Tag 515 – Die lange Antwort. 

Heute auf Twitter pushte Dani einen Text wieder hoch, den sie schon im März letzten Jahres geschrieben hat. Am Ende des Textes stellt sie ein paar Fragen, die ich hier beantworten möchte. Auf Twitter mit 140 Zeichen diskutiert es sich schlecht, und man wird bei jedem dritten Tweet missverstanden. 

Dani bezieht sich in ihrem Artikel auf ein Interview mit Laurie Penny. Die wiederum ist linke Feministin und Kapitalismuskritikerin. In dem Interview sagt sie 

„Es ist eine Schande, dass Frauen sich immer noch zwischen Mutterschaft und allem anderen entscheiden müssen. […] Wir brauchen technische Alternativen zur Schwangerschaft. Warum gibt es noch keine? Die moderne Medizin kann Gliedmaßen wieder annähen und Gesichter transplantieren. […] Warum sollten Babys nicht im Labor entstehen? Wieso ist eine technische Alternative zum Mutterleib so undenkbar?“

Dani empört sich darüber, denn sie findet die Idee,

„ein Gerät zu haben, was das Baby dann austrägt, das ist einfach nur gruselig und es von einer Frau zu lesen, die ja für Frauen einsteht, das lässt den Feminismus für mich einfach nur ein Stück weit negativ aussehen.“

So. 

Am Ende von Danis Text stellt sie dann die Fragen, die ich gerne hier beantworten möchte. 

„Seid ihr Feministin? Sehe ich es grundsätzlich falsch oder was sagt ihr dazu? Findet ihr es nicht auch merkwürdig, dass eine Maschine ein Kind bekommen sollte?“

Liebe Dani,

Ja, ich bin Feministin. Genau genommen möchte ich mich lieber als Anti-Sexistin bezeichnen, weil ‚Feministin‘ so klingt, als sei man der Meinung, Frauen seien die besseren Menschen. Ich bin dagegen der Meinung, dass es viel Sexismus gibt, unter dem die meisten Menschen leiden. Männer wie Frauen. Festgefahrene Rollenbilder zum Beispiel schaden beiden Geschlechtern: den Frauen, denen die Mutterschaft allerorten als allein selig-machend und erfüllend verkauft wird, bei gleichzeitig extrem hoher Erwartungshaltung an die ‚Performance‘ als Mutter, Frau und natürlich weiterhin (also nach spätestens 1-3 Jahren, wo kämen wir denn sonst hin?) Arbeitnehmerin, so wie den Männern, die gefälligst Versorger zu sein haben, die sich kümmern sollen aber bitte ohne Weicheier zu sein. Finde ich alles blöd. Deshalb Anti-Sexistin. 

Die Frage, ob du es grundsätzlich falsch siehst, ist etwas schwerer zu beantworten. Ich versuche mal den Rest deines Textes zusammenzufassen, bitte korrigiere mich, wenn ich was falsch verstanden habe. 

  • Die Idee einer künstlichen Gebärmutter ist Frauen- und insbesondere Mütterfeindlich. 
  • Feministinnen wie Laurie Penny meinen, alle Frauen müssen Karriere machen (wollen).
  • Frauenquote ist unnötig, weil nach beruflicher Leistung entschieden werden sollte und nicht nach Geschlecht,
  • außerdem würden so Frauen gezwungen, Führungspositionen einzunehmen, die diese nicht wollen.
  • Elternschaft insgesamt wird zu wenig gefördert und ist zu oft ein Armutsrisiko. 

Zu allererst: den letzten Punkt unterschreibe ich zu 100%. 

Den Rest sehe ich etwas kritischer. Insgesamt kann ich dich verstehen und offen gesagt dachte ich auch lange so. Dann beschäftigte ich mich etwas eingehender mit Feminismus. Also wirklich nur etwas, andere Menschen studieren sowas, ich hab nur ein paar „Pop-Feministische“ Bücher gelesen und verfolge ein paar Blogs. Und ja, ich schaffe mir natürlich eine Filterbubble, ich lese zum Beispiel nicht die Emma und die „Verbrennt-eure-BHs“-Generation der Feministinnen ist jetzt auch nicht so ganz meins, deshalb kann es natürlich sein, dass ich mir meinen Feminismus ganz weltfremd zusammendefiniere. Aber innerhalb meiner rosigen (eher lilanen) kleinen Filterblase finden sich viele Gleichberechtigungs-orientierte Feminist*innen, die ganz und gar nicht der Meinung sind, dass alle Frauen Karriere machen wollen sollen. Aber, und das ist der große Unterschied, die Frauen, die Karriere machen wollen, die sollen das auch können. Und da ist noch einiges im Argen. Stichwort Gender Pay Gap. Keine mir bekannte Feministin will Frauen in Vorstände zwingen. Aber Frauen sollen die Möglichkeit haben, in Vorstände zu gelangen, was momentan dadurch verhindert wird, dass Frauen (a) weniger Führungsfähigkeit zugetraut wird, dass (b) vorwiegend Männer in den Vorständen sitzen, die ihresgleichen als Geschäftspartner bevorzugen und dass (c) schon in den Stufen davor weniger Frauen ankommen, weil sie Familie haben und sich eben nach wie vor zwischen Kind(ern) und Karriere entscheiden müssen. An diesen Punkten kann eine Quote helfen, damit Frauen erstmal „normaler“ in Vorständen sind. Sobald sich das etabliert hat und Frauen in Vorständen eben zum normalen Bild gehören, brauchen wir hoffentlich keine Quote mehr.

Abgesehen davon gibt es ja auch noch den Gender Care Gap, der daraus resultiert, dass in unserer Gesellschaft Frauen als „von Natur aus fürsorglicher“ angesehen werden. Das wird schon kleinsten Mädchen suggeriert, indem sie als „Puppenmamis“ bezeichnet werden, während „richtige Jungs“ zum wilden Spielen ermutigt werden. Ich kann dir (nicht nur dir. Alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben, sollten das meiner Meinung nach lesen) dazu das Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ von Almut Schnerring und Sascha Verlan empfehlen, da wird sehr ausführlich und gut belegt erklärt, wieso das mit der Natur Blödsinn ist und wieso wir das gesellschaftliche Konstrukt von Geschlechterrollen oftmals unbewusst weiter befeuern. Und vor allem: wie uns diese engen Grenzen letztlich alle einschränken. Ich zitiere einfach noch mal Laurie Penny aus dem Interview

„Viele denken, das ultimative Ziel des Feminismus ist, dass Frauen und Männer gleich viel Geld verdienen. Doch darum geht es nicht. Das Einzige, was damit erreicht wird, ist, dass Frauen genau wie Männer kapitalistisch ausgebeutet werden und zusätzlich noch die ganze Fürsorgearbeit erledigen.“

Und auch folgendes Zitat finde ich ganz wichtig, denn es zeigt, dass Laurie Penny eben nichts gegen Mutterschaft und Mütter an sich hat, sondern dagegen, dass dies unter dem Deckmäntelchen der „Natürlichkeit“ vom Patriarchat ökonomisch ausgenutzt wird:

„Es [Kinder gebären können] ist sogar eine weibliche Superkraft! […] Schwangerschaft und Mutterschaft als Arbeit zu definieren und auch so zu bezahlen, wäre eigentlich das Mindeste.“

Also insgesamt muss ich leider sagen: ja, ich glaube, du hast Laurie Penny falsch verstanden, wenn du meinst, sie würde das Kinder kriegen und aufziehen komplett an Maschinen outsourcen wollen, zugunsten der Karrieren der Mütter und dem allgemeinen Konsumverhalten. Gerade mit dem Punkt 

„Weiterhin wäre Sie [die Frau, die ein Kind per künstlicher Gebärmutter bekommt] auch eine Vollverdienerin, die mehr konsumieren kann.“

tust du ihr, so wie ich das aus dem Interview herauslese, unrecht. 

Und damit sind wir bei der dritten Frage. Nein, ich finde die Idee einer künstlichen Gebärmutter nicht besonders komisch. Ich gehe da mit Laurie Penny d’accord, die sagt 

„Die moderne Medizin kann Gliedmaßen wieder annähen und Gesichter transplantieren. […] Ich verstehe überhaupt nicht, was an dieser Idee verrückter ist als an der Idee, einen Arm, ein Herz oder ein Gesicht zu transplantieren.“

Vielleicht sollte ich hinzu fügen, dass ich mit meinem Naturwissenschaftlichen Hintergrund die Idee einer künstlichen Gebärmutter für in den nächsten, sagen wir mal, 25 Jahren, nicht umsetzbar halte. Es ist also ein reines Gedankenspiel für mich, aber ein interessantes. Denn, wie ja oben auch im allerersten Zitat steht und dein Artikel ja auch gezeigt hat: das Thema ist „undenkbar“, es erhitzt die Gemüter ungemein. Ich frage mich ( wie auch Laurie Penny): warum? Für mich hätte die Möglichkeit, ein Kind in einem Tank statt in einem Menschen wachsen zu lassen erstmal viele Vorteile: 

  • manche Menschen haben keinen Uterus und möchten trotzdem Kinder bekommen. Die könnten dann welche bekommen. 
  • Manche Menschen haben aus anderen Gründen körperliche Probleme, Kinder auszutragen. Die könnten dann welche bekommen. 
  • Für manche Menschen wäre eine Schwangerschaft lebensgefährlich. Die könnten dann trotzdem welche bekommen. 
  • Für manche Menschen wäre eine Schwangerschaft und/oder Geburt aus anderen Gründen undenkbar. Die könnten dann auch trotzdem Babys bekommen. 

Dann stellen sich mir noch zwei Fragen, nämlich 

  • Wo ist der Unterschied zur Adoption?
  • Wo ist der Unterschied zur Leihmutterschaft?

denn auch in diesen Fällen gibt es keine pränatale Bindung des Kindes zu den späteren Hauptbezugspersonen. Im Gegenteil: wenn man davon ausgeht, dass die Bindung des Babys an die austragende Mutter so ausgeprägt und wichtig ist, wäre es doch für das Baby vielleicht sogar schöner, gar keine Bindung zu haben, als direkt nach der Geburt die erste herbe Verlusterfahrung machen zu müssen?

Und auch hier würde ich mal ganz stark davon ausgehen, dass niemand zu irgendwas gezwungen wird. Wer weiter Babys in seinem Körper wachsen lassen kann und will, wird allerhöchstwahrscheinlich die Möglichkeit dazu haben. Aber für die anderen: warum nicht? Weil jemand anderes es gruselig findet? Weil es „nicht natürlich“ ist? Das sind Herzschrittmacher auch nicht. Oder Insulinpumpen. 

Und um das Ganze abzuschließen: anhand eines Gedankenspiels einer Feministin (oder jetzt zweien) den ganzen Feminismus „ein Stück weit negativ“ zu sehen, finde ich schade. Für den Feminismus, der noch so viele bunte und wichtige Aspekte zu bieten hat und sie dir bestimmt gerne zeigen würde.

Liebe Grüße –

R. 

Tag 472 – Was ich alles kann!

Heute wurde mir wieder was angespült, über das ich mich aufgeregt habe. Es ging so in die Richtung „Der Feminismus™ verbietet den Frauen das Aufgehen im Mutter-Sein!“. Mich ärgert das nicht zum ersten Mal. Ich finde nämlich, das ist eins der größten  Missverständnisse über den Feminismus überhaupt. Ein paar Beispiele:

  • Ich kann Feministin sein und heterosexuell.  
  • Ich kann Feministin sein, obwohl mir Pornos total wurscht sind. 
  • Ich kann Feministin sein und ein bisschen prüde. 
  • Ich kann Feministin sein und anerkennen, dass das Patriarchat auch für Männer nicht nur Vorteile hat. 
  • Ich kann Feministin sein und Nagellack und Schminke und High Heels mögen. 
  • Ich kann Feministin sein und Kleider mögen.
  • Ich kann Feministin sein und gerne kochen und backen. 
  • Ich kann Feministin sein und Freude am Selbermachen von Dingen haben. 
  • Ich kann Feministin sein und gerne Nähen. 
  • Ich kann Feministin sein und nicht ganz so gerne Stricken. 
  • Ich kann Feministin sein und Ballett mögen. 
  • Ich kann sogar Feministin sein und meine Kinder vielleicht später mal zum Ballett gehen lassen, wenn sie wollen. Ja, auch das Mädchen. 
  • Und vor allem! kann ich Feministin sein und gerne Mutter. 

Meine Art von Feminismus ist ein offener. Einer, der sich am liebsten schnellstmöglich selbst unnötig machen möchte. Der trotzdem noch nötig ist, solange Mädchen glauben, sie könnten kein Mathe weil halt. Solange ehemals gleichberechtigte Beziehungen weiterhin und ungewollt in Abhängigkeiten und veraltete Rollenmuster kippen, sobald Kinder geboren werden. Solange nicht jede Form der Partnerschaft und der Familie gleichwertig ist. Solange wilde Kinder in „Jungs sind halt so“ und „wer soll die denn mal heiraten?“ unterteilt werden und ruhige Kinder in „Puppenmami“ und „tobt der sich denn nie aus?“. Solange Männer jünger sterben als Frauen und viel häufiger Suizid begehen. Solange vermeintliche Verweiblichung Männer in ihrem Ansehen herabsetzt. Solange Trans-Frauen im Ansehen absteigen, wenn sie als Frau zu leben beginnen, während Trans-Männer im Ansehen aufsteigen.

Mein Feminismus hört aber da auf, wo anderen vorgeschrieben wird, wie sie zu sein haben. DU MUSST VOLLZEIT ARBEITEN! Nein. Ich möchte, dass jede*R die Wahl hat, zu arbeiten, dass die Jobvergabe und die Bezahlung nicht am Geschlecht oder dem Familienstand hängt. DU MUSST SOUNDSOLANGE ZU HAUSE BLEIBEN, WENN DU KINDER HAST. Nein. Ich möchte, dass jede*R die Wahl hat, seine Kinder zu Hause zu betreuen. Eine wirklich freie Wahl, getroffen ohne Rollenerwartungen und „Mein Mann würde ja gerne, aber bei IHM geht das WIRKLICH nicht.“ DU MUSST KARRIERE MACHEN WOLLEN! Nein. Ich möchte, dass jeder mit einer zeitlich ausfüllenden Tätigkeit gut über die Runden kommt, auch ohne Ellenbogenmentalität und dem ständigen Blick nach oben zum Mehr und Besser und Größer. Und auch ohne mit den Jahren immer besorgter aufs Rentenkonto schielen zu müssen, wie viele Frauen, die unbezahlte Care-Arbeit (aka. Kinderbetreuung zu Hause) verrichten. DU DARFST DICH IN DEINEM KÖRPER NICHT UNWOHL FÜHLEN! Nein. Aber es soll keinem Menschen vorgeschrieben werden, wie er oder sie sich bei Körperform X oder Aussehen Z zu fühlen hat. 

Sehen Sie, ich bin absolut nicht der Meinung, dass Frauen die besseren Menschen sind. Oder Männer. Ich finde Sexismus gegenüber Männern (zum Beispiel Männergrippewitze oder so ‚Männer denken nur mit dem Pimmel‘-Anspielungen oder – noch schlimmer – die weit verbreitete Annahme, Männer hätten sich einfach nicht unter Kontrolle und deshalb könne Ihnen der Anblick von  weiblicher Haut/ bestimmter Kleidung/ Haaren nicht zugemutet werden) genauso schlimm, wie gegenüber Frauen. Nach ein paar Jahrtausenden Patriarchat braucht es meiner Meinung nach aber einen starken Gegenpol und da reicht bloßer Anti-Sexismus nicht. Deshalb bezeichne ich mich weiter als Feministin. Und verbiete keinem Menschen was. Whatever floats your boat. 

(Nur wenn du dich sexistisch äußerst, dann fliegst du halt aus meiner Filterbubble.)