Tag 102 – Der Schnuller

Ich wage es kaum zu schreiben, aber das Kind braucht keinen Schnuller mehr. Es hatte ja den Schnuller am zweiten Tag seines Lebens bekommen, nachdem es eine komplette Nacht wie bekloppt an mir herumgesaugt hatte und ich einfach nur dankbar für alles war, was mir eine Stunde Schlaf ermöglichte. Tja und seitdem war es halt druff.
Meistens fand ich das mit dem Schnuller auch sehr praktisch. Nächtliches Gemecker? Schnuller rein, Kind schläft weiter. Gezeter im Supermarkt? Schnuller rein, böse Blicke abgewendet. Der fiese Arzt hat in den Finger gepiekt? Schnuller rein, schnell vergessen. Sie erkennen das Muster.
Bloß nachkaufen und abkochen ist halt nervig mit Schnullern. Und die Panik wenn man irgendwo ist und feststellt, man hat den Schnuller vergessen. Das ist aber selten passiert und das Abkochen haben wir mit zunehmendem Alter des Kindes auch mehr und mehr schleifen lassen. Insgesamt würde ich mich definitiv zu den Pro-Schnuller-Menschen zählen und finde es nach wie vor schade, dass das Baby sich mit Schnullern nicht so richtig anfreunden kann. Wobei es mittlerweile auch egal ist, dann entfällt wenigstens das nervige Abgewöhnthema.
Mindestens seit einem Jahr, also seit das Kind zwei war, haben wir nämlich immer mal wieder drüber gesprochen, dass das mit dem Schnuller jetzt mal bald beendet sein sollte. Wegen des Kiefers und wegen Karies und überhaupt brauchen so „große“ Kinder doch keinen Schnuller mehr. Wir hatten aber beide den Eindruck, das Kind brauche das eben doch noch. Und wir hatten – ich frisch wieder schwanger und zum Umfallen müde – beide keinen Bock auf nächtlichen Terror wegen des Schnullerentzugs, wo doch gerade endlich eine für alle zufriedenstellende Schlafsituation eingekehrt war. Also gut, dann etwas später, sagten wir uns. Dann zogen wir um, die neue Wohnung und das alles, das war so fremd und wir wollten das Kind nicht überfordern. Also durfte es weiter Schnullern. Der Bauch wuchs immer weiter, das Kind begann zu begreifen, dass da ein Baby drin war, das bald mit uns leben würde. Es stand ein Kindergartenwechsel an. Das Kind brauchte tagsüber keine Windel mehr. Wieder so viele neue Sachen: Ach komm, lass dem Kind den Schnuller, es ist eh schon so viel Neues. Und schon stand der dritte Geburtstag vor der Tür und es zeigte sich auch ein beginnender Überbiss. Ich hoffte deshalb auf den Zahnarzttermin, den Kinder hier mit drei Jahren erstmalig haben. Vielleicht, wenn die Zahnärztin sagt, dass das mit dem Schnuller aufhören muss? Nein, tat sie nicht. Trotzdem beschlossen wir, dass wir keine neuen Schnuller mehr kaufen würden und teilten dies dem Kind mit. Eigentlich benutzte es den Schnuller zu diesem Zeitpunkt schon nur noch zum Einschlafen und manchmal als Tröster bei Aua und Traurig. In den neuen Kindergarten nahm es keinen Schnuller mehr mit. Das Kind schien unsere Entscheidung zu akzeptieren und schmiss trotzdem immer mal wieder Schnuller weg, weil sie kaputt waren (scheinbar kann man sich an nem zerkauten Silikonschnuller prima die Zunge einklemmen) oder im Falle der Latexschnuller komisch schmeckten. Zuletzt hatte es noch drei.
Dann kam das Leckekzem. Das haben viele Kinder, auch welche ohne Schnuller. Es kommt vom dauernden Lecken oder Besabbern der Mundregion. Da wird die Haut um den Mund erst sehr trocken und rissig und schließlich wund und nässend. So weit kam es bei uns nicht, weil wir immer gut cremten und außerdem das Kind überzeugten, dass der Schnuller jetzt wirklich nicht gut sei. Und siehe da: das Kind verstand das! Wirklich, der Vorteil eines Dreijährigen ist das es sowas eben schon versteht und dann eben von sich aus entscheiden kann, dass die Lippe ja schon so unangenehm brennt und wenn die Eltern sagen, das wird besser, wenn man nicht schnullert, dann kann man das ja mal probieren. Zudem wir eben auch überzeugt waren, dass es wirklich besser werden würde, wenn es auch ohne Schnuller schlafen würde und entsprechend klar auftreten konnten. In der ersten Nacht schloss ich mit dem Kind den Kompromiss, dass es mit Schnuller einschlafen könne und ich ihm nach dem Einschlafen den Schnuller aus dem Mund nehmen und weglegen würde. Das klappte gut. Am zweiten Abend gab es eine kurze Diskussion, aber das Argument mit der Lippe zog. Am dritten Abend versuchte das Kind mich anzuschwindeln, seine Lippe sei ja schon heile („Aua weggeflogt, nicht mehr weh!“). Ich nahm es mit Humor, wies auf die nach wie vor kaputte Lippe hin und schlug vor, es heute nochmal ohne Schnuller zu probieren. Die letzten Nächte habe es ja auch schon ganz toll geklappt. Das fand das Kind ok.
Und seitdem hat das Kind nicht mehr nach dem Schnuller gefragt. Das ist jetzt ne Woche her.
Klar hätte ich mir gewünscht, dass es früher passiert wär. Ich hätte mir auch gewünscht, dass es keine kaputte Lippe als Anstoß gebraucht hätte. Ich will auch absolut gar nicht behaupten, dass es immer total problemlos abgeht mit der Entwöhnung, wenn man sie einfach immer wieder herausschiebt. Ich weiß auch nicht, was wir mit den drei verbliebenen Schnullern machen sollen*. Aber letztlich war es gut, dass das Kind selbst entschieden hat, es ohne Schnuller zu probieren. Und dann erkannt hat, dass es gut ohne geht. Und am Ende ist ein Schnuller eben für Babys. Und nicht für große Kinder.

 

*(Als ich mit dem Rauchen aufgehört hab, hatte ich noch mindestens ein Jahr lang eine Packung Tabak in meinem Zimmer liegen. Als Rückversicherung, dass ich ja könnte, wenn ich wollte. Allerdings war ich da auch 23 und nicht 3.)

2 Gedanken zu “Tag 102 – Der Schnuller

  1. Unsere Große war sogar schon 4 1/2 Jahre. Mit den Zähnen war alles bestens, also ließ ich ihr die Zeit. Der Papa drängelte ab und an – ausgerechnet! Er hatte seinen Daumen viiiiel länger 😜 Und dann kam es – wie bisher alles bei ihr – plötzlich, überraschend, von einem auf den anderen Tag!
    Unsere Kleine hat sich mit knapp 2 1/2 aufgrund aufgeschlagener Lippe selbst entwöhnt. War ne echt fiese Verletzung, hätte es lieber anders gehabt.

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    • Ja, das kann ich mir gut vorstellen bei der Kleinen. Autsch! Und zu den Zähnen: weder Herr Rabe noch ich hatten Schnuller oder Daumen und hatten kieferorthopädiemäßig beide so ungefähr alles was geht… Also auch umgekehrt gibt es keine Garantie.

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