit Solo(!!!)-Auftritten aller Korpsmusiker*Innen ist, waren wir nicht eingestellt, wie auch, wenn man erst eine Woche vorher Bescheid bekommt. Deshalb hab ich es auch verpasst, weil ich Leute auf einem anderen Kontinent durchs Internet anschreien dazu bewegen musste, sich durch Produktionsanlagen zu bewegen. Herr Rabe war da und hat aus lauter schlechtem Gewissen 40 Lose gekauft, von denen dann 5 gewonnen haben. Außerdem hat er ein Video von Michels Solo aufgenommen, so konnte ich wenigstens hinterher gucken, wie es war.

Ist echt erst Dienstag? Ich wäre bereit für baldigen Freitag.

Tag 2294 – Gar.

Ferninspektion ist anstrengender als On-Site. There, I said it. Natürlich ist bei vielen Graden in Indien in fensterlosen Meetingräumen sitzen auch anstrengend, aber ich möchte doch hoffen, dass ich da nicht am Ende des Tages heiser wäre, weil dieses Telefonieren komisch ist.

Die Technik war auch nur so halb mit uns. Geht alles schöner.

Abends war ich immerhin rechtzeitig zu Hause, um Michel vorzulesen.

Muffin geht es unverändert. Frisst extrem wenig, findet päppeln total scheiße, hängt traurig in der Ecke. Die Tierärztin sagte heute, er hat sehr viel Luft im Bauch und wahrscheinlich sei was mit den Backenzähnen. Damit er sich mehr bewegt und Bewegung in die Verdauung kommt, hat sie ihm Schmerzmittel gegeben und wir geben die weiter, ansonsten bringt ihn Herr Rabe morgen wieder hin und im Laufe des Tages schleifen sie ihm die Backenzähne runter, in der Hoffnung, dass das hilft. Herr Rabe war erstaunt, dass die Tierärztin Meerschweinchen als Exoten bezeichnet hat. Mich erstaunt das gar nicht, die sind hier zwar Standard-Haustiere, aber nichts, mit dem „man“ zum Tierarzt geht, die liegen halt irgendwann tot im Käfig, ja mei. Muffins Vorbesitzerin meinte ja auch, die kahlen, blutigen Stellen in seinem Fell seien Kratzer von seinem (angenagten Plastik-)Häuschen. Das waren Stellen, die er sich selbst blutig gebissen hat, weil ihn die Milben so schrecklich gejuckt haben. (Armer Muffin.)

Jetzt müde und morgen wieder los. Memo to self: morgen nicht wieder den Lunch zu Hause im Kühlschrank vergessen und auf dem Weg zur Arbeit noch schnell einen Kirschjoghurt kaufen, um die Kirschjoghurtschulden beim Lieblingskollegen begleichen zu können. Vielleicht einfach gleich zwei Kirschjoghurts kaufen. Häschtäck Kirschjoghurtinfluencerin.

Tag 2293 – Nicht bereit.

Gesundheitlich ging es heute allerseits besser, außer Muffin, dem geht es unverändert.

Ab morgen bin ich möglicherweise wieder im Inspektionstunnel, mit dem Kopf in Indien und dem Hintern den Füßen im Büro. Ich kann überhaupt noch nicht einschätzen, wie der Empfang in diesem Tunnel sein wird, aber sonderlich gut vorbereitet fühle ich mich offen gestanden nicht. Da passt es super, dass mein Computer seit Tagen spinnt und der Support bei den letzten drei Telefonaten deutlich der Überzeugung war, dass ich halt einfach zu doof bin, mein Passwort richtig einzugeben. Vielleicht hole ich den Support demnächst durchs Telefon, nächste Woche böte sich an, wenn sowas noch mal passiert. Auch auf höherer Ebene hat das Werk IT-Probleme, das kommt halt davon, wenn man „mal eben“ in die Cloud umziehen will, diese Probleme bereiten mir persönlich aber grad nicht so viel Kopfschmerzen. Das Damoklesschwert, aus Teams, Outlook und SharePoint gleichzeitig zu fliegen und dann erst den Support anrufen zu müssen, damit sie mir meinen Account öffnen, schon.

Was heute gut war: Michel hat sich ein Stirnband und einen Schal genäht und ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich musste hauptsächlich mit Rat und filigraneren Nähten helfen, und konnte an einer Stelle nicht schnell genug eingreifen, bevor aus einem breiten Stoffstreifen mittig eine kleine Applikation ausgeschnitten wurde, aber bei Licht betrachtet habe ich eh zu viel Stoff. Außerdem hat Michel kein Fieber und niemand hat Covid, das ist ja auch sehr gut.

Jetzt schnell schlafen und morgen früh los und vorher noch mal das Schweinchen füttern.