Tag 498 – Creeeeeepy. 

Mein Regenmantel hat Fahrradfahr-und-dabei-iPhone-in-der-Tasche-haben-inkompatible Taschen. Sie sind rutschig innen und wenn man auf dem Fahrrad sitzt, rutscht das ganze hoch, bis quasi die Tasche waagerecht, mit der Öffnung nach hinten ist. Und so kam es, wie es kommen musste: gestern fiel mir mein geliebtes Telefon aus der Tasche. Glücklicherweise merkte ich es sofort und hielt an, fuhr ein paar Meter zurück, geriet kurz in eine irrationale ‚Oh Gott, ein Auto ist drüber gefahren!‘-Panik und sah dann eine kleine Ecke des grünen Bumpers aus einer tiefen, schlammigen Pfütze ragen. Ich fischte es aus dem Wasser, mir fielen sofort die Versicherungswebseiten ein, die vor Wasserschäden durch innerliche Korrosion von irgendwas warnen, wenn man Smartphones zum Beispiel im Bad benutzt. Außerdem sah ich, dass der Bumper diesmal versagt hatte. Das Display war komplett gesprungen. Wegen KiTa-Schließzeit hatte ich keine Zeit zum Trauern, sondern stopfte die Misere in meinen Rucksack, fischte noch die aus dem Bumper gefallene Kreditkarte aus der Pfütze und radelte weiter. 

Zu Hause besah ich mir das ganze genauer: Display gesprungen, teilweise fehlten Stücke aus dem Glas. Es ging zwar noch alles, aber man musste schon sehr aufpassen, sich nicht zu schneiden. Tatsächlich schaffte ich es dann doch noch später, mir einen fiesen Glassplitter in den Daumen zu ziehen. Aua, sage ich Ihnen. An Reperatur führte also kein Weg vorbei. Ich googlete nach einem günstigen Anbieter vor Ort und fand jemanden über Facebook (ja, das ist hier oft so, dass Menschen ihre Geschäfte hauptsächlich über Facebook betreiben), schrieb ihn an und bekam keine Minute später eine Antwort. Ich solle das Telefon am nächsten Tag (also heute) um 15:00 Uhr zu einer Adresse bringen, die Reperatur würde ca. 15 Minuten dauern und 1400 NOK kosten. Ich willigte ein, der Preis war weit unter dem vom Fachhändler und Reperatur am nächsten Tag kam mir auch sehr gelegen. 

Als ich die Adresse suchte, kamen mir leise Zweifel. Eine Privatadresse in einem recht schäbigen Haus an einer Hauptverkehrsstraße. Von dem Typen (ich ging einfach von einem Typen aus, hallo Alltagssexismus!) wusste ich nicht mal den Namen, ich sollte einfach eine Nachricht schicken, wenn ich da bin. Er würde dann das Telefon draußen holen und nach 15 Minuten käme er wieder raus und würde es mir geben. 

Ich würde also einem wildfremden Mann (?) mein ausgeschaltetes Handy geben. In einer schäbigen Ecke, in der sicher niemand bemerken würde, wenn ich einfach in den Hauseingang gezerrt würde. Schluck. Und wer sagt mir denn, dass der nach 15 Minuten wieder kommt?

Dann beschloss ich, Vertrauen zu haben. 

Und es zahlte sich aus. 

Der Typ ist wirklich ein Typ, vom Nachnamen her Thailänder, vom Aussehen her möglicherweise auch, aber eher Indonesier. Als Vornamen hat er sich den schönen Namen Nils gegeben (ich gehe einfach mal davon aus, dass ein eindeutig nicht hier geborener Mensch namens Tomprajangnam (Name von der Redaktion geändert) nicht mit Vorbamen Nils heißt). Er nahm das Telefon, besah es sich von allen Seiten, meinte, das bekäme er hin, nur die Kratzer am Metallrahmen, die blieben natürlich, erklärte mir noch, wo ich klingeln solle, wenn die 15 Minuten rum seien und verschwand. 

Ich fuhr zur Post und zurück und klingelte immernoch ziemlich aufgeregt. Ich fragte mich auch ein bisschen, wie der Nils denn die Bezahlung annehmen würde, so viel Bargeld habe ich nämlich eigentlich nie dabei (genau genommen habe ich in Norwegen fast nie Bargeld dabei) und so auf der Straße? Ich weiß ja nicht. Könnte nach Drogen aussehen… Diesmal durfte ich aber in den Innenhof kommen (kurze Panik wegen echt zu vieler gelesener skandinavischer Krimis, ich sah mich schon ritualgemordet in irgendeinem Baum hängen), bekam mein Telefon  zurück, Nils forderte mich auf, ruhig rumzuprobieren, ob alles geht und wie soll ich sagen: wie neu! Alles geht, Homebutton funktioniert weiterhin, auch TouchID, überhaupt alles halt. Soweit ich das beurteilen kann, ist der Einbau des neuen Displays fachgerecht gemacht worden und ich bin total zufrieden. Das sagte ich dem Nils und er zückte daraufhin ein mobiles Kartenlesegerät, schickte mir die Quittung per SMS (als Downloadlink zu einem PDF), bedankte sich für den Auftrag und hielt mir sogar noch die Tür auf, damit ich mit meinem Fahrrad da heraus kam. Wenn was ist, solle ich mich melden. Und das würde ich tatsächlich machen. Auch wenns ganz schön aufregend war. 

(Ach ja: ich hatte noch den Tipp bekommen, das Handy bis zur Reparatur in Reis zu legen, um eventuell eingedrungene Flüssigkeit rauszuziehen. Hab ich gemacht. Keine Ahnung, obs geholfen hat, aber es sah ein bisschen traurig aus, wie es da in seinem Reisbett lag, zersplittert und zerkratzt…)

Ein Gedanke zu “Tag 498 – Creeeeeepy. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s