Tag 1393 – Mir geht’s gut.

Heute fragte jemand auf Twitter in die Runde, ob’s uns gut ginge. Ich dachte darüber sehr lange nach. Im ersten Moment dachte ich „klar!“, dann „naja…“, dann „alter, sei doch ein mal zufrieden, du olle Pessimistin“. Warum muss ich da so lange drüber nachdenken? Ich hab es doch gut. Ich habe

  • Zwei wunderbare und gesunde Kinder
  • Einen tollen Mann, der sich mit mir nicht nur die Bettdecke teilt sondern auch alles was nicht so schön ist
  • Einen normschönen und einigermaßen* gesunden Körper
  • Vorfahren, die machen, dass mir in unserer Gesellschaft keine rassistischen Nachteile widerfahren
  • Vorfahren, die machen, dass mir in unserer Gesellschaft keine klassistischen Nachteile wiederfuhren
  • Eine gute Bildung (hängt maßgeblich mit den beiden Punkten drüber zusammen)
  • Einen echt guten Job mit einem komfortablen Einkommen,…
  • … der mir darüber hinaus auch noch Spaß macht und mich intellektuell fordert
  • Ein Haus
  • Ein Auto
  • Einen Garten und Stockrosen die sehr gut auf verbotene Pflanzenschutzmittel Gebete ansprechen
  • Langsam sowas wie Freundschaften hier
  • Langsam lauwarmen Kontakt zu Menschen bei der Arbeit
  • Private Altersvorsorge weit überm norwegischen Durchschnitt

Ich lebe außerdem in Norwegen, wo es nicht dramatisch viel, aber schon spürbar gerechter zugeht als in Deutschland, was meinem gerechtigkeitsfanatischen Wesen sehr entgegen kommt.

Warum denke ich darüber also so lange nach? Habe ich „bist du glücklich?“ Gelesen, ohne dass es da stand? Gut möglich. Aber dann wieder die Folgefrage: warum mache ich das? Warum kann ich diese Frage noch viel weniger beantworten?

Ich weiß es nicht, ich habe eine Vermutung, die ist auch kein Geheimnis: das letzte Jahr war einfach zu krass, hat mich zu sehr aus der Bahn geworfen und, ja, auch beschädigt. Ich berapple mich weiterhin und klebe bunte Pflaster auf die hässlichen Risse in meinem Selbstwertgefühl, aber ganz verheilt sind die noch nicht. Ich bin deshalb immer in einer Habacht-Stellung, denke immer mit einem Teil meines Gehirns, dass das alles so schnell weg sein kann, vielleicht werd ich morgen gekündigt, wer weiß ob es Herr Rabe noch mal mit einer arbeitslosen und die Wände hochgehenden Frau aushalten würde? Jedenfalls ist es anstrengend so zu leben. Es wird langsam besser. Langsam. Ich kann ja mal was mit Ihnen und mir abmachen, als Versicherung, dass es selbst in dem Fall nicht der Weltuntergang wäre und ich auch damit klarkäme und es nicht erst wieder so werden muss wie letztes Jahr, ja? Wenn ich noch mal arbeitslos werden sollte, suche ich mir sofort, auf der Stelle und ohne Umwege eine*n Therapeuten*In. Ich weiß ja nun, dass das für mich so belastend ist, dass ich damit kaum selbst zurechtkomme, es hat keinen Sinn, es allein zu versuchen, wenn es doch Profis gibt, die das begleiten können.

So, das ist tatsächlich schon viel besser. Jetzt steht es da, jetzt muss ich es auch machen.

Also: Geht es mir gut? Ja, ausgesprochen.

Bin ich glücklich? Ja, auch das. Und wenn über alles ein dicker Teppich aus Mikroalgen gewachsen ist, muss ich auch über die Frage nicht mehr ewig nachdenken.

Und Ihnen? Geht es Ihnen gut?

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*ok, die Schilddrüse. Die vergesse ich immer, wenn ich grad gut eingestellt bin.