Tag 266 – I trust you.

So, zwei Tage Arbeit liegen jetzt hinter mir. Puh. Ich bin ehrlich gesagt ganz schön geschafft, dabei habe ich sogar noch kurze Tage, weil mir wegen des Stillens noch extra Pausen zustehen, die ich alle am Ende der Arbeitszeit nehme, um früher zu Hause zu sein. Dann kommt da noch zu, dass wir im öffentlichen Dienst seit dem 1. Mai Sommerarbeitszeit haben, die eh schon kürzer ist… es könnte alles sehr viel schlimmer sein. Trotzdem war es einfach die letzten zwei Tage etwas aufregend.

Erstmal fühlte ich mich komplett fehl am Platz. Trotz Make-up und sauberen Klamotten kam ich mir vor wie eine Mutti, die sich irgendwie eingeschlichen hat in dieses Gebäude namens Labcenter. Und die jetzt so tut, als wäre sie da ganz heimisch, um dann heimlich, ja was eigentlich? Zu putzen? Naja, Mutti-Dinge zu tun eben. Dass der Montag mit einem Arbeitsgruppenmeeting beginnt, bei dem dieses Mal ein Video gezeigt wurde, wie einer Ratte Botox in den Magennerv injiziert wird („it also contains a dye so that we can see where it goes“), machte es auch nicht weniger absurd.

Weil meine Proben seit nunmehr 11 (!!!1ELF!!!) Monaten unanalysiert im Gefrierfach liegen und ich keinen Bock auf Langeweile habe, ging ich nach dem Meeting ziemlich direkt ins Büro meines Chefs. Der hatte eh schon meine Ankunft erwartet, um mir was aufs Auge zu drücken. Er sagte „This could be a nice plan B for you.“ woraus ich schließe, dass er mittlerweile doch auch gemerkt hat, dass mein eigentliches Projekt („Finde die Struktur eines strukturlosen, wobbeligen, instabilen Proteins“) wenn nicht tot ist so doch mindestens im Wachkoma liegt. Dafür hat ein Ex-Kollege beim Suchen nach was anderem was total interessantes gefunden. Das absolut gar nichts mit meinem Projekt zu tun hat. Aber interessant ist es. Auch nicht so abgegrast wie DNA-Reparatur. Für die die es interessiert: Ich darf mich jetzt in das Thema mRNA editing (chemisches/enzymatisches/inhärentes) einarbeiten. Wheeee. Ich bekam auch sogleich das Manuskript eines Papiers des Ex-Kollegen in die Hand gedrückt, die Abbildungen und Tabellen zugeschickt und den Auftrag, mich da erstmal durchzuarbeiten.

Damit war ich dann heute Mittag fertig. Und rannte auf dem Flur auf dem Weg zum Mittagessen meinem Zell-Spezialisten-Kollegen über den Weg. Der macht quasi alle Knock-out-Zellen für uns alle, plus tausend andere Sachen und wenn einer die unbefristete Anstellung als Wissenschaftler verdient, dann er. Egal, jedenfalls rief er mir im Vorbeirennen zu, ich solle doch heute direkt die Zellen auftauen. Also, wenn ich Zeit hätte. Ich rief zurück, ich hätte Zeit, aber am Wochenende sei ich weg und könne mich nicht um die Zellen kümmern. Er meinte, das sei kein Problem, er übernehme die. Medium sei im Kühlschrank. Und die Zellen? Die seien im Stickstofftank, „just search in the datasheet and take them. I trust you.“ .

Huuuuiiii, und das am zweiten Tag Arbeit, noch mit halbem Baby-brain. Scheinbar haben alle Angst, dass uns wer auf dem Gebiet zuvorkommt (ist schon zweimal passiert in dem Projekt) und das muss jetzt alles total schnell gehen. Hast du schon mal polyA-RNA extrahiert? Nee, Chef, aber ist das nicht genauso wie diese DNA-beads? Dann kann ich das. Ok, dann leg heute noch los.

Und so taute ich dann Zellen auf. Ich war total auch nur ein klitzekleines bisschen nervös, es zu verkacken. Bei drei Stickstofftanks á 6 Türmen á 10 Boxen dauerte es ein bisschen, bis ich „tank 3, Box 5.10“ gefunden hatte, aber das war eigentlich auch schon fast der schwerste Teil der Aufgabe. Dann reinigte ich meine Pipetten super gründlich, um möglichst wenig aus dem anderen Projekt in das neue zu übertragen und stellte sie zum Autoklavieren hin.

Huuuuhhhh, es ist alles so aufregend!

(Morgen sehe ich dann, ob die Zellen gut anwachsen, teste die Pipetten und ob ich die noch justieren muss, lese irgendwelche Dinge über die Grundlagen von RNA base editing und RNA binding proteins und ab Mittag tun mir wieder die Brüste weh. Es wird ein Spaß!)

Trivia: M. ist schwanger, Bürokollege M. ist weiterhin verschollen, A. und M. sind im Mutterschutz, S. in Elternzeit. Beide Forscherlinie-Studenten (die machen eigentlich einen MD, aber mit verkürztem PhD obendrauf, um dann medizinische oder pharmazeutische Forschung zu machen später) sind jetzt im praktischen Jahr und weg.

4 Gedanken zu “Tag 266 – I trust you.

  1. Marsupilami schreibt:

    Ach wie schön, so viel Labor-Slang in einem Artikel! So lese ich noch10x lieber mit!
    Und viel Erfolg für’s mRNA Projekt, vielleicht wird ja ein Nature-Paper draus (das war der Running Gag während meiner Promotionszeit… war aber natürlich nix mit Nature bei mir… hachja..)

    Gefällt 1 Person

  2. ohmskine schreibt:

    Hallo Frau Rabe,

    habe bisher nur mitgelesen. Jetzt muß ich es aber mal loswerden:

    HOCHACHTUNG!

    Wegen allem. Zwei knuddelige Kinder , beherzt Auswandern, konsequent Brot selber backen, unterhaltsam Bloggen, kreativ Nähen und nun auch noch Promovieren. Mal so nebenbei. In Molekularbiologie (?).

    Ich bin schwer beeindruckt.
    Habe in Molekulargenetik promoviert, aus Versehen in Botanik (das Fach das ich bis zum Diplom vermeiden konnte). Und habe das ganz bewußt erledigt, BEVOR ich mich amplifiziert habe. Neben dem ganzen Kinderkram hätte ich das nämlich nicht mehr geschafft.

    Ich freue mich Sie aus der Ferne auf diesem spannenden Weg zu begleiten und wünsche Ihnen und Ihren Lieben einen enorm hohen Wirkungsgrad.

    ohmskine

    Gefällt 1 Person

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