Tag 1146 – Zeitlose Ästhetik!

Wir waren heute bei meiner Omi* und haben unsere restlichen Sachen vom Dachboden geholt. Als wir damals nach Norwegen zogen, hatten wir nur einen Sprinter, den wir vollmachen konnten und deshalb blieb einiges in Deutschland, hauptsächlich bei meiner Oma auf dem Dachboden, denn da war Platz. Jetzt ist es aber so, dass meine Omi aus dem Haus, in dem sie seit… 1970 oder so gelebt hat, nächstes Jahr ausziehen wird, weil sie sich nach dem Tod meines Opis eine kleinere Wohnung um die Ecke gekauft hat, die dann eben nächstes Jahr bezugsfertig sein wird. Meine Omi mistet schon sehr fleißig aus (und, chapeau, wirklich, ich wusste gar nicht, dass in dem „Arbeits“zimmer** meines Opis auch Möbel unter den Unmengen Papier sind. Und Fußboden! Man lernt ja nie aus.) aber unsere Sachen müssen da eben auch bis zum Umzug weg. Und wir haben ja jetzt auch endlich den Platz für unsere Bücher und diversen anderen Kram, den ich schon vergessen hatte.

Wir stiegen also heute auf den Dachboden. Fast alle. Michel behauptet, er hat Höhenangst. Pippi kraxelte völlig angstfrei die Dachbodentreppe hoch und runter. Und ich sag mal so: wir haben seltsame Dinge aufgehoben. Ich fand zum Beispiel Deutschaufsätze von mir aus der 7. Klasse. Jaha! Sehr wichtig sowas. Und weil es auf Twitter neulich rumging: mein Schulranzen. 1991er Modell.

Nun, der Schulranzen geht, so hipstermäßig sowas heutzutage sein mag, morgen in die Brockensammlung. Können sich dann hipsterige Barthipster aufsetzen***.

Wir haben auch die Bücher nochmal ausgemistet und eine komplette Kiste aussortiert. Herr Rabe war strikt dagegen, „Buchklub“****-Bücher wegzuwerfen und deshalb werden jetzt ein paar der furchtbarsten Bücher*****, die ich je gelesen habe, mit nach Norwegen ziehen. Aber was tut man nicht alles dafür, endlich wieder Harry Potter im Regal stehen zu haben.

Insgesamt fahren nach Norwegen: sieben Kisten mit Büchern, zwei Kisten mit CDs und DVDs****** und zwei Kisten mit Küchen- und Deko-Dingen (die alten Keksdosen von meiner anderen Oma, die Kaffeemühle und meine Mini-Kuchenformen! Hach. Und auch das „Handbuch für die gute Hausfrau“, ein ganz wichtiges Werk.). Der Lehnstuhl aus dem Set aus dem auch unsere Esszimmerstühle sind, die wiederum auch schon alle von meiner Uroma weitergegeben wurden, wir haben sie nur neu polstern lassen. Das Patchwork*******-Plaid und das Kissen, das mir meine Oma zum Abi geschenkt hat. Der Lampenfuß, den mein anderer Opa gedreht hat. Der Lampenschirm bleibt, trotz unschätzbarem sentimentalen Wert, in Deutschland. (Tante B., möchtest du den haben?). Ein paar Bilder und ein Spiegel kommt mit. Und mein Hintern auf einem Bierdeckel.

Dieser Bierdeckel ist ein Lehrstück in Sachen „unterschreib nicht bevor du nicht WIRKLICH RICHTIG GENAU alles durchgelesen hast“. Das war nämlich so: in grauer Vorzeit, ich war jung und ganz offensichtlich recht knackig, ließ ich mal Fotos mit wenig an von mir machen. Die wurden sehr schön. Die wurden so schön, dass das Fotostudio beschloss, eins davon auf Bierdeckel zu drucken und als Werbung in den umliegenden Kneipen zu verteilen. In den umliegenden Kneipen ging ich aber auch ganz gern mal ein Bier trinken und eins davon blieb mir dann mal auf halbem Weg fast im Hals stecken als ich das Motiv eindeutig als dasselbe erkannte, das gerahmt über meinem Bett hing. Als ich, wieder nüchtern, den Bierdeckel in meiner Handtasche******** fand, ging ich zum Fotostudio und, ja, ich hatte das so unterschrieben, sorrynotsorry, im Schaufenster hängt’s übrigens auch. Naja, es ist ja ein schöner Hintern und wer nicht weiß, dass das meiner ist, weiß es ja auch nicht, also quasi niemand außer jetzt das halbe Internet. (Es mag sie enttäuschen, aber wenn Sie meinen Hintern heute sehen, der sieht nicht mehr ganz so aus.) Liebe Kinder, hört auf Mutti: Facebook-Aufrufe „Ich habe mit meinen Schüler*Innen gewettet: wie schnell verbreitet sich dieses Bild im Internet? Bitte unter Nicht-Teenagern teilen für besonders realistisches Ergebnis!“ sind vielleicht ganz nett, aber, echt: lest die Vertragsbedingungen komplett, sonst stellen vielleicht bald alle eure Freunde ihr Bier auf euren Hintern ab.

Hachja. Zurück zum Thema, es gibt ja so Sachen, die kann nicht mal ich wegtun, zum Beispiel die drülfzig Band-T-Shirts, die ich mal gesammelt habe und die alle schon sehr lange nicht mehr passen, aber vielleicht kann ich mal was nettes für die Enkelkinder draus basteln. Andere Dinge… Warum genau habe ich (Ich!) früher mal ganz viele Bücher mit Titeln wie „Die Wissenschaftsverschwörung – Wie Pharma-, Kosmetik- und Lebensmittelindustrie Sie verschaukeln“ (Titel in Anlehnung an echte Titel erfunden) gelesen? Also echt nicht nur eins, sondern eher so fünf bis sieben? Da ich nicht mal mehr grob weiß, was drinsteht, kommen die jedenfalls auch weg. Ich hab tatsächlich kurz überlegt, ob ich sie in den Müll werfe. Sehr seltsam.

Das schönste, was ich mitnehme, ist aber ganz klein in einer Schachtel und wird auch nicht von der Spedition transportiert. Und das wertvollste ist die Erinnerung an einen wirklich schönen Nachmittag mit meiner Omi, sowas ist nämlich unbezahlbar.

___

*Da ist auch alles wie immer. Seit 33 Jahren riecht es da gleich und ich wünschte, ich könnte den Geruch des Kellergeschosses anders konservieren als nur in meiner Erinnerung.

**Mein Opi war ja schon sehr lange pensioniert, also „Arbeit“ braucht hier wirklich riesige Anführungszeichen.

***Falls sie die Riemen über die breiten hipsterigen Barthipsterschultern bekommen, das fiel mir heut schon etwas schwer. Ich behalte dafür eine grüne Marlene-Hose, die muss ich zwar kürzen aber dann ist die super.

****Wir hatten mal eine Leserunde, einen Buchklub halt, da haben wir aus einer Liste mit ca. 200 Büchern, die wir da basisdemokratisch draufgesetzt haben, immer ein Buch gezogen und dann in ca. vier Wochen alle gelesen und danach bei Speis und Trank besprochen. Das hat sehr viel Spaß gemacht und man hat viel gelernt, also ich jedenfalls.

*****“Don Quichotte?“ – „Ist ein Buchklub-Buch!“ – „Hrmpf. … Boah, Aber hier, Uwe Johnson, „Jahrestage“, alter, das kann doch echt weg!“ – „…“ – „Orrr…“

******Ja, total zeitgemäße Speichermedien. Aber, hey, immerhin waren bei meinen Sachen keine Mini-Disks dabei, nicht wahr, Herr Rabe?

*******Überhaupt, manche von den Patchwork-Sachen die meine Omi macht sind so schön, ich möchte die alle haben und die Wände zum Aufhängen gleich dazu.

********Jaaaa, es gab mal Zeiten, da benutzte ich Handtaschen. Meist eine: ein Bundeswehr-Brotbeutel in schwarz.

4 Gedanken zu “Tag 1146 – Zeitlose Ästhetik!

  1. Sunni schreibt:

    Solche Erinnerungen sind so wertvoll. Da geht einem im wirklichen Sinne das Herz auf. Notfalls kann man dann das Freudenbier auch auf den Hintern…ok, aber der ist schon sehenswert!Alle Achtung!

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  2. Franziska schreibt:

    Guten Morgen!

    Das Schulranzenmotiv kommt mir sehr bekannt vor…
    Bei der Beschreibung des „Arbeits“zimmers mußte ich lachen, die Vorstellung ist zu göttlich!
    Als ich Omis Haushalt auflösen mußte, waren da auch so ein paar Dinge dabei, die jetzt hoffentlich anderen eine Freude machen (wie das Nußholzbuffet, sowas gibt man normalerweise nicht mehr weg) oder ihre Kristallgläser. Mitgenommen hatte ich damals dann die Kaffeemühle der Urgroßeltern (weil diese nicht ganz so ausladend wie ein Buffet ist) und vor allem Photos!

    Einen schönen Dienstag von
    Franziska

    Gefällt 1 Person

  3. virtuellesgluecksbuero schreibt:

    Mit der eigenen Nostalgie konfrontiert zu werden ist sehr schön. Neben einer gewissen Weiterentwicklung merkt man dass man doch gleich geblieben ist.
    Dasselbe erlaube ich mir von dem gewissen Hinterteil zu glauben. ;)

    Gefällt 1 Person

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