Tag 290 – … und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Meine Großeltern gingen immer zum gleichen Arzt. Immerimmer. Wegen allem. Doktor R. war schon ziemlich alt (halt so wie meine Großeltern) und nicht besonders innovativ in seinen Behandlungsmethoden und ich fand den doof, der war grob und unfreundlich. Aber meine Großeltern hatten grenzenloses Vertrauen in den Mann. In der Generation galten (und gelten) Ärztinnen tatsächlich noch als Halbgötter in weiß. Sätze wie „Wenn du dich in der Schule ganz doll anstrengst, kannst du auch mal Doktor werden!“ habe ich schon vor 20 Jahren gehört und auch mein Kind wird damit nicht verschont, leider.

Heute ist das anders. Ärztinnen werden nicht nur nicht mehr total überhöht dargestellt, was ihre berufliche Kompetenz angeht, nein, an allen Enden und Ecken wird an ihnen herumgemäkelt. In meinem Internet scheint es fast so, als hätten Ärztinnen grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und wenn doch, dann müssen sie ja vorsätzlich Menschen schaden wollen, wie sonst könnte man sich erklären, das Ärztinnen mitunter Dinge von sich geben, die von der allgemeinen Einschätzung des Internets abweichen?

Ich verstehe das nicht. Ehrlich. Wann ist das passiert, dieser Wechsel vom blinden Vertrauen hin zum allgemeinen Misstrauen? Und wie? Ich vermute, es hat mit dem Internet zu tun. Medizinische Informationen sind quasi jeder zugänglich, wenn man früher noch in eine Bücherei wandern musste, um da medizinische Wälzer zu lesen, so reicht heute die Eingabe von „Krankheit XYZ“ in die Suchmaschine der Wahl und man bekommt unzählige Ergebnisse. Und genau das ist das Gute und aber auch das Schlechte daran. Denn in dieses Internet kann auch jede etwas schreiben. Auch Scheiß. Wissentlich oder „in guter Absicht“ (aber trotzdem falsch) oder einfach aus Unwissenheit. Das unterscheidet Google vom Brockhaus. Selbst bei Wikipedia dauert es mitunter, bis Bullshit entdeckt und entfernt wird. In dem medizinischen Wälzer stehen Sachen, die man als gesichert annehmen kann. Überholt vielleicht, aber doch nicht grundsätzlich total daneben. Auch das Internet bietet eine Fülle von (ziemlich) gesicherten Informationen. Aber man muss diese auch als solche erkennen können. Die Spreu vom Weizen zu trennen fällt selbst studierten Köpfen da manchmal schwer. Selbst wenn ich nur die medizinischen oder pharmazeutischen Studien selbst lese, ist es manchmal schwierig, eine gute von einer schlechten Studie zu unterscheiden. Deshalb machen Menschen Kurse in Medizinischer Statistik (Ich winke mal kurz!), idealerweise, bevor sie anfangen Studien zu lesen oder gar selbst zu machen.

Dass die durchschnittliche Patientin (also die ohne medizinisches Fachwissen und/oder  gute Kenntnisse im Bereich Statistik) also von der schieren Flut der Informationen überfordert ist, kann ich gut verstehen. Und dann (jetzt fange ich mal an wild zu spekulieren) wird eben gefiltert: Ui, medizinische Fachstudie, möglichst noch auf fachchinesischenglisch? Versteht doch kein Mensch. Nächster Treffer. Hmm, trockene Ärzteseite mit blöder Prognose und doofen Therapieoptionen? Nächster Treffer. Erfahrungsberichte von Patienten? Schon besser. Ahhhh, hier, hier steht, es geht auch gut mit Nahrungsergänzungsmittel X / Homöopathischem Kügelchen Y / Diät Z. Perfekt. Ich bin ja nämlich gar nicht krank, steht ja hier. Oder die Therapie wäre viel besser und praktisch ohne Nebenwirkungen zu machen. Meine Ärztin hat halt keine Ahnung.

Idealerweise geht die durchschnittliche Patientin mit ihren ergoogelten Informationen dann nochmal zur Ärztin. In einer perfekten Welt setzt sich die Ärztin mit ihrer verunsicherten Patientin hin, nimmt sich Zeit, erklärt, wiesoweshalbwarum das Internet manchmal mit Vorsicht zu genießen ist, weshalb Nahrungsergänzungsmittel X vielleicht hilft, vielleicht aber auch nicht und vielleicht auch mit anderen Medikamenten ganz unerwartete Wechselwirkungen eingeht, warum der Therapieplan so ist, wie er ist und was man eventuell noch machen könnte, wenn der Therapieerfolg ausbleibt oder es Nebenwirkungen gibt. Die Patientin ist beruhigt und lässt das googeln in Zukunft bleiben.

Leider ist die Welt nicht perfekt, die Ärztin hat keine Zeit, nimmt die Sorgen der Patientin nicht ernst, lacht vielleicht, wenn die Patientin die Nebenwirkungsliste des von ihr verschriebenen Medikaments erwähnt, lacht noch mehr, wenn die Patientin die Homöopathischen Kügelchen Y nennt und  tut das alles mit einem lapidaren „das Internet können Sie vergessen“ ab. (Ich kann die Ärztin an dieser Stelle sogar verstehen. Zum einen werden Beratungsgespräche unterirdisch schlecht von den Krankenkassen vergütet, zum anderen hat die vermutlich am Tag 10 bis 20 Schlauberger, die meinen, durch eine Stunde googeln mehr zu wissen, als jemand, der 12 Semester studiert und dann noch praktische Aus- und Fortbildungen absolviert hat. Trotzdem sollte sowas natürlich nicht passieren.)

Und unsere Patientin? Misstraut der Ärztin noch mehr. Googelt weiter, findet Foren, findet Erfahrungsberichte, bestellt Nahrungsergänzungsmittel X und Homöopathische Kügelchen Y aus den USA und macht Diät Z. Passt die Dosis ihrer von der Ärztin verschriebenen Medikamente selbst an. Setzt eigenmächtig Medikamente ab oder nimmt sogar andere. Wenn sie Glück hat, passiert nichts schlimmes. Dann schreibt sie ihre eigenen Erfahrungen ins Forum, macht vielleicht eine eigene Internetseite zu ihrer Krankheit. Empfiehlt Nahrungsergänzungsmittel X / Homöopathische Kügelchen Y / Diät Z, mischt noch Handauflegen dazu, weil sie das zwischendurch auch noch gemacht hat und es ist ja nichts schlimmes passiert. Vielleicht ist ihre Krankheit sogar wirklich besser geworden. Vielleicht durch irgendeine der Therapien, vielleicht ein Placebo-Effekt (der ist sehr mächtig!), vielleicht spontane Remission, das kann die durchschnittliche Patientin für den Einzelfall genauso wenig sagen, wie die Ärztin. Doch die Informationsflut wird ein Stückchen größer und zwar auf der „Ärzte haben keine Ahnung“-Seite.

Sehen Sie? Es ist ein Teufelskreis. Zumindest für den hier zusammengesponnenen Fall.

Ich glaube nicht, dass alle Ärztinnen von allen Krankheiten der Welt Ahnung haben. Oder dass Ärztinnen keine Fehler machen. Halbgötter in weiß, das ist wirklich überholt. Ebenso kann ich verstehen, dass man sich im (deutschen) Gesundheitssystem nicht gut aufgehoben fühlt, eben wegen der Fließbandabfertigung, dem viel zu kurzen Ärztin-Patientin-Kontakt, dem gefühlten Ausgeliefert-sein. Been there, done that. Aber was meiner Meinung nach mehr Sinn macht als googeln ist: beharrlich sein. Fragen stellen. Nerven. Kennen Sie sich damit wirklich aus? Sollte ich nicht zur Fachärztin gehen? Gibt es noch andere Therapiemöglichkeiten? Kann ich unterstützend irgendwas tun (Diät, Sport, …?)? Und wenn das nicht hilft und man sich immer noch blöd behandelt vorkommt: Ärztin wechseln und zwar nicht kommentarlos „Ich geh da nich mehr hin!“, sondern mit Feedback. Zweite Meinung einholen. Von mir aus in eine Spezialklinik gehen, dritte Meinung einholen. Aber am Ende auch einfach: Vertrauen haben. In Menschen, die viel Zeit und Energie darauf verwendet haben, ihren Beruf zu lernen. In Menschen, die zum Großteil diesen Beruf gewählt haben, weil sie Menschen helfen wollen. In Menschen, statt in Suchmaschinen.

 

 

 

3 Gedanken zu “Tag 290 – … und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

  1. Problem an der Sache ist: Bei nicht so dollen Dingern kostet der zweite Weg unverhältnismäßig viel Zeit (man denke nur mal an die Wartezeiten für Spezialisten teilweise – und das dann ggf gleich mehrfach? Da ist man am Ende ja Jahre beschäftigt…) und Kraft. Und wenn es ja aufgrund des ersten Wegs (oder eines Teils davon) eh schon besser geworden ist, dann lohnt das gar nicht mehr. Und das Vertrauen schwindet weiter…

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    • Klar, zweite Meinung einholen würde ich auch nur machen, wenn mir was wirklich komisch vorkommt oder eben bei krassen Dingern, ich sag mal als Beispiel, der Orthopäde will meine Hüfte austauschen, möglichst bald und ich denke nur ‚geht’s noch? ‚. Da würde ich doch die drei Monate in Kauf nehmen.

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