Tag 1023 – Laufen, Atmen, Kind einschulen.

Michels Einschulung stresst mich ja aus mehreren Gründen sehr. Da ist zum einen das leidige Thema Jobsuche, eigentlich wollten wir ja schon längst hier weg sein, aber, Tamara, sind wir nicht. Herr Rabe hat das Thema „dann halt trotzdem nach Oslo ziehen, arbeitslos sein kann man da ja auch“ eigenmächtig ad Acta gelegt, und weil er außerdem 100 Jahre mit dem Bloglesen hinterher ist aber weil das ca. monatlich schwankt, kann ich das auch schreiben. Jedenfalls sieht es so aus, als würde Michel an der Stadtteilschule anfangen. An der gemobbt wird. Mit dem unangenehmen Kind (das wird auch nicht besser, sondern schlimmer) in einer Klasse. Und das Ganze, wie ich finde, ein Jahr zu früh. Er ist doch noch so klein.

Aber er freut sich auch wahnsinnig doll und deshalb haben wir uns heute Nachmittag alle vier auf den Weg zur Schule gemacht. Die Kinder frisch geduscht, Michel frisch entladen, denn er freut sich zwar, aber es stresst ihn eben auch und dann zettelt er wegen irgendwas Streit an und bricht dann ein unfassbares Drama vom Zaun, um sich mal wieder ordentlich auszuheulen. Ganz die Mama. Ähämm. Ich war – quasi zur Vorbereitung – heute morgen schon zu Fuß einkaufen und mich beim Kinderfestival akkreditieren*, das machte dann vor 12 schon 14.000 Schritte und etwas über 10 km und das war dann meine Form von Entladung. Bei dem Einschulungsdings schluckte ich alle meine Negativität runter, mit sehr viel Mühe, er freut sich so, er freut sich so, er freut sich so. Und weil ich ja grad nicht twittern möchte, bekamen Menschen einen Teil meiner Boshaftigkeiten über What’s App ab, der Rest jetzt hier (sorry, wirklich, aber es geht nicht anders, es muss raus, sonst kriege ich davon Magengeschwüre): Michel wird also mit dem Kind in eine Klasse gehen, das immer ohne Sitz und ohne Helm auf dem Gepäckträger seiner Mutter transportiert wird, mit zwei sechsjährigen Mädchen mit Kopftuch (das haben die natürlich aus ganz freien Stücken auf und ja, ich müsste auch bei deutlich sichtbaren christlichen Symbolen mindestens eine Augenbraue sehr weit hochziehen), mit mehreren Kindern, die auf dem Weg zu ner „gesunden Bräune“ offenbar auch den ein oder anderen Sonnenbrand mitnehmen, mit dem unangenehmen Kind aus der KiTa, mit Hermione Granger aka myself when I was 6, und zu guter Letzt mit dem Sohn eines Biotech-Professors, den ich schon oft an allen möglichen Orten getroffen habe, zuletzt gestern (!) in seinem eigenen f*cking Lunchroom und der trotzdem grundsätzlich so tut, als würde er mich nicht kennen gar nicht wahrnehmen. Hrmpf.

So, jetzt ist es raus, dann mal der Rest: Das mit der Einschulung läuft hier ja ganz anders als in Deutschland, denn am 1. Schultag gibt man das Kind recht unaufgeregt beim SFO (Skole-fritids-ordning, wie Randstunden- und Ferienbetreuung in einem) ab, bleibt eventuell noch ein wenig da und dann ist die ersten drei Wochen eben eh nur SFO, das Schuljahr geht erst in der zweiten Augusthälfte richtig los. Keine Feier**, keine Schultüte***. Dafür ist der Tag wichtig, an dem die Kinder ihre Schulranzen bekommen. Nicht so feierlich wie in Deutschland, aber schon halt ein großes Ding. In Norwegen bekommen Erstklässler*Innen einen Rucksack vom „Fylke“, also in unserem Fall (dem frisch vereinten) Trøndelag. Das finde ich aus tausend Gründen wiederum gut, denn so hat man als Eltern dieses, wie ich auf Twitter immer wieder beobachten darf****, völlig irrsinnige Thema Ranzenkauf („Welcher! Ergonomisch! Preis! Muster!“ und am Ende gehen alle mit einem Ding nach Hause, das fast größer als das Kind ist, eine Niere kostet und in dem dann trotzdem die Schulbrote vergammeln) umschifft*****, es gibt keinen Wettbewerb unter den Eltern Kindern, wer den ergonomisch besten coolsten Ranzen hat, der ist nicht besonders groß, also geht auch nicht viel rein, also wenig Geschleppe und wenig vergessenes Gedöns, der hat drülfzig Reflexstreifen und weil der eben als Erstklässlerrucksack erkennbar ist, wissen auch Unbeteiligte gleich, dass das ein Erstklässler ist und kein KiTa- oder älteres Kind. Nun denn. Heute gab es also diesen Rucksack, Michel ist unglaublich stolz und Pippi unglaublich traurig, dass sie keinen bekommen hat.

(Da steht, total witzig, hahaha, drauf: „Erstklassiger Trønder“. Groan.)

Ansonsten fangen in der ersten Klasse 32 Kinder an, genauso viele wie in meiner Grundschulklasse waren. Allerdings wird Michel immer 3 Lehrerinnen****** in der Klasse haben, ich hatte damals exakt 1 und dass das nicht so gut funktioniert hat, hat dann in meinem Fall sogar die Schule eingesehen und die Klasse aufgeteilt. Wie es bei Michel mit 3 Lehrerinnen wird, wird man sehen. Für mich wären ja 33 Sechsjährige in einem Raum schlimmer als Folter, aber deshalb bin ich ja auch nicht Grundschullehrerin, ne? Vielleicht wird das ja alles ganz gut. Persönlich finde ich ja, so langsam kann dann auch mal was überraschend gut laufen, statt immer nur Mist und noch mehr Mist. Ich wünsche mir für Michel so sehr, dass das gut wird, sogar noch besser, als er sich das jetzt vorstellt. Mein großer kleiner Zwerg.

___

*Dazu mehr dann morgen.

**Wobei ich auch da schon des öfteren sehr verwundert war, zu was das teilweise in Deutschland aufgeblasen wird, inklusive gemieteten Räumlichkeiten und eeeewig im Voraus ausgebuchten Restaurants und Familie, die durch halb Europa anreist. Äh, ok. Kann man halt machen, ne? Muss ich ja nicht. Und n bisschen bekloppt kann ich’s schon auch finden.

***Eine Schultüte hingegen werden meine Kinder kriegen. In Deutschland würde ich wohl eine kaufen, da es hier aber keine gibt, muss ich die wohl basteln. Sei’s drum. Schultüte muss sein.

****Grad halt nicht und der Teil des Twitter-Verzichts, nämlich das wesentlich weniger häufige #alleirre-denken, der ist echt schön.

*****Zumindest aufgeschoben, aber ich hab noch nie mitbekommen, dass hier um den Ranzen so ein Gewese gemacht wird wie in Deutschland.

******Leider keine mitzumeinenden Männer.

12 Gedanken zu “Tag 1023 – Laufen, Atmen, Kind einschulen.

  1. Bea schreibt:

    Den Rucksack finde ich sehr sehr schön. Und die Größe auch absolut passend. Unsere Tochter hatte einen, den sie mit fünf gesperrmüllt hatte! Auf den war sie unglaublich stolz, er war unglaublich hässlich und ich hätte ihr ja gerne einen schicken gekauft, wollte sie aber nicht.
    Die Schulleitung bat darum, den Angehörigenauflauf klein zu halten, wir haben da eh nichts zu bieten und hatten die Oma mit und gut. Danach Pizza beim Italiener. Es geht auch entspannt. Die Klassenkamerad(I)nnen waren bunt gemischt. Die Mutter einer ihrer Freundinnen hat ihrer Tochter verboten, sich neben unsere zu setzen, sie wäre ihr evtl. nicht „fleißig“ genug. Später war sie ganz wild darauf, dass die zwei nebeneinander saßen. Ansonsten halt eine bunte Mischung von..bis. Und einige auch krassere Kinder. Fand ich nicht schlimm, behielt es aber im Auge. Und das andere Familien andere Regeln haben, die ich auch doof finden kann, finde ich ehrlich gesagt nicht schlimm. Muss man mal etwas mehr erklären und durchsetzen aber das ist dann so. Mobbing gab es nicht. Fürchterlich war oft der Ehrgeiz einiger Eltern und die helikoptereltern. Aber die entspannte Einschulung und den entschleunigten Schulbeginn in Norwegen finde ich Klasse. Wer entscheidet eigentlich wann die Kinder eingeschult werden? Eltern? Kindergarten? Oder geht es strikt nach Geburtsdatum und Stichtag? Jedenfalls wünsche ich Michel eine schöne vergnügte Schulzeit mit viel Spaß und tollen Lehrern. Und Schultüte.

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  2. Sunni schreibt:

    Hach, man könnte stundenlang über überzogene Dinge parlieren, was Schule angeht. Ich hab ja 40 Jahre Erfahrung. Aber:Der Ranzen/Rucksack ist toll und genau richtig und der Tanz hier mit Vorverkauf, Anprobe, Bestellen, Kröten für 2mal Sommerreifen hinlegen, damit der Turnbeutel und der Schirm-hahaha!- ebenso in schweinchenrosa/gelb/dunkellila sind und ach-was-weiß-ich-Bildchen tragen -ein Grauen! Und neulich erzählte mir jemand, dass man schon ausgerechnet habe und mit der entsprechenden In-Gaststätte gesprochen habe (ob die dann noch IN ist???), und man jetzt da im Voraus buchen werde…für die Konfirmation mit 40 Personen…, also in der 1. Klasse….Oh weia, das schlägt schon irre Blüten.
    Mobbing ist überall in den Schulen (wie eben auch sonst überall – siehe Prof oben im Text, ist ja auch eine Form, oder?). Kann man nicht allein verhindern, nur reden, immer wieder reden. Aber vielleicht geht es ja wirklich ganz, ganz gut und dafür drücken wir fest die Daumen!

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  3. Steffi schreibt:

    Was macht Sie denn so sicher, dass diese Schule schlechter ist als andere? Es gibt doch überall Kinder, die mobben, Kinder mit Migrationshintergrund etc. Ich finde ehrlichgesagt, etwas Durchmischung tut einer Schule und den Kindern gut. Viel besser, als in einer „Heilen Welt-Academia“-Bubble zu leben und aufzuwachsen.

    Michel wird das sicherlich gut meistern. Und wer weiss, eventuell sind sie dann schneller draussen als Ihnen lieb ist. In Stavanger z.B. ;-)

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    • Ich hab einfach schon viel ungutes über die Schule gehört. Und ich will auch gar nicht, dass er auf eine Akademikerbubbleschule geht. Von den 32 Kindern würde ich bei etwa 10 auf einen Migrationshintergrund tippen, aber die anderen 8 setzen ihren Kindern halt keine religiösen Symbole auf.

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  4. Ich habe die Klassenkameradenliste beim zweiten Lesen gescannt auf „was davon kann meinem Kind schaden“, dann bleibt ein Negativpunkt übrig. Der Rest würde mich Nerven kosten, weil Erklärbär und gegen meine Lebenseinstellung, aber meinem Kind wäre es wurscht.
    (So komme ich seit einem Jahr mit unserer Tagesmutter zurecht, also reden Sie mir diese Strategie bitte nicht aus.)
    Und die Schulranzenlösung finde ich super.

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  5. Ich habe gerade etwas über mich gelernt, weil ich ein wenig gestaunt habe, was an dem Kindermix nun so störend ist. Ziemlich so, nur mehr Migrationshintergrund, wird das hier an der Grundschule auch sein. Und dann fiel mir auf, was ich daran so positiv finde (und ich schäme mich auch ein bisschen dafür): wie sehr werden die anderen Familien von uns profitieren!!! Nun ja.

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    • Also, die zwei Mädchen mit Kopftuch sind nicht die einzigen mit Migrationshintergrund und ich bewerte ganz sicher nicht die Herkunft der Kinder. Ich verstehe nur nicht, wieso Kinder Kopftücher tragen sollten, ich hatte bisher hauptsächlich Kontakt zu Türkischstämmigen Muslima, da ist das Kopftuch etwas, das ab der Pubertät getragen wird.

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      • Ulrike schreibt:

        Dann komm mal nach Hamburg, da sind deutlich mehr Kinder mit Kopftuch in der Klasse, als ohne, mittlerweile auch egal, in welchem Stadtteil man wohnt ;-)
        Und wenn du das ansprechen würdest, bist du nicht tolerant der Religion gegenüber … ganz dünnes Eis!

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    • Auch der Kindermix stört mich nicht. Die Kinder sind Kinder. Die Eltern stören mich, zum Teil, und im Grunde bin ich einfach von vornherein total anti, weil wir schon lange gar nicht mehr hier sein sollten. Dieses „Kind geht auf DIESE Schule“ reibt mir meine erfolglose Jobsuche mitten ins Gesicht.

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      • Ulrike schreibt:

        Diese Schule könnte aber auch genauso in Oslo, Stavanger oder sonstwo stehen … Wäre es dann besser? Ach Frau Rabe, ich wünschte du könntest es entspannter sehen :-(

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  6. Mamamaj schreibt:

    Ich kann verstehen, dass du keinen Bock auf manche Eltern hast. Aber Idioten gibt es überall… auch ohne Kopftuch und mit Fahrradhelm… ;)
    Ich glaub wichtig für den Lütten ist, dass er schon ein paar Kinder kennt und mag und dass die Lehrerinnen nett sind. Und der Rest wird sich finden. Ich wünsche ihm einen schönen Schulanfang mit einer tollen Schultüte :)

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  7. Sandra schreibt:

    Liebe Frau Rabe, ich bin einen Tag zu spät dran, will aber trotzdem was schreiben. Sechsjährige mit Kopftuch finde ich ebenfalls sehr problematisch. Das hat nichts mit Migrationshintergrund zu tun, es gibt auch mittlerweile jede Menge Frauen ohne Migrationshintergrund mit viel Kopftuch. In meiner Stadt wird auch letztendlich gepflegt darüber hinweg gesehen und es gibt immer wieder Klagen von Lehrerinnen, die mit Kopftuch in Grundschulen unterrichten wollen. Und die ach so toleranten Personen sehen darüber hinweg, dass es a) für Männer keine Kleidervorschriften gibt und b) es ja von Männern gemachte Kleidungsvorschriften sind. ÄTZEND! Gibt es Elternabende in Norwegen? Dann wird es ja eine gute Schule, was alles „Haram“ ist.

    Vielleicht sollten Sie den Kommentar einfach nur lesen, wissen, dass ich es auch kritisch sehe, ohne rechts zu sein und den Kommentar NICHT veröffentlichen. Es könnte vielleicht ermüdende Diskussionen geben.

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