Tag 3127 – Nachwirkungen.

Gestern war so anstrengend, dass ich heute wirklich große Probleme hatte, überhaupt irgendwas sinnvolles zu tun. Ich glaube, das hatte mehrere Gründe, die aber alle miteinander zusammenhingen. Bei der Arbeit hatte ich ein anstrengendes Meeting. Das hatte ich selbst so organisiert, was nicht schlau von mir war, aber im Nachhinein auch nicht zu ändern. Montag Abend hatte ich bereits festgestellt, dass wir in dem Meeting vielleicht eine ungeahnt beschissene Nachricht überbringen müssen. Ich fand das nicht fair und fachlich falsch und überhaupt. Das stresste mich. Gestern Morgen musste ich dann mich und die Kinder pünktlich fertig bekommen, was grad so geklappt hat, aber unter Stress. Ich holte mir am Bahnhof einen Kaffee und setzte mich in den Zug, 7 Minuten vor Abfahrt, ein Hoch aufs Wohnen an der Endhaltestelle. Meine Kollegin hatte mir einen Chat geschrieben, den ich öffnete – wir müssten über das Meeting reden. Sie könne noch eine Stunde. Im Zug arbeiten am Computer geht, aber telefonieren geht eher so mittel. In solchen Momenten macht mein Kopf blitzartig drei bis sieben Paralleluniversen auf und spielt alle Möglichkeiten durch. Das ist sehr praktisch. Der Kopf vergisst dabei aber, dass bestimmte Optionen viel Energie von mir fressen, vor allem wenn sie eine spontane Planänderung beinhalten. Aber egal, es war am wenigsten scheiße, wieder aus dem Zug zu springen und mich in das Café am Bahnhof zu setzen. Da telefonierte ich dann mit der Kollegin und danach noch mit einer Juristin. Hurra. Dann fuhr ich eine Stunde später doch mit dem Zug ins Büro und schrieb im Zug in einem rasenden Tempo das Problem und eine fachliche und juristische Bewertung dessen runter. 2 Seiten in 30 Minuten. Kann ich, aber auch nicht mühelos. Also noch mehr das Energiekonto belastet. Das Meeting war dann eben auch an sich schon anstrengend und überzog auch noch. Damit fiel das Kartenhaus zusammen, das mein Plan für den Nachmittag gewesen war, Pippi pünktlich zur Schlagzeugstunde zu bekommen, löste sich in Rauch (oder eher Paragrafen) auf. Ich kann echt nicht gut mit Planänderungen. Mein Energiekonto begab sich ins Minus. Pippi war ganz happy und malte ihr ganzes Gesicht mit Tattoostiften an. Ich kam gestresst und fahrig um halb vier nach Hause, arbeitete noch ein bisschen weiter, machte Essen für Pippi und fuhr sie zum Korps. Zog mich um fürs Ballett. Machte Essen für Michel und fuhr den auch zum Korps, holte Pippi ab und setzte sie zu Hause ab. Fuhr weiter zum Ballett. Routinen sind wichtig. Routinen sind Schall und Rauch: ich ging 15 Minuten vor Ende der Stunde, um Michel pünktlich vom Korps wieder abholen zu können. Mir war bis gestern auch noch nie aufgefallen, wie grell das Licht da ist.

Dann brachte ich beide Kinder ins Bett, bereitete den heutigen Tag vor, und bekam viel zu spät die Augen zu, weil ich weiterhin diffus unter Strom stand.

Heute dann eben die Nachwirkungen. Furchtbar müde (trotz knapp sieben Stunden Schlaf), Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme und keine nutzbaren Exekutivfunktionen. Einfach wäh, wie Kater. Und das alles wegen zwei Tagesablauf durcheinander bringenden Planänderungen, einer schwierigen sozialen Situation und einer Änderung von Routine, am selben Tag.

Das ist alles irgendwie meh. Ich bin froh, dass Herr Rabe schon fast wieder da ist. Keine Ahnung, wie er das immer alles schafft, wenn ich nicht da bin.

Tag 3125 – Woozaaa.

Ich habe heute im Homeoffice eine Reihe Meetings nur dadurch überlebt, dass ich nebenher Wäsche zusammengelegt und verräumt, den Fernseher geputzt (da hatte jemand mit dem Finger fettige Herzchen und Smileys draufgemalt, jetzt in der immer noch tief stehenden aber immerhin ins Wohnzimmer scheinenden Wintersonne sieht man das sehr gut) und meine Schminkpinsel gewaschen habe. Die im Direktorat saufen alle Lack und versuchen auch noch, den allen anderen als Champagner zu verkaufen.

Ansonsten viel Kinder rum fahren und Alltag organisieren. Morgen noch mehr davon, aber übermorgen hat wenigstens niemand „Draußentag“ oder Sport oder „Ernährung und Gesundheit“ oder sonst irgendwas, das besonderer Maßnahmen bedarf.

Den Rabenmutter des Jahres-Award habe ich jedenfalls schon alleine dadurch verdient, dass ich vergessen hatte, die Schulgeräte der Kinder aufzuladen. Das fiel mir um 07:45 ein. Beide Kinder hatten dann leere Geräte und Ladegeräte dabei. Nächste Woche steht dann wieder auf dem Erinnerungszettel, dass diese Dinger geladen in die Schule gebracht werden sollen (mindestens 80%!) weil man in der Schule leider, leider gar nicht laden kann. (Ich verstehe schon, dass nicht 20 Kinder dort zeitgleich laden können. Aber warum gibt man jedem Kind ein Gerät, wenn die Infrastruktur in der Schule das eigentlich gar nicht hergibt und man darauf angewiesen ist, dass Kinder und Eltern auch daran noch denken? Wenn’s nach mir ginge müssten die Geräte auch in der Schule bleiben können, wenn sie nicht zwingend für Hausaufgaben benötigt werden, was pro Kind so ca. 1 mal im Monat der Fall ist. Aber nein. Wir kriegen ein Dings mit nach Hause, auf dem keinerlei parental control eingerichtet ist und sollen das dann ausgleichen, indem wir dem Kind *Medienkompetenz* vermitteln. Und warum? Weil die Schule keine ausreichende physische Sicherheit hat, um solche Werte da rumliegen zu haben. Kein Scheiß.)

Tag 3123 und 3124 – Wochenende KW5.

Nicht viel los gewesen, an diesem Wochenende. Das speziellste das passiert ist, ist dass Herr Rabe heute super früh aufgebrochen ist, um in Stockholm eine Konferenz zu besuchen. Dass er aufgebrochen ist, habe ich nicht mitbekommen, mit dem Resultat, dass mein Unterbewusstsein mir Zug-Verpassen-Albträume vom Feinsten bescherte. Obwohl ich ja hier geblieben bin. Mittwoch Nacht kommt er wieder, bis dahin muss ich das hier mit den Kindern allein schaukeln. Wird schon irgendwie werden.

Ich habe das Wochenende ansonsten genutzt, um mich zu erholen, zu diesem Zweck habe ich über drei Stunden Geige gespielt und jetzt tut mein Mittelfinger links an der Fingerspitze weh, vielleicht presse ich ein bisschen zu doll. Heute habe ich außerdem sehr mutig den Ablauf des Waschbeckens im Bad auseinandergenommen, denn da lief das Wasser nur noch tröpfelnd ab und das nervte mich. Nach Entfernung von Haar-Schleim-Ekel-Schlonz läuft es jetzt wieder und ich bin sehr zufrieden mit meiner Klempnerinnenleistung. Es ist auch alles wieder dicht, sieht aus wie vorher (habe Fotos gemacht, sicher ist sicher) und es ist auch nichts übrig geblieben, alle Dichtungsringe sind wieder verbaut. Mir war vorher so halb klar gewesen, dass es vermutlich nicht schwer ist, das auseinanderzubauen, aber dass man nur einen Schlitz-Schraubendreher braucht und sonst alles mit den Händen losdrehen kann, weil es literally komplett aus Plastik ist, hat mich dann doch überrascht. Anmerkung für nächstes mal: man braucht auch die Türen vom Schrank nicht ausbauen. Wenn man auf einer Seite die Regalbrett-Haltenippel rausnimmt, kann man das Brett kippen und rausziehen, dann hat man auch genug Platz zum Arbeiten. Das bewahrt eine zwar nicht davor, den ganzen Schrank auszuräumen (was aber gar nicht so übel ist, weil man dann auch mal wieder überflüssigen/abgelaufenen Kram wegwerfen kann), aber wenigstens muss eine (in diesem Fall tatsächlich einE) sich nicht beim Versuch, die Türen wieder einzubauen, zum Horst machen. Ich kann ja vieles, aber Schranktüren sind mein Endgegner, mit und ohne diese Schnell-Klips-Scharniere. Da fehlen mir sowohl ein paar räumliche Vorstellungs-Synapsen für, als auch ein dritter und möglicherweise auch ein vierter Arm.

Tag 3120 und 3121 – Lebe noch!

Piep und so.

Ich bin immer noch auf Inspektion, das Wetter und die Straßenverhältnisse sind grauenvoll, ich werde wohl knapp eine fette Erkältung überleben (die nicht COVID ist, und mit der ich auch nicht alleine bin, und was soll man machen, wenn man mitten drin in einer Inspektion und am Arsch der Welt ist, von dem man auch nicht weg kommt, und ja, ich schäme mich doll, aber ich war krank arbeiten) aber immerhin fliegen hier und auch zu Hause nicht die Dächer weg und die Krankenversorgung ist auch sicher gestellt. Das ist im Norden von Norwegen grad anders.

Tag 3119 – Blümchen und Plüsch.

Mein Hotelzimmer diese Woche ist der Knaller. Nicht nur sind die Kollegin und ich die einzigen Gäste im ganzen Hotel (das ist hier aber auch ansonsten ein im Winter sehr sehr toter Ort) und müssen aus Ermangelung an Alternativen zwei mal diese Woche ein 3-Gänge-Menü im Hotel essen, sondern wir haben auch die besten Zimmer bekommen. Das hier ist meins:

Und hier gab es das heutige 3-Gänge-Menü:

Es war im Übrigen überaus lecker, vor allem, zu meiner großen Überraschung, das Brunosteis zum Nachtisch. Zu meiner Überraschung, weil ich eigentlich keinen Brunost mag.

So, jetzt werde ich in meinem Blümchenbett wie eine Prinzessin meinen Schönheitsschlaf halten. Ich bin jetzt zwei Tage hintereinander um halb sechs aufgestanden und wäre gestern darüber hinaus fast nasal verblutet, ich bin platt wie eine Flunder.

Tag 3118 – Spitzenideen für Schulleitungen.

Warum nicht mal alle Elternabende gleichzeitig abhalten? Man könnte zum Beispiel die 1.-4. und 5.-7. Klassen zusammen nehmen, und erst haben die einen gemeinsame Veranstaltung für eine Stunde und dann klassenweise Veranstaltung für eine weitere Stunde. Und die anderen eben andersrum. Dann ist man binnen zwei Stunden mit allen Klassen durch, das ist doch wirklich eine tolle Idee!

Außer halt man hat Familien mit einem anderen Erwachsene:Grundschulkinderverhältnis als 1:1 an der Schule. Zwei Kinder? Beide Eltern haben anzutanzen und für die Kinder ein Babysitter organisiert (wahrscheinlich die berühmte Oma, die immer vorausgesetzt wird). Keine Oma zur Hand? Mehr als zwei Kinder? Alleinerziehend? Ein Erwachsener just an dem Tag nicht verfügbar? Tja, dann musst du dich eben entscheiden, ob du zur Klasse vom Lieblingskind gehst, oder zur Klasse in der es mehr Probleme gibt. Schließlich willst du dich ja einbringen, der Schulalltag deiner Kinder liegt dir am Herzen und so weiter.

Die sollen sich echt nie wieder beschweren, dass sich „so wenige“ Eltern bei den Elternabenden blicken lassen.

Tag 3117 – Von Ziegendung und sonst nicht viel.

Eigentlich war hier heute nichts los. Und weil das so langweilig ist, haben Herr Rabe und ich spontan ein Arrangement besucht, bei dem ein Bekannter von uns (der Grünen-Ø.) in dem kleinen Café am Bahnhof, das er und zwei weitere Bekannte von uns (der Mann der Nähmutter und der Vater von B.) übernommen haben, über seinen Gemüsegarten erzählt hat. Man konnte dabei auch Samen kaufen, aber das kann man da in dem Café eh immer, genau wie Schnittmuster und Schallplatten von der Band vom Vater von B. Das war eine lustige und ungezwungene Veranstaltung, bei dem man bei gutem Kaffe in der Hand einiges über die lokalen Böden und alle Fehler, die Ø. über die Jahre so gemacht hat, erfahren konnte. Wirklich interessant. Ich teile die Einschätzung, dass Kohl (und alles was Kohlartig ist) wegen der Kohlfliegen ein ziemlicher Aufriss ist, der sich eigentlich eher nicht lohnt, und ich teile auch die Erfahrung, dass man enthusiastisch 8 Zucchini-Planzen aussäht, die dann alle keimen, man es nicht übers Herz bringt, die meisten zu entsorgen und dann halt alle Nachbarn, Familie, Kolleg*innen und entfernte Bekannte mit Zucchini versorgen kann, bis es allen zum Hals raushängt. Ich glaube, den Fehler macht jede*r irgendwann mal. Ansonsten haben wir aus dem Vortrag mitgenommen, dass wir am besten jetzt erst mal ein paar Ziegen anschaffen, und ein Café, damit wir mit dem Ziegendung und dem Kaffeprütt unsere Erde pflegen können. Alternativ können wir bei Ø. Ziegendung und im Café Kaffeprütt abholen, Eimerweise, kein Problem, ganz großzügig. Aber zuallererst müssen Herr Rabe und ich überhaupt erst mal entscheiden, was wir überhaupt pflanzen wollen. Wir haben sogar ganz diszipliniert nicht direkt 20 Sorten Samen gekauft, sondern – keine. Unser Garten ist ja auch recht klein und liegt zu einer Seite komplett im Schatten und zur anderen komplett in der Sonne. Im einen Palettenbeet regieren die Erdbeeren und im anderen versuchen wir es jedes Jahr aufs Neue mit diversen Kräutern, von denen die Hälfte wuchert wie Unkraut und die andere Hälfte eingeht. Das geht sicher besser, wir müssen uns nur entscheiden und dann auch dran bleiben.

Tag 3116 – Süß.

Michel hat heute sein Weihnachtsgeschenk von Tante H. und Opa eingelöst und war Tierpfleger für einen Tag drei Stunden im Oslo Reptilpark. Das ist ja generell ein sehr schönes (und beliebtes, ich wär beim Abholen fast rückwärts wieder raus gefallen weil da so viele Leute und so viele kleine Kinder waren) Ausflugsziel, und Michel mag Schlangen ja sehr und wollte da auch ein bis dreitausend Fragen zur Haltung von Schlangen stellen. Das tat er auch und als ich ihn abholte, fing er zu reden an und hörte nur auf, um sich einen Burger reinzuschieben. Ich bekam sehr viele Infos zur Schlangenhaltung second Hand von Michel weiter gegeben, inklusive Links. Michel präsentierte auch seinen Projektplan, nämlich: nach den Winterferien möchte er eine Königspython haben. Dazu braucht er [lange Liste von Gedön] und aber gar nicht so viel Futter. Es soll ein Baby Jungtier sein, denn die sind „süß“ und „dann kann man denen noch beibringen, keine Leute zu töten oder zu beißen“. Ich habe eine andere Definition von süß, aber ok. Also, damit wir uns nicht falsch verstehen: ich finde Schlangen als Haustier durchaus ok, in Michels Alter wollte ich auch unbedingt eine haben, nur „süß“ wäre mir als Bezeichnung jetzt eher nicht eingefallen.

Michel hatte offenbar eine richtig gute Zeit da und hat dann auch verdaut, dass die Hinfahrt ein schlimmes Chaos war, weil wir die Zughaltestelle verpasst haben, ich dann dreimal in die falsche Richtung gelaufen bin auf der Suche nach einer Bushaltestelle und am Ende nervlich völlig am Ende ein Taxi gerufen habe. Note to self: bei Stress lieber wirklich einfach gleich ein Taxi rufen, da Orientierungssinn bei Stress nur noch ein Clown ist und das zu nichts außer Tränen führt. An diesem Ende nicht sparen. Was man nicht im Kopf hat, muss man im Portemonnaie haben. Auf der Rückfahrt sagte Michel jedenfalls einfach: „Jetzt können wir wenigstens nicht die Haltestelle verpassen.“, womit er recht hat, weil wir an der Endhaltestelle wohnen.

Ich fiel nach dem Vormittag in ein Schlangen-Rabbithole und habe jetzt Nachrichten von Schlangenzüchtern, mit Bildern von Baby Jungtierschlangen auf meinem Handy und vielleicht sind die doch ganz süß. Selbst Pippi meinte, dass sie „so eine“ dann doch haben will.