Tag 763 – Was wäre, wenn?

Die hoch geschätzte Little B. hat mir einige (wie ich finde) sehr schlaue Fragen gestellt, über das Alleinerziehendendasein, also, wie man sich das so vorstellt, während man ja glücklich verpartnert ist. Ich gestehe, ich fühlte mich fast ein bisschen ertappt, weil ich sowas gerne verdränge, dabei sollte man sowas vermutlich in jeder Beziehung ruhig mal durchdenken, solange es gut läuft und keine verletzten Eitelkeiten, offenen Wunden, schlechten Erfahrungen und unausgetragenen sowie zurückliegenden Konflikte mit reinfunken. Also habe ich das gemacht. Versucht. Hier lesen Sie also über mein hypothetisches Leben nach einer hypothetischen Trennung.

1. Wie war Deine Vorstellung von Familie vor Familie? Wieviel ist wahr? Was ist komplett anders geworden?

Puh, äh, Ich hatte gar nicht so konkrete Vorstellungen. Ich wollte sowas wie in den skandinavischen Krimis (minus Ritualmorde und so Zeug), also: viele Kinder, gerne auch schon in (halbwegs) jungen Jahren bekommen, beide kümmern sich drum, trotzdem machen beide Karriere. Oder arbeiten zumindest. Nennenswert. Naja, hier in Skandinavien und mit meinem Mann geht das halt auch ganz gut, wie das in Deutschland wäre, weiß ich nicht, dazu war ich mit Kind zu kurz da, ich stelle es mir aber schwieriger vor. (In den skandinavischen Krimis trennen die sich auch dauernd, das habe ich irgendwie verdrängt.) Generell ist es sehr viel anstrengender, als ich es mir vorgestellt hatte.

2. Wie ist das Familien- und Arbeitsleben bei Dir aufgeteilt? Wer leistet wieviel in welchem Bereich: Haushalt, Kinder (Begleitung / Bringen zu Aktivitäten, Arztbesuche etc), technische Aufgaben (Auto, Reperaturen), Kochen?

Wir arbeiten beide Vollzeit und Herr Rabe verdient nur ein bisschen (ok, fast 30%, weil er grade eine recht saftige Gehaltserhöhung bekommen hat) mehr als ich. Im Normalfall bringt Herr Rabe die Kinder zur KiTa, ich hole sie ab. Aktivitäten außer KiTa haben die Kinder grade nicht, vorm Sommer den Schwimmkurs haben wir aber auch ca. (Also ca. Weil nicht nachgezählt) 50/50 aufgeteilt. Arztbesuche und Kind krank-Tage teilen wir auf, normalerweise abwechselnd, mit Diskussionsspielraum wie „Ich hab aber morgen ein wichtiges meeting.“ Herr Rabe hat allerdings seine 10 Tage kind krank schon aufgebraucht, für den Rest des Jahres muss also diejenige ran, die selbst viel krank geschrieben war und dementsprechend einige Tage übrig hat. Das Auto gehört ja eigentlich mir (MIR GANZ ALLEIN! MUHAHAHA!), wir kümmern uns aber trotzdem Gl gleichermaßen drum, wobei ich mich nicht gerade drum reiße, die Reifen wechseln zu lassen, weil die ja ungefähr sechs Tonnen wiegen. Überhaupt sourcen wir beim Auto viel aus, Reifenwechsel, Ölwechsel, Reparaturen, selbst waschen machen wir nur alle Jubeljahre selbst. Gleiches gilt ja glücklicherweise inzwischen für den wöchentlichen Wohnungsputz. Alles was zwischendrin anfällt (mal Saugen, täglich spülen, Wäsche waschen) machen wir zu ungefähr 50% jeweils, Herr Rabe tendenziell grade etwas mehr wegen der höllischen Dissendphase. Deshalb kocht er auch gerade fast immer. Und eh macht er alle Reparaturen in der Wohnung, ich halte ihm gerne den Staubsauger beim Löcher bohren, aber wenn ich das nicht muss, mache ich das lieber nicht, hab ich probiert und kann ich einfach nicht gut. Vor Elektrizität habe ich Angst, mehr als ne Glühbirne wechseln tue ich da also auch nicht. Mit Holz arbeite ich eigentlich ganz gern aber seit den Kindern ist das werkeln da auch eher wenig geworden. Dafür backe ich.

3. Entspricht das aktuelle Familienleben Deiner „Wunschvorstellung“?

Siehe oben. Im Grunde ja, jetzt gerade (mit absehbarem Ende) gehe ich ein bisschen auf dem Zahnfleisch wegen der Doppelbelastung (weil die Diss eben jetzt gerade nicht 100% sondern 150-200% Einsatz fordert) und generell hatte ich mir mich als Mutter nicht ganz so… müde und geschlaucht vorgestellt. Aber ja, im Prinzip schon. In meiner Wunschvorstellung wohnen wir halt auf Södermalm in Stockholm.

4. Ab wann würdest Du Dich „alleinerziehend“ bezeichnen?

Gute Frage. Wenn ich deutlich überwiegend alleine verantwortlich für die Kinder bin. Wenn ich die deutlich überwiegende Zahl der Entscheidungen alleine treffen müsste. Wenn ich keinen Partner hätte, mit dem ich all diesen Kram bekakeln könnte, ob es wirklich die 80€-Schuhe für den Fünfjährigen sein müssen, oder ob nicht auch die für 35€ reichen, weil da einfach niemand ist oder keine Antwort kommt. Wenn einem niemand selbst so banale Entscheidungen mal abnimmt, von den großen mal ganz zu schweigen. Dann, denke ich. Ich hoffe, ich muss mich nie so bezeichnen, sondern bestenfalls als „getrennt erziehend“.

5. Zu Zweit schafft man mehr, und es bleibt – im besten Fall – auch mehr Zeit für einen selbst übrig: Was würdest Du als erstes streichen (müssen), wenn als Single-Elter die Zeit nicht mehr reicht? Wo wärst Du am ehesten bereit Abstriche zu machen?

Sport. Ist bei mir immer das erste, was hinten runter fällt, wäre auch dann so, bin ich ganz sicher. Da bin ich auch am ehesten bereit, Abstriche zu machen, haha, sonst würde ich’s ja nicht tun.

6. Müsstest Du als Single-Elter Abstriche beim Job machen (z.B. wegen Kinderbetreuung)?

Hmmm, eigentlich nicht. Wir müssten uns komplett neu organisieren, die Kinder müssten eben wirklich von 07:45 bis 16:15 in der KiTa sein, aber es wäre machbar.

7. Wo werden die Kinder im Fall einer Trennung bleiben? Mutter oder Vater? Welches Modell (Wechsel, Nest, Ferien) wünschst Du Dir?

Waaahhh, super schwere Frage. Keine Ahnung. Ich denke, wir würden versuchen, ein funktionierendes Wechsel- oder Nestmodell zu fahren. Was aber nur geht (meiner Meinung nach) wenn sich ansonsten möglichst wenig für die Kinder ändert, beim Nestmodell ja eh, aber auch beim Wechselmodell würde ich dann versuchen wollen, dass alle relativ nah beieinander wohnen, sodass Schule/KiTa/Sportverein noch ähnlich gut erreichbar sind. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, meine Kinder regelmäßig wochenlang nicht zu sehen und dann mal für ein Wochenende. Äh. Nein. Wenn überhaupt, dann jedes Wochenende, Freitag bis Montag. Aber so richtig Alltag und Erziehung ist das natürlich auch nicht. Ich habe allerdings null Zweifel dran, dass Herr Rabe im Zweifel (ich könnte ja beispielsweise auch morgen vom Bus überfahren werden oder mit meinem 20jährigen Lover in die Karibik durchbrennen) ein prima alleinerziehender Papa wäre, jedenfalls nicht schlechter als ich eine alleinerziehende Mama wäre.

8. Wie würde sich das Alleinerziehend sein auf die Finanzen auswirken? Hast du Angst, finanziell „abzurutschen“ als Single-Elter?

Ich habe absolut immer Angst, finanziell abzurutschen, das kommt davon, wenn man mit wenig Geld bei einer alleinerziehenden Mutter groß wird ;). Klar, wenn wir mit unseren Gehältern noch mindestens eine weitere Wohnung finanzieren müssen, wirds schon eng. Da muss dann umgeschichtet werden, wäre aber (mit Abstrichen bei einigem nicht wirklich notwendigem) grundsätzlich möglich. Denke ich.

9. Was ist mit Kindesunterhalt? Würdest Du anstandslos zahlen bzw. würde es anstandslos gezahlt?

Wenn die Kinder die überwiegende Zeit bei Herrn Rabe wären, würde ich natürlich Unterhalt zahlen. Ich weiß ja, was die kosten. Umgekehrt sähe es genauso aus. Was bei einem echten 50/50-Wechselmodell oder einem Nestmodell wäre, ist schwer vorstellbar. Ich schätze, wir würden die Kinderkosten (also die gesamten! Da braucht dann ja jeder eine relativ große Wohnung (oder eben die Kinder eine große und wir jeweils kleine…) und so weiter) ausrechnen und dann unseren Gehältern entsprechend anteilig zahlen, so wie wir das jetzt ja auch machen (was übrigens, das hat meine Rechnerei mit der potentiellen halben Vergütung für ein paar Monate ergeben, bei sehr großen Differenzen und gleichbleibenden persönlichen Fixkosten (Altersvorsorge etc.) nicht mehr funktioniert, das war mir so auch nicht klar).

10. Wenn der zahlungspflichtige Elter nicht zahlt: Gang zum JA für Unterhaltsvorauszahlung?

Wenn es sich vermeiden lässt, nicht. Nicht weil es mir wie betteln vorkäme, sondern weil ich nicht will, dass meine Kinder irgendwann ihre eigenen Unterhaltsschulden erben. Das ist ein Gesetz, das wegkann. Aber das wäre natürlich vorausgesetzt einer gewissen Luxusposition, mit einem Gehalt alle Kinderkosten mitbestreiten zu können.

11. Vorausgesetzt ihr seid verheiratet: Würdest Du Trennungsunterhalt verlangen/ zahlen?

Nein und nein. Der Vorteil am „2 Vollzeitsjobs“-Modell.

12. Müsstet ihr umziehen?

Ja, unsere Wohnung wäre dann erstens echt blödsinnig geschnitten und auch zu teuer.

13. Was glaubst Du, wie schnell schafft Ihr es, von der Paar-Ebene auf die reine Eltern-Ebene zu wechseln? Wie gut würde es Dir gelingen und wie gut Deiner*m Partner*in?

Puhhhhhh. Ich glaube, da wären wir beide denkbar schlecht drin *schielt auf die lange Reihe an Ex-Beziehungen, zu denen kein Kontakt mehr besteht*. Ich sehe da ehrlich gesagt keine easy peasy Trennung vor mir, sondern sehr viele Emotionen und wie gut wir es schaffen würden, die Kinder da rauszuhalten, will ich mir lieber nicht ausmalen.

14. Sorgerecht ist ja – sofern nicht Schlimmes vorgefallen ist – unkritisch, also nicht wirklich verhandelbar. Wie würdest Du das Umgangsrecht regeln wollen: Vereinbarung unter Eltern, in Absprache mit dem JA, in Absprache mit einem Anwalt, gerichtlich?

Herr Rabe und ich haben darüber gesprochen (über den ganzen Fragebogen, wohlgemerkt!) und uns auf „irgendwas zwischen Jugendamt und Anwalt“ geeinigt, je nachdem, wie halt zum Beispiel die Trennung so lief. Man trennt sich ja meist nicht wegen nichts, da will man vermutlich dann gerne ne neutrale Partei mit dabei haben, wenn so weitreichende Entscheidungen getroffen werden.

15. Würdest Du das alleinige Sorgerecht wollen, wenn die Kinder bei Dir bleiben? Würdest Du es dem anderen Elter „zugestehen“? (sehr hypothetische Frage)

Hmmmm, kommt voll drauf an, was vorgefallen ist oder vorfällt. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass einige Alleinerziehende das gerne möchten und versuchen, zu erstreiten, wenn sich der Expartner zum Beispiel wegen jedem Papierfitzel und jeder Unterschrift ewig bitten lässt und das Sorgerecht nur als Druckmittel einsetzt. Ich hoffe, wir kämen ohne Sorgerechtsabgabe aus. Ich hoffe ja auch auf ein funktionierendes Wechselmodell :).

16. Weißt Du, was eine Sorgerechtsvollmacht ist?

Ja, und finde ich eine gute Sache, wenn die Kinder deutlich überwiegend bei einem Elternteil sind, man sich nicht einbringen will, kann, oder sich sonst wegen jedem Pups in die Haare kriegt. Kann man ja auch für Teilbereiche vergeben, falls nun wirklich alles ganz schlimm sein sollte und man fürchtet, der Expartner zöge sonst sofort mit den Kindern nach Timbuktu.

17. Was sind generell Deine größten Ängste hinsichtlich des Ein-Elter-Daseins (z.B. finanziell/ Job), organisatorisch, bzgl. der Kinder, Selfcare)?

Meine allergrößte Angst ist, dass die Kinder nen Knacks kriegen. Dann folgt Geld (keine Überraschung) und das Organisatorische. Mein Leben wäre dann ungleich anstrengender, da mache ich mir gar keine Illusionen.

PUHH. Das waren echt unbequeme Fragen. Aber es stimmt schon, man sollte sich über sowas wirklich mal Gedanken gemacht haben. Insofern: wenn Ihr euch jetzt das Blogstöckchen schnappen möchtet, freue ich mich auf Eure Antworten!

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