Tag 533 – Luft raus. 

Ich verrate Ihnen jetzt mal etwas über mich. Kompromat, wenn Sie so wollen. 

In der Schule wurde ich gemobbt. Sie nannten mich Hexe (wegen meiner großen, höckerigen Nase) und Streber (wegen meiner guten Noten), das war beides hässlich, aber nichts war schlimmer als: Heulsuse. Weil ich dann immer anfing zu heulen. Und dann rannten sie mir lachend hinterher und riefen „Heul doch, heul doch, Heulsuse!“ und ich lief und heulte. Das wurde mit einsetzender Pubertät immer schlimmer, bis ich quasi in jeder Mittagspause heulend unter der Tischtennisplatte hockte. Da hatten wir dann mal so ein Vermittlungsgespräch in der Klasse, wo mir die Lehrerin allen ernstes vorschlug, doch einfach nicht zu weinen. Man müsse die anderen ja verstehen, wenn ich ja auch immer zu heulen anfinge…? Haha. Victim blaming galore. Funktionierte damals insofern, dass mir schlagartig klar wurde dass nur ich das abstellen kann, indem ich mich ändere, denn Hilfe konnte ich keine erwarten. Ich schwor mir, nie wieder in der Öffentlichkeit zu weinen. 

Das zog ich, mit einer Ausnahme*, bis heute durch. Bis zum nächsten Klo schafft mans immer noch irgendwie, auch wenn einem die Augen so voller  Tränen sind, dass man halb blind durch die Gegend torkelt. Ich bin, zusätzlich zum normalen Trauer- und Enttäuschungsheulen, ein Angstheuler und ein Wutheuler, also Gelegenheit gabs echt genug. Aber, bitte, keine Genugtuung für andere. Nie mehr. 

Was ich bisher aber noch nicht kannte: Erleichterungsheulen. Heute morgen lief ich, noch in Fahrradmontur, meinem Chef über den Weg. Er kam gerade aus dem MS-Labor. Er strahlte über beide Backen. Meine Resultate, sagte er, seien super. Wunderschön. Nur minimale Abweichungen der Replikate untereinander. Und im zeitlichen Verlauf des Versuchs genau wie wir erwartet hätten. Endlich füge sich das Puzzle zusammen. 

Ich und der Kloß in meinem Hals schafften es nickend und lächelnd bis in mein Büro. Da brach ich in Tränen aus. All die Arbeit (Sie erinnern sich? Vor Weihnachten die zwei Wochen, nach Weihnachten nochmal so viel?) und das ganze Geld (Vier Liter teures Medium, zwei teure Kits, zwei Flaschen teurer beads, ein Mülleimer voller verbrauchter Pipettenspitzen (RNAse frei, versteht sich) etc., die Analyse von 175 Proben durch die Core Facility und natürlich meine Arbeitskraft für vier volle Wochen) und es hat sich gelohnt! Was für ein Stein plumpste mir da vom Herzen. Ich konnte förmlich spüren, wie sich mein Kiefer entspannte. Dabei hatte ich gar nicht den Eindruck gehabt, so unter Druck zu stehen. Aber wenn sich Druck so lange aufbaut und dann schlagartig entweicht, dann, tja, dann reicht das wohl für ein paar Erleichterungstränen. 

*Unvergessen, im gläsernen Büro des Professors nach der Klausur „Next Generation Sequencing Methods“. Der arme Mann war etwas überfordert. Verständlich, wenn die Studentin nach der Erklärung, warum bei der einen Aufgabe  entscheidende Punkte zum ‚A‘ fehlen, in Tränen ausbricht und stammelt „But that is so basic, and logic, and everything that I wrote later shows that I know it, I just didn’t think I had to write it down…“. 

8 Gedanken zu “Tag 533 – Luft raus. 

  1. Alex schreibt:

    Ja dieses Gefühl wenn etwas gut ausgeht ist unbezahlbar 🙂
    Ich bin auch so eine Heulsuse. Ich wurde zwar nicht gehänselt aber mir wurde auch immer gesagt ich soll nicht heulen, das mache auch nichts besser…….. Ich hasse es

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  2. Bettina schreibt:

    …..und dabei kann heulen so erleichternd sein, in jeder Situation! Schade, dass man sich dafür schämt. Es wäre so schon, wenn wir diesen (und anderen) Gefühlen freien Lauf lassen könnten….

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  3. ohmskine schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch Frau Rabe!
    (für das sich zusammenfügende Puzzle, nicht fürs unter der Tischtennisplatte Heulen)
    Ich warte auf den Link zum Erstautor nature Paper.
    :o)

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