Tag 684 – Vergeudete Zeit.

Ich stehe in der Küche und es ist heiß. Unheimlich heiß. In Deutschland ist Hitzewelle, hier ist es nur heiß, weil der Backofen seit eineinhalb Stunden auf Brotbacktemperatur läuft. Ich schnipple Gemüse und schwitze. Warum ist es noch in einem Meter Abstand zum Ofen so heiß? Vermutlich sind es gar nicht die Heizungen, die hier die astronomische Stromrechnung verursachen, es ist der Backofen und meine gefühlte Verpflichtung, unser Brot selbst zu backen. Die Selleriebrocken sind zu groß, ich hacke wütend alles kleiner, es ist viel zu heiß, der Sellerie fliegt in alle Richtungen, das dauert auch zu lange alles, viel zu lange, ich sollte jetzt Zeug schreiben und nicht Brote backen und Bolognesesauce kochen, aber irgendwer muss ja die Kinder betüddeln und das macht also Herr Rabe jetzt gerade, aber auch so Bolognese braucht ja ihre Zeit, sonst schmeckt die hinterher nicht. Eigentlich soll das ja Lasagne werden, das dauert ja dann noch mal länger. Das Wochenende verrinnt, mir rinnt der Schweiß, ich will eigentlich nur noch wegrennen und muss aufpassen, dass mir nicht die Trännen zu rinnen beginnen weil ich das alles nicht schaffe, Vereinbarkeit von Brot, Bolognese und Diss schreiben, haha. Ich brate die Zwiebeln an, jetzt stehe ich also direkt vorm Ofen, der bei 250 Grad bullert und ich schwöre mir, falls ich mal eine Küche selbst gestalten darf, wird die einen richtig guten Backofen haben, der wird dann aber auf Arbeitsplattenhöhe angebracht sein und mit einigem Abstand zum Herd. Zwiebeln, Sellerie, Möhren, Knoblauch. Die Möhren mussten eh weg, da sind auch noch Tomaten, die sind auch schon überfällig, die müssen noch gehäutet werden, ich werfe den Wasserkocher an. Es wird immer heißer. Ich ziehe meinen Pulli aus und koche im BH, mir doch egal, ob die Nachbarn mich sehen, sollen sie weggucken, wenns sie stört. In der Küche sind sicher 30 Grad. Sojahack zum Gemüse, die ganze Tüte, kostet an die 70 Kronen, aber Biohack vom Rind wär noch teurer. Wenn das die echten Bolognese-Fans hören (jetzt ja lesen) kriegen die bestimmt nen Herzkasper. Sojahack. Ich würze die ganze Geschichte mit Salz und Pfeffer und denke an meine ersten Bolognese-Versuche, als mir niemand gesagt hatte, dass man schon das Hack in der Pfanne würzen muss, weil man sonst hinterher nur fade schmeckende graue Würmer in Tomatensauce hat, vor allem, wenn man sich das mit dem „kross anbraten“ nicht traut und echt schlechtes Hackfleisch hat, weil, ach, aus Gründen, wir hatten ja nix und überhaupt legte man damals bei uns zu Hause nicht so viel Wert auf tolle Qualität, Hauptsache es wurden alle satt und aßen das, was gekocht wurde. Also, das war natürlich noch zu Zeiten, als ich bei meiner Mutter wohnte. Da kam auch kein Gemüse in die Bolognese, das heißt, doch: Paprika. Aber erst ganz kurz vor Schluss, weil wirklich niemand zerkochte Paprika mag. Meine Kinder, zumindest Michel, werden die Lasagne vermutlich auch nicht essen, weil, Dings, warum eigentlich? Ach ja, weil der nix isst außer nackter Nudeln, schon mal gar nicht, wenn es irgendwie Gemüsig anmutet. Ich koche also grade Essen, das hinterher außer Herr Rabe und mir natürlich keiner mag, und es ist nicht so, dass ich entspannt die Muße habe, nein, ich hasse alles daran, es dauert zu lange und es ist zu heiß. Ah, die Tomaten, ich hab das Wasser vergessen, stelle es nochmal an und prökel die Strünke aus den Tomaten, ich öffne den Rotwein, die vorletzte Flasche trinkbaren Rotweins, die wir haben und rieche skeptisch am Inhalt. Eine Flasche aus dem Karton war nämlich mal verkorkt und ich merkte es nicht, bevor das Essen mitsamt verkorktem Wein drin auf dem Tisch stand und das war dann ziemlich eklig. Ich lösche mein Gebrate mit dem Wein ab, schon ordentlich viel Wein, trotzdem verkocht das meiste direkt, auf die Tomaten kippe ich das Wasser, das Brot ist fertig und ich nehme es aus dem Ofen, es ist immernoch heiß aber ohne Pulli erträglich, aber wo ist die Zeit hin, meine Güte, ich bin zu langsam, viel zu langsam mit allem. Der Wein ist eingekocht, ich tue viel Tomatenmark und ein bisschen Senf dazu, ziehe den Tomaten die Haut ab und tue auch die dazu, zerdrücke die Tomaten und vermansche alles, ich mag gar keinen Senf, das war meiner Mutter aber immer egal, die mag dafür keinen Sellerie und das ist mir dann inzwischen egal, aber der Senf in der Bolognesesauce, wieso mache ich das eigentlich, jedes Mal frage ich mich das und tue ihn dann doch rein, aber so wenig, dass ich und vermutlich auch niemand anders es schmeckt. Fürs Gefühl halt. Die Tomaten haben zu wenig Flüssigkeit und ich denke wieder an die Herzkasperfraktion während ich einen guten Schluck passierte Tomaten in die Sauce kippe. Alles dauert zu lange, die Lasagne braucht ja hinterher auch noch mal dreißig, vierzig Minuten im Ofen und danach ist Bettzeit und ich hab noch nichts geschafft heute, ich sollte es einfach aufgeben, der Zeitplan haut nicht hin, vielleicht sollte ich meine Mutter bitten, im August zu kommen, damit ich da wenigstens was schaffe und nicht alles an Herrn Rabe hängen bleibt. Moment, meine Mutter ist nie ein Hilfe sondern immer ein Klotz am Bein, richtig, das war ja so rum. Ich hasse alles und räume, mich selbst kasteiend dafür, dass ich mich dafür verantwortlich fühle, die Waschmaschine aus und hänge Wäsche auf, die Bolognesesauce kocht sich ein bisschen ein, hoffentlich macht Herr Rabe später wenigstens eine Béchamel-Sauce, vermutlich mache das aber auch wieder ich, weil es langsam echt spät wird, wenn wir erst um sieben essen, sind die Kinder unleidlich, die Zeit, sie rennt, auf allen Ebenen. Die Wäsche hängt, ich probiere die Sauce.

Sie schmeckt nach Sellerie.

Tag 177 – Selbstmitleid

In der Hoffnung, dass es besser wird, wenn ich es aufschreibe, folgt jetzt ein Post voller, Sie ahnen es schon, Selbstmitleid. Lesen Sie einfach lieber nicht weiter. 

Ich bin so müde. So. Müde. Müüüüüde. Pippi will abends nicht ins Bett, wird dann, wenn sie einmal drin ist, dauernd wach, nuckelt an mir herum, döst weiter, will auf der anderen Seite liegen, nuckelt, döst, wühlt herum, kneift mir in die Nase, die Brust, die Oberarme, hat Hunger, trinkt, nuckelt, und so weiter. Bis morgens. Letzte Nacht die Krönung: nachdem ich verzweifelt und vergeblich versucht hatte, sie wieder zum Schlafen zu kriegen, wollte sie gerne ein bisschen Spielen und laberte im Bett herum, offensichtlich hellwach. Um zwei Uhr nachts. Nachdem ich ca. 1,5 Stunden geschlafen hatte. Ganz ehrlich: da ist das Ende meines Geduldsfadens erreicht. Pippi angeschrien, Mann angeschrien, mit Pippi auf dem Arm wütend durch die Wohnung gestapft, Heulanfall bekommen, volles Programm. Und da sind wir auch schon beim zweiten Punkt: ich bin ungeduldig und pampig und gereizt und hasse alles und jeden, wegen nix. Michel ist in der „Warum?“-Phase angekommen, es hat etwas gedauert, bis wir das gerafft haben, weil er in einer Kindersprache-Version des lokalen norwegischen Dialekts fragt: „Kuful?“. Dieses Kuful nervt mich aber schon beim zweiten Mal zu Tode und ich ranze nur Michel an, obwohl ich sehr genau weiß, dass Kinder Sarkasmus nicht verstehen, dass es für ihn wichtig ist, Zusammenhänge zu erfragen, Blabla, pädagogisch KANN ICH GRAD NICHT! Und dann fühle ich mich super schlecht, wenn ich statt einfach zu sagen „Leute in Norwegen wohnen eben in Häusern, sonst wäre es zu kalt, deshalb wohnt auch dein Kumpel C. in einem Haus.“ nur pampig „Orrrrrr DARUM!!!“ antworte. Und das nicht nur einmal am Tag. Eigentlich will ich nur meine Ruhe. Michel soll weggehen mit seinem Kuful und seinen Stinkepupsen und seinem nächtlichen Zähneknirschen. Pippi soll weggehen mit ihrer Kacklaune, dem Geschrei, dem Kneifen. Und schon das zu denken macht mich in meiner eigenen Wertvorstellung zu einer sehr sehr schlechten Mutter. Und hatte ich schon erwähnt, dass ich obendrein eine schlechte Hausfrau und allgemein Frau bin? Ich kriege nichts auf die Reihe, ehrlich, mal die Spülmaschine anmachen oder ausräumen oder mal ne Maschine Wäsche ist das Höchste der Gefühle diese Woche. Geduscht habe ich heute auch einfach mal nicht: Pickeln, trockenen Stellen und Hautproblemchen wie bei einer Pubertierenden gefällt das! Meistens laufe ich zu Hause in meiner XL-Jogginghose rum, die viel zu groß ist, weil im 8. Monat schwanger gekauft. Inzwischen habe ich aber ich weiß nicht wieviel abgenommen, viel, da würden sich viele sicher drüber freuen, ich so geht so. Weil mir nix mehr passt. Hosen am Po zu weit, rutschen trotz Gürtel. Pullis und Kleider die Schlabbern. Mal abgesehen von meinen Brüsten, die einen sehr traurigen Anblick bieten. Und für neue Garderobe kaufen bin ich zu geizig. Ich weiß ja auch nicht, ob mein Körper schon fertig ist mit Abnehmen. Dank Stillen und Schilddrüse geht da ja vielleicht noch was. Oder vielleicht nehme ich auch wieder zu. Weiß man ja alles nicht. Also laufe ich in den immer gleichen Schlabbersachen rum und dieser Modeheini nickt wissend in meinem Kopf und steckt Herrn Rabe Visitenkarten von Scheidungsanwälten zu. Dann bin ich also demnächst getrennt erziehend und arbeitslos, weil das mit der Promotion läuft ja auch eher schleppend und ich müsste echt mal Druck machen, dass gewisse Dinge noch laufen bevor ich zurückkomme aber Ich. Hab. Gar. Keinen. Bock. Meine Arbeitsmotivation ist beim absoluten Nullpunkt angekommen. Ich will noch nicht mal Paper lesen. Am liebsten würde ich irgendwelche stumpfsinnigen Handlangeraufgaben machen, aber dafür bin ich wohl überqualifiziert und außerdem würde mich das auch wieder nerven nach ner Weile, deswegen hab ich die Promotion ja angefangen. Vielleicht hab ich auch einen ganz falschen Job, aber ich dachte lange, dass das das einzige ist, was ich kann. Und bei Licht betrachtet: irgendwas mit Menschen: nein. Mit Schreiben Geld verdienen: zu risky. Zu unkreativ. Am ehesten noch Gastro, aber zu blöde Arbeitszeiten. Oder Dienstleistung: zu schlecht bezahlt. Also hallo, Pharmamafia. Die dunkle Seite der Macht. Hrmpf. 

Ich habe den Eindruck, ich muss mal schlafen.