Tag 495 – Janteloven. 

Ein besonders bekloppter eigener Wesenszug der Norweger ist ihr unerschütterlicher Glaube ans Janteloven, das Gesetz von Jante. Kurz gesagt bedeutet das Janteloven, dass alle gleich sind. Gleich wertvoll, gleich gut. In allem. Niemand soll sich anderen überlegen fühlen. Das ist alles bestimmt total in Ordnung so, wenn man damit aufgewachsen ist und die feinen unausgesprochenen Momente der Kritik oder des Lobs aus dem immer gleichen „Super, gute Arbeit, weiter so!“ heraushören kann. 

Für mich war es zu Anfang wahnsinnig schwer. Norweger sagen einem nicht, wenn man was verbockt hat. Eher beißen sie sich die Zunge ab. Aber ich weiß ja trotzdem, wenn ich was verbockt hab, deshalb fühlte ich mich absolut nicht ernst genommen, wenn ich mit Kackergebnissen vor meinem Chef stand und er meinte „Great! Good job!“, als hätte ich ihm gerade nen Nature-Artikel eingebracht. Genauso gibt es aber auch kein echtes, so gemeintes Lob, denn: dann fühlt sich das Gegenüber ja möglicherweise besser als andere. Man muss schon über ein gutes Selbstwertgefühl verfügen, um da nicht irgendwann an sich selbst zu zweifeln. (Spoiler: es sind ja einfach auch nicht alle in allem gleich gut. Fertig aus.) 

Um so überraschender (oder vielleicht gar nicht?), dass die Norweger überdurchschnittlich Sport- und Sportwettkampf-begeistert sind. Es ist schon fast ein Running gag im Labor, dass ich mich absolut gar nicht für Sport interessiere, erst recht nicht als bloße Zuschauerin. Viele Menschen rennen einem Ball hinterher? Gähn. Viele Menschen laufen im Kreis Ski? Meine Augenlider werden schwer. Viele Menschen spielen Schach? Komatöser Tiefschlaf. Aber nein, die Norweger verfolgen alles. Vor allem das, in dem Norweger gut sind. Sogar Schach. Und wenn dein Kind in einem Sportverein ist, machst du alles in deiner Macht stehende, damit es in dem Sport brilliert. (Kein Witz: Schulen reglementieren teilweise die Sportausstattung, nachdem Schüler zum Sportunterricht vier Paar Ski mitbrachten.) 

Jetzt erzählte mir neulich eine Kollegin, wie dann so ein Turnier abläuft. Sie war nämlich bei dem ersten Handballturnier der siebenjährigen Tochter einer Freundin. Sowas ist natürlich total aufregend, zumal eben das erste mal und erst seit einem halben Jahr dabei und sieben Jahre ist ja auch noch nicht wirklich groß. Und dass man bei Siebenjährigen auch keine Siegerehrung mit Riesen Brimborium durchzieht, möglichst noch den Zweit-, Dritt- und Letztplatzierten dazu zwingt, die entsprechenden Plätze auf dem Podest einzunehmen, kann ich ja auch gut verstehen. 

Was aber meine Kollegin erzählte: jedes Kind bekam am Ende eine Medaille. Weil es keinen Sieger gab. Also wirklich nicht. Weil alle Tore eines Spiels zusammen gezählt wurden, egal, wer sie gemacht hat. 

Janteloven galore. 

(Und die nächste Generation, die weder fähig ist, Kritik zu üben, noch zu empfangen, wächst heran. Herrje.)

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