Tag 1047 – Wikinger und schaler Beigeschmack.

Heute waren wir auf einem Wikinger-Fest hier am Fjord. Das war zwar, wie ich finde, recht teuer (100 NOK für nen Erwachsenen, reines Eintrittsgeld, Kinder hätten 50 NOK gekostet, wären sie über Schwerthöhe groß), aber wir kamen rein und platzten direkt in den Heerkampf, wo sich bärtige und behelmte Männer bekämpften. Eine sehr bartlose Frau war auch dabei (im Bild ganz rechts in blau).

Die Kinder waren da natürlich schon hin und weg und ich bin da ja auch nicht so unempfänglich, wie man vielleicht meinen könnte. Verkleiden finde ich ja sogar echt cool und das war schon alles sehr liebevoll und Detailreich gemacht (auch wenn ich zu bezweifeln wage, dass die Wikinger damals reinrassige Rauhaardackel besaßen. Aber wenn sie die besessen hätten, hätten sie sie sicher an genau so einer Lederschnur spazieren geführt). Im Anschluss an die Kampf-Show drehten wir dann eine Runde über den Markt, auf dem allerhand mehr oder weniger Geschichtsgetreues Wikingerzeug verkauft wurde.

Der erste Stand hatte Holzdöschen. Der Zweite hatte Schmuck. Und Herr Rabe sagte direkt „Das da ist ein Nazisymbol!“. Es war eine Schwarze Sonne.

Ab da ging ich mit einem ganz unguten Gefühl durch die Gegend. Die Frau, die sich einen kompletten (naja, ohne Fleisch, Blut, Knochen und Leben halt) Schäferhund um die Schultern gehängt hatte, vermochte das dann auch nicht mehr schlimmer zu machen. Jeden Stand checkte ich auf Nazisymbole ab. Was schwer ist, wenn alles voller Runen und Symbole ist, die man nicht versteht. Das ganze vermieste mir echt den Markt und als dann Herr Rabe einen Pfeil und Bogen für Michel kaufte und ich am selben Stand eine Kette mit einem fucking Hakenkreuz mit einer solchen Swastika sah, kam es mir fast hoch. Leider war da der Kauf des Bogens schon erledigt und das Kind glückselig, sonst hätte ich Mann und Kinder direkt da weggezerrt.

Wir verbrachten dann noch etwas Zeit auf dem Spielplatz und ich sage es mal so: die gefürchtete Smartphone-Mutti auf dem Spielplatz googelt sich vielleicht grad die Finger wund nach einer harmlosen Erklärung für Nazisymbole auf einem Wikingerfest. Aber eigentlich hätte ich mir das sparen können, denn ich habe zu Swastiken und ihren Abwandlungen eine feste Meinung. Nämlich: Wenn du nicht grad ein 2000 Jahre alter Hindu-Tempel bist, schmücke dich nicht mit Nazisymbolen. Es ist mir schnurz, ob das „echte“ Hakenkreuz soundso viele Grad in irgendeine Richtung gedreht ist, oder ob die Haken links- oder rechtsrum gehen oder ob Odin persönlich sich eine Swastika auf die Stirn tätowiert hatte*. Dieses Symbol steht im Europa des 21. Jahrhunderts für eine menschenverachtende Politik, die zum Völkermord an den europäischen Juden und einem Weltkrieg mit Millionen Toten führte. Punkt. Sich heute mit einer frisch angefertigten Replik dieses Symbols zu schmücken, finde ich verwerflich. Klar kann** man das machen, aber dann kommen so komplett verbohrte linksgrünversiffte Gutmenschen wie ich und denken, dass du ein Nazi bist. Und die möchten dann auch deinen übrigen nicht-Nazi-Kram nicht kaufen und waren wohl auch das letzte Mal bei einer Veranstaltung, bei der sowas geduldet wird***.

Puh. So. Genug Luft gemacht. Also abgesehen von diesen beiden Ständen war’s da echt cool.

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Auto-Lobhudelei: Puh, leider nichts. Ich hätte mir von mir gewünscht, dass ich da direkt nen Aufstand gemacht hätte.

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*Soweit ich das in meinem hektischen gegoogle finden konnte, haben die historischen Wikinger eher selten Swastiken benutzt. Dafür wurde „Die Germanen haben das auch schon benutzt!“ von den Nazis damals zur Propaganda benutzt, was dieses ganze „Aber die Kelten! Und die Germanen! Und Odin!“ halt auch wieder in ein bestimmtes, braunes Licht rückt.

**man kann sich auch nackt in nen Ameisenhaufen setzen und ich fände das schöner, wenn diese Leute das täten.

***Ich werde den Veranstaltern morgen schreiben und sie um eine Stellungnahme bitten. Ganz vielleicht war es ihnen ja einfach nicht bewusst.

8 Gedanken zu “Tag 1047 – Wikinger und schaler Beigeschmack.

  1. M schreibt:

    Mir geht’s oft so bei Quiltmustern. (Jaja, man kann Streifen, halbierte Quadrate ins sich wiederholenden Mustern „ganz harmlos“ auslegen und dann sieht’s am Ende trotzdem aus wie Hakenkreuze. Man kann das aber auch recht einfach vermeiden. Wenn man will.) Gerade die amerikanischen Quilter sind da sowas von blind dafür. Echt seltsam.

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  2. Irene schreibt:

    Normales Hakenkreuz: bin ich deiner Meinung.
    Die Schwarze Sonne ist mir aber erst vor ein paar Tagen untergekommen, irgendeine Promi verkauft wohl Kettenanhänger mit diesem Symbol, und ich hätte bis zu diesem Zeitungsartikel keine Ahnung gehabt, dass das ein Nazi-Symbol ist (wie ich auch erst seit wenigen Jahren weiss, dass die Nazis den antiken Spruch „Suum cuique“ missbraucht haben und auch erst seit ein paar Tagen, dass Hitlers Hund „Blondie“ hiess).
    Damit will ich sagen: was jenseits von Hakenkreuz und „Arbeit macht frei“ ist, ist wirklich vielen Leuten nicht als Nazisymbol bekannt.
    Ich kenne sonst nur noch den Thorhammer, aber den an einem Wikingerfest zu sehen hätte mich nun auch nicht verwundert.
    Wir haben übrigens das Dritte Reich durchaus in der Schule durchgenommen, aber halt nicht die Symbole…

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  3. Elli schreibt:

    Als Wikingerdarsteller im Reenactmentbereich kann ich dazu nur sagen, dass es nicht wirklich einfach ist, authentisch darzustellen, ohne das ein oder andere Symbol.
    Fängt bei den Runen an, wir haben viel in Futhark-Alphabet geschrieben, an dem „S“ haben sich die Nazis nun mal auch bedient. Kommt man leider da schon nicht drum herum.
    Es ist genau wie beim Hakenkreuz, dass aus dem Hinduismus genommen worden, genauso mit der schwarzen Sonne.
    Wir vermeiden diese Symbolik ganz bewusst (aus ähnlichen Gründen wie geschlidert), aber Darsteller, die darauf achten so nah dran wie möglich zu sein, gehen da mitunter einen anderen Weg.

    Muss man vielleicht nicht unbedingt auch einem solchen Markt verkaufen, aber wer dieses Symbol tragen möchte, eben aus Gründen der 30er Jahre, findet diese Anhänger ohne große Schwierigkeiten auf fast jedem Portal im Internet. :-(

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  4. Liebe Frau Rabe,
    ich glaube, man kann da auch die Polizei rufen. Echt wirklich. Zumindest in Deutschland und bei offensichtlichen Symbolen. So haben ja auch Badegäste hier gehandelt, als jemand mit einer sehr widerlichen Tätowierung im Bad gesehen wurde. Und Flohmärkte sind auch schon untersucht worden. Boah, mich schüttelt es auch immer noch.
    Viele Grüße
    Ilka

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  5. Hugo schreibt:

    Hallo Frau Rabe!

    „Wenn du nicht grad ein 2000 Jahre alter Hindu-Tempel bist, schmücke dich nicht mit Nazisymbolen.“
    You made my day *lol*.
    Dem ist noch hinzuzufügen daß auch ich als „Biodeutscher“ weder Wikinger noch Kelte bin.

    Bei der deutschen Entsprechung zu solchen Volksbelustigungen, den sogenannten „Mittelaltermärkten, Ritterspielen, Burgfesten“ habe ich für die Fans ein durchaus als arrogant zu sehendes mildes Lächeln übrig. Da ist nix richtig „true“ wie vermutlich auf so Wikingerveranstaltungen und dort (also hier in D) geht auch das „Mittelalter“ von kurz nach dem Untergang des Römischen Reiches bis zum Biedermeier, was mal eben so grob mehr als die Hälfte der christlichen Zeitrechnung ist.
    Natürlich isses ned nur für die Kinder schick, aber dann sollte das alles als Märchen und Sagen mit einem diffusen „Es war einmal…“ verkauft werden…
    Aber so grundsätzlich sowas von garnicht meine Baustelle und das ned nur wegen dem zwielichtigen Aushilfsfaschogesindel was sich da rumtreibt.

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