Tag 650 – Grenzen. 

Im Moment großes Thema: mein eigentliches PhD-Projekt. Es ist zum heulen. Ich messe mir seit über einer Woche an dem Ding nen Wolf, ohne nennenswerte Ergebnisse. Und wenn ich die dann kommuniziere, also die Nicht-Ergebnisse, sind alle total aus dem Häuschen und brummen mir weitere zehntausend Experimente auf. Und ja, sie brummen auf, sie schlagen nicht vor oder bitten darum, es geht so „Das ist ja alles sehr vielversprechend, da mach mal noch dies und das und jenes und Check das und achte auf das und dann kommen wir sicher schon ein Stück weiter.“. Das ist sicher auch zum Teil der Norwegischen Kommunikation geschuldet, da wird ja auf sämtliche Höflichkeitsfloskeln verzichtet. Das zweite Problem ist, dass ich einfach nie was sage*, sondern mit hängendem Kopf ins Labor zurückgehe und noch drölfzig Messungen mache, bis meine Frustrationstoleranz in Scherben am Boden   liegt und ich abends beim Erzählen von „wie war dein Tag?“ in Tränen ausbreche. Weil ich verdammt noch mal keine Zeit habe für so einen Scheiß. Ich habe keine Zeit mehr, tagelang nichts anderes zu machen, als Dinge in sechtausend verschiedenen Puffern (darfs noch ein millimolarchen mehr Salz sein? Wir haben hier ja auch noch dieses allerfeinste Kaliumchlorid?) zu verdünnen und dann Kapillaren reinzustecken und die in meinem kleinen Maschinchen mit einer LED beleuchten zu lassen. Und – ohne Witz – bei 29 von 30 Messungen kam *nichts* raus. Das ist, bei aller Liebe, nicht vielversprechend, sondern großer Scheiß. Und vor allem ist das Scheiß, für den ich, ich erwähnte es bereits, keine Zeit habe. Ich sollte in meinem Büro sitzen und meine Dissertation schreiben. Ich sitze im Labor und komme nicht mal zum Essen. 

Jedenfalls, dieses Verfügen über meine Zeit überschreitet meine Grenzen. Ich hasse das Wort ‚Fremdbestimmung‘ wirklich, weil es so krass inflationär gebraucht wird und ja auch außerdem das neue ‚böse‘ ist. Aber das ist eine Form der Fremdbestimmung, bei der es einfach jetzt reicht. Ich will das so nicht mehr und muss das den beteiligten Personen sagen, bevor mir im Meeting beim nächsten Mal der Arsch platzt, und ich wirklich wütend werde, wenn irgendwer das Wort ‚vielversprechend‘ im Zusammenhang mit meinen Daten verwendet. 

Da steht ein Gespräch mit dem Chef an. Das machen wir morgen früh direkt. Haha. Grenze zwei: früh aufstehen, erst stehen die Kinder gar nicht auf, dann hab ich zwei Nörgelkinder am Bein, Herr Rabe duscht erst mal 10 Minuten, die Uhr, sie tickt, keine Zeit, Kinder nörgeln, ahhh. Je.den. Mor.gen. Da muss eine andere Routine her. Ich weiß aber noch nicht, welche. Im Moment komme ich jedenfalls jeden Morgen zu spät und bin eigentlich schon reif für Schnaps, wenn die Kinder endlich in der KiTa sind. Meine Lieblingskollegin schlug heute vor, Geld fürs Snoozen zu bezahlen. 1 x Snooze, 10 Kronen. Vielleicht mache ich das. Ich bin so simpel, Gelddruck zieht bei mir immer. Hilft nur nicht gegen die nörgeligen, trödelnden Spätaufsteherkinder. 

Dritte Grenze: Pippi ins Bett bringen. Weil es einfach ewig dauert, bis sie schläft. Weil sie mich (unabsichtlich) dabei haut und tritt. Weil sie nochmal was essen will, trinken, ja, alles kein Problem, wenn du dann schläfst, liebes Kind, ach, tust du nicht, du hampelst noch rum und reißt dir am Ohr und an den Haaren und dann singst du und schau mal Schatz, ich bin hundemüde und hab noch so viel zu tun, ich kann einfach nicht mehr, ich will hier nicht den ganzen Abend sitzen und dir dabei zuschauen wie DU DICH SELBST VOM SCHLAFEN ABHÄLTST. Und morgen bist du dann wieder müde und magst nicht aufstehen. JETZT SCHLAF ENDLICH, VERDAMMT NOCH MAL! 

Und dann knallen mir irgendwann die Sicherungen durch und dann fliegen Türen oder Kissen und es fließen Tränen und das ist schon alles nur meiner gut trainierten Selbstbeherrschung zu verdanken, früher** gingen in solchen Situationen Dinge kaputt. 

Da muss also auch noch was passieren. 

Morgen. Oder Übermorgen. 

*was ich sagen will: „Das ist nicht vielversprechend, habt ihr mir zugehört? Das ist gar nichts, nicht signifikant, nichts! Hört auf in dieses Scheißprotein irgendeinen Kack reinzuinterpretieren, der da nicht ist! Und vor allem lasst mich da raus!“

**vor den Kindern, das letzte Mal war’s eine Schranktür in der Schwangerschaft mit Michel.  

6 Gedanken zu “Tag 650 – Grenzen. 

  1. ohmskine schreibt:

    Liebe Frau Rabe,

    habe gerade wieder eine Flotte Gigaliner nach Norden geschickt. Randvoll geladen mit NEINs, MACHT ES DOCH SELBERs und GUTE IDEE FÜR DEN NÄCHSTEN DOKTORANDENs.
    Außerdem dabei: Zuversicht, Geduld und Selbstbeherrschung (Je ein Paket ist schon angebrochen, da hab ich mir was rausgenommen. Tschuldigung.).

    Was Sie erleben ist alles ganz normal.
    Lösungsansätze haben Sie parat, legen Sie los!

    Das Einschlafproblem ließ sich bei uns reduzieren, als wir den Tagschlaf strichen. Hat einige Tage gedauert bis neue Routinen entstanden und ja, die Kinder nörgeln dann zwischenzeitlich noch mehr…
    Den Morgenstress versuchen wir zu minimieren, indem wir so viel wie möglich abends vorbereiten (Taschen, Brotdosen, sonstiges Equipment bereitstellen, Kleidung abends verbindlich rauslegen, Frühstück auf den Tisch stellen).

    Und meine Tage beginnen meist angenehmer, wenn die Abende vorher mit „früh im Bett“ enden…

    Sie schaffen das!
    Sonnige Grüße vom Rhein.

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  2. E schreibt:

    Tröstet es vielleicht ein bisschen, dass auch ich hier jeden Morgen drei Kreuze mache, wenn ich endlich im Büro bin? Die große Tochter diskutiert allmorgendlich, dass sie ein Kleid anziehen will. Mit Strumpfhosen. Keine Leggins, keine Hosen. Verbindliches Rauslegen am Vortag scheitert. Die kleine Tochter zieht sich sofort nach dem Anziehen aus. Und der Mann duscht derweil ausgiebig.

    Sie sind nicht allein 🙂

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  3. Dana schreibt:

    Die lieben Kleinen, so sehr man sie liebt, so kräfteraubend und nervig sind sie halt auch. Mein Mann ist öfter mal unterwegs und solche Wochen allein mit Kind gehen ganz schön an die Substanz. Des öfteren war ich abends nicht mehr in der Lage, lieblich das Kind in den Schlaf zu singen (tu ich auch sonst nicht).
    Als eines Abends mal nix mehr ging und ich komplett erschöpft die Faxen dicke hatte, hab ich meiner Tochter deutlich gesagt, dass ich nicht mehr kann. „Die Mama hat jetzt Feierabend und Du bleibst im Bett und schläfst gefälligst endlich, verdammt noch mal…“ oder so ähnlich.
    Sie hat verstanden, dass das meine Grenze erreicht ist und zum Glück ging es seitdem besser.
    Ich drücke die Daumen, dass bald alles besser wird. 🙂

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  4. Ja. Ich kann alles sehr gut nachfühlen. Sehr sehr gut. Kein Mensch versteht grade, dass ich mit täglich 5 Stunden nicht mehr schaffe, als ich schaffe. Zwischendurch noch drölfzig Sachen auf Zuruf. Wieso hab ich bloß nicht alles doppelt und dreifach gecheckt? So geht das nicht!
    Nur Motze jeden Tag seit Wochen. Null Bock und woher soll ich jetzt Geduld fürs Kind nehmen? Aus dem tiefen Inneren meiner geduldigen Seele? Bahahaha.
    Drücke Dich, wenn Du magst!
    Liebe Grüße
    Esther

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  5. Um den morgendlichen Stress zu reduzieren, helfen hier zwei Dinge: ALLES am Vorabend vorbereiten. Und mit ALLES meine ich Klamotten für -idealerweise, das üben wir noch- alle rauslegen, den Tisch decken, Wasserkocher auffüllen und Kaffeekrams vorbereiten, Frühstück und Frühstücksbüchsen vorbereiten, Rucksäcke und Taschen packen… Sowas. Die zweite Sache ist, zumindest für mich, ganz schlimm, weil ich ich frühes Aufstehen HASSE, aber: Früher aufstehen als alle anderen (momentan kurz nach Fünf, weil die Zwillinge ~halb Sechs wach werden). Damit ich im besten Fall komplett fertig bin und mich darum kümmern kann, dass die Kinder ebenfalls fertig werden.

    Das hilft hier sehr und sorgt dafür, dass wir in 70% der Fälle in time (zwischen 7 und 7:30 Uhr) loskommen, ohne das wir uns anschreien oder alles anzünden wollen.

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