Tag 994 – An experience.

Nun ja. Also: ich war bei diesem Test, ich habe vorher alles noch mal durchgelesen, was ich mir an Notizen gemacht hatte, ich war super früh wegen sehr starker Hummeln im Hintern im Grunde da, ich war gut vorbereitet, gebracht hat es… wenig. Aber von vorn.

Canary Wharf. Ich wusste gar nichts über diesen Ort und fand mich nach einem Spaziergang von meinem Hotel im erkennbar nicht-reichen Poplar zwischen glänzenden Hochhäusern, Sicherheitspersonal, Durchfahrtsperren für kleinere Panzer und unfassbaren Mengen an Anzugträgern wieder. „Nettes Café suchen“ war mein Plan, wär bestimmt auch gegangen, würde ich Cafés voller geklont aussehender Männer um die 40 irgendwie nett finden. Das ist ja Geschmackssache. Im Endeffekt kaufte ich mir dann im einem Feinkostgeschäft zwei Bananen und zwei 0,5 L-Flaschen Wasser und setzte mich mitten im Einkaufzentrum an so ein „Husch husch, schnell ein Salätchen in der Mittagspause holen“-Büdchen. Immerhin hatten die vernünftigen Kaffee.

Da saß ich dann und ging meinen Kram durch, checkte nochmal kleine Details („Public Health“ ist festgeschrieben in Title XIV, Article 168, TFEU) und beobachtete die Leute (wie gesagt: alle wie geklont, sehr strikter Dresscode, 75% Männer, ehrlich gesagt: furchtbar und keine Umgebung, in der ich überhaupt arbeiten wollen würde) und Zack, war es 13:00 Uhr und Zeit zu gehen.

Bei der Agentur bekam ich ein Besucherbändchen und wurde in den Warteraum gebracht, wo wir unseren Gruppen entsprechend sitzen sollten und auf Abholung zum Test warteten. Meine Gruppe bestand aus lauter Menschen, deren Vornamen mit R. anfangen. Wir dachten erst noch, haha, was ein witziger Zufall, aber dann wurde recht schnell klar: gar kein Zufall. (Und ich möchte schwören, dass die das immer anders machen, nächstes mal nach Geburtsdaten, wer weiß.) Der Raum wurde voller… und voller… und voller. Am Ende waren ca. 100 Leute drin. 100. Leute. Ich saß mit einem kleinen Teil der R-Menschen am Tisch und wir plauderten ein bisschen über unseren Hintergrund und wie wir uns vorbereitet hätten und ich war recht beruhigt, dass die anderen auch nicht mehr Ahnung hatten, was da auf uns zukommen würde.

Dann wurden wir abgeholt und in einen neuen Warteraum gebracht, wir wurden alle noch mal aufs Klo geschickt (ok, es wurde empfohlen, noch mal zu gehen) und es wurde gesagt, was wir mitnehmen müssen (nix), dürfen (Wasser, Snacks, eigene Kugelschreiber) und nicht dürfen (Handys, Laptops, Tablets…). Dann standen wir noch recht lange herum. Und wurden dann abgeholt und in den Test-Raum für unsere Gruppe gebracht.

Tja, und der Rest it’s Confidential, aber so viel kann ich vermutlich sagen:

Es war unfassbar schwer. Es wurde zum Teil Detailwissen auf einem Niveau abgefragt, das man vermutlich erst nach > 10 Jahren in genau dem Beruf erlangt. Multiple choice at its best. Antwortmöglichkeiten oft „A: 1, 3 und 5/ B: 1, 2 und 3/ C: 2, 4 und 5/ D: 1-5“. Gehirne am Kochen. Manches ließ sich durch Kombinieren von „sicher falschen“ und „sicher richtigen“ Antworten lösen (wie so ein Logikspiel) einiges musste ich raten. Educated guess zwar, aber halt geraten. Zwei Teile waren besonders schlimm: der „Choose your pain“-Teil, wo man aus 4 Themen eins wählen sollte, da wählte ich erst „GxP“ weil ich dachte, das wäre leichter und ich besser vorbereitet. Hahaha. Nachdem ich damit „fertig“ (im Sinne von: bei allen Fragen was mehr oder weniger sicher geraten) war, machte ich lieber noch den „Biostatistics“-Teil und siehe da: der ging sehr viel besser. Der zweite schlimme Teil war leider der EU-Teil, bei dem krasses Detailwissen zur EU abgefragt wurde, nichts aktuelles, nichts „menschliches“, nur Daten, Zahlen, Fakten, ich frage mich ehrlich gesagt, wie viele Leute in irgendeiner EU-Agentur diese Fragen hätten beantworten können.

Und schon waren die fast drei Stunden um, wir standen wieder draußen, alle so „Phew, that was… an experience!“, Karten wieder abgeben und Tschüss.

Jemand fragte noch, wie viele Leute denn getestet wurden. Über 600. und die besten 135 dürfen zum Interview kommen. Dafür hat es, in meinem Fall, nur mit sehr viel Glück gereicht*.

Danach mein Akku leer, Handyakku leer, Kopfschmerzen und Hunger. Bin dann in einem Pub und hab meinen Frust ersäuft. War schön.

Was man in London für 15£ kriegt. Wenn man gewillt ist, zwischen Anzugträgern zu essen.

___

Auto-Lobhudelei: mein Bestes gegeben. All meine Kombinationsgabe, dazu ein bisschen gesunder Menschenverstand und eine Prise Intuition. Und, trotz allem, auch mein Wissen.

___

*bitte nicht wieder alle sagen: „So schlecht war’s bestimmt gar nicht und die anderen hatten ja die selben fiesen Fragen.“ Ich bin relativ gut in Selbsteinschätzung, auch im Verhältnis zu anderen, meine Chancen in diesem Fall sind nicht non-existent, aber auch nicht gut. Alles „war bestimmt voll gut“ macht mir nur entweder ein verschrobenes Selbstbild, oder ich denke „ach, die haben ja alle gar keine Ahnung“.

UPDATE: Aus gegebenem Anlass. Dieser Job wäre mein Traumjob. Anzugmenschen hin oder her, krasses Aussiebungsverfahren am Fließband egal. Wenn die von mir verlangen würden, dass ich mir täglich eine Clownsnase aufsetze oder ein Businesskostümchen anziehe: ich würd’s tun. Also bitte auch nicht mehr sagen, dass ich das ja eh dann nicht wollen würde. Ich muss ja nicht mit den Bankmenschen von nebenan Mittag essen.

27 Gedanken zu “Tag 994 – An experience.

  1. Ja dann war es halt schei**. Suhlen Sie sich ruhig in Ihrem Bier. Verdient haben Sie sich’s. Auf das nächste Mal. Dann vielleicht in einer Umgebung, in der Sie sich richtig wohlfühlen ohne geklonte Anzugträger.
    LG

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  2. virtuellesgluecksbuero schreibt:

    Die Frage ist doch, wie weit man sich für Geld verbiegen mag. Wenn schon die Umgebung nicht zusagt und die Aussicht darin besteht als Klon rumlaufen zu müssen… ja nun…eine Erfahrung ist es allemal. Aber ein Job muss sich auch richtig anfühlen.

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  3. FrauC schreibt:

    Ach, ich weiß nicht… warten Sie mal ab! Solche Tests sind absichtlich absurd schwer, da kann eigentlich niemand gut abschneiden. Muss einem nicht einleuchten, passiert aber oft.
    Und Anzugträger an sich sind ja auch erstmal nur Menschen. Die tragen halt Anzüge, na und? Schließlich tragen die Kinder dort auch Schuluniformen.
    Also, abwarten und landestypisch Tee trinken. :-)

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  4. Nur für mein Verständnis: geht es um die Besetzung einer einzigen Stelle? Mittels 135 Interviews? Ich staune sehr, liege aber eventuell falsch…?
    Ansonsten wäre mein ungefragter Ratschlag: so gut wie möglich abhaken. Nun kann man nur noch warten und nichts mehr ändern….alles andere wird sich zeigen. Bin aber meinungsmäßig bei FrauC!

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      • Rina schreibt:

        Ich bin nicht sicher, ob ich es richtig in Erinnerung habe, deshalb die Frage— 20 Stellen oder 20 Plaetze auf der Reserveliste? Vor langer Zeit habe ich mich auch mal in Bruessel herumgetrieben, ich habe niemanden getroffen, der von «aussen» d.h. nicht einige Jahre im Dunstkreis dort gearbeit oder Sohn/ Tochter/ Freundin von jemanden, der dort arbeitet, rein gekommen ist.Trotzdem druecke ich die Daumen.

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  5. Mamamaj schreibt:

    Ich würde sagen, war ne Erfahrung und auch wenn der Job nicht dort ist werden am neuen Ort bestimmt wieder die Anzugträger die Oberhand haben… ich fand der Job in Oslo klang sympathischer. Ich drück also eher die Daumen für den… Liebe Grüße Mamamaj

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  6. ohmskine schreibt:

    Liebe Frau Dr. Rabe,
    ich bewundere Sie (mal wieder). Sowohl die intensive Vorbereitung wie auch dieses enorm aufwändige und nervenaufreibende Auswahlverfahren hätte ich mir nicht angetan.
    Egal was passiert, Sie können später mit Stolz behaupten, alles gegeben zu haben.
    Auch wenn es sich für Sie momentan nicht so anfühlt, Ihr Engagement wird sich sicher auszahlen.
    Ich hoffe für Sie/mit Ihnen auf den Traumjob!
    Herzliche Grüße vom Rhein,
    ohmskine
    PS: Wissen Sie schon, wo die Agentur hinzieht?

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  7. Möwi schreibt:

    Mehr als sein Bestes geben, kann man nicht, und das haben Sie mit Sicherheit getan. Ich drücke ebenfalls die Daumen – dass Sie möglichst schnell den für Sie richtigen Job finden. Alles, alles Gute!

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  8. Liebe Frau Rabe

    ich drücke auch mal die Daumen. Amsterdam wäre ja schon cool. :-)
    Und so zum Schwierigkeitsgrad solcher Tests: wenn Sie hier den Urschweizern die Fragen vom Einbürgerungstest vorlegen würden, fielen die meisten auch alle durch :-)
    (da waren mal ein paar Beispielfragen in der Zeitung und sehr viele Schweizer hatten keine Ahnung….)
    Liebe Grüsse
    asty

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  9. Dana schreibt:

    Klingt nach ner spannenden Erfahrung und dafür allein hat es sich doch schon gelohnt, dabei gewesen zu sein.
    Aber noch mal – Amsterdam – das wär der Oberknaller. Dafür würde ich Sie dann echt schamlos beneiden. :-)

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  10. Brusselscalling schreibt:

    Ich sags trotzdem:
    Du warst überdurchschnittlich gut vorbereitet. Das ist brutalstes Raustesten wofür sie gezielt hart reingehen. Und es bringt nix, davor vorab zu warnen, das macht nur nervös, man kann die Welle nur ausreiten wenn man drin ist.
    Da wird zum einen gecheckt, wie konzentriert Leute unter Stress abrufen können (und du kannst, wenn ich sehe, wie du oben dein Handeln beschreibst). Und zum anderen knallhart auf (irgendwelches) WIssen geprüft, um AUssortierung machen zu können. Die EU Fragen werden nix und nienix mit der Tätigkeit zu tun haben. Darum gehts nicht. Ihr hättet auch diese pbpbpbpbpbpb Tests machen können, oder wie bei den großen Auswahlverfahren die IQ-Tests. Das Ziel ist das Gleiche: von 10 auf 1 einzudampfen.

    Tut mir aber leid, dass ich demnach nicht so helfen konnte, wie erhofft. Mit der Art von Fragen wie du sie beschreibst, war nicht zu rechnen. Die meisten Organisationen der EU setzen genau diese Dinger (hier auch „die alten Auswendiglern-Fragen“ genannt) nicht mehr ein.

    Mich würde es überhaupt nicht überraschen wenn du in der nächsten Rund ebist.

    @rina: jetzt kennst du noch jemand ohne Dunstkreis und ich kann dir ein weiteres Dutzend nennen.

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    • Danke, das hilft ein bisschen.

      Soweit ich weiß, müssen eh *alle* durchs Auswahlverfahren, auch die aus dem Dunstkreis. Aber die kriegen vielleicht ein Schnellticket zum Test.

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  11. Georg schreibt:

    Eine gute Selbsteinschätzungsgabe passt gut zu dem (virtuellen) Bild von Ihnen, das ich als Blogleser sehe. Daher wünsche ich einfach nur ein Quentchen Glück, dass der unwahrscheinlichere Fall eintritt.
    Für die zweite Oslo-Runde sind die Daumen wieder gedrückt.

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  12. PaulineM schreibt:

    Group Hug für Frau Rabe! Ich bewundere einfach, wie Sie immer den Mut finden, weiter zu machen. Ich sag jetzt auch nicht, wird schon oder so, sondern schicke Ihnen einfach ein wenig Sympathie und gute Wünsche.

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