Tag 177 – Selbstmitleid

In der Hoffnung, dass es besser wird, wenn ich es aufschreibe, folgt jetzt ein Post voller, Sie ahnen es schon, Selbstmitleid. Lesen Sie einfach lieber nicht weiter. 

Ich bin so müde. So. Müde. Müüüüüde. Pippi will abends nicht ins Bett, wird dann, wenn sie einmal drin ist, dauernd wach, nuckelt an mir herum, döst weiter, will auf der anderen Seite liegen, nuckelt, döst, wühlt herum, kneift mir in die Nase, die Brust, die Oberarme, hat Hunger, trinkt, nuckelt, und so weiter. Bis morgens. Letzte Nacht die Krönung: nachdem ich verzweifelt und vergeblich versucht hatte, sie wieder zum Schlafen zu kriegen, wollte sie gerne ein bisschen Spielen und laberte im Bett herum, offensichtlich hellwach. Um zwei Uhr nachts. Nachdem ich ca. 1,5 Stunden geschlafen hatte. Ganz ehrlich: da ist das Ende meines Geduldsfadens erreicht. Pippi angeschrien, Mann angeschrien, mit Pippi auf dem Arm wütend durch die Wohnung gestapft, Heulanfall bekommen, volles Programm. Und da sind wir auch schon beim zweiten Punkt: ich bin ungeduldig und pampig und gereizt und hasse alles und jeden, wegen nix. Michel ist in der „Warum?“-Phase angekommen, es hat etwas gedauert, bis wir das gerafft haben, weil er in einer Kindersprache-Version des lokalen norwegischen Dialekts fragt: „Kuful?“. Dieses Kuful nervt mich aber schon beim zweiten Mal zu Tode und ich ranze nur Michel an, obwohl ich sehr genau weiß, dass Kinder Sarkasmus nicht verstehen, dass es für ihn wichtig ist, Zusammenhänge zu erfragen, Blabla, pädagogisch KANN ICH GRAD NICHT! Und dann fühle ich mich super schlecht, wenn ich statt einfach zu sagen „Leute in Norwegen wohnen eben in Häusern, sonst wäre es zu kalt, deshalb wohnt auch dein Kumpel C. in einem Haus.“ nur pampig „Orrrrrr DARUM!!!“ antworte. Und das nicht nur einmal am Tag. Eigentlich will ich nur meine Ruhe. Michel soll weggehen mit seinem Kuful und seinen Stinkepupsen und seinem nächtlichen Zähneknirschen. Pippi soll weggehen mit ihrer Kacklaune, dem Geschrei, dem Kneifen. Und schon das zu denken macht mich in meiner eigenen Wertvorstellung zu einer sehr sehr schlechten Mutter. Und hatte ich schon erwähnt, dass ich obendrein eine schlechte Hausfrau und allgemein Frau bin? Ich kriege nichts auf die Reihe, ehrlich, mal die Spülmaschine anmachen oder ausräumen oder mal ne Maschine Wäsche ist das Höchste der Gefühle diese Woche. Geduscht habe ich heute auch einfach mal nicht: Pickeln, trockenen Stellen und Hautproblemchen wie bei einer Pubertierenden gefällt das! Meistens laufe ich zu Hause in meiner XL-Jogginghose rum, die viel zu groß ist, weil im 8. Monat schwanger gekauft. Inzwischen habe ich aber ich weiß nicht wieviel abgenommen, viel, da würden sich viele sicher drüber freuen, ich so geht so. Weil mir nix mehr passt. Hosen am Po zu weit, rutschen trotz Gürtel. Pullis und Kleider die Schlabbern. Mal abgesehen von meinen Brüsten, die einen sehr traurigen Anblick bieten. Und für neue Garderobe kaufen bin ich zu geizig. Ich weiß ja auch nicht, ob mein Körper schon fertig ist mit Abnehmen. Dank Stillen und Schilddrüse geht da ja vielleicht noch was. Oder vielleicht nehme ich auch wieder zu. Weiß man ja alles nicht. Also laufe ich in den immer gleichen Schlabbersachen rum und dieser Modeheini nickt wissend in meinem Kopf und steckt Herrn Rabe Visitenkarten von Scheidungsanwälten zu. Dann bin ich also demnächst getrennt erziehend und arbeitslos, weil das mit der Promotion läuft ja auch eher schleppend und ich müsste echt mal Druck machen, dass gewisse Dinge noch laufen bevor ich zurückkomme aber Ich. Hab. Gar. Keinen. Bock. Meine Arbeitsmotivation ist beim absoluten Nullpunkt angekommen. Ich will noch nicht mal Paper lesen. Am liebsten würde ich irgendwelche stumpfsinnigen Handlangeraufgaben machen, aber dafür bin ich wohl überqualifiziert und außerdem würde mich das auch wieder nerven nach ner Weile, deswegen hab ich die Promotion ja angefangen. Vielleicht hab ich auch einen ganz falschen Job, aber ich dachte lange, dass das das einzige ist, was ich kann. Und bei Licht betrachtet: irgendwas mit Menschen: nein. Mit Schreiben Geld verdienen: zu risky. Zu unkreativ. Am ehesten noch Gastro, aber zu blöde Arbeitszeiten. Oder Dienstleistung: zu schlecht bezahlt. Also hallo, Pharmamafia. Die dunkle Seite der Macht. Hrmpf. 

Ich habe den Eindruck, ich muss mal schlafen. 

12 Gedanken zu “Tag 177 – Selbstmitleid

  1. ich bin mit meinen zwei Mädels (3&10) ja aus dem gröbsten raus, glaub mir, wird besser. Dann kommen zwar andere sorgen zuweilen hinzu – grundschule war doof, wir überlegen, das bei der kleinen einfach zu lassen 😀 – aber alles wird so viel entspannter. sie essen ohne dass man danach die nahrung vom boden kratzen kann. sie schlafen brav und manchmal herrlich lange. man kann mit ihnen sachen unternehmen und sich so richtig schön unterhalten.sie gehen alleine aufs klo und danach kann das sogar jemand benutzen ohne sich übergeben zu müssen. sie hören hörbücher zum einschlafen. ab um 8 ist alles still und friedlich. ja unvorstellbar, ein märchen, mythos, nur legende in deinen augen gerade. aber wird alles 😉
    und ja das mit boah-nerv-nich-gefühl haben wir alle, auch wenn blogs/instagram/twitter immer suuuuuuuper tolle entspannte mamas zeigen, die alle ihr dasein in endloser geduld und aufopferung für ihre kinder verbringen, und das in voller glückseligkeit und zufriedenheit… und natürlich super ordentlich…mit nur selbstgenähten sachen….und öko… und erwähnte ich schon die unendliche geduld und glückseligkeit?

    wir motzen alle, auch wenn es kaum jemand zugibt, zuweilen unsere kinder an. und sch.. drauf. machen die mit uns genauso und sie haben dabei kein schlechtes gewissen 😉

    rachegdanken helfen übrigens. überlegen wann du deine übermüdeten teenager zb. mal sonntags wecken wirst um sie früh zum bäcker zu schicken. Glaub mir ist ein heidenspaß schon mit der 10jährigen und entschädigt für sehr viel^^

    lass den kopf nicht hängen, aber mecker ruhig. hilft, entspannt und in sich reinfressen und auf fröhlich machen ist viel, viel gruseliger….

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    • Hallo!
      Ja, unendliche Geduld und Glückseligkeit hätte ich ja auch gerne. Und hey: „Dein Alltag ist ihre Kindheit“ – aber bloß kein Druck! „Stress dich nich so, entspannte Eltern – entspannte Kinder!“ – also ich entspanne total schlecht, wenn ich dazu aufgefordert werde. Ich wünsche mir echt manchmal mehr Ehrlichkeit im Internet. Es ist eben nicht immer alles schön und rosig. Es ist auch nicht immer alles scheiße. Es ist ein auf und ab, und manchen hilft es eben, sich über die mistigen Tage auch mal auszukotzen. (Am allerschlimmsten finde ich dann immer diese Beiträge die so den Tenor haben „Bei uns ist auch nicht alles perfekt: Seht her, wie perfekt unperfekt bei uns alles ist und wie entspannt ich genervt sein kann und wie ich das NIE die Kinder spüren lasse!“)

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  2. Hallo, Frau Rabe!

    Kann auf Norwegisch sagen, dass ich kein Norwegisch kann und ich kenne alle Berte Bratt Bücher. Vielleicht ist diese Qualifikation ausreichend um mit Pippi und Michel Ihnen ein bisschen Luft zu verschaffen.

    *streckt virtuell die Arme aus*

    Halten Sie durch!! Sie schaffen das! Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen!

    (())

    LG
    Isa

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    • Dankeschön für die lieben Worte! Ich weiß ja, dass es besser wird, ich denke wirklich ein paar Nächte mit etwas mehr Schlaf und ich kann auch wieder gelassener mit mir selbst und mit den Kindern umgehen. Und sich Auskotzen hilft mir ganz ungemein. Und natürlich all die netten Worte hier und anderswo 🙂

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  3. Mamamaj schreibt:

    Liebe Frau Rabe!
    Es wird wieder besser ganz bestimmt! Und eine schlechte Mutter ist man ganz sicher nicht, nur weil man mal müde sauer und ungerecht ist. Dann ist man einfach ein Mensch. Und die Kinder nehmen einem das auch nicht so krumm wie man befürchtet. Ich hab auch oft solche Tage, auch noch obwohl meine Kinder schon 5 und 7 sind. Und wenn ich mal wieder so kacke war dann entschuldige ich mich am Ende bei den beiden und es ist wieder gut. Und vielleicht ist der nächste Tag besser und vielleicht auch nicht. Ich denk mir immer wenn die Kinder nicht zu hause auch mit negativen Gefühlen in Berührung kommen, wie sollen sie dann damit umgehen, wenn sich mal Leute außerhalb der Familie so verhalten? Und das wird spätestens in der Schule der Fall sein. Wichtig ist, dass die Kinder wissen, dass sie geliebt werden, auch wenn man gerade stinkig ist. Und ich bin mir sicher, dass wissen deine Kinder.
    Und ich kann an solchen Tagen den übermäßigen Verzehrt von Süßwaren sehr empfehlen! Und vielleicht mal ein paar Stunden Auszeit, nur für Dich!
    Liebe Grüße, Mamamaj

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    • Hallo,
      Das ist ein guter Punkt mit den negativen Gefühlen. Ich denke auch, dass die Kinder lernen können, dass alle Menschen eben manchmal nicht gut drauf sind, aus unterschiedlichsten Gründen, und dass man damit umgehen kann. Ich wünschte nur, ich könnte ihnen ein etwas weniger nach außen gerichtetes Umgehen zeigen. Andererseits: Sollen meine Kinder mit inneren und äußeren Konflikten so umgehen wie die Norweger und sich alleine in den Wald verkrümeln bis sie zu einem Schluss gekommen sind, den der Rest der Menschheit dann nur noch mitgeteilt bekommt? Auch eher nicht.
      Kindererziehung hatte ich mir einfacher vorgestellt.
      Erst mal Schokolade suchen.

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  4. Bettina schreibt:

    Schließe mich da voll und ganz an!!!!! Kinder können echte Terroristen sein….und Schoki in jeglicher Form ein großer Tröster! Das ist momentan echt eine anstrengende Zeit in dem Alter und du musst irgendwie versuchen irgendwas zu finden, wo du DEINE Batterien wieder aufladen kannst! Und denk dran, der Haushalt läuft nicht weg 😉 Und ja: natürlich darfst du rumwettern, wenn dich was nervt! Machen die Kinners ja auch. Sie lieben dich und du sie. Und Herr Rabe liebt dich auch mit Schlabber-Outfit. Ganz bestimmt 🙂 Ich drück dich mal :-*

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    • Dankeschön! Also fürs Drücken! Und dass die Kinder das ja auch machen stimmt leider. Im Moment machen sie ja quasi nichts anderes. Leider ist das ein Teufelskreis der schlechten Laune. Aber jetzt ist ja Wochenende und vielleicht schlafen wir ja einfach mal alle ein bisschen mehr. (Hihi, ich höre Pippi im Kinderwagen schnalzen. Ich glaube, sie ist wach.)

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  5. Heidi Ruscher schreibt:

    Hallo Frau Rabe!!!ich kann sie soooo gut verstehen und fühle mit.Jetzt sind meine Jungs gross(12 und 14),aber die Baby Zeit der Beiden fand ich mitunter auch schrecklich anstrengend…ich bin dann in den Keller gegangen und hab nen richtig lauten Sch…,Sch…,Sch….-Brüller rausgeschrien…Danach hab ich meinen Mann angerufen und so richtig losgejammert..Mitunter hat es etwas geholfen…jetzt kommt noch der Spruch:alles wird besser!!bis dahin:Durchhalten!Herzliche Grüße aus Sachsen

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