Tag 443 – Michel goes Mikrobiologe. 

Damals(TM), kurz bevor wir nach Norwegen zogen, bekam Michel die MMRV-Impfung (also Masern, Mumps, Röteln, Varizellen), weil das in Deutschland eben dran war. Als wir dann nach Norwegen kamen, machte ich etwas Druck beim Gesundheitszentrum, damit er die zweite Dosis „schon“ mit zwei Jahren bekam und nicht erst, wie im norwegischen Impfplan vorgesehen, mit sechs. Aber die hatten nur MMR, das V ist ja hier nicht vorgesehen

Dann vergaß ich das V. 

Jetzt gehen Windpocken im Nahbereich des Kindergartens rum. Ich fing ein bisschen an zu schwitzen. 

Montag rief ich also bei der Impfstelle an (ja genau, die sonst Malariaprophylaxe machen und ab 1.11. für zwei Jahre gratis HPV für alle! (Nein. Nur für Frauen*. Und ich bin zu alt.)) und bat um schnelle Booster-Impfung von Michel. Sie sagten „Wir melden uns.“ (echt wahr!). 

Gestern meldeten sie sich. Sie hätten eine Dosis da, aber nur einen Termin diese Woche, nämlich morgen (also heute) um elf. Einfach um es erledigt zu wissen, sagte ich ja. 

Dann großes Überlegen: wie machen wir das rein logistisch? Die Impfstelle ist in der Stadt, in relativer Nähe zu meiner Arbeit. Der Kindergarten ist gute 15 Fahrradminuten von meiner Arbeit und auch der Impfstelle entfernt. Wir sollten etwas früher kommen und danach auch noch zwanzig Minuten da bleiben, falls es Nebenwirkungen gibt. Vorher in den Kindergarten bringen, dann wieder abholen und wieder hinbringen? Käse. Vorher zu Hause abhängen und nachher in den Kindergarten bringen? Käse. Ok, vorher nehme ich ihn kurz mit zur Arbeit, stelle ihn mit Mausclips ruhig, nachher bringe ich ihn in den Kindergarten. Gebongt. 

Dann saß ich heute schon an der Cleanbench, Michel guckte in sein Dinosaurierbuch (nachdem er sich rrrooooaaaarr-end vor dem Büro meines Chefs auf den Boden geworfen hatte und erklärt hatte, er sei ein Triceratops), als mein Handy klingelte. Herr Rabe klärte mich auf, der Kindergarten mache heute einen Ausflug zur Estenstadsmarka (hier wirklich wirklich riesigen Wald vorstellen), nur die Kleinen wären um die Mittagszeit im Kindergarten und für Michel hätten sie dann keine Kapazität. Ich könne Michel ja zum Ausflug hinbringen? Was wir denn jetzt machen sollen. Ich würgte ihn ziemlich unwirsch ab, weil ich ja da in Handschuhen und Kittel und mit jeden Moment gelangweilt zu werden drohendem Kleinkind saß, außerdem wollte ich das mit Michel besprechen. Ich schlug Michel alle Optionen vor, er wählte: nach dem Termin mit Mama wieder zur Arbeit gehen. Ich strich kurzerhand 2/3 des Tagespensums, verdünnte was zu verdünnen war in einem Affenzahn und dann war es auch schon Zeit, aufzubrechen. 

Die Impfstelle ist ein denkbar unromantischer Ort. Grauer PVC auf dem Boden, gelbstichiges Beige an Strukturtapete an der Wand, schwarze Kunstledersofas, Spielecke mit zerfledderten Büchern und angenagten Bauklötzen. Ich füllte den Anmeldebogen aus und dann durften wir auch schon rein. Die Helsesøster war sehr sehr nett und Michel berichtete auch entspannt aus seinem Kindergartenalltag, bis ihm durch meine Versuche, ihm den Pulli auszuziehen, bewusst wurde, was ihm drohte. Ich, total empathische Mutti, die ich bin, erklärte ihm, dass ich gut verstehen könne, dass er keine Spritze haben möchte, wer möchte schon gern Spritzen bekommen, dass aber eine Spritze viel besser sei als vielleicht dolle Fieber und Jucken von oben bis unten zu kriegen. Die erste Kosten-Nutzen-Rechnung in Michels Leben. Er leistete dann auch nur noch geringen Widerstand, durfte am Desifektionsläppchen riechen („Æsj!“) und auf meinem Schoß sitzen bleiben und die Spritze wurde relativ fix durchgezogen. Natürlich tat es ganz schlimm weh und verständlicherweise war er da auch erstmal sauer, dass ich das zugelassen habe und wollte nicht, dass ich puste. Dann bekam er ein fettes Pflaster und ein Diplom.

Impf-Diplom mit gaaaar nicht gruseligen Tieren drauf.

Weil wir dann ja eh noch 20 Minuten in der Praxis bleiben mussten und direkt eine Tür weiter ein Kiosk ist, holten wir ein Eis und einen Kaffee. Und dann las ich ein komplettes zerfleddertes Buch vor (Aristocats), ersetzte das hässlichePflaster durch ein Bärchenpflaster aus meinem Portemonnaie, erkundigte mich nach den Preisen für die HPV-Impfung (ca. 1200 NOK pro Dosis, drei Dosen) und bezahlte für Michels Impfung (780 NOK). Danach waren die 20 Minuten endlich um und wir fuhren zu meiner Arbeit. 

Dann: Spaß. Dem Kind machte ich „Es war einmal… das Leben“ an, arbeitete ein bisschen, danach hatte ich eine Stunde Zeit. Erst guckten wir meine Zellkulturen im Mikroskop an. Die Begeisterung bei Michel war mäßig. Er wollte Bakterien sehen. Ich holte eine Platte mit Bakterienkuturen. Das Kind war mäßig begeistert. Ich sagte, komm, wir machen ein Experiment. Im Baktierienraum holte ich drei Agarplatten, dann durfte Michel seinen Finger auf eine drücken. Dann Hände waschen** und nochmal auf eine neue Platte drücken. 


Zu guter Letzt prökelte ich noch mit einem Zahnstocher an seinen Zähnen rum und strich das aus. Er will so gerne mal die Pupsbakterien sehen. Wir räumten die Platten in den Brutschrank und morgen werde ich dann den Gruselbewuchs fotografieren und Michel zeigen. 

Als wir aus dem Labor kamen und Michel schon sehr aufgeregt war, aber noch eine halbe Stunde zu vertrödeln blieb, kippte eine Kollegin gerade Trockeneis in die Aufbewahrungstruhe. Trockeneis. Kalter Traum aller Kinderbespaßer. Ich holte also einen Messbecher und schaufelte ein bisschen Trockeneis hinein. Michel trug den Becher dann sehr wichtig zu meinem Laborplatz und wir warteten erstmal ein bisschen ab, wie kalt der Plastikbecher so wird und „Ooohhh, guck mal Mama, da ist Schnee draußen dran!“. Dann holte ich Michel einen Hocker, stellte den Messbecher ins Waschbecken und ließ etwas Wasser auf das Eis laufen. 

Michel stand ein bisschen der Mund offen.


Als wir fertig waren, den Nebel zu bestaunen und darin herumzuschaufeln, warf ich noch etwas Spüli in den Messbecher. Selbst mein Kollege fand es toll und zerpiekste einige Blubberblasen. 

Die Blasen sind mit weißem Rauch gefüllt.


Nach dem Spaß war es Zeit, nochmal kurz zu arbeiten (ich werde wieder ein paar Tage „Es ist schön, das Leben, es ist schön, so wunderschön, das Leben!“ als Ohrwurm haben), dann machten wir auf Wunsch des Kindes nochmal Quatsch mit Trockeneis und dann fuhren wir Pippi abholen. Michel schlief dabei im Hänger ein, das sah sehr niedlich aus. Am liebsten hätte ich mich dazu gelegt, das war ein sehr unproduktiver und anstrengender Tag. 


*als würden Frauen das einfach so aus der Luft bekommen. Orrrr. (Und übrigens: Penis- und Analkrebs. Aber was weiß ich schon.)

**ein Schelm, wer dabei denkt, ich würde es auf den Schockeffekt absehen 😉

3 Gedanken zu “Tag 443 – Michel goes Mikrobiologe. 

  1. osch schreibt:

    Ha! Trockeneis! Wir haben den Becher immer neben die Tür gestellt, sodass der Nebel unter der Labortür hervorwaberte….
    Und was die Platten angeht: könnte mir vorstellen, das Michel in Zukunft immer und immer freiwillig Hände waschen wird!😄

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  2. ohmskine schreibt:

    Liebe Frau Rabe,
    spontan möchte ich mir wieder einen Laborjob suchen um meine Kinder auch so großartig bespaßen zu können.
    Bitte zeigen Sie uns die Ergebnisse Ihres „Hände ohne/mit Waschen“ Ansatzes.
    Habe die Hoffnung, sie könnten bei uns einige redundante Dikussionen verkürzen…
    Gruß,
    ohmskine

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