Tag 2661 – Applaus!

Heute habe ich die Inspekteure und Inspekteurinnen im IT-Projekt eingewiesen. Es war ein wilder Ritt und am Ende haben alle geklatscht (außer mir) und geweint (ok nur ich und nur fast). Jetzt liegt das also hinter mir. Ich bin angeblich streng, so als Lehrerin, merke das selbst aber nicht. Andererseits habe ich angeblich auch eine Engelsgeduld. Auch das merke ich nicht. Spannend. Aber ja, ich habe heute ca. eine Schrillion mal das selbe gesagt, immer wieder die gleichen Abläufe erklärt, weil niemand zuhört, wenn man was für alle sagt, und jede*r dann in die selben Löcher tappst. Ich mache sieben Kreuze, dass ich nicht Lehrerin geworden bin, da würde ich über kurz oder lang bekloppt werden. So viel kann man gar nicht klatschen, auch wenn es natürlich echt lieb ist, wenn sie das am Ende tun.

Jetzt bin ich allerdings auch echt gar. Könnte aber auch am Prosecco liegen, mit dem ich den heutigen Meilenstein begossen habe, liegen. (Unter der Woche! Schockschwerenot.)

Tag 2659 – Wie ich mal voll stolz war…

… zum Zahnarzt gehen zu können mit blitzsauberen Zähnen, dank High-Tech-Luxus-Zahnbürste. Löcher hab ich ja nur minimale in zwei Backenzähnen, die sind nicht mal gefüllt, weil das scheinbar out ist, Löcher zu füllen die nicht größer werden und keine Beschwerden machen. Das ist immer langweilig, der Zahnarzt (oder in Deutschland war es noch die Zahnärztin, so lange habe ich diese Minilöcher nämlich schon) piekt dran rum, sagt dann „das ist alles fest, einfach beobachten“, ein minibisschen Zahnstein entfernen, einmal polieren und dann in nem Jahr repeat.

Aber heute früh rief leider die Sprechstundenhilfe an, der Zahnarzt sei leider mit krankem Kind zu Hause. Tjanun. Neuer Versuch in drei Wochen. (Und willkommen in Norwegen. Kann mir nicht vorstellen, dass das in Deutschland so passieren würde, aus gleich mehreren Gründen).

Jedenfalls habe ich jetzt ganz umsonst blitzsaubere Zähne. Aber das macht gar nichts, weil ich das Gefühl total mag. Die Zahnbürste war eine sehr gute Anschaffung. Falls Sie sich fragen, welche: es ist glaube ich die Nummer 3 des aktuellen Stiftung Warentest-Tests. Warum ausgerechnet diese? Tja, die günstigeren, ebenfalls sehr gut getesteten Alternativen sind hier allesamt nicht erhältlich und diese war im Angebot immerhin halbwegs bezahlbar, im Gegensatz zu Nummer 1 und 2, die eben nicht im Angebot waren. Mit der Zahnbürste kommt eine Reihe Schnickschnack, wie eine App, die anzeigt, wo man im Mund putzen soll und diverse Programme an der Zahnbürste selbst. Ich mache gerne abends „gum health +“, mit extra Massagefunktion fürs Zahnfleisch nach dem eigentlichen putzen. Morgens lieber „white +“. Am Wochenende, fürs Luxusgefühl, auch mal „deep clean +“. Echt viele Möglichkeiten und – das kann ich jetzt am Zyklusende verkünden – keinerlei Probleme mehr mit blutendem Zahnfleisch. Nix. Nada.

Beste Anschaffung. Freue mich jetzt drei Wochen lang drauf, den Zahnarzt davon zu erzählen.

Tag 2658 – Finger verbrannt.

Der IT-Projekt-Hass nimmt Ausmaße an, die hatte ich so kurz vorm Ende nicht für möglich gehalten. Andererseits ist es ja nur für mich das Ende, nicht für den Rest vom Werk, die dürfen sich noch weiter damit herumschlagen. Heute sind da allerdings auch wieder Sachen aufgetaucht, die hätte ich in einem staatlichen, norwegischen Etat nicht für möglich gehalten und jetzt weiß ich nicht so ganz, was ich damit machen soll (es ist nichts in irgendeiner Form illegales). Vielleicht schaffe ich es ja noch ne Woche oder zwei, auf meinen Händen zu sitzen? Aber das wäre gegen meine Integrität. Ach, ach.

Whatever. Bald vorbei, bald vorbei. Und sowas mache ich NIE. WIEDER. Niemals mehr. Generell glaube ich, ich gehe jeglicher Projektarbeit lieber aus dem Weg. Was für ein Clusterfuck.

Tag 2657 – Einfach schlafen.

Heute war in Norwegen die sogenannte „TV-Aktion“. Stellen Sie sich einen Spendenmarathon vor, aber alle machen mit, nicht nur 1 Sender. Alle Sender. Alle Radiostationen. News-Seiten. Kinder gehen von Tür zu Tür, um für einen guten Zweck zu sammeln. Dieses Jahr für Ärzte ohne Grenzen und die Medikamente gegen vernachlässigte Krankheiten -Initiative. Durchaus unterstützenswert also. Dass Kinder von Tür zu Tür gehen wird von den Schul(-elternräten) organisiert und da war administrative Not an der Frau, also sagte ich zähneknirschend zum Helfen zu. Das war relativ wenig schlimm (Dosen austeilen, Ausweise kontrollieren, Telefonnummern aufschreiben, sowas halt), allerdings sehr lang und Leute und huff. Nach den letzten 2 Wochen wollte ich eigentlich niemanden sehen, mein Akku ist auch was Menschen angeht echt total leer, ich kann kaum den normalen Kinder-Mecker-Streit-Lautstärkepegel aushalten und habe mir mehrfach die Ohren zuhalten müssen. Unter Leuten mache ich das natürlich nicht und dann entlädt sich der Akku halt noch mehr. Seit ich wieder zu Hause bin, möchte ich mich eigentlich weinend in der Ecke aufrollen oder schlafen oder beides. Und ich übertreibe da nicht. Das ist übrigens auch, was mein PMDS normalerweise ist. Vollständige Antriebslosigkeit für normale Dinge, selbst welche, die mir Spaß machen, gepaart mit großer, plötzlicher und alles umfassender Traurigkeit. Alles garniert mit eskalierenden Selbsthass, weil ich den A… nicht hochkriege und eine furchtbare Mutter/Ehefrau/Arbeitnehmerin etc. bin. Nur noch ein paar Tage.

Morgen Büro. Ich möchte schon beim Gedanken daran in Tränen ausbrechen.

Tag 2655 – Tatadaaaa!

In diese Richtung ist der Jet lag nicht so schlimm. Aber mir fällt generell ja lang wach bleiben wesentlich leichter als früh aufstehen.

Heute Abend haben wir die Kinder mitgenommen in die Philharmonie. Da war nämlich Filmmusikabend und das, dachte ich, gefällt beiden. Außerdem stand das im Programm auch als kindergeeignet und ich hatte die Hoffnung, dass dann nicht so schlimm ist, wenn eins oder beide Kinder eventuell nicht ganz mucksmäuschenstill für zwei Stunden da sitzen.

Und es war großartig! Also die Kinder fanden es gut (Pippi) bis total super (Michel). Pippi fand gut, dass sie auch für zwei Stücke (Frozen 2 und The Greatest Showman) eine Sängerin dabei hatten, die sehr schöne Kleider trug. Außerdem fand Pippi super, dass da fünf (5!!!) Schlagwerkspieler spielten, eigentlich sogar sechs, weil ein Pianist/Celesta-Spieler auch noch dabei war. Ansonsten wollte ich Pippi gerne irgendwann in ihrem Glitzerkleidchen am Stuhl festtackern, weil dieses Kind einfach keine Minute still sitzen kann und darüber hinaus konstant Geräusche produziert. Aus Begeisterung und Mitteilungsdrang zwar, aber trotzdem unpassend. Gesagt hat aber keiner was (außer mir halt).

Das Konzert war wirklich super. Filmmusik ist ja gemacht dafür, Emotionen zu transportieren und mit einem riesigen Orchester geht das natürlich auch leicht. Es war aber auch alles dabei, James Bond, Star Wars, Mission impossible, Superman, Harry Potter (das Celesta muss ja genutzt werden), Herr der Ringe, E.T., Jurassic Park und einiges mehr. Nur Hanz Zimmer nicht, weil der wohl seine eigenen Konzerttourneen macht und die Rechte nicht weitergibt, las ich. Wunderschön gespielt war Schindlers Liste (vom Solisten von vor drei Wochen, der auch ein sich grenzwertig viel bewegender Konzertmeister für den Rest des Abends war). Gänsehaut am ganzen Körper bei mehreren Stücken. Genereller Eindruck: Schlagwerk, aber vor allem Blechbläser, haben bei Filmmusik wesentlich mehr zu tun, als sonst gerne mal in Orchestermusik, dafür verschwinden die Holzbläser eher ein bisschen in der Klangmasse (wenn’s nicht grad Herr der Ringe ist). Aber macht wirklich Spaß zu hören, man darf zwischen den Stücken klatschen und ich empfehle das wärmstens weiter für Leute, die nicht soooo an klassischer Musik interessiert, aber neugierig auf Orchester-Konzerte sind. Falls ihnen sowas mal unterkommt, gehen Sie ruhig hin. Die Moderation war ebenfalls super, aber das ist natürlich überall anders.

Am besten hat mir gefallen, dass sich Michel bei der Zugabe (Pirates of the Caribbean) kaum halten konnte vor Begeisterung und wild auf seinem Stuhl wippte und mit den Armen wedelte. Manchmal ist der noch so niedlich! Unverstellte, kindliche Begeisterung.

Morgen üb ich dann auch selbst wieder. Heute hab ich die Geige abgeholt, die hat jetzt keine Macken mehr im Lack. Hurra!

Tag 2653/54 – Heimreise.

Der Baum ist gepflanzt worden, es war alles in allem eine sehr hyggelige Veranstaltung, auch wenn ich, als ich mit einem Minischäufelchen symbolische Mengen Erde auf dem Wurzelballen verteilte, harte Beerdigungsassoziationen hatte. Die Kollegin auch, stellte sich später heraus. Ein paar Höflichkeitsfloskeln später und um zwei aufgezwungene Mappen Papier (Audit File und CAPA File) „reicher“ saßen wir wieder im Taxi, das erste mal im Hellen.

Der Rest war dann Heimreise. Ingesamt über 24 Stunden. Geschlafen habe ich davon ca. 5-6, allerdings unglaublich schlecht, weil meine Füße kalt waren, mein Po kalt war, die Ohrenstöpsel nicht saßen, mir die Hüfte weh tat oder sich jemand auf dem Weg zum Klo auf meinem (bis dahin) schlafenden Körper abstützte.

Dann kam am Ende auch noch kein Taxi und ich saß dumm und mit immer vollerer Blase am Bahnhof herum

Insgesamt war das sehr anstrengend, aber es war sehr schön, die Familie wieder zu sehen und an den Kindern zu riechen und sie postwendend unter die Dusche zu schicken.

Jetzt schlafen. Hoffentlich besser als letzte Nacht.

Tag 2651 – Antiklimax.

Erst die guten Nachrichten:

  • Der Sonnenbrand ist schon viel besser
  • Ich war heute Wasser und Luft (Wasserreinigungsanlage und Ventilationsanlage) angucken, ganz alleine, und es war gar nicht schlimm (im Sinne von: niemand hat gemerkt, dass ich doch gar keine Ahnung hab)
  • Die Kollegin hat gesagt, ich könne Data Integrity besser als sie (inspizieren)
  • Das IT-Projekt ist jetzt live, mit einem Tag Verspätung

Das IT-Projekt ist aber gleichzeitig auf die denkbar schlimmste Art live gegangen, und zwar können wir Inspekteur*Innen jetzt leider keine Sachbearbeitung mehr machen, bis mindestens Ende nächster Woche, weil die Integration des Archives (das für uns auch ein Sachbearbeitungssystem ist) mit dem IT-Projekt macht, dass wir im Archiv nicht mehr arbeiten können. Gleichzeitig ist außer mir aber niemand im Stande, das IT-Projekt-System zu benutzen. Das zeigte sich heute, als eine Kollegin, die auch schon einiges getestet hatte, versuchte, den „smoke study“-Test durchzuführen, also eine Nachricht aus dem System zu schicken, und dann die Antwort zu archivieren. Das ging nicht so richtig gut, as in: das ging einfach mal gar nicht. Eine Kombination aus tatsächlichen technischen Schwierigkeiten und mangelnder Tiefenkenntnis der Kollegin. War der Projektleitung aber egal, sie haben das System einfach trotzdem freigegeben und mit Schampus angestoßen und sich beglückwünscht, wie geil sie sind, und deshalb habe ich jetzt endlich mal eine wirklich WIRKLICH böse Mail geschrieben und auch abgeschickt. Weil verarschen kann ich mich auch allein. Wenn man eh auf das Ergebnis unserer (Inspektions-)smoke study scheißt, hätte ich mir, meiner Kollegin, einer (echten) Firma und einem Entwickler (zum Teil echt viel) Arbeit ersparen können. Dass man außerdem einfach in Kauf nimmt, dass wir mindestens 8 Tage lang KEINERLEI Sachbearbeitung machen können, zeugt auch nicht grad von Respekt gegenüber unserer Arbeit.

Großes F***t-euch-alle-Gefühl.

Vielleicht auch weil ich die magischen PMDS-Tabletten zu Hause vergessen hab, aber eigentlich war alles gut, bis ich von diesem dampfenden Haufen Sch***e erfuhr.