Tag 1007 – Klarstellung.

Also, weil das wohl vor lauter Kryptik hier nicht klar wurde:

Ich habe hier keine Trollkommentare. Die allerallermeisten sind nicht mal direkt übergriffig. Ich schreibe aber zum Beispiel nicht, dass wir mit dem Taxi von A nach B gefahren sind, denn Oh mein Gott, Uber, da hat man ja schon so viel von gehört und das hatte auch keine Kindersitze. Ich schreibe nicht mehr, wie ultra beschissen es mir geht, weil mein Wunsch nach einem (wirklich: ir.gend.ei.nem) Job ja nun echt einfach auch ein bisschen unverschämt ist, so kurz nach dem Abschluss. Weil ich doch die Zeit mit den Kindern genießen könnte und dass ich Herrn Rabe jetzt entlasten könnte und überhaupt: es ist ja nur ein Problem, wenn man es dazu macht, nicht wahr? Ich schreibe schon mal gar nicht, dass ich mich selbst definitiv nicht als Ent- sondern im Gegenteil als Belastung für Herrn Rabe empfinde. Emotional (der muss ja permanent das Häuflein Elend zusammenkehren, die geknallten Türen aushalten, die Kinder betreuen, wenn ich im Bett liege…) und auch finanziell. Ich schreibe auch nicht, dass ich mich als absolut schlimmste Mutter der Welt empfinde und der Ansicht bin, dass die Kinder in jeder KiTa und jeder Schule besser aufgehoben wären als 24/7 bei mir. Ich meine, ich lasse die Kinder in einem Uber ohne Kindersitze mitfahren. Ich schreibe auch nicht, dass dieses Mutterding mich nicht erfüllt, dass ich zum Teufel noch mal nie gelernt habe, dass man einfach nur Mutter sein und damit zufrieden sein kann, dass Mütter, die zu Hause waren in meinem Zuhause naserümpfend betrachtet und mit dem Satz „Wird schon sehen, was sie davon hat, wenn der Alte erstmal weg ist“ bedacht wurden, wie oft ich gehört habe, dass meine Mutter mir aus der Tageszeitung vorgelesen hat und abends die Mathematikstudienbücher meines Vaters las, weil sie „Angst hatte, zu verblöden“, das schreibe ich nicht, weil Alter Verwalter, was ist das für ein schreckliches Weltbild, was mir da mit der Muttermilch schon eingeflößt wurde. Ein unfreies, geldgeiles, Kapitalistisches, Karriere-Feministisches. Eines, in dem selbst-erhaltende Erwerbsarbeit die einzige valide Option ist. Alles andere der schiere Wahnsinn, der unbedingt abgewendet werden muss. Um jeden! Preis! Und geklappt hat die Erziehung bei mir, weiß Gott, ich bin jedenfalls vor meinem eigenen Auge der Dreck unter dem Schuh der anonymen HR-Person, die meine Bewerbung direkt bei „Oha, frische Absolventin“ auf den Nein-Stapel legt. Und das schreibe ich auch nicht, weil ich das „alles wird gut“ nicht mehr hören kann, kein „Kopf hoch“ mehr, kein „also jetzt muss aber doch mal was Gutes passieren!“ mehr glauben kann.

Es regnet im Urlaub. Den wir uns eigentlich nicht leisten können. Schreibe ich nicht, könnte undankbar und arrogant wirken.

Ich bin sehr sehr müde. Von allem. Mein Leben ist eigentlich gut, ich weiß das, ich habe es gut, die Kinder haben es gut. Und von innen fühlt es sich an wie die Hölle. Und ich möchte dazu einfach gar nichts mehr von außen hören.

19 Gedanken zu “Tag 1007 – Klarstellung.

  1. Sunni schreibt:

    .! Und eine innige Umarmung! Und auch, wenn es vielleicht nicht hilft und man sich völlig allein fühlt:Ich kenne das Gefühl zutiefst und bestimmt ganz, ganz viele. Leider geben wir das ungern zu, schon gar nicht öffentlich, weil..ach, Scheiße! Entschuldigung. Einfach nochmal drücken!Sunni

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  2. Kristin schreibt:

    * in den Arm nehm *
    Du bist mein Vorbild im immer wieder Mut fassen, im genießen können und im geradeaus schauen. Und bei „getting shit done“.

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  3. Annie schreibt:

    Sovieles erkenne ich wieder, es gibt Phasen, da ist nichts gut, und aller vermeintliche Trost macht es nur schlimmer.

    Und es gibt Leute, denen man man es nie recht machen. Das sollte einem egal sein, man könnte drüber stehen und stolz auf sich sein, aber wenn man selber unentspannt, geschafft, unzufrieden oder gestresst ist, klappt es nicht.
    Ich würde gern trösten, aufbauen. Nicht unterkriegen lassen bitte!

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  4. ohmskine schreibt:

    Liebe Frau Dr. Rabe,
    ganz herzlichen Dank für Ihre ehrlichen und ungeschönten Berichte aus Ihrem (Innen-)Leben,
    ich fände es schade, wenn Sie sich einen Maulkorb verpaßten.
    Doch ich kann nachvollziehen, daß es zusätzlich Kraft kostet die unpassenden Kommentare zu verarbeiten.
    Sparen Sie Ihre knappe Energie, Ihren kleinen Mut, Ihre schwindende Zuversicht für Ihre Familie und sich selbst.
    Es werden wieder hellere Tage kommen, ganz sicher.
    Bis dahin: Halten Sie durch, seine Sie egoistisch und verzichten Sie auf alles, was Ihnen gerade nicht gut tut.
    Der Ihnen wohlgesonnene Teil der Leserschaft würde es Ihnen nicht übelnehmen, wenn Sie (zeitweise?) die Kommentarfunktion abschalteten oder gar eine Blogpause einlegten.
    Herzliche Grüße vom Rhein,
    ohmskine

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  5. Punkt!
    Ich als ostsozialisierte (eigentlich hasse ich das Wort – aber hier passt es) kann Sie voll und ganz verstehen. Nur Hausfrau und Mutter ist auch nicht meins und vom Ehepartner abhängig sein auch nicht. Es ist Ihr Lebensentwurf und nicht das der Kommentatoren.

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    • Sunni schreibt:

      Ich auch. Ostsozialisiert (Und ja, man hast die Schublade!) Klar. Daher: Punkt! Siehe oben. Und nochmal: LEUTE sind unwichtig, absolut. Sie spielen keine Rolle in unserem Leben, liebe Frau Rabe. Und Sie machen verdammt, was Ihnen gefällt, passt, gut tut und lieb ist, und der Rest unterbleibt. Und keiner von uns wird sterben, wenn Sie nicht schreiben mögen. Und dass wir uns freuen, wenn Sie es tun, ist in dem Fall unwichtig, also für SIE!!! <3

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      • Antje schreibt:

        Liebe Frau Dr. Rabe,

        Ich schließe mich (ebenfalls als Steh auf eigenen Füßen! sozialisiert) meinen Vorrednerinnen an!

        Ich freue mich über dir Einblicke in Ihr Leben, möchte mir aber nicht anmaßen, Ratschlag oder gar Wertung abzugeben zu dem, was ich durch die Blogeinträge über Sie, Ihre Ansichten, Ihr Leben und Ihre Familie erfahre. Ich bin mächtig beeindruckt, dass Sie das alles mit mir anonymer Person teilen.

        Daher: ich fühle mit, ich staune mit offenem Mund (getting shit done!!!), ich freue mich aktuell über die Sonnenstrahlen aufs knurrende Haupt, ich drücke so sehr die Daumen für mehr positive Nachrichten, Veränderungen, Entscheidungen in Ihrem Leben (denn das mache ich mit allen Menschen, die mir sympathisch sind) und ich stelle mich jetzt einfach mal mit einem Schild an Ihren virtuellen Straßenrand und schreibe drauf:

        Das Leben geht weiter! Es sieht gerade hoffnungslos aus und das ist so unfair! Wenn ich könnte, würde ich einen Wunsch von meinen dreien weiterreichen. (die Fee lässt sich aber auch arg viel Zeit)
        In der Zwischenzeit leben Sie bitte das Leben so, wie Sie es für richtig halten. Was andere davon halten ist scheißegal (pardon my french)!
        Ich biete sehr gern noch Umarmungen, Schulterklopfen, ein wenig Windschutz zum Durchatmen oder halt auch Schokolade an. :)

        Plakatfarbe getrocknet. Ich stell mich dann mal die drüben hin.

        Herzliche Grüße aus Offenbach
        Antje

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  6. Kari schreibt:

    Liebe Frau Doktor Rabe,
    wie es ist, ohne Job mit 2 Kindern 24/7, das kann ich aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen. Der Frust und die daraus resultierende Agressivität. Hut ab für so viel Selbstreflexion und Ehrlichkeit.
    Genau deshalb lese ich hier ja mit. Unter Anderem. (Und weil ich Respekt für ihren Lebensentwurf habe und fūr ihr Durchhaltevermögen. Und ich finde ihre Schreibe cool.)

    Ich dachte lange, ich wäre allein mit meiner Sichtweise. Dieses “geniesse die Zeit, hast doch ein schõnes Leben“, das mich ständig umwaberte, war dumm und anmaßend. Da hat mich erst das Lesen im Netz so richtig bestärkt , mich nicht auch noch dafür schämen zu müssen, dass ich nicht so empfinden kann.
    Dass diese guten Ratschläge eine verpackte Beeinflussung sind, ein Oktroyieren eines Lebensentwurfes, der zum Anderen nicht passt, das war weder mir noch den „Wohlmeinenden“ bewusst. Und da jede ehrliche Reaktion meinerseits als anmaßend begriffen wurde, habe ich echt an mir gezweifelt.
    Was Sie daran zu Recht einfach nur wütend macht, ist in meiner Generation eine hart erkämpfte Entwicklung gewesen. Das ist nun vorbei, gottseidank, aber ich kann und will das nicht vergessen.
    Mein Fazit mittlerweile: wie mans macht, isses falsch, also mach ich’s gleich so, wie ich das will. Da bleibe ich mir wenigstens treu, das Wohlwollen der Anderen oder ihre Missbilligung sind weniger wichtig sind als mein Empfinden.
    Ich kann nur fūr mich sprechen, wie viel mir das Lesen Ihres ehrlichen Blogs gibt, ich würde mich freuen, wenn Sie die Welt weiterhin teilhaben lassen.
    Liebe Grüße von Kari

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  7. Hallo Frau Rabe,

    ich habe das Blog gerade letzte Woche gefunden und schon von aktuell bis Sommer 2016 nachgelesen. Ich hoffe, dass es trotz der manchmal blöden und unpassenden Kommentare weitergeht, weil ich sehr gerne mitlese.

    Es tut mir sehr leid, dass die Jobsuche so beschissen verläuft. Ich kann komplett nachvollziehen, wieso Sie das so fertig macht. Ich drücke die Daumen, dass Sie bald was finden und der Urlaub vielleicht doch noch ein paar schöne Momente hat. (Regen im Urlaub, wenn man eigentlich dem schlechten Wetter entfliehen will, ist THE WORST.)

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  8. Alex schreibt:

    Liebe Frau Rabe, ich bin nicht ostsozialisiert. Trotzdem kommt auch für mich kein Leben 24/7 mit den Kindern in Frage. Damit bin ich hier im süddeutschen Heimatdorf noch immer die Exotin. Aber ich mag meinen Job, meistens jedenfalls. Und ich will auf eigenen Füßen stehen. Für den Rest musste ich mir ein dickes Fell zulegen. Ich drücke auf jeden Fall weiter die Daumen bei der Jobsuche und auch alles andere wird sich finden. Glauben Sie ganz fest dran und haben Sie Geduld, auch wenn’s schwer fällt. Und hören Sie nicht auf die Besserwisser, für Sie muss es passen und sich gut anfühlen!
    Herzliche Grüße aus dem Schwäbischen

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  9. Alina schreibt:

    Danke, liebe Frau Rabe, für dieses Blog! Danke für ihre offenen, ehrlichen und so intimen Worte! Ich wünsche Ihnen das Allerbeste! Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und ziehe voller Respekt meinen Hut vor Ihrer Stärke. Ich bin auch in einer solchen Lebensphase und finde ihre Texte darüber einfach so großartig und treffend geschrieben. Danke dafür, es macht mir Mut :-)

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  10. Bettina schreibt:

    Kurz und knackig : „……in guten wie in schlechten Zeiten….“
    Herr Rabe schafft das schon, den hast du dir schließlich nicht umsonst ausgesucht.
    Und außerdem würdest du das alles auch für ihn tun.
    🍀🐞💚

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  11. MM schreibt:

    Hier mal wieder die Geisteswissenschaftlerin: das wird wirklich schon werden! Auch wenn’s nicht so schnell geht, wie man das gerne hätte. Ich hab‘ nen Job gefunden, der mir 92% gefällt, und auch alle meine FreundInnen sind „gainfully employed“. Und ja, mir war eine Stelle zu haben auch immer fürchterlich wichtig – sicherlich manchmal sogar zu wichtig. Ich würde sogar behaupten, dass das dem allergrößten Teil meines Umfelds genau so geht…Also alles ganz normal.

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