Tag 472 – Was ich alles kann!

Heute wurde mir wieder was angespült, über das ich mich aufgeregt habe. Es ging so in die Richtung „Der Feminismus™ verbietet den Frauen das Aufgehen im Mutter-Sein!“. Mich ärgert das nicht zum ersten Mal. Ich finde nämlich, das ist eins der größten  Missverständnisse über den Feminismus überhaupt. Ein paar Beispiele:

  • Ich kann Feministin sein und heterosexuell.  
  • Ich kann Feministin sein, obwohl mir Pornos total wurscht sind. 
  • Ich kann Feministin sein und ein bisschen prüde. 
  • Ich kann Feministin sein und anerkennen, dass das Patriarchat auch für Männer nicht nur Vorteile hat. 
  • Ich kann Feministin sein und Nagellack und Schminke und High Heels mögen. 
  • Ich kann Feministin sein und Kleider mögen.
  • Ich kann Feministin sein und gerne kochen und backen. 
  • Ich kann Feministin sein und Freude am Selbermachen von Dingen haben. 
  • Ich kann Feministin sein und gerne Nähen. 
  • Ich kann Feministin sein und nicht ganz so gerne Stricken. 
  • Ich kann Feministin sein und Ballett mögen. 
  • Ich kann sogar Feministin sein und meine Kinder vielleicht später mal zum Ballett gehen lassen, wenn sie wollen. Ja, auch das Mädchen. 
  • Und vor allem! kann ich Feministin sein und gerne Mutter. 

Meine Art von Feminismus ist ein offener. Einer, der sich am liebsten schnellstmöglich selbst unnötig machen möchte. Der trotzdem noch nötig ist, solange Mädchen glauben, sie könnten kein Mathe weil halt. Solange ehemals gleichberechtigte Beziehungen weiterhin und ungewollt in Abhängigkeiten und veraltete Rollenmuster kippen, sobald Kinder geboren werden. Solange nicht jede Form der Partnerschaft und der Familie gleichwertig ist. Solange wilde Kinder in „Jungs sind halt so“ und „wer soll die denn mal heiraten?“ unterteilt werden und ruhige Kinder in „Puppenmami“ und „tobt der sich denn nie aus?“. Solange Männer jünger sterben als Frauen und viel häufiger Suizid begehen. Solange vermeintliche Verweiblichung Männer in ihrem Ansehen herabsetzt. Solange Trans-Frauen im Ansehen absteigen, wenn sie als Frau zu leben beginnen, während Trans-Männer im Ansehen aufsteigen.

Mein Feminismus hört aber da auf, wo anderen vorgeschrieben wird, wie sie zu sein haben. DU MUSST VOLLZEIT ARBEITEN! Nein. Ich möchte, dass jede*R die Wahl hat, zu arbeiten, dass die Jobvergabe und die Bezahlung nicht am Geschlecht oder dem Familienstand hängt. DU MUSST SOUNDSOLANGE ZU HAUSE BLEIBEN, WENN DU KINDER HAST. Nein. Ich möchte, dass jede*R die Wahl hat, seine Kinder zu Hause zu betreuen. Eine wirklich freie Wahl, getroffen ohne Rollenerwartungen und „Mein Mann würde ja gerne, aber bei IHM geht das WIRKLICH nicht.“ DU MUSST KARRIERE MACHEN WOLLEN! Nein. Ich möchte, dass jeder mit einer zeitlich ausfüllenden Tätigkeit gut über die Runden kommt, auch ohne Ellenbogenmentalität und dem ständigen Blick nach oben zum Mehr und Besser und Größer. Und auch ohne mit den Jahren immer besorgter aufs Rentenkonto schielen zu müssen, wie viele Frauen, die unbezahlte Care-Arbeit (aka. Kinderbetreuung zu Hause) verrichten. DU DARFST DICH IN DEINEM KÖRPER NICHT UNWOHL FÜHLEN! Nein. Aber es soll keinem Menschen vorgeschrieben werden, wie er oder sie sich bei Körperform X oder Aussehen Z zu fühlen hat. 

Sehen Sie, ich bin absolut nicht der Meinung, dass Frauen die besseren Menschen sind. Oder Männer. Ich finde Sexismus gegenüber Männern (zum Beispiel Männergrippewitze oder so ‚Männer denken nur mit dem Pimmel‘-Anspielungen oder – noch schlimmer – die weit verbreitete Annahme, Männer hätten sich einfach nicht unter Kontrolle und deshalb könne Ihnen der Anblick von  weiblicher Haut/ bestimmter Kleidung/ Haaren nicht zugemutet werden) genauso schlimm, wie gegenüber Frauen. Nach ein paar Jahrtausenden Patriarchat braucht es meiner Meinung nach aber einen starken Gegenpol und da reicht bloßer Anti-Sexismus nicht. Deshalb bezeichne ich mich weiter als Feministin. Und verbiete keinem Menschen was. Whatever floats your boat. 

(Nur wenn du dich sexistisch äußerst, dann fliegst du halt aus meiner Filterbubble.)

12 Gedanken zu “Tag 472 – Was ich alles kann!

  1. Wo kann ich unterschreiben?

    Mir spricht das sehr aus der Seele.

    Tatsächlich hatte ich früher ein völlig falsches Bild vom Feminismus. Eines, das eben auch in der Annahme, Feminismus verbiete einer Frau, als Mutter glücklich zu werden, mitschwingt.

    Dass dem nicht so ist, weiß ich heute. Aber ich glaube, dazu braucht es noch viel mehr Texte wie diesen, um das Klischee des Feminismus als Gruppe der männderhassenden Kampflesben zu überwinden.

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  2. Susanne schreibt:

    Genau so… Doppelt Daumen hoch!
    Ich habe mich schon immer gefragt was High Heels und Mathe kausal zusammenhängen lässt.
    Ich trage keine High Heels weil es mir Schmerzen bereitet und nicht weil ich Ingenieurin bin.

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  3. Irene schreibt:

    Bedenkt man die Tatsache, dass es mittlerweile in unseren Gefilden durchaus akzeptiert ist, wenn ein Mädchen Försterin wird, an Autos schraubt, zur Verwaltungsrätin oder Bundeskanzlerin wird, wenn es ständig Hosen trägt und mit dem Taschenmesser an Ästen herumschnitzt.
    Dass aber ein Junge mit langen Haaren und weichen Gesichtszügen, ein Junge, der Ballett mag, ein Junge, der Erzieher werden will, der mit Puppen spielt, rosa Rüschenröckchen anziehen will und der bei Vater-Mutter-Kind-Spielen beim Kind daheim bleiben will noch immer häufig schief angeschaut wird.
    Dann denke ich, dass man auch da ansetzen muss. Und dass es nicht „Feminismus“ braucht, sondern Anstrengung für Gleichberechtigung in beide Richtungen.
    Um es sinngemäss mit Frau Brüllens Jungs zu sagen: es gibt keine Mädchen- oder Jungenfarben, es gibt nur bunte Farben (oder so ähnlich).

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  4. Gioia schreibt:

    Liebe Frau Rabe,

    vielen Dank für den wunderbaren Post – das unterschreibe ich genau so! In dem Sinne bezeichne ich mich auch als Feministin.
    Ich arbeite als promovierte Frau in einer Männerdomäne – annähernd Vollzeit und das sehr gerne. Allerdings bin ich auch mit Leib und Seele Mutter. Ich hasse Basteln und liebe Lego zu bauen.
    Mein Sohn darf sich auch die „Füße anmalen“ (Fußnägel lackieren) – weil ich das auch gern mag. In diesem Sinne würden mir noch einige Beispiele einfallen …

    Vor allem möchte ich aber Ihre letzte Aussage unterschreiben. Ich möchte mir auch nichts verbieten lassen, nur weil „man“ das so macht.

    Wie zum Beispiel mehr als die obligatorischen 4 Tage á 5 Stunden zu arbeiten. „Warts mal ab, das schaffst Du doch sowieso nicht.“, „Warum kriegst Du denn dann ein Kind, wenn Du so viel arbeiten willst“ und so weiter …

    Im Gegenzug will ich aber auch anderen nicht vorschreiben wie sie zu leben oder zu denken haben. Live and let live.

    Grüße von einer, bisher, stillen Mitleserin. (Die als Ostwestfälin im Exil ursprüglich mal durch die Suche nach „Pickert“ auf Ihren Blog gekommen ist. ;-))

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  5. ohmskine schreibt:

    Ganz genau, Frau Rabe.

    Und ich möchte hinzufügen: Niemand soll sich rechtfertigen müssen, warum er es nun so oder anders macht in seinem Leben.

    Dieses ewige Vergleichen und Werten geht mir – ‚tschuldigung – saumäßig auf die Eier!
    (Und das darf ich auch als Frau sagen!)

    Bis die Tage!
    ohmskine

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