Tag 3435 und 3436 – Weihnachtsvorbereitungen.

Hier passieren so Dinge, die gewöhnlich kurz vor Weihnachten passieren. Last Minute Geschenke werden gekauft, gestern haben wir einen Weihnachtsbaum geholt, Essen wird geplant und vorbereitet. Ich habe gestern beim Bauern Kartoffeln gekauft, war aber schlau genug, erst mal eine davon als Test zu kochen und nope, diese Sorte wird sich nicht zu normalen Salzkartoffeln machen lassen. Aber die wird bestimmt zu guten Klößen. Für „Janssons Frestelse“ (eine traditionelle schwedische Kartoffelbeilage) brauchen wir allerdings andere Kartoffeln, die nicht zerfallen, bevor sie überhaupt gar sind. Note to self: „Hoff“-Kartoffeln sind nicht aus Witz DIE Pommes-Kartoffeln, die sind halt zu nix anderem zu gebrauchen. Schmecken auch enttäuschend wenig. Ich bin von diesen Kartoffeln echt unterwältigt.

Abends haben wir gestern mit Pippi Harry Potter gesehen, wir sind jetzt beim 6. Teil. Es ist ziemlich gruselig und sie hängt einem quasi dauernd auf dem Arm, aber möchte unbedingt weiter gucken. Gestern war sie dann aber genau passend zu der Stelle, wo Harry und Dumbledore aufbrechen, um dieses Medaillon von der Insel mit den Inferi zu holen, zu müde, und dann haben wir die wirklich schlimme letzte halbe Stunde des Films heute nachgeholt.

Pippi findet Knutschen in Filmen immer noch sehr eklig. Knutschen in echt auch, das wird bei Herrn Rabe und mir immer mit sehr angewiderten Geräuschen kommentiert.

Herr Rabe und ich haben endlich an unserem Exit-Adventskalender weitergerätselt. Wir hinken da ein paar Tage hinterher, aber es ist wieder sehr lustig.

Unsere anderen Adventskalender sind Tee-Adventskalender von dm, da waren bisher nur wenige (vielleicht so 3?) Tees dabei, die ich wirklich gar nicht mochte, aber einer davon war heute. Ich mag wirklich echt keinen grünen Tee. Wirklich gar nicht. Ich hab’s probiert, aber nee. Nicht für mich. Ein anderer, den ich gar nicht mochte, war einer, der schmeckte, als würde man sich Meerschweinchenheu als Tee aufgießen. Also, das ist bestimmt für andere ein Hochgenuss, aber ich bleibe bei Früchte- und Kräutertees und mache weiter um Gräser und Grünen (und schwarzen und weißen und so weiter) Tee einen weiten Bogen.

Heute Abend habe ich mir ein halbes Glas Rotwein, den Rest aus einer Flasche, an der ich schon ewig rumtrinke, eingeschenkt. Pippi fragte daraufhin, ob das „koffeinfreies Bier“ sei. Ich finde, das ist eine Markt- oder zumindest eine Marketing-Lücke.

Tag 3433 – Schreibtisch leer.

Letzter Arbeitstag im Büro für dieses Jahr. Mit herrlicher Routine, nämlich nachmittags Sport. Das Zirkeltraining macht echt Spaß, auch wenn ich immer kurz vor tot da rauskrieche. Und ein paar der anwesenden Herren müssen ein klitzekleines bisschen mehr Rücksicht beim Bestücken diverser Hanteln nehmen, sonst kriege zumindest ich die nur 4-5 mal überhaupt hoch, aber niemals 45 Sekunden.

Der Rest des Arbeitstages ging dafür drauf, dass alle anderen ihre Schreibtische leer kriegen wollen. Plötzlich fällt den Leuten ein, dass ihre Zertifikate auslaufen, dass sie ja eigentlich auch mal wieder ne Inspektion bräuchten, dass sie ja nie ne Rückmeldung auf xyz bekommen haben und dass da ja vor Wochen diese Sache passiert ist, die wir wohl wissen sollten. Und weil ich die letzte GMP-Inspektorin bin, die noch arbeitet, landet das alles bei mir. Ich hatte heute alleine 8 oder 9 solche Mails. Liebe Lesende: machen Sie das nicht. Schreiben Sie ne Mail und stellen Sie ein, dass die erst am 6. Januar zugestellt wird. Dann ist Ihr Schreibtisch leer, aber nicht auf Kosten von meinem.

Achtung, Wechselwarmenbilder nach dem nächsten Absatz.

Ich habe versucht, Monty zu fotografieren, denn Monty (wirklich höchstwahrscheinlich ein Weibchen, da sehr gut gewachsen und jetzt schon länger, als manche Männchen werden) lag sehr dekorativ auf ihrem Lieblingsstein herum. Monty ist aber auch neugierig und findet das Handy spannend und so kam folgendes:

Hier ein Bild, wie ich es haben wollte:

Beide fressen inzwischen problemlos, häuten sich problemlos und liegen gerne mal ihre Pflanzen platt. Dabei wiegt Greg jetzt ca. 600 g, Monty gut 150 g mehr. Für Monty muss ich beizeiten die nächste Größe Ratten bestellen. Monty guckt mir oft beim Sport zu, das ist so ihre Zeit. Was die Terrarien angeht, sind keine weiteren Ausbrüche passiert, aber ein paar Erfahrungen sind schon mal da: Bodenheizung ist wesentlich besser zu handhaben als Keramikstrahler, weil die Keramikstrahler die Luft sehr austrocknen. Und Efeutute ist das beste Terrariengewächs, das wächst da wie hulle und kann auch ab, wenn sich ab und an ne Schlange auf es legt. Echte Pflanzen waren eine gute Idee, damit ist es viel einfacher, die Luft feucht genug zu halten. Und unsere Schlangen lieben ihre Höhlen, aber mögen keine Feuchtboxen, da gehen sie nicht rein. Das ist also für unsere Schlangen Perlen vor die… naja Schlangen.

Tag 3431 und 3432 – Mittwoch.

Gestern hatte ich meine Geige bei der Arbeit dabei. Ich schiebe ja eine ruhige Kugel und hatte mir deshalb mitten in den Tag eine Geigenstunde gelegt. Ne Woche vor Weihnachten kann man das ja mal machen. Womit ich nicht gerechnet hatte, was, dass ich komplett verwirrt sein würde, und das für mindestens zwei Tage, weil ich sonst ja seit ein paar Monaten immer Mittwochs meine Geige dabei hatte. Zwischen Burlesque-Kurs und Arbeit habe ich nämlich im Übungshotel geübt, schon allein, damit ich nicht bis 19 Uhr bei der Arbeit rumhänge. Aber wegen dieser Gewohnheit dachte ich gestern den ganzen Tag über, es sei Mittwoch. Und da gestern ja Mittwoch war, musste heute Donnerstag sein. Mal sehen, wann ich wieder in normaler Zeitrechnung ankomme. Die Geigenstunde war jedenfalls sehr interessant, wie immer war das Feedback total unerwartet, in alle Richtungen. Eine Sache, die mich ärgert, nämlich, dass ich beim Martelé immer die anderen Seiten treffe, fand der Lehrer überhaupt nicht schlimm. Er meinte, das sei nur ein Zeichen, dass ich jetzt so viel Gewicht im Bogen habe und so tief in der Saite spiele, dass es halt nen Tacken zu viel ist, aber was wieder rauszunehmen was jetzt zu viel ist, ist kein großes Ding. Dafür dachte ich, ich hätte einen lyrischen Teil total schmalzig gespielt und er so „du klingst wie ein Roboter, alle Töne gleich“. Ja okeeehhh. Aber er ist ja ein guter Lehrer, und deshalb hat er mir ganz viele Tipps gegeben und gezeigt, wie ich beides behebe, also das Martelé-Problem und das Roboter-Problem. Letzteres ist wie ein Showgirl sein: man muss es überziehen, damit es wirkt. Also noch viel viel mehr Schmalz. (Kreisler ist aber schon auch nicht einfach. Muss man auch dazu sagen.)

Aber der Lehrer ist nicht nur gut, sondern auch unglaublich nett und hat mir Freikarten für den Grieg-Chor aus Bergen geschenkt. Das habe ich mir dann heute angehört, mit dem Lieblingskollegen, weil Herr Rabe mit Pippi beim Klettern war. Das Program war ausschließlich Musik der letzten 100 Jahre.

Der Grieg-Chor ist ein professioneller Solisten-Chor aus Bergen, das künstlerische und technische Niveau ist extrem hoch. Schon allein, um mal einen wirklich, WIRKLICH tollen Chor zu hören, hat es sich absolut gelohnt. Das Programm war… halt modern. Aber nicht moderne Popsongs, sondern so Weber und Schönberg-modern. Ein Stück war geschrieben für 16 Solostimmen, in Mikrotönen. Komplett dissonant zur Person daneben, zum Teil wirklich schrill schmerzhaft in den Ohren (bestimmt gewollt so), zum Teil kaum menschlich klingend. Das muss man schon auch mögen, ich bin dafür bestimmt einfach zu banausig, auf Spotify würde ich das jedenfalls jetzt nicht unbedingt suchen. Ein Stück war wunderschön, von Schmitzke (?). Ich mag Weber lieber als Schönberg. Und verstehe das Gedicht von Hölderlin, auf dem das Lied mit den Mikrotönen basiert, nahezu genauso wenig, wie das Lied. Britten sollte man mehr hören (auch wenn das nur die Zugabe war, ein Lied aus einer Adventsmesse (?) ). Es war wirklich ein spannendes und auf eine ungewöhnliche Art auch schönes Konzert. Gute Chöre sind schon was sehr berührendes und schönes. Und wenn schon Mikrotöne, dann von Profis gesungene. Ich überdenke meine Einstellung zu moderner „Klassik“ eventuell, aber ein paar Vorurteile wurden halt auch bestätigt (looking at you, Schönberg).

Und morgen ist Donnerstag. Nicht Freitag.

Tag 3430 – Schubidu.

Zu allererst mal Danke für alle Ihre lieben Worte! Ich freue mich da wirklich sehr drüber! Weiß gar nicht, was ich sagen soll, ohne dass es cheesy wird. Sie sind alle sehr lieb!

Von der Arbeit gibt es heute nicht so richtig was zu erzählen. Viele sind schon im Urlaub. Ich schiebe eine ruhige Kugel und reiße mir zur Abwechslung mal nicht ein Bein aus, um irgendwas „fertig“ zu kriegen, als gäbe es kein nächstes Jahr. Was es gibt, ist ein sehr gut gefülltes Überstundenkonto, und das wird dann jetzt mal ein klitzekleines bisschen reduziert, so 30-45 Minuten an 2-3 Tagen der Woche. Wow, nicht wahr.

Heute habe ich zum Beispiel die Zeit genutzt, um früh nach Hause zu fahren weil ich schon um 17 Uhr Ballett hatte. Das war eine Sonderstunde, eigentlich ist das Semester vorbei, aber wir Erwachsenen wollten gerne ne Extra-Stunde machen und durften die Räumlichkeiten netterweise nutzen. Unsere Vertretungslehrerin hat uns ganz schön gequält und ich sehe schlimmen Wadenmuskelkater in meiner näheren Zukunft. Aber schön war’s. Danach haben wir alle noch einen Kaffee zusammen getrunken, das war auch sehr schön. Ich mag die Ballettladies sehr gern. Hach.

Abends Geige geübt, das war auch sehr schön. Und jetzt Bett, das ist noch viel schöner.

So langsam freue ich mich auch auf Weihnachten. Im selben Takt wie sich meine Schultern senken, steigt bei mir die Weihnachtsstimmung.

(Mich dünkt, man sagt auf deutsch gar nicht „im selben Takt“, kann das sein? Schade eigentlich, denn es ist ein schöner Ausdruck. Hiermit ist er im Zweifel eingeführt. So.)

Tag 3428 und 3429 – Ein kurzer Abriss von 4 Monaten Burlesque.

Erstens: man (ich) braucht so zwei Tage, um von sei einer Show wieder runter zu kommen. Deshalb passierte gestern auch quasi nichts. Migräne passierte. Das ist eigentlich nicht überraschend.

Nun ja, ich beginne das mal chronologisch. Nachdem Herr Rabe und ich Anfang Juli spontan wegen Kinderfrei bei einem Burlesque-Bingo waren, war ich von der Selbstsicherheit, der Bühnenpräsenz, dem offensichtlichen Spaß daran und der Körperpositivität so hingerissen, dass ich ein bisschen herumgoogelte und herausfand, dass die eine Künstlerin bei einer Burlesque-Schule arbeitet, die Kurse anbietet. Sie selbst Montags (da kann ich nicht, da ist dieses Jahr ja Ballett), ihre Kollegin/Chefin/Gründerin der Schule mittwochs. Da dachte ich ein wenig drauf rum und meldete mich dann da an, für den Anfängerkurs direkt nach dem Sommer, sechs Wochen. Und dann graute mir etwa sechs Wochen davor. Was, wenn ich stocksteif war? Was, wenn die doof waren? Was, wenn ich meinen Hintern im Spiegel zum weglaufen finden würde? Ich hatte ja auch gar nichts zum Anziehen!

Als ich dann aber mit Pippi neue Ballettsachen kaufen war (weil Pippi wächst wie Unkraut), besorgte ich einige grundlegende Dinge: High Heels zum Tanzen, eine Netzstrumpfhose und einen schwarzen Ballettbody aus dem Sale, mit Mesh obenrum, so mittelsexy, aber definitiv besser als ein Bügel- und Polsterloses Bustier, wie ich sonst täglich trage. Ebenfalls wesentlich angezogener. Die Netzstrumpfhose war der beste Kauf EVER. Leute, eine Netzstrumpfhose in Profi-Qualität hat ihren Preis, aber sie ist magisch. Die sind recht eng und haben fast nen Spanx-Effekt. Sie sind absurd haltbar, wie oft ich in der schon hängen geblieben bin (vor allem mit der Schnalle von meinen Schuhen) und es ist einfach überhaupt nichts passiert. Die Netzstrumpfhose hat auch mein Armband auf dem Gewissen, die war einfach stärker. Durch das Netz sieht man so Dinge wie Cellulite, blaue Flecken, beim Rasieren geschnitten etc. einfach GAR NICHT MEHR. Es ist Zauberei und ich wünschte, die hätten mehr Einsatzbereiche, ehrlich. Die Wahl der Schuhe (wir erinnern uns, ich trage nur noch super flache, extra breite Schuhe und am liebsten Barfußschuhe) fiel auf Musical-Schuhe mit einem (ich glaube) 6,5 cm Absatz. Schlicht, schwarz, Leder, sehr flexibel, aber trotzdem stabil, nicht rundum geschlossen (wie Standard-Schuhe sind), keine sichtbaren Zehen (wie Lateinschuhe sind), weil ich meine Zehen nicht mag. Mir war wichtig, dass ich meine Zehen komplett strecken kann, aus unerfindlichen Gründen.

Die erste Stunde war dann sehr positiv, alle meine Befürchtungen wurden weggewischt, aber tänzerisch war ich vom Anfängerkurs doch etwas unterfordert. Wir liefen viel in verschiedenen „Stilen“ quer durch den Raum. Wir lernten Hüftewackeln, Shimmy (Schultern schütteln), Grinds, ein bisschen sexy Bodenarbeit. Plötzlich sollten wir lange Handschuhe besorgen, ich investierte in richtig tolle Opernhandschuhe aus einem Handschuhladen… und seit Freitag Abend sind die weg. Ich hoffe, es bemerkt noch wer, dass sie die falschen mit nach Hause genommen hat.

Wir lernten, wie man sexy und vor allem irre langsam Handschuhe auszieht. Mit den Händen, mit den Zähnen und die Burlesque-Mama demonstrierte es auch mit den Pobacken. Wir lernten auch, wie man halterlose Feinstrümpfe sexy und vor allem irre langsam auszieht. Wir lernten, wie man ein Kleid auf verschiedene Arten ausziehen kann und sollten improvisieren, verschiedene „Stimmungen“ beim Ausziehen darzustellen, zum Beispiel „flirty“, oder „aggressiv“ oder „haha, ich bin zu blöd dieses Kleid auszuziehen, was bin ich für ein niedliches Trottelchen!“. Needless to say, diese Impro-Theater-Übungen fielen mir absurd schwer und ich lernte absurd viel dabei. Ich bin echt keine schlechte Schauspielerin! Ich hab ja auch 39 Jahre Übung.

Beim letzten Termin des Anfängerkurses sollten wir dann richtige Nippeltassels mitbringen und die Troddeln Propellern lassen. Ich bin immer noch keine Bastelmutti, aber ich kaufte Moosgummi und einen Metallic-Edding, mischte mir selber Glitzerkleber, machte Troddeln, bastelte (mit YouTube-Anleitung) diese Pasties und kaufte Hautkleber. Dann probierte ich alle meine sexy BHs von früher durch und es passte mir davon einfach gar nichts mehr. Alles sah aus wie Presswurst, dabei sind meine Brüste jetzt eher kleiner als damals (dachte ich), nur anders geformt nach zwei Kindern. Spontan ging ich dann mal in ein Fachgeschäft, die maßen mich aus und jetzt habe ich wieder Unterwäsche, die passt. Der Cup ist absurd groß, der Umfang absurd klein. Niemals hätte ich diese Größe aus dem Regal genommen und anprobiert, aber es passt wie aufgemalt. Ich kaufte auch noch einen Schlüpper, der bis zur Taille hoch geht und ging sehr mutig und mich sehr nackt fühlend zu der letzten Stunde. Die Männer, die wir in dem ersten Kurs hatten, waren beide nicht aufgetaucht, also begab es sich, dass irgendwann etwa zwanzig Frauen mehr oder weniger verklemmt diese Dinger nach Anleitung auf die Nippel klebten und dann Propellern sollten. Ich habe noch nie so viel Spaß in einer Tanzstunde gehabt. Noch. Nie. So viel ehrliche Freude, wenn man den Troddel ans Drehen bekommt, so viel Lachen, weil es lustig aussieht und sich auch echt lustig anfühlt. Am Ende haben wir einen albernen Dance-Battle gemacht und mit den Brüsten geschlackert was das Zeug hielt und es war so wahnsinnig befreiend, dass ich mich danach für Kurs zwei und drei angemeldet habe.

Später lernte ich, dass spitzer besser ist, und dass die Troddeln tiefer hängen sollten, denn beides macht einfacheres Drehen.

Der zweite Kurs war tänzerisch anspruchsvoller und wir lernten ein paar echt coole Choreografien. Eine davon polierten wir bis zur Bühnenreife auf und führten sie dann tatsächlich am Freitag auf, zum ersten Mal überhaupt durfte der Intermediate-Kurs auftreten. Hurr hurr. Wir zogen weiter Dinge aus, ich freundete mich mehr und mehr mit meinem Körper im Spiegel an, die Burlesque-Mama erwähnte, dass die Newcomers-Night für Solos offen sei. Ich meldete mich an. Komplett aus einer Laune heraus, denkend, dass ich damit das Projekt „Comfortzonenverschiebung“ perfekt abschließen würde. Ich sag mal so: DAS WAR AMBITIONIERT. Ich habe noch nie eine Choreografie gemacht. Ich habe noch nie ein Solo getanzt. Schon mal gar nicht habe ich mich vor Leuten ausgezogen! Mir ging der Hintern ganz gut auf Grundeis und als ich endlich die zündende Idee zu einem Musikstück hatte, hatte das Stück in einer anderen Version schon eine andere. Egal, dachte ich, dann muss ich halt besser Strippen. Und dann dachte ich, dass das ein sehr seltsamer Gedanke war, der mich da streifte, ich und Strippen, vor Leuten, auf einer Bühne, besser als jemand, die das schon viele Male gemacht hat. Trotzdem war ich da komplett sicher, dass das gehen würde.

Die Choreo ging ich systematisch an, und ich startete im Grunde mit dem Kostüm. Ich wollte eine sehr androgyne Nummer haben, jedenfalls zu Anfang, klassisch Marlene Dietrich-Style, und es sollte Tanz und elegant sein, weniger der Cabaretartige Stil, den Burlesque auch hat. Nachdem ich bei zwei Shows recherchiert hatte, und vor allem nach der zweiten Show, wo ich die Bühne sah, auf der das stattfinden sollte, fiel dann alles ziemlich natürlich an seinen Platz. Nur konnte ich im Wohnzimmer ja nur sehr eingeschränkt üben, da ist kaum Platz. Und, man glaubt es kaum: das Publikum ist ganz entscheidend dabei. Ohne Publikum üben ist wie lauwarme Gemüsesuppe essen. Die Interaktion gibt ganz viel zurück und macht den Tease erst interessant. Tease ohne Zuschauende ist albern bis peinlich. Selbst ich lernte das sehr schnell.

Nun war es aber ja auch so, dass ich zusätzlich zu der Solonummer noch zwei Gruppennummern hatte und deshalb habe ich die letzten Wochen eigentlich nur gebastelt oder Proben gehabt, auch am Wochenende. Ich besitze jetzt so ein Dings zum Strasssteine kleben. Ich habe Fransen an Unterwäsche genäht. Ich habe Strumpfhalter an Netzstrumpfhosen festgenäht. Ich habe ein Hemd präpariert, um es mir effektvoll vom Körper reißen zu können, ohne, dass ich es kaputt reiße (musste ja auch für x Proben halten). Ich habe eine Boa aus Tüll gebastelt. Ich habe Pasties und Tassels gemacht. Einen Zylinder gekauft und verziert. Gelernt, wie man eine Schleife bindet (also eine Bow Tie, zum selbst binden und ebenfalls effektvoll ausziehen). Keine Bastelmutti? Pech.

Ich weiß jetzt: Kleider-Tape von Cubus ist viel besser als Spirit-Gum Hautkleber, das kriegt man nämlich rückstandsfrei wieder ab. Ich weiß auch, dass man echt schnell Löcher mit dem Straßsteinklebedings in einen Strumpfbandhalter brennt. Und wie man das kaschiert. Ich weiß, dass die Heißklebepistole eine sehr gute Erfindung ist und dass Bastelkleber auf dem Glitzermoosgummi auch einfach gar nicht hält.

Aber am Ende, am Donnerstag Abend, hatte ich alles beisammen.

Freitag aß ich den ganzen Tag über quasi nichts. Ich hätte jederzeit in die nächste Ecke brechen können. So aufgeregt war ich seit meiner Diss nicht mehr vor irgendwas, und ich glaube, selbst die Diss war nicht so schlimm. Bei der Arbeit weiß auch niemand von diesem Hobby, und ich hatte all den Kram in einem dezenten Köfferchen versteckt. Vor der Generalprobe saß ich kalten Schweiß ausdünstend in der Bar und versuchte, einen halbwegs geraden Lidstrich zu ziehen. Lediglich die Anwesenheit diverser anderer aufgeregter Mitmenschen, unter anderem einer sehr netten Drag Queen, bewahrte mich vorm Nervenzusammenbruch. Die Generalprobe lief dann… überraschend gut. Die anderen Anwesenden waren sehr angetan und jubelten schon bei der Probe. Mehrere kamen hinterher zu mir und sagten, das würde sehr gut. Ganz anders auch als die andere Version des selben Stückes, auch wenn wir beide auf einem Stuhl sitzend aufhörten. Mir kam an dieser Stelle auch sehr entgegen, dass die Gruppennummern beide vorher waren, ich hatte also zum Zeitpunkt des Solos schon zwei mal meine Brüste auf dieser Bühne geschüttelt. (Das Solo war ohne Schütteln. Ich kann nur in einer Position vernünftig Propellern, und man muss ja nicht die schwächeren Seiten betonen.)

Es gibt noch keine offiziellen Bilder (aber bald), und die Gruppenbilder kann ich ja hier nicht einfach so zeigen, deshalb müssen Sie mit den Aufnahmen (Screenshots aus einem Video) von Herrn Rabe leben. Der das super fand, also die ganze Show, und auch kein Problem damit hat, was seine Frau da so macht. Weil er der beste Mann ist.

Nein, die Dame, die da filmt, kenne ich nicht. Die hat aber hinterher noch gesagt, wie toll sie das fand.

Achtung, auf dem nächsten Bild nur noch Unterwäsche.

Schluss. Noch weniger an.

Es gab bei der Show nur einen klitzekleinen Zwischenfall, als sich mein (ausgezogener) BH in der Netzstrumpfhose verfing. Das löste ich schnell mit Gewalt. Die Strumpfhose (wir erinnern uns an die unkaputtbaren Profi-Strumpfhosen) überlebte, eine der Strassketten am BH riss, aber die reparierte ich heute, das sieht man nicht mehr. Ich denke, dieses Unterwäsche-Set wird zumindest vorerst ein Kostüm bleiben.

So. Das war’s. Ich kann das nur empfehlen. Machen Sie einen Striptease-Kurs, es ist sehr gut.

Ich habe mich zum Intermediate- und Fortgeschrittenenkurs im Frühling angemeldet. Ob ich direkt wieder ein Solo mache, ist aber zweifelhaft, das war echt viel Arbeit. Aber auch echt viel Spaß. Hmmhmmhmm.

Ach so, einen Bühnennamen habe ich jetzt auch: etwas sperrig Spirita Extatica – The Spirit of Ecstasy. A symbol of dreams – of energy, grace, and beauty. https://www.rolls-roycemotorcars.com/en_GB/inspiring-greatness/values/the-spirit-of-ecstasy.html

Tag 3426 und 3427 – Vorführen.

Ich muss sehr kurz machen, weil ich echt kurz vorm Koma bin. Ich vertiefe das dann morgen alles, in wacher, und vielleicht mit Fotos. Es ist jetzt ja vollbracht, und ich kann wieder andere Dinge tun. So wie bloggen. Und Geige spielen.

Michel hatte gestern Weihnachtsball, eine Tradition an seiner Schule für die Siebtklässler. Das ist ja deren letztes Jahr an dieser Schule und statt Weihnachtsfeier machen sie dann einen Ball. Michel war sehr stylisch im mintgrünen Anzug unterwegs. Mit Krawatte und allem. Viele der Mädchen trugen „richtige“ Ballkleider, was Michel doof fand, weil er dann da dauernd drauf getreten ist. Aber apropos Mädchen: Michel hat eine Rede gehalten, bei der er die Mädchen der Stufe besungen hat. Das hat ihn seit längerem sehr beschäftigt und einen Meltdown hatte er auch deshalb schon, aber dann haben wir uns Dienstag hingesetzt, zusammen die Rede geschrieben und er hat die geübt und auf Kärtchen dabei gehabt und es dann auch durchgezogen und viel Lob bekommen. Gestern auf dem Weg zum Ball fragte er mich noch „Mama, du tanzt doch auf Bühnen, hast du irgendwelche Tipps?“ und ich sagte nicht, dass ich komplett abdrehe, bevor ich auf eine Bühne gehe, und ein nervöses Wrack mit einem Puls von 180 bin. Sondern ich sagte „Man muss immer dran denken: man stirbt nicht. Man denkt das, aber es ist nicht so.“ (Ja, hmm, ob das jetzt so pädagogisch sinnvoll war, aber er ist 12.)

Schlaue Gedanken, die mich nicht davon abhielten, ein nervöses Wrack mit einem Puls von 180 zu sein. Heute. Zwei mal. Wobei das eine mal sogar recht gechillt war, jedenfalls wenn das zweite mal der Maßstab ist.

Heute Morgen hatte ich so eine Art Show-Inspektion. Dabei haben eine Kollegin und ich eine interne Datenbank inspiziert. Während all unsere Kolleginnen und Kollegen zuguckten. Hurra. Aber trotzdem nichts gegen…

… Trommelwirbel…

… ein Solo bei einer Burlesque-Show. Komplett mit ausziehen und allem. Mit selbst gemachter Choreographie. In selbst gemachtem Kostüm. Nach einem viertel Jahr Kurs.

(Und zwei Gruppennummern.)

So, da wissen Sie das jetzt auch.

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Tag 3424 und 3425 – Weihnachts-Stress und so weiter.

Den Lieblingskollegen habe ich dieses Mal nicht sonderlich lange muffeln lassen. Ich weiß doch auch nicht. Am besten geht es, wenn man ihm irgendwann quasi anbietet, sein Arschverhalten unter den Teppich zu kehren und zu Business as usual zurückzukehren und einfach nie mehr drüber zu sprechen. Dann ist der Konflikt schnell weg. Aber das widerstrebt mir eigentlich, ich will offene Feldschlacht Konflikte bitte austragen. (Ja, der ist fast 20 Jahre älter als ich.)

Die Kinder hatten gestern Weihnachtskonzert mit dem Korps. Das haben sie super gemacht. Pippi hat das große Schlagzeugset ganz alleine bedient (und bei anderen Stücken hauptsächlich verschiedene Arten von Plüngelüng gemacht) und war da sehr souverän. Michel hat auch sehr gut gespielt und Spaß gehabt. Insgesamt bin ich allerdings schon auch froh, dass die Kinder nicht mehr ganz so blutige Anfänger sind, nachdem ich wieder mal die blutigen Anfänger hören durfte. Die punkten halt hauptsächlich durch süß sein, nicht durch musikalischen Hochgenuss.

Heute war der Morgen sehr holperig. Zu Hause habe ich zeitlich nicht geschafft, Kaffe zu trinken. Am Bahnhof war „der langsame Kaffeemann“ im Dienst. Die haben da in dem Café ein paar Baristas, die noch nicht so ganz verstanden haben, dass ein To-Go-basiertes Verkaufskonzept nicht so mega gut mit achtsamem Slow-Food-entspanntem Eingießen und noch ein bisschen Latte-Art übereinander passt. Als er sich neben die Brühkaffeemaschine stellte, um die letzte Minute bis der Kaffee durchgelaufen ist, einfach abzuwarten, während die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt des Zuges kritisch schrumpfte, ging ich ohne Kaffee einfach wieder. Schnaubend und alles hassend allerdings, ich hatte ja noch keinen Kaffee getrunken. Ich brauche dann aber AUF JEDEN FALL noch einen aus dem Café unten im Haus wo das Büro ist, dachte ich so, als ich in die T-Bane einstieg. Und dann war ich plötzlich am Carl Berners Platz. Denn ich kann von 5 Linien alle bis auf eine nehmen, um zur Arbeit zu kommen. So ein mal im Jahr steige ich in die 5. Linie ein und merke es am Carl Berners Platz. Aber nur ein Mal in 6 Jahren habe ich obendrein dann noch keinen Kaffee getrunken. Ich war kurz vorm Mord und etwas zu spät für eine Abschiedsfeier bei der Arbeit. Aus Verzweiflung sprang ich über alle möglichen Schatten und bat die Lieblingskollegin, mir einen Kaffee bei dem Café unten im Haus zu holen. Dass ich bei der Abschiedsfeier niemandem den Kopf abgebissen habe, verdanken wir heute also dem heldinnenhaften Einsatz der Lieblingskollegin.

Aber auch: was für einen Unterschied so ein Kaffee für meine Laute macht. Es ist ein Wundermittel!

Tag 3423 – Auf und ab.

Der Tag war so mittel gut. Im Durchschnitt ok. Arbeit war eher meh. Der Lieblingskollege hatte schlechte Laune und ließ die gnadenlos an mir aus. Das hat er manchmal, das geht vorbei, aber es ist trotzdem Kacke. Das Verhalten ist auch kindisch und eines Lieblingskollegen unwürdig. Aber was soll man machen, ich könnte mir das jetzt ganz doll zu Herzen nehmen, aber damit wäre ja auch keinem geholfen. Also warte ich ein bisschen, bis er sich beruhigt hat, und dann sage ich ihm, dass ich nicht mag, so behandelt zu werden.

Außer mit dem Lieblingskollegen beschäftigten mich bei der Arbeit meine chaotische Chefin, kranke Kolleginnen, ätzende Meetings und „ich muss um 15 Uhr schon wieder gehen, Pippi hat Tanz-Weihnachts-Abschluss“.

Tanzen war nämlich heute, am letzten Tag vor den Weihnachtsferien, mit Publikum, also vorwiegend Eltern. Da saß ich auf meinem Höckerchen und guckte der kleinen Maus zu, die inzwischen die größte in der Ballettklasse ist. Und die auch schon einiges ganz gut drauf hat. Sie hat das wirklich super gemacht, nicht nur für ihr Alter. Ich bin ganz stolz, so eine große Tochter zu haben, der man den Spaß am Tanzen ansieht, die das aber auch alles sehr gewissenhaft macht. Und, Achtung Ballettmutti, sie ist die einzige, die beim Drehen den Trick mit dem Kopf schon raus hat. Ich glaub den hab ich mal mit ihr in der Küche geübt. (Für nicht-Tanzende: bei schnellen oder vielen aufeinanderfolgenden Drehungen ist es wichtig, den Kopf zuletzt und am schnellsten zu bewegen. Also man dreht den Körper unter dem Kopf, guckt aber weiter geradeaus. Wenn es nicht mehr weiter geht, dreht man ganz schnell den Kopf und guckt wieder geradeaus, der Körper kommt dann nach.) Ich bin jedenfalls sehr stolz und Pippi auch.

Blogfreundliches Bild von Pippi.

Danach war Herr Rabe sogar mit bei meiner Vorführstunde – als einziger Gast bei unserer Muttitruppe. Herr Rabe ist jetzt ganz beeindruckt, so leicht sehe das aus, und dass wir uns diese ganzen französischen Wörter nicht nur merken, sondern dann auch tanzen können. Leider hat er verpasst, wie ich in der PERFEKTEN Attitude stand, auf super hohem Releve und ohne Stange anfassen. Da musste Herr Rabe nämlich grad in sein Handy gucken. Pfft.

Ich war nach dem Ballett jedenfalls wesentlich besser gelaunt. Wie immer war es das Wert, dann doch da hin zu gehen, trotz müde und schlechter Laune.

Vielleicht sollte ich dem Lieblingskollegen mal Ballett empfehlen.

Tag 3421 – Schreck.

Ich bin leicht aus der Bahn zu werfen. Nach einem guten Tag (Hobbykurs-lastig, die Auflösung naht, es ist bald vorbei, keine Sorge) fiel mir eben in der Badewanne auf, dass meine Kette weg war. Meine Halskette, die ich von meiner Omi bekommen habe, vor sehr vielen Jahren. Die ich dann ganz lange nur sporadisch benutzte, dann verschwand sie und dann fand ich sie zufällig zusammen mit ganz vielen anderen Schmuckstücken von mir in einem Kinderzimmer. Das Kind hatte da einen kleinen Schatz gehortet und das war dem Kind dann auch gehörig peinlich und es ist lange her und gegessen. Aber seitdem trage ich die Kette immer, denn wenn sie um meinen Hals hängt, kann kein Kind sie mopsen.

Und dann war sie eben weg. Und ich… angehalten. In solchen Situationen bekomme ich instantanen Tunnelblick und muss dann die Kette finden, sofort. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass sofort 284 Katastrophenszenarien in meinem Kopf losrattern. „Verloren im Bus in Oslo“ zum Beispiel, oder „Verloren auf dem Parkplatz“. Wer will schon die Nacht über wach liegen und darüber nachdenken, wie man bestimmt selbst mir dem Auto über die Kette gefahren ist, so richtig schön in den Kies und den Schneematsch reibend.

Und dann fand ich sie. Im Schlafzimmer auf dem Boden. Der Verschluss muss aufgegangen sein, vielleicht als ich mich für die Badewanne ausgezogen habe. Huff! Hach! Uiuiui!

Das hätte es am Sonntag Abend nicht gebraucht. Vielleicht sollte ich mal bald so ne Hochsicherheitskette besorgen, damit das nicht noch mal passiert.