Tag 1195 – 12. Woche.

Schwangerschaften werden ja meistens erst der Öffentlichkeit mitgeteilt, wenn die ersten 12 Wochen rum sind. Die meisten begründen das damit, dass ja noch sooo viel passieren kann und da ist ja auch was dran, die meisten Fehlgeburten passieren in den ersten 5 Wochen und dann ebbt es langsam ab, bis man bei 12 Wochen bei einer einigermaßen konstant niedrigen Fehlgeburtenrate angelangt ist. Ich bin auch so. Und zwar, weil ich mit dem Mitleid nicht umgehen könnte. Erst die große Freude, die noch größere Hoffnung, dann plötzlich die große Trauer und dann muss man Mitleid aushalten. Ich bin da schlecht drin, im Aushalten. Da bin ich sogar im Mund halten besser, und das kann ich auch schon nicht gut. Jedes „oh nein, das tut mir so leid“ reibt noch mal Salz in die Wunde. Und deshalb habe ich die Schwangerschaften auch kaum jemandem erzählt, bevor die ersten, magischen 12 Wochen um waren.

Und deshalb habe ich auch kaum jemandem von dieser einen Bewerbung erzählt, die schon die 7. an dieses Unternehmen war. Weil ich da so gern hinwollte, bewarb ich mich auf alles mögliche (und weniger mögliche, ich meine, Qualitätskontrolle für Patientendaten-Software? Seriously?) bei denen, aber diese Stelle, die passte wirklich perfekt zu mir. Also bewarb ich mich. Vor 12 Wochen war das nun. Um 23:47 Uhr.

Ich machte mir gar nicht mal so viele Hoffnungen, aus Gründen, man stumpft etwas ab, das muss man auch, sonst ziehen einen die endlosen Absagen sehr runter. Aber dieses Mal klingelte tatsächlich nach eineinhalb Wochen das Telefon und ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Und alle so yeah? Nee, weil das sollte erst in weiteren vier Wochen stattfinden. Nach dem Deutschland-Urlaub. Also versuchte ich, da nicht zu viel drüber nachzudenken, aber der Punkt „Lernen“ stand auch da schon auf meiner To-Do-Liste.

Dann war ich bei dem Interview. Ich hatte gelernt, ich hatte viele Überlegungen in mein Outfit gesteckt und trug aus strategischen Gründen (ja, tatsächlich, so berechnend kann ich sein) ein Herrenparfum. Und wäre ich nicht später dieser Frau in die Karre gefahren, wäre das ein ziemlich guter Tag gewesen. Das Interview lief nämlich gut, ich redete mich nicht um Kopf und Kragen wie auch schon, sondern war nach den ersten zwei Sätzen ganz entspannt und antwortete auf die allermeisten Fragen ganz souverän. Nur Fragen danach, weshalb ich denn jetzt schon wieder den Job wechseln wolle, wo ich doch in der Chipsfabrik grad erst angefangen habe, die waren sehr unangenehm und meine Antworten schwammig. Ich war überrascht, wie… normal und locker die Leute drauf waren, wo doch alles bis ins Detail durchorganisiert war und das auch sein muss, wir reden hier halt nicht von irgendwem. Besonders lustig fand ich einen kurzen Disput zwischen der Abteilungsleiterin und dem HR-Menschen über „wann wollen Sie sich denn für einen Kandidaten entschieden haben?“, der HR-Mensch meinte nämlich „spätestens zum 1. November“ und erntete von der Abteilungsleiterin eine hochgezogene Augenbraue und ein „naja, vielleicht schaffen wir Anfang November“. Das Interview ging etwas länger als angesetzt war und die Stimmung war so entspannt, dass ich mich sogar traute, am Ende das zu tun, was ich irgendwo bei LinkedIn gelesen hatte, das man ruhig mal machen soll: zu sagen „Ich möchte diese Stelle wirklich sehr gerne haben.“

Danach: Grillenzirpen. Es. War. Schrecklich. Wirklich. Richtig. Schlimm. Die reinste Folter. Und irgendwann (nach einer Woche) hielt ich es nicht mehr aus und schrieb eine Mail. Vorher rief ich alle möglichen Menschen an, aber ohne Erfolg, jedenfalls schrieb ich einfach ganz mutig sowas wie „Danke fürs Interview, wie kommt ihr denn so voran mit dem Prozess?“. Und, ohne Witz, 10 Minuten später klingelte mein Telefon. Ob ich einen Persönlichkeitstest machen könne? Ich dachte erst, das war ein Test, wer sich meldet, kommt weiter, aber inzwischen denke ich, dass die Mühlen einfach sehr langsam mahlen. Denn es ging ja noch weiter. Ich machte direkt am nächsten Tag den Test, einen Logik-Test (verbales Schlussfolgern) und einen Arbeitsverhaltenstest. Ich bekam eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und nicht nur von ich weit überdurchschnittlich gut in verbalem Schlussfolgern (Ach!), nein, mein Arbeitsverhalten ist auch genau so, wie es für diese Art Stelle gebraucht wird. Ich bin tatkräftig, ergebnisorientiert und regelversessen, komme gut alleine klar, will Verantwortung, scheue Konflikte nicht und ich brauche das Gefühl, was sinnvolles zu tun. Hurra, dachte ich.

Es folgte: Grillenzirpen! Ich wurde fast bekloppt. Haare ausraufend schrieb ich nach wieder knapp einer Woche wieder eine Mail, ob denn das Testergebnis angekommen sei? Ja, war es. Es müsse besprochen werden und dann würden sie sich melden zwecks zweitem Interview. Bis diese Einladung zum 2. Interview, schon mit den Worten, ich hätte ja ein beeindruckendes Testergebnis, dann kam, dauerte es aber noch mal übers Wochenende. Interview am Freitag.

Dieses Interview lief rundum super. Die Abteilungsleiterin entschuldigte sich dafür, dass alles so lange gedauert hätte und meinte, es sei sehr gut gewesen, dass ich mich gemeldet hätte. Wir besprachen die Testergebnisse und die HR-Frau meinte, jemanden der so ein gutes Ergebnis in diesem Logik-Test gehabt hat hätte sie in 10 Jahren mit diesem Test noch nicht gehabt und ich würde außerdem ungewöhnlich hoch in der „Konsistenz“ scoren, was etwa sagt, dass meine Persönlichkeit sehr gefestigt ist. Wir besprachen alles weitere, ich traute mich zu sagen, dass ich mir einen Eintritt zum 1.1. wünsche und nicht schon zum Dezember (weil ich noch ein bisschen heilen möchte, aber das habe ich nicht gesagt) und die Damen erklärten mir sogar, was nun passiere und wenn ich den Vertrag zugeschickt bekäme, müsse ich innerhalb einer Woche antworten. Ich wertete das alles als gutes Zeichen, und als ich mich im Foyer von der HR-Frau nach etwas Geplänkel über Dialekte (sie ist aus Kristiansund und ich habe es erkannt, dass es eben ijje [nicht, in Dialekt] Trøndersk ist, sondern so wie meine eine Trondheimer Ex-Kollegin spricht) verabschiedete sagte sie mit einem Augenzwinkern „Wir sehen uns garantiert wieder.“

(Sie ahnen schon, was dann kam, oder? Genau.) Grillenzirpen. Sie ahnen auch, was ich tat? Genau. Ich schrieb eine Mail. Da letzten Mittwoch eine Frist für eine weitere Stelle in der gleichen Abteilung auslief, nutzte ich das als Vorwand um zu fragen, ob sie sich bis dahin wohl entschieden haben wollen, denn sonst würde ich mich zur Sicherheit auch darauf bewerben. Als Antwort bekam ich „Wir können die Entscheidung des Betriebsrates nicht vorwegnehmen, dieser tagt am Mittwoch. Bewirb dich doch einfach und dann kannst du die Bewerbung, wenn du ein Angebot bekommst, zurückziehen.“ Ok, also habe ich mich beworben. Zum 8. mal. Leider bekam ich dann am Mittwoch (aber dieses mal immerhin ohne dass ich selbst aktiv werden musste, was ich auch als gutes Zeichen wertete, sie wollten mich offenbar bei Stange halten) eine Mail, dass das Treffen des Betriebsrates auf Montag Nachmittag verschoben sei.

Es begann das Große Atmen. Herrje. Geduld ist nicht meine Stärke. Gut dass es am Wochenende so viel Ablenkung gab. Heute konnte ich mich nicht so gut ablenken und verbrachte den Großteil des Tages als mehr oder weniger nervöses Wrack, bis um 15:34 das Telefon klingelte.

Gratulation.

Wir möchten Ihnen die Stelle anbieten.

Vertrag kommt mit der Post und per mail, formelle Antwort bitte schriftlich auf Papier, informell gerne asap irgendwie. Sie freuen sich.

Ich konnte kaum reden und brach nach dem Auflegen in Tränen aus, aus Erleichterung und Freude, aber ich sagte mehrmals etwas hölzern, dass ich mich sehr freue. Und dann ging ich Champagner Prosecco kaufen.

Bald nicht mehr Alleinverdiener.

Ich bin also ab 1. Januar 2019 bei der Norwegian Medicines Agency beschäftigt und kontrolliere die Einhaltung der nationalen und internationalen Richtlinien in pharmazeutischen Produktionsbetrieben. In Norwegen und wo auch immer (außerhalb Europas) norwegische Betriebe produzieren.

Cheers!

(Sektduschengeräusch.)