Arbeit war wie erwartet. Beste drei Stunden Arbeit des Tages: als ich mich, nachdem ich nach eigentlich erledigtem Arbeitstag, mich zu Hause noch mal an den Schreibtisch gesetzt habe und da endlich in Frieden ein paar Dinge wegarbeiten konnte. Ohne Unterbrechungen. Hurra!
Michel hatte gestern einen handfesten Meltdown und war heute überaus friedlich und ausgeglichen. Hausaufgaben hat er zwar auch heute nicht gemacht, aber nach gestern bin ich fast so weit, durchzuboxen, dass er gar keine Hausaufgaben mehr machen muss. Ich habe zwar das Gefühl, dass das neue ADHS-Präparat besser ist als das alte, aber das gestern war nicht schön. Für keinen. Es sind halt keine Wunderpillen.
Apropos Wunderpillen: der Lieblingskollege hat seit zwei Wochen Probleme mit dem Ischias und furchtbare Schmerzen. Ich überhörte heute unbeabsichtigt was, und weiß jetzt, dass ich zum Heulen aufs Klo gehe, andere gehen zum laut Stöhnen aufs Klo. Genau wie bei Michel mit seinen Hausaufgaben würd ich echt gern was machen können, weil er mir so leid tut. Aber seit heute Mittag hat er immerhin Schmerzmittel, die helfen.
Beim Strategiebullshitzeitverschwendungsseminar haben wir „alterndes Inspektorat“ halb scherzhaft als Risiko identifiziert. Lieblingskollege war not amused, aber musste dann zum Arzt, sich große Mengen Schmerzmittel verschreiben lassen. Q.e.d.
Es ist nicht viel passiert, weder gestern noch heute. Ich hab sehr viel gearbeitet, zu viel, bin aber ein gutes Stück weit gekommen und die anderen Aufgaben müssen halt bis nächste Woche warten. Heute abend, also jetzt, ist Herr Rabe spontan weg, weil er sich zur Flohmarkt-Nachtwache hat belabern lassen. Der kommt irgendwann gegen drei wieder. Michel ist morgens ein Kotzbrocken, Pippi morgens trödelig, also wie immer. Neu ist nur, dass beide mit dem Fahrrad zur Schule fahren und wir morgens kein Elterntaxi sind. Pippi setzen wir nach dem Sport-Hort, zu dem sie ja mit dem Bus hinfahren, wieder an der Schule ab, damit sie ihr Fahrrad nach Hause fahren kann. Seit Mittwoch fährt sie mit Michels altem Fahrrad und sieht darauf super groß aus. Oder klein, wie man‘s nimmt, weil ihre Beine so lang sind ist nämlich der Sattel gar nicht mal ganz unten, und dann sieht es aus, als wäre das Rad viel zu groß für sie, dabei sind es nur die Proportionen, die etwas Off sind.
Morgen fahre ich mit Pippi nach Oslo, Ballettschuhe kaufen. Die von letztem Jahr sind viel zu klein und außerdem wünscht sich Pippi so sehr ein richtiges Trikot, was ich aber echt sie anprobieren lassen möchte, genauso wie eine Strumpfhose, wegen der Proportionen eben. Vielleicht, wenn ich die Nerven dazu habe, nehmen wir noch Michel mit, der Schuhe für den Herbst braucht. Ihn dafür an den Ohren aus dem Haus schleifen kommt allerdings nicht in Frage, dafür sind mir meine Nerven und mein Wochenende zu schade. Nachdem er sich schon bei dem Versuch, die Nasenkissen an die Brille montieren zu lassen (was er gerne wollte!) aufgeführt hat, als sei es grauenvollste Kinderfolter ihn dafür aus dem Haus zu zerren, bin ich wenig motiviert, das morgen mit ihm durchzuziehen, lasse mich aber natürlich gerne positiv überraschen. Ist das schon Pubertät? Wird das dann eventuell noch schlimmer? Ich fürchte es.
P.S. abends ist er aber immer noch sehr kuschelig und auch kommunikativ, das ist schön. Er ist ja eigentlich auch sehr umsichtig und daran interessiert, dass es allen um ihn rum gut geht, nur vergisst er das in akuter Muffel- oder Motzlaune gerne mal. Ich hoffe, auch für ihn, dass das irgendwann wieder weg geht.
Morgen wird super anstrengend. Heute war auch schon anstrengend, unter anderem hatte ich für meinen Geschmack schon wieder viel zu viel mit dem IT-Projekt zu tun. Das IT-Projekt ist inzwischen direkt aus Absurdistan importiert, heute haben wir eine Dreiviertelstunde damit zugebracht, herauszufinden, dass bis auf mich niemand die richtige Lizenz hat, um etwas wichtiges tun zu können. Dass alle diese Leute Lizenzen brauchen, habe ich Anfang des Jahres (oder vielleicht war es auch tatsächlich noch vor Weihnachten), noch mal im April und noch mal, mit dringend und sechs Ausrufezeichen, am Freitag angemeldet. Es ist einfach GAR NICHTS passiert. Nichts. Im Gegenteil, ich bekam heute die gleiche Nachricht wie vor ein paar Monaten schon: wir haben 8 Lizenzen, 4 davon sind frei. Ja Herrschaftszeiten warum sind dann nicht die 4 freien vor Monaten schon zugeteilt worden, und die fehlenden dann bestellt??? Arrrgh. Ich raufe mir noch alle Haare deshalb aus.
Abends konnte ich immerhin mit beiden Kindern (nacheinander) kuscheln, mich dann von Pippi anschnarchen lassen und von Michel Fragen zum Thema Haare in den Bauch gefragt bekommen. Michel findet sein „Mushroom Cloud Hair“ doof, und hätte es lieber glatt nach hinten gekämmt. Gleichzeitig empfindet er täglich duschen aber als Zumutung, Gel kommt also auch nicht in Frage. Auf meine Aussage, dass ich seine Haare super finde und das ganz sicher ganz viele andere auch tun, kam nur das Michel-typische „Hrrm!“, aber mit einem kleinen Grinsen. Ich kann außerdem vermelden, dass ich Michel erfolgreich beigebracht habe, auf „Ich hab dich lieb“ mit „Ich hab dich auch lieb“ zu antworten (sofern er das so meint), statt, wie früher, mit „Ich weiß, warum sagst du mir das?“. Ich hab den ja schon sehr lieb, den inzwischen sehr großen und schlacksigen Zwerg mit seinem Lockenkopf.
Heute war der letzte Tag der Sommerferien der Kinder. Das heißt, ab morgen geht Michel in die 6. Klasse und Pippi in die 3. Wann sind die denn eigentlich so groß geworden?
Wir sind verhältnismäßig gut vorbereitet, zumindest sachlich, geistig kann ich nur für mich sprechen, ich glaube aber, die Kinder sind schon ein bisschen aufgeregt. Wir haben sie aber sowohl zum Packen als auch zum Baden/Duschen bewegen können. Auch daran merkt man, dass Michel langsam auf die Pubertät zugeht: er muss öfter duschen. Nicht, weil er irgendwie riecht, aber seine Haare werden viel schneller sichtbar fettig als sie das sonst taten. Er ist auch ein bisschen angepisst davon, dass er schon seit Wochen* eine strikte Hautpflegeroutine** durchzieht und trotzdem auf seiner Nase noch Pickelchen*** sind. Dabei hatte ich doch gesagt, dass das hilft****!Mein Baby…
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*3
**Waschen mit Reinigungsöl und danach eincremen mit Feuchtigkeitscreme
***wirklich harmlos, definitiv keine Akne, lediglich eben verstopfte Poren
****Wundertaten habe ich sicher nicht versprochen und es hilft ja auch, nur sind die Tage der Babyhaut***** eben leider gezählt, was Michel stark missfällt
*****Haha, Babyhaut, meine Kinder hatten beide Neugeborenenakne, Milchschorf und trockene Haut. Vielleicht wäre Einjahres-Haut ein treffenderer Begriff.
Gestern waren wir zwar etwas vernünftiger, aber nicht viel. Kurz nach Mitternacht waren wir Erwachsenen im Bett nach einer Runde (Achtung!) SkipBo. Wir mussten Bildungslücken auffüllen, ALLEIN DESHALB!
Gestern war ansonsten ein so lala-er Tag, jedenfalls für mich und sämtliche Kinder, denn Herr Igelbert und ich zwangen die Horde, mit uns an den Strand zu gehen. Klingt jetzt erstmal wie eine dieser „haha – gezwungen – zwinker“- Geschichten und das war ursprünglich auch unsere Intention. Leider war es aber dermaßen windig, dass es am Strand wirklich kaum aushaltbar war. Schon die Düne zu überqueren war gelinde gesagt schwierig, weil man wie aus einem Laubbläser mit tonnenweise Sand beschossen wurde. Wir waren echt nicht lange da, bevor wir aufgaben, und haben danach auch alle sehr gründlich geduscht, aber ich finde heute auch noch Sand in meinen Ohren und allen möglichen unaussprechbaren Körperstellen. Michel (dem es wieder besser geht, der aber noch ein bisschen hustet, wogegen Seelft ja bekanntlich helfen soll – SOFERN MAN DAMIT NICHT KILOWRISE SAND EINATMET) hatte halbwegs Spaß und sammelte einen Hut voller schwarzer Steine.
Heute war da schon viel besser, denn wir zwangen die Horde, zum Leuchtturm zu gehen. Der ist ein beliebter Ausflugsort in 20 Erwachsenenlaufminuten Entfernung und man kann auch ganz oben rauf, wenn die Oberschenkel mitmachen. Dieses Mal war es auch wirklich so, dass wir zwar 50% der Kinder sehr aktiv dort hin labern mussten, sie da aber dann kaum noch weg zu bekommen waren.
Blick gen Westen vom westlichsten Punkt Mainland-Dänemarks aus gesehen.
Auf dem Rückweg kamen wir an einem „Waffelhaus“ vorbei, von dem ich fälschlicherweise annahm, dass es da Waffeln (also diese 5-6-Herzchen-Gebäckdinger, die zwischen zwei heißen Eisen zubereitet werden) gäbe. Nein, Eiswaffeln waren gemeint. Hoppla. Wir aßen dann, weil bei allen der Magen in den Kniekehlen hing, total konsequent statt Waffeln Pommes, Burger und Hotdogs. War auch gut.
Auf dem Rückweg nahmen einige von uns die Strandroute (ich glaube, wir haben gestern einen Teil der Kinder mit Strand traumatisiert) und das war ganz wunderbar. Mit Herrn Rabe und Michel hingen wir versehentlich Frau Wunnibar und K2 ab, platschten barfuß in der Nachmittagssonne durch die ganz leichte und seichte Brandung, Michel warnte uns vor jeder einzelnen Miniqualle und rannte ansonsten immer mal wieder 50 Meter vor und wieder zurück und powerte sich aus und alle hatten es gut mit, im Gegensatz zu gestern, echt zahmem Wind. Hach! Meer at it’s best.
Nach einem späten Abendessen bekamen wir noch das Highlight des Tages – Show! Pippi tanzte, Wunnibars K1 spielte Geige, Pippi und K1 sangen (mit Unterstützung von Herrn Igelbert) und K2 machte einen improvisierten Ausdruckstanz. Das war so niedlich, alles daran, inklusive der gebastelten Eintrittskarten, Platzkarten, dem Schlange stehen und dem von K1 gewünschten leisen Applaus, dass es wirklich herzplatzmäßig war. Hachzi hachzi hachz! (Leider keine Fotos, da vor lauter Süßigkeit vergessen zu machen.)
Ich glaube, ich bin wieder in dieser Zeitzone angekommen. Denn ich bin noch wach und das auch recht problemlos. Hurra!
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Heute Morgen lieferte ich Michel beim Korps-Sommerkurs ab. Ich glaube, das wird gut. Ich hab ihm noch mal gesagt, dass ich stolz auf ihn bin, dass er das durchzieht. Er meinte daraufhin, ob er ne andere Möglichkeit gehabt hätte, worauf ich sagte, naja, heulen und schreien wie letztes Jahr? Da musste er ein bisschen grinsen.
Die Wartezeit bei der Anmeldung überbrückte Michel, indem er mir Löcher zu Energiegewinnung in den Bauch fragte. Warum man nicht einfach mit Strom Strom erzeugen könne und dann immer mehr Strom hätte. Ich war kurz davor, die Hauptsätze der Thermodynamik zu erläutern, beschränkte mich dann aber darauf, die Unmöglichkeit von Perpetuum Mobiles zu nennen, aber die Möglichkeit von Energiespeichern zum Beispiel durch Befüllen von Wasserreservoirs in Zeiten von Energieüberschuss zu erklären. Und Zack, waren wir auch schon dran.
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Nachdem ich wieder zu Hause war, habe ich einen Arzttermin gehabt und meine Abhandlung über meine Seltsamkeiten abgeliefert. Ich bin wohl definitiv nicht so ganz normal, allein dass ich diese Erklärung verfasst habe, spricht, wenn nicht Bände, dann doch mindestens sechs Seiten. Immerhin sind seit nach dem Termin meine nervigen Kopfschmerzen wie weggeblasen. So ein Zufall!
Gestern hatte ich übrigens Besuch, bevor ich abends sehr müde wurde. Das wird jetzt ein bisschen kryptisch, sorry, aber raus muss es trotzdem. Das war nämlich jemand von „früher“, also wirklich ganz früher, wir haben uns seit, wenn ich richtig gerechnet habe, 24 Jahren nicht gesehen. Das hatte auch Gründe, vor 24 Jahren waren Dinge nicht so einfach und danach auch nicht und überhaupt. Das machte dann auch, dass ich vor dem Besuch ein bisschen aufgeregt war, die ganze Situation war anfangs sehr seltsam und hölzern, aber dann war es ausgesprochen nett. Es war überraschend gut, mal mit jemandem zu reden, der dieses „früher“ aus einer anderen Perspektive mit erlebt hat. Jetzt habe ich hier außerdem einen USB-Stick mit alten Fotos, in den ich noch nicht rein geguckt habe, weil ich so ganz unbegleitet dann doch nicht unmittelbar in dieses „früher“ zurückgeworfen werden will. Herr Rabe kam aber eben erst von seinem Wochenendtrip zurück, deshalb war die Gelegenheit noch nicht da.
Wie gewohnt nach sozial nicht easy peasy Situationen war ich danach ziemlich alle und wohl auch deshalb gestern Abend extrem müde.
Ich bin trotzdem froh, dass wir das gemacht haben.
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Heute habe ich den Tag dann erst mal damit zugebracht, eine Bestandsaufnahme meiner Awkwardness zu betreiben, schriftlich, für meinen Hausarzt. Es wurde viel Text und war nicht einfach und teilweise schmerzhaft, das so geballt aufzulisten. Irgendwann war es dann auch körperlich schmerzhaft, weil ich Migräne bekam. Oh the joys. Während einer Pause packte ich Michels Tasche für den Korps Sommerkurs, woran teilnehmen zu müssen Michel als Zumutung betrachtet. Noch mehr joys. Ich war da aber dieses Jahr einfach sehr klar und habe mich gar nicht erst auf irgendwelche Diskussionen und Verhandlungen eingelassen und Michel scheint tatsächlich auch den Protest aufgegeben zu haben. Ich hoffe, er lässt sich dann auch darauf ein und hat Spaß – das Argument „ich hab letztes Jahr nur GESAGT, ich hätte Spaß gehabt, damit ihr zufrieden seid!“ kaufe ich ihm nämlich einfach nicht ab. Und zusätzlich weiß ich, dass er, wenn wir ihm das komplett frei überlassen, niemals an sowas teilnehmen würde, also gar keine Chance auf positive soziale Erlebnisse hätte. Ich verstehe ihn da voll – und zwinge ihn trotzdem, gerade weil ich ihn verstehe. Ich Monster.
War heute das vermutlich letzte mal vor meinem Urlaub im Büro. Seltsam. Habe die Lieblingskollegin gezwungen, mit mir Eis zu essen. Das war schön. (Drehe ansonsten weiter am Rad wegen Korea, aber was soll man machen, es wird ja so oder so passieren und dann irgendwie laufen.)
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Michel ging es heute schon viel besser, er hatte sich ja gestern auch sehr gründlich entladen. Auch das sehr ähnlich wie bei mir.
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Pippi hat am Samstag noch einen Tanzauftritt. Heute war Generalprobe dafür und – die sind ja schon sehr niedlich, diese Kleinen. Der Trainerin gebührt allerdings aller Respekt der Welt, so eine Horde kleiner Mädchen im Blick haben, ist echt nicht ohne und wäre absolut nichts für mich. Pippi freut sich sehr auf die Aufführung und hat mir vor und nach der Probe diverse Knöpfe an die Backe gelabert und dazwischen gesungen.
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Herr Rabe fährt (naja, fliegt) morgen mit seiner Arbeit auf die Färöer-Inseln. Der freut sich darauf auch. Außerdem hat er gestern den zweiten Platz beim Mario Cart-Tournier gewonnen, während ich bei der Arbeit so Sachen bespreche wie „Anträge richtig ablehnen“ und „Was ist eine sinnvolle Bußgeldhöhe“. Mir scheint, einer von uns hat den lustigeren Job.
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Es ist so warm. Ich meckere nicht darüber, aber ich meckere darüber, dass es auch so furchtbar trocken ist und ein paar Pflanzen und der Rasen schon leichte Ermüdungserscheinungen zeigen. Klimawandel, so schön.
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Der Geigenlehrer hat mir ein neues Stück gegeben. Jetzt übe ich das Presto aus der 1. Violinsonate von Bach, das ist gleichzeitig überraschend leicht (man bricht sich dabei gar nicht die Finger, faszinierend) und erwartet schwer (2 Seiten in gleichmäßigen, schnellen Sechzehnteln rauf und runter dudeln und es wie Musik klingen lassen ist nichts für Feiglinge). Es geht einfach immer noch ein bisschen weiter, noch mal 8 Takte, nochmal 4, und nochmal acht und dann, etwas überraschend in dem ganzen Fluss, zwei Schlussakkorde. Ta-Taaaa!
Michel ist Ferienreif. Man erkennt es an ständigem Brodeln und häufigen Ausbrüchen. Allerdings bricht Michel auch nicht einfach einmal aus wie eine Explosion. Das geht dann schon mal über Stunden, wie ein Vulkanausbruch, bei dem sich ewig lang Lava über das komplette Umland ergießt. Alle Emotionen der letzten Zeit kommen da auf einmal raus und das Ganze wird sehr tränenreich. Das ist auch sowas, auf das einen keiner vorbereitet. Herr Rabe kennt solche Ausbrüche nicht und ist deshalb sehr besorgt. Ich kenne solche Ausbrüche leider allzu gut und bin hilflos, weil ich ja selbst gar nicht weiß, wie man damit sinnvoll umgeht. Mein Vorgehen wäre „das ist halt so, da muss man durch“, aber ob das so gut ist, keine Ahnung. Hätte es für mich Alternativen gegeben? Keine Ahnung! Gibt es welche für Michel? Keine Ahnung! Ich kann aber auch ganz gut abschätzen, wie sich Michel fühlt und das ist scheiße. Am liebsten würd ich ihn davor irgendwie beschützen, alle doofen, lauten, nervigen Leute für ihn entfernen, und machen, dass er vergessen kann, was irgendwer mal irgendwann gesagt hat und das ihm seither den Schlaf raubt.
Das ist doch scheiße, kann der nicht irgendwas anderes von mir geerbt haben? Irgendwas sinnvolles? Wenn ich könnte, würd ich ihm das alles sofort abnehmen.
Die Kinder fahren morgen auf Korpsfahrt. Beide. Pippi freut sich. Michel freut sich auch, aber… anders. Was sich in erster Linie darin zeigt, dass er schon mal vorher total aufgeregt ist und nicht weiß, wohin mit sich und achthundertdreiundneunzig Katastrophenszenarien entwirft und dann nichts gebacken bekommt, Packen zum Beispiel. Und heute haben wir obendrein als Eltern ein bisschen verkackt und das Packen viel zu spät eingeläutet und dann… naja. Am Ende packte ich für Michel, der das einfach aufgrund seines emotionalen Zustandes nicht mehr konnte. Er versuchte mehrmals halbherzig, mich aus seinem Zimmer zu werfen, ging aber selbst auch nirgendwo anders hin und irgendwann brachen wir alles andere ab und ich brachte ihn ins Bett, ebenfalls viel zu spät. Bei der normalen Abendroutine kam er immerhin halbwegs runter, beim Vorlesen hörte irgendwann das Schniefen auf, dann kamen die üblichen Fragen zu allem und Tralala und als er trotz allem nicht schlafen konnte, nahm er sogar mein Kuschelangebot an. Dann konnte er auch schlafen, mit seinem riesigen Kuschelhund im Arm und halb auf mir liegend. Wie immer. Eigentlich noch ganz klein. Ein ganz kleiner Mensch mit 1,50 m Körpergröße, im Wesentlichen aus Armen und Beinen bestehend.
Der arme Zwerg. Es gehen viele große Gedanken und Sorgen in seinem Kopf rum. Unter Stress fitschen die aber rum wie Flipperkugeln und machen erst recht nichts sinnvolles mehr, sondern nur noch mehr Stress, wie eine Kettenreaktion. Dass er in Stress gerät, stresst ihn dann noch mehr, dazu kommt Selbstkritik ohne Ende, weil er ja eigentlich Dinge tun müsste, aber die nicht schafft, weil er so unter Strom steht. Aber helfen kann da auch keiner so richtig, beziehungsweise kann ich nicht helfen, weil alle Strategien, die mir helfen würden, an ihm abprallen und für alles andere fehlt mir die erzieherische Phantasie irgendwie. Was am Ende einigermaßen gut half waren klare Ansagen ohne Spielraum, wie „du gehst jetzt duschen, ich packe für dich“, da konnte er sich ein bisschen reiben aber hatte eine Richtschnur (und die Verantwortung für den Inhalt seiner Tasche abgegeben). Geduscht hat er nicht, aber immerhin aufgehört, im Zimmer auf und ab zu laufen. Kurz. Duschen kann er dann morgen früh, in hoffentlich besserer Stimmung. Weiß nicht ob das so toll ratgebergemäß war, aber ich befürchte, die Ratgeberschreibenden waren halt auch noch nie bei uns zu Hause.
Mein Baby… Kann ich bitte die Zeiten noch mal sehen, als unser größtes Problem war, dass wir nach jedem Essen den Essplatz großräumig Kärchern mussten?