Tag 549 – Tango!

Wegen der fiesen Blasen an meinen Fersen bin ich heute nicht richtig Spazieren gegangen, sondern zu einem See gefahren. Ich wollte aufs Wasser gucken. Haha. Nachdem seit über einer Woche deutliche Minusgrade herrschen. Hahahahahaha. (Manchmal denke ich nicht für fünf Cent nach.)

Wasser, Aggregatzustand: anders als erwartet.


Nun gut. Ich guckte also ein bisschen auf Schnee und dann packte ich mein Buch aus und las. Wenn man nämlich gegen die Sonne auf Schnee guckt, sieht man ziemlich schnell nichts mehr. So war es dann doch ganz schön, in der Sonne, lesend. Ich ging auch einmal auf den See raus, aber dann wegen „Ohgottogott, gefährlich, schlimm, niemand da, wenn ich einbreche bin ich SOFORT TOT!“ ganz schnell wieder zurück. Ja, da bin ich ein Schisser sondergleichen. 

Worüber ich auch nicht nachgedacht hatte: der Rand meiner Ballettschuhe sitzt ganz genau auf den Blasen. Ich sage es mal so: nach zwei Monaten nix wieder Ballett machen war eh schon ne Herausforderung und, ja, auch ne kleine Überwindung. Und dann diese Schuhe… und läääääächeln! Aua. Das war echt schwer. Miese Sache, so Blasen. Aber gelohnt hat es sich trotzdem. Nicht nur die körperliche Betätigung an sich, so nen Körper mal wieder komplett spüren hat schon was. Ich mag auch die Musikauswahl, ein Stück (zu dem wir Grande Battements machten) hatte ich mal in einer Musik-Klausur und mir fällt uns Verrecken der Komponist nicht ein. Vielleicht aus ‚Bilder einer Ausstellung‘ von Mussorgsky. Auf jeden Fall Romantik. Vor allem ist aber das neue Choreografie-Stück eins meiner liebsten Tanzmusikstücke überhaupt. Nämlich dieses hier.  Hier kann man das nicht so gut hören, aber dafür tanzen da Menschen schön. Hachja. Also jetzt Tango. Große, starke Gesten. Mag! (Und, vielleicht können Sie es sich schon denken: ich kann das auch um Längen besser als den Zuckerfeegiselleschwan.)

Tag 548 – Spannend, spannend.

Ich kann heute nicht so viel schreiben, denn 1. habe ich kaum was erlebt und 2. habe ich gestern zwei sehr spannende Dinge angefangen: Black Mirror auf Netflix und The Hunger Games auf Papier. Black Mirror ist eine Serie nicht miteinander zusammenhängender (teils schmerzhaft realitätsnaher) Dystopien. Hunger Games muss ich wohl keinem erklären. Nach einer seeeeehr creepy Folge Black Mirror (‚Be right back‘), die ich heute Nachmittag sah, lese ich jetzt erstmal weiter. 

Projekt Spazieren gehen: läuft (haha). Heute ging ich zur Ringvebukta und von da über den Ladestien nach Hause. Ich war gut zwei Stunden unterwegs und fror ordentlich bei -8 Grad und ziemlich scharfem Wind. Leider war es so kalt, dass ich nicht merkte, dass ich im Gesicht zu viel Sonne abbekam und jetzt ist meine Nase ein bisschen rosa und außerdem habe ich an jeder Ferse eine fiese Blase. Morgen mache ich glaube ich mal Pause oder fahre „nur“ irgendwo hin und setze mich an nen See oder so. Mit so Blasen macht das Spazieren gehen nur mäßig viel Spaß. 

Ich weiß, ich weiß. Es ist echt schön hier. Langsam sehe ich das auch.

Tag 547 – Wohnungsmist. 

Ich habe darüber noch gar nicht richtig abgekotzt geschrieben. Unsere Wohnunsmisere. 

Unsere Wohnung ist sehr schön. Ich mag die wirklich. Altbau, hohe Decken, Stuck, der ganze Kram. Dazu war sie (teil-)möbliert und die Einrichtung und sonstige Gestaltung gefiel uns wirklich auf Anhieb ausnehmend gut. Genau so hätten wir es wohl auch gemacht. Deshalb war und auch egal, dass die Wohnung an der Schmerzgrenze teuer ist. Mit der jährlichen Mietpreiserhöhung in Höhe der Inflation knacken wir wohl ab März die 15.000 NOK. Da ist noch kein Strom dabei, der ist, besonders im Winter, auch nochmal ein echter Batzen (Altbau, voll schön, hohe Decken und so. Und die schicken, alten Flügelfenster…). 

Ein Nachteil der Wohnung ist, dass wir kaum Lagerplatz haben. Auf dem Dachboden haben wir ein zwei Quadratmeter großes Kämmerlein mit Schräge. Weil uns niemand davon abhält gesagt wurde, dass das in Ordnung sei, lagert ein Teil unserer Sachen auf dem gemeinsamen Dachboden, denn das Kämmerlein ist so voll, dass die Tür nur noch zugeht, wenn man die eine Kiste beim Schließen der Tür etwas anhebt und dann vorsichtig die Tür dran vorbei zwängt. Einiges (hauptsächlich Nahrungsmittelvorräte (in der Küche ist nämlich auch kein Platz) und Putzmittel und sowas halt) ist auch im hinteren Treppenhaus, das gab ja schonmal Ärger wegen des Fluchtwegs (ich frage mich, wo man da hinfliehen soll, aber naja), daraufhin quetschten wir das was da war so zusammen, dass der Fluchtweg frei ist.  

Jetzt wird hier aber auf Empfehlung des Brandschutzwesenes alles brandschutztechnisch modernisiert. Das heißt, dass eine Warnanlage installiert wird, die direkt mit der Feuerwehr verbunden ist (voll supi, wo doch schon unser normaler Pieps-Rauchmelder jedes Mal losheult, wenn man was toastet), außerdem werden überall Brandschutztüren eingebaut (für unsere Wohnung zwei, auf dem Dachboden und im Keller ca. tausend), die Rohre im hinteren Treppenhaus werden erneuert und das hintere Treppenhaus wird so umgebaut, dass eine Wand unseren „Lagerplatz“ und den Wasserboiler, der da jetzt noch in einem extra Kämmerlein steht, vom Treppenhaus abgrenzt. 

Und genau da liegt der Hund im Pfeffer und der Hase begraben. Das heißt nämlich

  1. Bauarbeiten. Yeah. Weiß man ja, wie prickelnd sowas ist. 
  2. Die Brandschutztür zum vorderen Treppenhaus wird vor unserem kleinen Flur eingebaut, was (wenn ich das richtig verstanden habe) heißt, dass in dem kleinen Flur dann nichts brennbares mehr gelagert werden darf. Jacken, Schuhe, Schals und co. brennen ziemlich gut. Also muss das Zeug dann wohl woanders hin und, haha, wo???
  3. Die Umbaumaßnahmen im hinteren Flur werden ein Abkoppeln des Wasserboilers notwendig machen. Für mindestens eine Woche. Das erfuhr ich so:

*Knock, knock**hämmerhämmerhämmer*

Ich gehe zur Tür. Zur hinteren. Durchs Bad. Da stehen die Nachbarin W. und ein Typ, der aussieht wie Bob der Baumeister in lebendig. 

Bob: „Ja, Hei, ehem, ist das euer Kram da in der Ecke?“

Ich: „Jaaa…?“

Bob: „Weil, das wird ja alles umgebaut, wir machen das im April, da muss der Tank da weg, das ist ja so auch alles gar nicht zulässig, das muss alles neu, und wenn wir den Tank da abklemmen müssen, also, willst Du nicht vielleicht drei Wochen Urlaub machen, Ende April?“

Ich: „?!?“

Bob: „Ja, weil, so ist das nicht zulässig. Und wir müssen das abklemmen. Dann hast Du hier kein Wasser. Und das dauert mehr als einen Tag. Mindestens ne Woche.“

W.: „Überlegt euch das mal, wie wir das machen können.“

Ich: *denke: hahaha, nie im Leben, eher ziehen wir hier aus* „Ich kann das nicht jetzt sofort entscheiden. Ich muss auch erst mit meinem Mann reden.“

W.: „Ja, überlegt das mal.“

Bob: „Wir versuchen, uns da nach euch zu richten, so gut es geht, aber das ist ja hier alles gar nicht zulässig… was ist denn das da für ein Kabel?“

Ich: „?“

Bob: „Das kommt hier doch innen irgendwo raus…“ *latscht einfach rein, durchs Bad, durch die Küche, ins Wohnzimmer* „Nee, hier auch nicht. Komisch. Das muss ja irgendwo rauskommen. Das ist ja so alles gar nicht zulässig.“

W.: „Ja, also, überlegt das mal, wie ihr das machen könnt im April. Wir kommen dann gleich nochmal und vermessen die Tür.“

*beide durchs Bad wieder ab*

Tja, wie soll ich sagen. Ich bin jetzt Mitglied im Mieterbund, habe auch direkt da eine Anfrage gestellt, was wir da machen können (EINE WOCHE OHNE WASSER, HAKTS?!?) und weiß von zwei Wohnungen ums Eck, die frei sind und die in Frage kämen. Ich hoffe einfach, dass wir gaaaaanz schnell aus unserem Mietvertrag rauskönnen. 

Um meinen Kopf zu lüften ging ich danach zur Festung (eigentlich wollte ich Hagebutten ernten, wurde aber nur von sehr zufriedenen und dicken Vögeln ausgelacht), heulte da ein bisschen rum weil ich so ne Scheiße grad echt nicht auch noch gebrauchen kann und dann ging ich durchs Øvre Bakklandet an Bispehaugen vorbei nach Hause zurück. 

Blick über Dom und Nidelven.

Heute war irgendein Flaggentag.

Vielleicht können wir ja da einziehen.

Oder da. (Das ist ein Bunker.)

Bispehaugen sieht in der Sonne immer total schön aus, finde ich.

Nur noch dreieinhalb Monate bis Frühling. Seufz.

Tag 546 – Follow-Ups. 

Follow-Up 1: die Putzhilfe war heute da. Sie hat noch nicht geputzt, sondern wir haben erstmal nur geredet und uns auf die Modalitäten geeinigt. Ab nächster Woche wird sie Montags früh kommen, wir lassen sie dann rein, wenn wir zum Kindergarten aufbrechen, was den Vorteil hat, dass wir ihr keinen unserer schlecht funktionierenden Haustürschlüssel geben müssen (von außen abschließen kann man ja eh nicht, wenn sie geht kann sie also einfach hinter sich zuziehen). Überhaupt war sie sehr nett und eins meiner To-Dos ist jetzt, herauszufinden, wie man eine Haushaltshilfe in Norwegen legal beschäftigt. 

Follow-Up 2: Projekt ‚Entspannen‘ läuft. Wenn auch auf den ersten Blick unkonventionell: ich räume auf und putze. Nicht viel, aber ein bisschen. Heute habe ich Staub gewischt im Schlafzimmer, das haben wir seit Ewigkeiten nicht gemacht und entsprechend nötig war es. Auch Ausmisten und Aufräumen ist nötig, und ich stelle fest, wie viel besser es mir geht wenn es um mich rum einigermaßen ordentlich ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich jetzt nicht mehr beim Anblick wirklich jeder Ecke in der Wohnung mich heulend zusammenrollen möchte, weil so viel zu tun wäre, dass ich komplett überfordert bin. Ich habe mir vorgenommen, mich schrittchenweise durch die Wohnung zu arbeiten, heute Kram auf den Dachboden bringen, morgen Zeug zum Verschenken/Verkaufen ins Internet stellen, übermorgen vielleicht mal im Wohnzimmer staubwischen. So bleibt auch noch Zeit für

Follow-Up 3: Spazieren gehen. Heute ging ich von zu Hause aus durch Svartlamoen (das alternative Viertel, da wohnen auch Trondheims Drogis, deshalb hat die Ecke totaaaaaaal hohe Kriminalitätsraten, also geringfügig über null) an der Dahls-Brauerei lang durchs Industriegebiet um den Ladehammer herum (da hab ich mich kurz verlaufen, mit einem Mal war ich irgendwie doch oben auf dem Felsen…) nach Korsvika. In strahlendem Sonnenschein. Das war echt schön. 


Leider war der Weg sehr vereist und dafür hatte ich die falschen Schuhe an, sonst wäre ich noch weiter in Richtubg Ringvebukta gegangen. Ich dachte nämlich, ich könnte ja mit dem Spazierengehen auch meinen Füßen etwas Gutes tun und Schuhe mit Einlagen tragen. Die haben aber leider kein ordentliches Profil. Tjanun. So saß ich einfach ein bisschen in Korsvika auf dem Felsen (merke: morgen unbedingt eine Sitzmatte mitnehmen) und genoss die Aussicht und die Sonne. Es gibt schon schlimmeres. 


Überhaupt muss ich echt mal sagen, wie froh ich bin, dass der Arzt erstmal nur von Essen, Schlafen und Spazieren gehen sprach und nicht gleich mit SSRIs um sich geworfen hat. Sehr froh bin ich da. Sehr, sehr froh. 

Tag 545 – WmDedgT im Februar ’17

Es ist der 5., das heißt, dass Frau Brüllen von uns wissen möchte: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Ja, erstmal früh aufstehen. Yeah. Mein persönlicher Tiefpunkt des Tages: vor halb acht die Kinder beide zum Teufel wünschen (da war Pippi schon ewig wach und hatte ihre Füßchen immer wieder in meine Unterhose gesteckt, kleine Füßchen, mit kleinen Knubbelzehen, mit scharfkantigen Zehennägeln), inklusive anschnauzen. Egal. Wer so schon morgens die Hoffnung auf den Mutterorden fahren lassen kann, der kann dann auch die Kinder Nutellabrötchen und Muffins frühstücken lassen. Auf die Art konnte ich mir genug Zeit erkaufen, um mir einen Kaffee zu machen und nach dem Kaffee war ich dann auch ein Mensch. Ein grummeliger immernoch, aber mit frischen Brötchen auf dem Tisch ging es dann weiter bergauf. 

Um halb neun waren wir mit dem Frühstück fertig. Gut das die Sendung mit der Maus da schon abrufbar ist. Wir räumten also zusammen das Frühstück weg und sahen dann Maus. Und dann Dino-Zug. Dann rief Herr Rabe an, der auf seinen Bus wartete und wir FaceTime-Redeten ein bisschen, wobei hauptsächlich die Kinder redeten und ich aufpasste, dass sie mein Handy pfleglich behandeln. Nach dem Telefonat waren die Kinder etwas aufgedreht und wir spielten ein bisschen Dino-Zug (Michel ruft dann „Zeit-Tunnel!“ und dann müssen wir uns alle festhalten und dann besuchen wir ganz tolle Dinosaurierfreunde), Pippi sogar mit Brille. 


Nachdem wir so munter durch die Zeit gereist waren, wollten wir duschen. Ich machte die Badewannen fertig, währenddessen zerdepperte Pippi Michels Glas. Alle barfuß und Glassplitter, wie schön. Immerhin holte Michel sofort den Staubsauger, als ich ihn darum bat. Und stöpselte ihn ein und machte ihn an. Und aus. Und an. Irgendwann hatte ich aber tatsächlich alle Splitter weggesaugt und wir gingen Baden / machten aus Ermangelung an 1,70 m langen Faltbadewannen andere Körperpflegedinge. Derweil schickte ich Rexto Plexto durch die Küche. Fertig gereinigt schmierten wir uns alle gegenseitig mit der neu gekauften Bodylotion ein, hatten dabei viel Spaß und dann zogen wir uns an. 

Zum Mittagessen machte ich uns aus den Resten von gestern Bratnudeln. Dabei kam bei Michel etwas Sprachverwirrung auf: 

Das ist aber auch komisch. 

Pippi war inzwischen hundemüde und Herr Rabe vermeldete, dass sie an Værnes vorbei gefahren seien. Ich überredete die Kinder mit Engelszungen zum Aufräumen im Wohnzimmer, Rexto Plexto saugte derweil das Esszimmer, ich komplimentierte die Kinder in ihre Draußensachen und dann gingen wir los, Herrn Rabe abholen. Nach drei Minuten Kinderwagengeschaukel war Pippi eingeschlafen. Michel war sehr aufgeregt und laberte in einer Tour. Als wir dann am Bus waren und Herrn Rabe wiederhatten, sagte er dann erstmal nichts. 

Zwei Minuten später hatte er sich gefangen und hörte von da an bis zum Einschlafen am Abend quasi nicht mehr zu reden auf. Wir gingen unter Erzählen einen Kaffee holen, wurden dann nach Hause gequatscht, dort wurde der Einkauf von Herrn Rabe ausgiebig kommentiert, uns wurde noch einmal etwas Dinozug erklärt, das Kochen und Aufräumen wurde kommentiert, das Essen selbst natürlich auch, ungelogen nicht mal beim Zähneputzen schaffte er es, nicht zu reden. Uff. Wir alle haben jetzt nicht nur einen Knopf an der Backe. 

Nach dem Essen (Nudeln mit Sauce) machten wir die Kinder bettfertig, putzten alle die Zähne und dann brachte Herr Rabe Michel ins Bett, während ich Pippi in den Schlaf schaukelte (mein armer Rücken). Wie durch ein Wunder schaffte ich es, sie ins Bett zu verfrachten ohne dass sie aufwachte und so konnte ich noch weiter aufräumen, morgen früh kommt nämlich unsere neue eventuell-Putzfrau. Aufregend!

So, und jetzt nehmen Sie’s mir bitte nicht übel, ich hab sicher die Hälfte vergessen, aber mir fallen schon beim Schreiben die Augen zu. Gute Nacht!

Tag 544 – Michels Tierkunde. 

Mannfreien Tag souverän gemeistert. Wir waren sogar draußen und haben Muffins gebacken. Also als wir wieder zu Hause waren, wir haben natürlich nicht draußen Muffins gebacken. Vor allem haben wir nur wenig gestritten, das ist ja schon mal was nach dem Dauerzoff der letzten Wochen. 

Vor dem Einschlafen haben wir Michels Tieratlas angesehen und das muss ich doch mit Ihnen teilen, das ist so niedlich. Michel hat nämlich wegen Zweisprachigkeit, eigener Kreativität und nicht zuletzt Eltern mit schrägem Humor ein paar eigenwillige Namen für und Assoziationen zu Tieren. 

„Brannfrosk“, übersetzt Brandfrosch.


Dachsbiber.


„Ein Hai! Dömdömdömdömdömdöm!“


Das mit dem Dömdömdömdöm macht er wirklich jedes Mal, wenn er einen Hai sieht oder mit einem Hai spielt oder ein Hai ist (Vierjährige sind ja dauernd irgendwas. Michel war heute auch schon ein Gürteltier.). Vor dem Einschlafen heute fragte er mich dann wirklich: „Mama? Warum macht der Hai so Dömdömdömdömdömdöm wenn er angeschwommen kommt mit der Flosse so raus?“. Da bleiben Sie mal ernst! 

(Ja, ich hab’s natürlich erklärt. Die langweilige aber ehrliche Erklärung. Ich hoffe bloß, er will jetzt nicht ‚Der weiße Hai‘ gucken.)

Tag 543 – Spazieren gehen. 

Das mit dem Spazieren gehen habe ich heute mal ausprobiert. Eigentlich wollte ich schon zur Uni laufen, ich musste ja eh meine Krankmeldung abgeben und auch mit meinem Chef wollte ich gerne persönlich sprechen und nicht einfach per Mail mitteilen, dass ich die nächsten zwei Wochen nicht komme. Dann war es aber nach einem kleinen Wellness-Programm (Haare färben und so, Zeug, für das mir die letzten zwei Wochen abwechselnd der Antrieb und die Zeit fehlten) und ausgiebigem Frühstück mit mir selbst schon elf und mir fiel ein, dass der Chef ja ab zwölf im Gruppenmeeting sitzt. Naja, ich nahm also den Bus, sprach mit meinem Chef (alles gar kein Problem, quasi ideales Timing, während ich auf Bestellungen warte kann ich ja eh nix machen und Krankschreibungen von mindestens zwei Wochen werden an die Projektfinanzierung einfach drangehängt (das ist was, was in Norwegen einfach total super ist!), also auch das: kein Ding. Gute Besserung und so.), schickte die Krankmeldung per Hauspost an die Verwaltung, nörgelte per Email an, warum meine Reisekostenabrechnung noch nicht bewilligt ist, blieb dann noch zum Meeting (wegen des Kuchens) und dann ging ich zu Fuß durch die Stadt nach Hause. 

Erstmal: ich bin nicht gut im Spazieren gehen. Grundsätzlich habe ich absolut gar nichts gegen Laufen: solange es ein Ziel gibt, gehe ich sogar lieber zu Fuß als beispielsweise Fahrrad zu fahren. Dann gehe ich gerne schnell und zielstrebig und ja, da kann ich mich dann auch an frischer Luft und Sonne erfreuen oder den Regen ignorieren. Aber so einfach in der Gegend rumlaufen, das ist so mittel. Deshalb auch als erster Ausflug: durch die Stadt. Ich brauchte neue Bodylotion und ach, mal durch die Läden bummeln hab ich ja so ganz ungestört auch schon länger nicht mehr gemacht. 
Ungefähr nach zwei Minuten laufen merkte ich, dass ich unheimlich schnell ging. Ich rief mich zur Ordnung, ich sei ja nicht auf der Flucht, sagte ich mir. Ich versuchte, Wege zu finden, die Sonnenbeschienen waren. Gar nicht so einfach, weil die Sonne immer noch sehr tief steht und die Häuser entsprechend lange Schatten werfen. Je mehr ich mich dabei von der Uni entfernte, desto besser und leichter fühlte ich mich. Es wird schon gehen. Vielleicht schaffe ich es sogar, in den zwei Wochen gar nicht zu arbeiten. (Sie lachen. Ist in Ordnung: Ich lache auch ein bisschen über mich. Und das ist super: mein Humor ist wieder da!) 

Was allerdings nicht ging, war bummeln. Ich war immer noch wie unter Strom, stand ewig vorm Nagellackregal und entschied mich dann doch dafür, in den USA ordentlich zu shoppen. Nagellack und außerdem hätte ich gerne mehr qualitativ gute Lidschatten, gerne bunt. Tipps sind Willkommen. Und Lippenstift. (Jaja, das lohnt sich schon sehr, das in den USA zu kaufen, Kosmetikprodukte sind hier schweineteuer.) Mir 6 Tage lang von 08:30 bis 21:30 durchgehend (!!!) Zeug anhören, das schaffe ich eh nicht. Da ist ein Ausflug irgendwohin zum Einkaufen eine gute Idee. Bestimmt. 

Also jedenfalls kaufte ich keinen Nagellack. Und im ersten Laden auch keine Bodylotion, weil es nur die gab, die ich gerade habe und die ist blöd. (Ich suche nach einer parfumfreien, ich vertrage das Parfum oft nicht so gut und mag das auch nicht so, nach drölfzig verschiedenen Sachen zu riechen.) Dann rannte ich (unter Strom!) zu einem anderen Laden und kaufte da die andere parfumfreie Creme aus dem Babyregal. Wenn die auch blöd ist, bleibt nur noch die Apotheke mit entsprechenden Preisen. 

Mit dem Kauf der Bodylotion war aber ja meine Mission erfüllt, also „bummelte“ ich. Gänsefüßchen. Riesige Gänsefüße! Ich ging immernoch sehr schnell. Und ich fand nichts. NICHTS! Ich fand alles blöd. Und das was ich nicht total blöd fand (mal ehrlich: diese Mode, dass man so Schlafanzughosen trägt, ein bauchfreies Top und darüber so ne Art Bademantel: wäh!) war so schlicht, dass ich dachte: das kannste dir auch selber nähen, nur dann halt in nem schöneren Stoff. Am Ende war ich so frustriert, dass ich am liebsten direkt Stoff eingekauft hätte. Das wirklich einzige, das mir gefiel, war ein türkiser Wollmantel in einem Laden namens Namastë (fragen Sie nicht) und der war mir, obwohl runtergesetzt, viel zu teuer. Ich trabte also mit meiner Bodylotion nach Hause, nahm mir noch einen Kaffee auf dem Weg mit und tat dann etwas, das mich wirklich entspannt: Fernsehen. Und Stricken. 

Danach hatte ich dann so viel Energie wiedergewonnen, dass ich die Kinder abholen konnte, wir machten Milchreis und aßen halbwegs harmonisch und dann gingen beide relativ fix ins Bett*. Und jetzt werde ich gleich lesen. In einem Buch. Sachen gibt’s…

Nächste Woche versuche ich es dann mal mit dieser Natur die da draußen überall ist. Vielleicht geht das mit dem Spazieren gehen da besser. 

*Herr Rabe ist dieses Wochenende auf dem alljährlichen Skitrip seiner Firma. Grandioses Timing, er hat auch angeboten, hier zu bleiben, aber ich schaffe das schon. Notfalls gibt’s dann eben viel Dino-Zug. Oder ich gehe mit den beiden spazieren, die können das auch nicht schlechter als ich. 

Tag 542 – Kaputt. 

Nach einer aus vielen Gründen höllischen Nacht und einem nicht minder furchtbaren Morgen fuhr ich heute nach dem Abliefern im Kindergarten zur Arbeit. Da kam ich aber nie an, sondern fuhr zum Arzt, der liegt auf dem Weg. Einfach so. Ohne Termin. Um viertel vor neun war ich da, um neun durfte ich mit der Sekretärin sprechen und bekam einen Termin für halb zwölf. Aus Angst, nicht noch mal den Mut aufzubringen, herzukommen, blieb ich einfach im Wartezimmer sitzen. Und jetzt bin ich krank geschrieben. Rechtzeitig um das Poster für die Konferenz zu basteln, darf ich wieder arbeiten. Bis dahin soll ich essen, schlafen und spazieren gehen. 

Bevor Sie sich jetzt Sorgen machen: es geht mir soweit gut. Ich bin nur sehr, sehr erschöpft. Richtig kaputt. Und ich will meinen Kindern nicht als „bedrohlich emotional“ in Erinnerung bleiben. Insofern war das vermutlich eine der erwachseneren Aktionen in meinem Leben bisher: die Notbremse zu ziehen. 

Jetzt muss ich mich nur noch selbst damit anfreunden. 

Tag 541 – Kichererbsen. 

Wir hatten heute Projektmeeting, mit dem Struktur-Projekt. Etwas peinlich: wegen zu viel zu tun mit dem RNA-Projekt und dauernd kranken Kindern hatte ich seit dem letzten Meeting vor, hüstel, sechs Wochen daran rein gar nix gemacht. Das machte aber nichts, auch ohne große Beiträge von meiner Seite überzogen wir kräftig. Darüber hinaus war das ganze Meeting auf Norwegisch. Das ist für mich normalerweise kein Problem mehr, heute waren es aber verschärfte Bedingungen, nämlich

  • Vier verschiedene Dialekte: Trøndersk (Leksvik), Pen-Trøndersk, Østfold und Oslo
  • Meine österreichische Kollegin die einen starken österreichischen Akzent im Norwegischen (im Englischen auch) hat
  • Mein dänischer Co-Supervisor, der stur Dänisch spricht. 

Ich kann gar kein Dänisch. Den Rest verstehe ich ja, selbst die Österreicherin kann ich verstehen, aber Dänisch? So hört sich für mich Dänisch an: „Gouwuuuluowuuul uiiiiiche bjüül.“ Äh. Als der Däne dann sowas sagte wie „Henäääde scherüüüüü schom schiekärtr, mens häääärerejü bare skuuug.“ was vielleicht heißen sollte „Hier unten (her nede) sieht das ja aus (ser det jo ut) wie Kicherebsen (som kikerter), während das hier nur Wald ist (mens her er det jo bare skog).“ oder auch was ganz anderes, da musste ich doch sehr auf meine Zunge beißen um nicht laut loszulachen über diese absurde Situation, sieben Leute in einem Raum und sechs verstehen den siebten nicht, was der aber einfach ignoriert. 

Ergebnis des Meetings übrigens (soweit ich das mitbekommen habe): es geht voran. Und da waren sie wieder, meine zwei Probleme. Zwei Projekte, sie haben nichts miteinander zu tun und beide laufen nahezu gleich gut. Vielleicht sollte ich einfach zwei PhDs machen?

Kurz nebenbei: nächste Woche Mittwoch wird hier das FM-Radio abgestellt. Ab dann gibt’s nur noch DAB+ und Internetradio. Die Info kam heute mit der Post (frühzeitig vorwarnen ist nicht so der Norweger Ding). Die Mobilfunkanbieter reiben sich schon die Hände und empfehlen jedem, doch einfach im Auto das Internetradio zu nutzen. Und die DAB+-Empfänger werden wohl auch die nächsten Wochen nicht gerade billiger werden. Tja, dann brennen wir wohl wieder CDs fürs Auto. 


Der Papa eines KiTa-Kindes hat mit dem norwegischen Team den 2. Platz beim Bocuse D’Or -Kochwettbewerb belegt. Da kann man schon mal die Fahne hissen. (Norwegen. International bekannt für seine herausragende Gourmetküche. Oder so.)