Tag 1182 – Nicht verhandelbar.

Ich komme soeben von einem Kurs zu Verhandlungstechniken, den meine… Genossenschaft? Also meine Arbeitnehmervereinigung gegeben hat. Das kostet nix außer des Mitgliedsbeitrags und wenn man arbeitslos ist, ist auch die Mitgliedschaft kostenlos. Dafür gibt’s Brötchen und Kaffee, man könnte fast auf Ideen kommen… egal.

Der Kurs war eher ein dreistündiger Vortrag einer Anwältin plus zwei Rollenspiele*. Die Anwältin war sehr sympathisch und die ganze Aktion auch einigermaßen informativ. Und mit dem Gedanken daran, dass hier ja bestimmt** irgendwann*** mal wieder Gehaltsverhandlungen anstehen, für mich auch sinnvoll, das alles mal geballt zu hören. Mitgenommen habe ich folgendes (ohne in meine Notizen zu gucken):

  • Vorbereitung ist alles!
  • Dafür: Ziele setzen, Grenzen festlegen, Szenarien durchspielen, Plan B auch durchspielen. Das selbe dann noch mal für die Gegenseite und sich auf der Basis dann überlegen, wie man der Gegenseite das was man selbst will als win verkauft. Das sind die besten Argumente.
  • Das erste Angebot ist das wichtigste.
  • Versuchen, nicht diejenige zu sein, die das 1. Angebot macht.
  • Am Ende sollten alle zufrieden sein, wobei uns, Hurra!, auch unser Unterbewusstsein hilft, das das schon so hinbiegen wird, dass wir am Ende zufrieden sind.
  • Zu netten Menschen sagt man eher ja.
  • Nicht drohen, keine Ultimaten, es sei denn, man meint es auch wirklich so.
  • Nie das erste Angebot akzeptieren.
  • Beim letzten Punkt gehe ich nicht mit, denn ich persönlich habe ganz oft eigentlich gar keine Lust zu verhandeln. Ich will auch in vielen Situationen nicht, dass mit mir verhandelt wird. Ich nenne das Energie sparen. Wenn ich, keine Ahnung, ein Paar Skier auf Finn kaufe, bezahle ich, was da steht, fertig. Wenn ich in einen Laden gehe auch, da frage ich auch nicht, ob sie nicht noch nen Helm drauflegen können, wenn ich grad ein Fahrrad gekauft habe. Das hat (im Laden) auch damit zu tun, dass ich nicht gierig und/oder geizig erscheinen möchte, bei Finn habe ich einfach keine Lust auf drülfzig Nachrichten hin und her und Geschacher und am Ende hat man Zeit und Nerven investiert und vielleicht 50 Kronen gespart. Andersrum schreibe ich realistische Preise an die Sachen, die ich da anbiete und wenn dann wer die Hälfte bietet und es dazu noch bitte geliefert haben will, finde ich das einfach dreist und da verkaufe ich es dann lieber gar nicht, ätsch. Mein Rollenspielpartner sah das ähnlich und unser erstes Rollenspiel lief dann so:
  • [Geschichte: ich habe einen Skipass für den ganzen Tag für 300 Kronen gekauft, will aber nach dem halben Tag nach Hause. Am Parkplatz spricht er mich an, ob ich ihm den Skipass verkaufen würde.]
  • Ich: Ja, was bietest du denn?
  • Er: 150.
  • Ich: Ok.
  • Er: Abgemacht.
  • Fertig. Ja, natürlich hätte ich argumentieren können, dass er noch 50 Kronen spart und nicht Schlange stehen muss, wenn er mir 250 bezahlt und er hätte dann argumentieren können, dass ich immer noch 50 Kronen gewonnen habe, wenn er mir 50 gibt statt gar nix und meine Karte einfach verfällt. Aber was soll denn sowas, wenn wir doch beide mit 150 happy sind?
  • Beim 2. Rollenspiel wäre es dann fast genauso gelaufen, ich musste mich echt beherrschen, das Spiel mitzuspielen. Die Geschichte war dieses Mal anders, wir bekamen „geheime“ Informationen, die der andere nicht sehen durfte.
  • [Geschichte: Er verkauft 12 Flaschen (eine Kiste soll das sein, hat nicht eine Kiste immer sechs Flaschen? Naja, egal.) Wein, Château Tralala, 1982er Jahrgang, ein ganz toller Wein. Ich will den Wein kaufen.]
  • [Seine Information: er hat den Weinkeller seines Schwiegervaters geerbt, aber selbst gar keine Ahnung von Wein. Ein Kumpel hat gesagt, der Château Tralala sei total teuer, 12.000 Kronen für eine Kiste hätte der letztens auf ner Auktion gebracht, allerdings von 1985. 4 der Etiketten auf den Flaschen sind feucht geworden und leicht beschädigt.]
  • [Meine Information: ich bin Weinkennerin und verfolge die Angebote regelmäßig. Eine Kiste diesen Weines dürfte etwa 30.000 Kronen wert sein, ich hätte schon Käufer für einzelne Flaschen für 2500-3000 Kronen. Natürlich tun die leicht beschädigten Etiketten der Qualität des Weins keinen Abbruch, wohl aber dem Verkaufspreis.]
  • Wir: Blabla, schöner Weinkeller, jaja, alles geerbt, blabla.
  • Ich: Du willst also diese Kiste verkaufen? Was hast du dir denn für einen Preis vorgestellt?
  • Er: Ich hatte an 14.000 gedacht.
  • [You see?]
  • Ich: *denkt* OK! *sagt* Hmm, das finde ich ein bisschen happig, in Anbetracht der kaputten Etiketten auf den Flaschen hier, die sind ja quasi wertlos. Ich hatte mir 8.000 vorgestellt.
  • Er: Hmm. Aber dass die Etiketten kaputt sind, macht ja den Wein nicht schlecht.
  • Ich: Nein, aber es deutet darauf hin, dass er falsch gelagert wurde. Ich weiß ja nicht, was dein Schwiegervater damit gemacht hat. Für mich ist das ein unbekannter Hintergrund, ich kaufe praktisch die Katze im Sack…!
  • Er: Neulich bei einer Auktion ging eine Kiste davon für 12.000 weg!
  • Ich: Der hatte auch ne dokumentierte Lagerungsgeschichte****.
  • Er: Hmm, ok. Pass auf. Du kriegst eine Flasche für 1/12 von 8.000, nimmst sie mit und probierst*****. Und dann wenn der Wein gut ist, kriegst du den Rest der Kiste für 12.000.
  • Ich: OK, dann nehme ich aber eine von denen mit dem kaputten Etikett. … So, ich habe jetzt probiert und der Wein ist noch gut, ich bezahle dir 11.330 Kronen für den Rest, ok?
  • Er: OK.
  • Tja. So kam ich also zu einer virtuellen Kiste Château Tralala, von dem ich 8 Flaschen an meine virtuellen Freunde verkaufen kann. Oder vielleicht 7 und eine behalte ich und… rahme sie mir ein oder so. 7*2.500-12.000 Kronen sind 5.500 Kronen Gewinn, wenn ich die vier Flaschen mit den kaputten Etiketten für jeweils 1.000 Kronen verscherbelt kriege, sind es 9.500 Kronen Gewinn. Virtuelle Kronen. Außerdem bin ich um die Erkenntnis reicher: ich mag nicht gern verhandeln.
  • ___
  • Auto-Lobhudelei: das war mal wieder außerhalb meiner Komfortzone.
  • ___
  • *Rollenspiele, ne? Schlimm.
  • **hoffentlich
  • ***bald
  • ****Das hab ich in dem Moment einfach erfunden, damit die Geschichte weitergeht, wozu hat man denn jahrelang Improtheater angeschaut?
  • *****Ich wage stark zu bezweifeln, dass man so einen Wein überhaupt trinken würde, wenn man Weinkenner ist. In dem Moment hat der ja schlagartig null Wert. Andererseits ist das auch genau der Punkt, der mir an dieser ganzen Geschichte am Absurdesten erscheint, aber das nur so am Rande.