Tag 1022 – Karriere-Event Tag 2 (Bei Punkt 4 musste ich weinen.)

Tag 2 des Karriere-Dingses war… auch nicht so viel besser als Tag 1. Erst gab es einen Vortrag von der Berufsvereinigung, in der ich ja schon bin und deren „Karrieretipps“-Seiten ich schon durchgelesen habe, das brauche ich dann echt nicht noch mal in faszinierend schlechtem Englisch („languishes (sic!) are important“) vorgelesen. Außerdem suuuuuuper viel Blödsinn von wegen tu dies und das und dann kriegst du schnell nen Job, weil: Hahaha, von dies bis das mache ich schon alles und obendrauf noch jenes bis welches, und… naja. Kein Job halt.

Vortrag 2 und 3 waren von einem Karriereberater und, wie nenne ich das, irgendwie sowas wie Berufsnetzwerk-Influencer. Das war etwa so: er trug vor, was man alles machen soll, ich hakte innerlich alles ab, und musste irgendwann fast lachen, weil ich hätte mich da genauso gut hinstellen können als abschreckendes „Und selbst wenn du all das machst, heißt das nicht, dass du einen Job bekommst!“-Beispiel. Halbes Jahr vorher kümmern, Check, Bewerbungen immer an Ausschreibung orientieren, Check, Lebenslaufpunkte nach Stellenanforderungen priorisieren, selektieren und sortieren, Check, Check, Check, fucking Check.

Dann Pause und danach LinkedIn-How-To, das war so ein bisschen „Why I Hate LinkedIn“ in a nutshell. Ehrlich mal: 5 Wochen lang dreimal täglich zu bestimmten Uhrzeiten was posten (nein, nicht irgendwas natürlich, auf gar keinen Fall sogar, sondern Sachen, die eine interessant und „Purpose Oriented“ erscheinen (sic!!!) lassen, ich kotze!) und dann „darf“ man mit irgendso einem Spruch wie „Bei XYZ habe ich so tolle Menschen getroffen und Erfahrungen gesammelt, aber jetzt ist es Zeit, weiterzuziehen, ich bin offen für Vorschläge!“ sein tolles, auf Fake (ich nenne „erscheinen lassen“ fake, so.) aufgebautes Netzwerk um einen Job anhauen. Ich kotze im Quadrat.

Der vierte Vortrag hatte es dann aber in sich. Auch wenn die Message „Never give up!“ eher sehr Standard als alles andere war und ich auch nicht so genau weiß, weshalb der Typ eingeladen war, die Geschichte, die er zu erzählen hatte (der LinkedIn-Typ wäre stolz gewesen vor lauter „make it personal!“) war unglaublich krass. Die Geschichte geht so: Zwei Typen, Anfang 20, beste Freunde seit immer, gehen an einem Samstag kurz vor Halloween feiern. Der beste Freund des Vortragenden übernachtet daraufhin spontan beim Vortragenden, weil, ach, beste Freunde seit immer, Taxigeld sparen, usw. Kaum eingeschlafen wird der Vortragende von Gebrüll wach, im Zimmer steht plötzlich ein dritter seit immer Freund in Unterhose und sticht mit einem 30 cm langen Messer auf den Freund des Vortragenden ein. Überall ist Blut, der Vortragende tritt nach dem Messermann, der wendet sich daraufhin gegen ihn und sticht ihm in die Brust, in die Lunge, ins Gesicht. Der Freund des Vortragenden schleppt sich aus dem Zimmer, der Vortragende schafft es irgendwie aus der Wohnung in den Hausflur, wo der Messermann aber weiter auf ihn einsticht, insgesamt 15 mal. Ein Nachbar ruft die Polizei, der Messermann verschanzt sich im Hinterhof und schreibt mit Blut „GUD“ (Gott) an die Haustür (hier ein Bild davon), der Vortragende schleppt sich aus dem Haus, an der Straße steht ein Taxi, er reißt die Tür auf, der Taxifahrer denkt erst „haha, Halloween“, merkt dann aber doch schnell, was Sache ist und fährt den Vortragenden mit 160 Sachen ins Krankenhaus, 4 Minuten. 11 Tage später wird der heute Vortragende wach, mehr tot als lebendig, mit drei Metern an Narben und fast 400 Stichen, der eine Arm nicht funktionierend, sein bester Freund tot und bereits beerdigt, ein weiterer Freund mit akuter Psychose im Hochsicherheitsgefängnis. Und das ist halt alles echt passiert und nicht von Jo Nesbø ausgedacht.

Der Rest des Vortrags handelte davon, wie er irgendwann aus seinem schwer traumatisierten Zustand herausgefunden hat (nicht überraschend konnte er danach monatelang nicht schlafen vor lauter Angst) und das Leben jetzt weitergeht. Sport ist die Lösung, gesunder Körper, gesunder Geist und so (und der sehr kleine Teil meines Gehirns, der nicht mit Verdauen dieser Geschichte beschäftigt war, lachte kurz auf und sagte: toll. Selbst das machste ja schon) und ein soziales Netzwerk, das braucht man auch. Das Leben ist immer bumpy, mal mehr mal weniger, aber man muss halt einfach irgendwie weitermachen. Sich nicht unterkriegen lassen. Auch wenn man vielleicht monatelang arbeitslos ist (oder von seinem Freund abgestochen wird), es geht weiter, solange man lebt. Smiley! Und dann zeigte er uns die Tätowierung an seinem Unterarm, ein Portrait seines getöteten Freundes. Und da war’s dann vorbei und ich musste kurz ein bisschen heulen.

Wahnsinnig positiv also, der Tagesausklang.

Herrje. Jetzt erstmal weiter Bewerbungen schreiben. Positiv denken! Netzwerken! Die Comfortzone verlassen! Und nicht an Psychosen denken!

4 Gedanken zu “Tag 1022 – Karriere-Event Tag 2 (Bei Punkt 4 musste ich weinen.)

  1. Sunni schreibt:

    Also ich denke seit gestern Abend darüber nach, wofür diese Sache gut sein soll. Hat irgendjemand aufgrund solcher Geschichten oder LinkedIn- Sachen Erfolg in irgendeine Richtung gehabt. Muss man diese Sache absolvieren oder ist das freiwillig? Ach, Frau Rabe, ich bin fast sicher, dass das schlechte Nächte macht.Meine Daumen sind weiter gedrückt!

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