Tag 1125 – Zerrissen.

Mein Chef hat sich heute morgen spontan überlegt, dass er diese Woche nicht kommt. Das ist im Prinzip gut, weil ich dann nicht dauernd irgendwelche neuen irren Sachen machen soll in meinem Tempo abarbeiten kann, was anfällt und weil das nicht viel ist, habe ich nebenher Zeit, Bewerbungen zu schreiben. Aber: ich schreibe Bewerbungen. Ahhhhh. Heute in der extra fiesen Version: für eine Stelle in der Wissenschaft. AHHHHHHH! Dass ich sofort wieder bis über die Ohren im ImpostDoc-Modus war, habe ich nach Kräften ignoriert. Denn es ist ja so: alles, wirklich alles, selbst drei weitere Jahre in der akademischen Mühle, sind besser als das jetzt. Um es mit Bridget Jones zu sagen: „Ich würde auch einen Job als Saddam Husseins Arschabwischer annehmen.“. Und so schlecht wäre diese Stelle beileibe nicht. Eigentlich wäre fast alles daran sehr sehr gut: sie ist in Oslo, sie ist gut bezahlt, sie wäre genau in dem Thema, in dem ich promoviert habe, die Arbeitsgruppe ist sehr, SEHR erfolgreich. Aber es ist halt die Uni. Ein Post-doc. Publish or perish. Der ganze Mist, den ich nicht mehr wollte, weil er Menschen verheizt. Aber die Industrie will mich ja auch nicht. Nein, auch nicht jetzt. Niemand will mich, nur Leute, die nicht alle beisammen haben der Chipsmann. Der will mich aber unbedingt. Klar, irgendwer muss ja seinen Job machen. Also Fazit: Ich weiß auch nicht, ob ich die Stelle, für die ich den ganzen Tag am CV und dem Anschreiben rumgebastelt hab, überhaupt wollen würde oder wollen sollte. Ich merke, dass der Impostor immernoch ganz stark in mir ist. Ich merke auch, wie sehr mein Selbstwertgefühl unter den 40 Absagen gelitten hat. Futter für den Impostor. Schlechte Ausgangslage für weitere Bewerbungen. Und Futter für jemanden, der mir ständig die Alternativlosigkeit zur jetzigen Stelle unter die Nase reibt.

Nein. Hauptsache da weg, zweite Hauptsache okayer Job. Drei Jahre sind viel Zeit, da kann man sich noch ein paar Skills aneignen, Kontakte knüpfen (hahaha, ja, innerhalb der akademischen Bubble) und hat mal zwei Jahre Ruhe vorm Bewerbungen schreiben und schreibt dafür dann halt grant applications.

7 Gedanken zu “Tag 1125 – Zerrissen.

  1. Franziska schreibt:

    Guten Morgen!

    Für mich liest sich die Postdoc-Stelle um Längen verlockender, als das bisherige Theater. Relative Sicherheit und so. Das würde sich in der Vita sicher auch besser machen, als eine Chaotenfirma. Ahem, das ist meine bescheidene Meinung dazu.

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  2. Sunni schreibt:

    Phew…A…abwischer…Egal, alles besser als diese Sache. Geld muss her und eine vernünftige Stelle mit Arbeitszeiten und Ereichbarkeit. Finito! Los gehts, weiter schreiben, CVs am Fließband. Und abends ein Schlücklein drauf!

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  3. Mamamaj schreibt:

    Ich hab ja keine Ahnung von der ganzen Sache. Deshalb mal eine Verständnisfrage: du hast doch deinen Doktor gemacht. Wenn du jetzt an der Uni arbeitest musst du doch nicht wieder promovieren oder?

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    • Nee. In der akademischen Laufbahn ist der Weg etwa so: Promotion, dann 1-3 sogenannte Post-docs, jeweils 1-3 Jahre. Das sind befristete Stellen, man forscht da mehr oder weniger selbständig aber noch mit loser Betreuung, ist aber auch mehr oder weniger selbst verantwortlich, Geld zu besorgen. Diese Stellen sollen einen vorbereiten auf das, was danach kommt: Assistant Professor und dann irgendwann Professur. Da ist man halt komplett verantwortlich dafür, dass genug Fördermittel für die Gruppe eingeworben werden. Hier in Norwegen gibt es noch die Möglichkeit, Forscher zu sein, ohne ne Gruppenleitung anzustreben. Aber die Stellen sind natürlich heiß begehrt.

      Was mich daran abschreckt: grade im Post-doc muss man veröffentlichen was das Zeug hält. Die Konkurrenz ist groß und der Druck auf alle entsprechend hoch. In dem System kann man nur mit einer gewissen Arschigkeit bestehen und ich bin kein Arsch und will in dem System eigentlich überhaupt nicht bestehen.

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  4. Mamamaj schreibt:

    Danke für die ausführliche Erläuterung. Kann ich verstehen, dass du da nicht so große Lust drauf hast… und irgendwann eine Professur an einer Uni zu übernehmen hast du nicht, richtig? Es gäbe aber auch die Möglichkeit in Forschungsinstituten oder so zu arbeiten, richtig? Oder bei einem Unternehmen, so wie die jetzige (Horror-) Stelle… (nur in gut)
    Was wäre deine bevorzugte Kategorie?

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