Tag 426 – Die Hochzeit. 

Heute die Langfassung, nachdem ich ausgenüchtert bin. 

Diese Hochzeit war ja einfach mal komplett anders, als alle anderen Hochzeiten auf denen ich überhaupt je war, und so langsam sind das ja auch einige. Sie war nämlich extrem durchgeplant von einem richtig echten Weddingplanner. Sowas kenne ich nur aus dem Fernsehen. Ehrlich. Meine Freunde machen sowas nicht, schon alleine weil es einen Haufen Geld kostet. Aber naja, diese (meines Onkels) Seite der Familie hat ja Geld. Es wurde also nichts dem Zufall überlassen. Von der Deko über das Essen (Probeessen zwei Tage vorher!) über die letzte Anpassung des Brautkleids am Vorabend zum Anschneiden der Torte auf einem beleuchteten Tisch mit Wunderkerzen mit dem Logo-Schriftzug der beiden Namen dran. Menükarten mit dem gleichen Design wie die Einladungkarten, Tischkarten, Sitzplan. Es gab sogar ne Hochzeitsprobe! Am faszinierenden fand ich aber, dass man von dem ganzen Brimborium im Hintergrund während der Feier selbst fast gar nichts merkte. Vermutlich macht das einen guten Weddingplanner aus: dass man ihn und seine Arbeit als Gast nicht bemerkt. 

Die Trauung selbst war tatsächlich traumhaft schön, im Innenhof der Pousada unterm Orangenbaum. Zuerst marschierten die Trauzeugen und Brautjungfern (jaja, natürlich, je drei, und die Damen hatten ähnliche, aber nicht gleiche Kleider an, wie es muss.) zu Musik ein, dann der Bräutigam mit seiner Mutter (zum Allzeit-Karaoke-Schmetterklassiker „Wonderwall“) und dann die Braut mit ihrem Vater. Die Musik war eine tatsächlich gelungene Kombi aus Aufnahme und Live-Stehgeiger, mit E-Violine und vollem Emo-Körpereinsatz. 

Den geringsten Redeanteil an der Trauung hatte die Standesbeamtin, die kurz zu Anfang was sagte, dann gab es je eine Rede vom Vater der Braut, von der Mutter des Bräutigams, vom Best Man und der Maid of Honour (die mir etwas leid tat, weil ihr zwei Monate altes Baby auf dem Arm des Papas die ganze Zeit wie am Spieß brüllte). Dann Trauzeremonie mit sämtlichen Formeln die es gibt bis auf das Ding mit dem Schweigen. Plus jeweils selbst geschriebene Vows von Braut und Bräutigam (in Heftchen mit dem Hochzeits-Design, natürlich), Ringtausch (die Ringe wurden von der zweijährigen Tochter der Maid of honour gebracht, und alle so: aaaaawwwwwwww!!!, es war aber auch so unheimlich süß) und Kuss und fertig. Klingt jetzt voll nüchtern, wenn ich das so schreibe, aber ich sachs mal so: ich brauchte sehr sehr viele Taschentücher und das lag nicht (nur) an der Sonne, die mir voll in die Augen schien. Und auch nicht daran, dass ich „bei Hochzeiten immer heule“, wie es ja vielen geht, mir nicht so, ich gehe ja auch immer erstmal nicht von einer Verbindung für immer und ewig aus, noch nicht mal (oder vor allem nicht?) bei meiner eigenen Hochzeit. Aber es war schon sehr schön, vor allem die Reden und überhaupt, das Ganze, so ein schönes Kleid, mit Schleier und dem ganzen Scheiß, den ich nie haben wollen würde, aber hier passte es einfach. Dann passt auch Heulen. 

Nach der Trauung gab es nach den obligatorischen Gratulationsschlangen erstmal Snacks und Getränke, ich fokussierte mich auf Snacks, weil ich sonst wohl wen angefallen hätte vor Hunger. Das Paar machte dann weiter Fotos, es wurde überhaupt wahnsinnig viel fotografiert und gefilmt, später wurde das etwas nervig, als nicht nur ein Fotograf, sondern auch ein Videograf und ein Beleuchtungsheini mit einer grellen Lichtstange zwischen den Tanzenden auf der Tanzfläche herumhüpften. Jedenfalls war mit den Snacks quasi ein sechsstündiger Fressmarathon eingeläutet, mit vier Gängen und dann noch Hochzeitstorte, von der ich mein Stück da schon nicht mehr aufessen konnte, weil ich sonst echt einfach geplatzt wär. Das Essen war größtenteils echt sehr gut, der Nachtisch war bombastisch gut, dazu musste man etwas aufpassen, dass man nicht zu schnell den Wein trank, weil die Kellner das Glas immer voll hielten. 

Wie das aber ja so ist, ist das Interessante bei sowas eher das Drumrum, deshalb hier ein paar Highlights aus den Tischgesprächen:

  • Mein („kleiner“) Cousin, der sich aufregte, dass die kulturlosen Kanadier alle schon ihre Jackets ausgezogen hatten, obwohl der Bräutigam seins noch anhatte. Er ging dann echt hin und machte die an, worauf einer von denen mit ihm zum Bräutigam ging, der nur sagte „You know, I don’t give a f*ck.“. 
  • Mein („großer“) Cousin https://twitter.com/rabensalat/status/784496913231990784
  • Meine Mutter (natürlich), die sich nur mit Mühe von der Idee abbringen ließ, man könne die Army-Kanadier bestimmt zum Pazifismus bekehren, wenn man nur gewaltfrei kommunizieren würde. Bei der Vorstellung, wie meine Mutter zu den Army-Kanadiern marschiert (die sich ja alle für lange Jahre, teilweise Lebenszeit, verpflichtet haben!) und denen sagt „Dass ihr Soldaten seid, macht mich sehr traurig, ich möchte gerne verstehen, warum ihr das System Konflikt wertschätzt!“ muss ich immer noch lachen. Das Beste war dann aber folgender Dialog zwischen meiner Mutter und meinem Cousin, der meine Auffassung teilte, dass die Army-Kanadier eine wie gewaltfrei auch immer geäußerte Kritik an der Armee mit großer Sicherheit als Angriff auf sie selbst und ihre Lebensentscheidung interpretieren würden: https://twitter.com/rabensalat/status/784526587224096769
  • Die kleine Ringträgerin, die total begeistert davon war, dass ihr jemand vier Gabeln, drei Messer und drei langstielige Weingläser gedeckt hatte. Und ihr Papa, der panisch versuchte, ihr ohne Geschrei das meiste davon abzuluchsen. Dafür viel <3.

Danach eben mehr Fotos, mehr Wein, Hochzeitstorte (Uffz) und dann: Party. Da dann endlich auch größere Durchmischung der Gäste, noch mehr Wein (eieiei), irgendwann Whisky (der ging noch) und danach ein Zeug, was aussah wie Whisky und mir einfach in die Hand gedrückt wurde, ich ohne Hinterfragen herunterstürzte, das Gesicht ob des definitiv nicht Whisky-igen Geschmacks verzog und naja, danach war ich sehr lustig. Ich fragte den Typen, der mir das gegeben hatte noch, was das war und bekam die Antwort „I don’t have a clue. It sure tasted like the sum of bad life decisions.“. Möglicherweise war es Captain Morgan. Ist ja auch egal, danach war es wirklich lustig, es kam dann noch zu der Sache mit den Anklebe-Schnurrbärten, der Sache mit des Kanadiers Handy in diesem Tümpel (und vier Männern, die sich weigern, das wieder rauszuholen, weil is ja voll eklig, so Wasser. Aber Leute abknallen. Naja, Schwamm drüber.) und der Sache mit dem Wein auf und in meinen Schuhen. Ich schaffte es, der Braut auf der Tanzfläche für ein Foto ein Getränk in die Hand zu drücken, das Tanzen im Hochzeitskleid mit alkoholischem Getränk in der Hand ist eine Familientradition, die ich vor sieben Jahren startete. Zu dem Zeitpunkt trank sie aber schon gar nichts mehr, weil es ihr nicht soooo gut ging, also leerte ich das Glas auch noch. Die Musik war echt schräg, aber es wurde trotzdem viel getanzt, bis um drei Uhr die Party für beendet erklärt wurde. 

Wir, also der Rest, der den Diskoschluss nicht als willkommene Gelegenheit zum ins-Bett-Gehen nutzte, nahmen dann noch die angebrochenen Flaschen aus der Bar mit (jaja, dämlich…) und setzten uns auf die Terrasse, einer der Kanadier heulte sich bei mir aus, wie unheimlich schlecht es ihm ginge, seine Frau hat sich von ihm getrennt und lässt sich scheiden, die 18 Monate alte Tochter sieht er deshalb nur alle zwei Wochen für vier Tage, es ist alles ganz schrecklich. Vielleicht strahle ich so große Mütterlichkeit aus, dass man mir sowas erzählt. Oder er hatte sich eine andere Reaktion erhofft, vielleicht in Richtung „warmer Schlafplatz neben Frau“ anstatt „Oh, I’m sorry to hear that!“. Kurz drauf war der Wein leer und nur noch Portwein da (bläh), da fand ich es sinnvoll, ins Bett zu gehen. 

Insgesamt war es wirklich eine wunderbare Hochzeit. Und mein besonderes ❤ geht an:

  • Die Freundin meines Cousins, die sicher 1,85 m groß ist und mit unheimlichem Selbstbewusstsein krass hohe Schuhe trug und damit sogar meinen Cousin deutlich überragte, der 1,90 m groß ist. (Und die den Brautstrauß fing, zwinkerzwinker.) 
  • Die Portugiesische Cousine, die trotz Gipsbein mit Krücken wild tanzte und bis zum Schluss durchhielt. (Und die das coolste Kleid von allen anhatte.) 
  • Den Bad-life-decisions-Typen, der irgendwann aus Solidarität mit den barfuß tanzenden Damen die Schuhe auszog. Der auch echt gut tanzen konnte und drauf bestand, die Dame zu sein: wenn ich mich schon nicht führen lasse dann aber richtig. 
  • Die 87 Jahre alte Oma des Bräutigams, die konsequent mit allen Anwesenden Portugiesisch sprach. 

Ach ja, doch, war schön. Und jetzt bin ich gleich wieder zu Hause, bei meinen Babies, das ist noch viel schöner. 

Ein Gedanke zu “Tag 426 – Die Hochzeit. 

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