Tag 2583 – Langweilige Stimmung.

Im Mai kaufte ich zwei Konzerttickets für die Philharmonie, für Herrn Rabe und mich. Nun kam es aber so, dass Herr Rabes Arbeitgeber völlig dekadent für alle Angestellten Tickets für das Øya-Festival gekauft hat, für den selben Tag. Gut, da kann Liszt nicht gegen anstinken, verständlich. Ich bat die Karte noch einer anderen erwachsenen und musikinteressierten Lieblingsperson an, aber die ist noch im Urlaub, tja. Dann dachte ich, ich frage einfach bei Facebook in dieser einen Gruppe*, aber ich bin ja auch sozial awkward und dann schlug Herr Igelbert vor, ich könne doch Michel mal fragen. Der war erst verhalten, aber dann doch interessiert und so mussten wir auch nur noch Pippi wegorganisieren, win-win. Nun war Herr Rabe heute krank statt auf dem Festival, aber das änderte an den anderen Plänen nichts, also waren Michel und ich heute in der Philharmonie.

Erst mal hat Michel ja grundsätzlich irre viele Fragen. Was kostet ein Zug, warum heißt das Philharmonie, warum gibt es Tubas, die man sich um den Hals hängt, und welche, die man auf dem Schoß hat, warum heißt das Stück und nicht Lied und was soll das heißen, ein Lied ist da 20 Minuten lang, bei Spotify sind es nur drei!

Als dann gespielt wurde, war aber dann selbst Michel mal still, wenn auch etwas zappelig. Eingepfercht zwischen Menschen aus Michels Groß- und Urgroßelterngeneration und dem occasional jungen Pianisten (saß direkt neben Michel). Manche alten Leute riechen echt schlecht, aber das ist ein anderes Thema.

Das Konzert war wirklich toll. Klaus Mäkelä, der gefühlt 23 Jahre alt ist, scheint ein sehr guter Dirigent zu sein, und Sibelius‘ Tapiola war ein einziger wunderbarer finnischer Landschaftstraum (im Ernst, ich muss bei Sibelius‘ immer an Schwäne, die über unendliche Wälder gen Süden ziehen, denken. Warum auch immer. Sind Schwäne überhaupt Zugvögel? Gibt es in Finnland Schwäne?). Es gibt übrigens eine neue, wirklich tolle Aufnahme aller Sibelius-Symphonien vom Oslo Philharmonieorchester, dirigiert von Klaus Mäkelä, bei Spotify. Just sayin‘.

Danach kam Yuja Wang und spielte Ling-Ling-gleich Liszt‘ erstes Pianokonzert, das war… Whoa. Unbeschreiblich. Auch die zwei (!) Zugaben waren makellos und mitreißend gefühlvoll. Hach. Und das alles in den höchsten Schuhen, die ich je an einer nicht-Dragqueen gesehen habe. Stilettos mit Plateau vorne und quasi senkrechtem Gefälle zwischen Ferse und Ballen. Ich kann in sowas nicht mal Auto fahren, geschweige denn so Pianopedale bedienen, aber ich bin halt auch nicht Yuja Wang.

Nach einer Pause (in der ich mir ein alkoholfreies Bier bestellte und es in einem Rotweinglas serviert bekam) wurde noch Strauss‘ Heldenleben gespielt. Man kann über Strauss ja viel sagen, aber wenigstens muss man nicht raten, was die Musik einer sagen soll, da ist die Botschaft nahezu kitschig plakativ. Der Held wächst heran, der Held zieht in den Kampf (täteretääää!), der Held findet eine Frau, es ist alles sehr ramontisch, ein paar ruhige Jahre, Tod (heldenhaft, ich tippe, mit dem Schiff gesunken oder so in der Art). Dazu: sehr schön gespielt und dirigiert, und ich habe ja eine Schwäche für massiv besetzte Orchester mit 8 Hörnern und 8 Kontrabässen und zwei Harfen und gefühlten 70 Geigen. Ist jetzt nichts, was ich mir täglich anhören würde, aber so mal, und speziell live, finde ich das tatsächlich ganz schön. Das fand auch Michel, dem die Musik insgesamt sehr gut gefallen hat, aber die Stimmung komisch und lahm fand. Alte Leute halt.

Das war ein sehr schöner letzter Urlaubstag. Ich will trotzdem nicht morgen wieder arbeiten müssen.

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*der Menschen, die gut darin sind, zu erkennen, welches Bild als nächstes kommt