Tag 1322 – Vernachlässigt.

In den Tagen seit Sonntag verzeichne ich hier einen erhöhten Andrang. Ich habe da so eine Ahnung, wie das kommen könnte und weil ich bemüht bin, ein positives Menschenbild zu haben, rede ich mir ein, diese mehr Leser*Innen sind hier, weil sie die andere Seite zu einem Konflikt hören wollen. Ich muss Sie aber da leider enttäuschen: dieser Konflikt geht nur mich und die andere Person was an und ich werde mich dazu hier nicht äußern. Das heißt nicht, dass mir die ganze Sache am Hintern vorbei geht, sie mich nicht beschäftigt oder ich nicht sogar einen ganzen Haufen Emotionen dazu habe. Nur Reden – wie gesagt – möchte ich wenn dann mit der anderen Person und ohne dass Sie alle dabei Popcorn mampfend zusehen.

Ja? Ja. Weiter im Text.

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Hier einiges vernachlässigt, wie mir scheint. Entschuldigung dafür. Ich war viel müde und andere Gründe gab’s auch, die sind jetzt aber mal egal. Jedenfalls muss ich wohl was nachholen. Ich versuche es mal.

Die Kinder. Sie sind sehr super. Michel wird jetzt richtig selbständig und packt seine Hausaufgaben direkt nach der Schule auf den Tisch, liest sich selbst die Aufgabenstellungen vor und legt dann los. Das macht es mir viel einfacher, ihn alle Fehler machen zu lassen, die er machen muss, um daraus zu lernen. Wenn ich daneben sitze, juckt es mir immer in den Fingern, ihn zu korrigieren, das ist einfacher, wenn ich eben nur grob im selben Raum bin und andere Dinge tue, Blumen gießen, Kochen, sowas halt. Dann kann ich trotzdem noch sagen, wie das „hinten am Fuß“ heißt, kriege aber keine Stresspusteln wenn ich sehe, wie krakelig Michel „HÆL“ schreibt oder dass die Hälfte der 2-en und 4-en immernoch spiegelverkehrt ist. Heute musste Michel Fragen lesen und dann ja oder nein ankreuzen, eine dieser Fragen lautete „Har du rene tær?“ (Hast du saubere Zehen?“) und Michel so „Æ kan sjekk.“ (Ich kann gucken.), zieht eine Docke aus, inspiziert seinen Fuß und dann: „Niks!“ und kreuzt nein an. Ich hätte mich beömmeln können. Wie Michel sagen würde: Tipptopp, tommel opp (tipptopp, Daumen hoch). Nächste Woche fängt Michel mit drei Nachmittagen pro Woche im Sport-Hort an. Dann kostet uns das ~nur~ 1000 Kronen mehr im Monat als jetzt, dafür kann er morgens und an zwei Nachmittagen zum Schul-Hort gehen. Ich hoffe das wird gut.

Pippi hat weiterhin Phase und manchmal möchte ich sie im Wald aussetzen, auf dass sie von einem freundlichen Wolfsrudel aufgezogen würde, aber dann gucke ich Michel an und weiß, es wird besser werden, und Pippi ist ja schon auch toll, nur halt eher so… im Großen und Ganzen toll, in den einzelnen Situationen muss ich momentan oft Herrn Rabe die Erziehungsarbeit überlassen, weil ich sonst innerhalb von Sekunden auf 180 bin und rumbrülle. Bald, bald, ist bestimmt auch diese Phase vorbei.

Sonst so: Arbeit. Viel Arbeit. Ich habe grad mal nachgeguckt: ich habe nach den drei Monaten jetzt 73 Stunden und 25 Minuten Überstunden. Dabei habe ich schon zwei volle Tage abgefeiert. Der Großteil dieser Stunden wird in den Sommerferien abgefeiert, da ich ja letztes Jahr nicht dort gearbeitet habe, steht mir zwar Urlaub zu, aber kein Feriengeld, sprich: wenn ich die Urlaubstage nehme, kriege ich die halt vom Lohn abgezogen. Das ist in den Fällen ja noch ok, wo man von einem anderen Arbeitgeber kommt, der einem ja beim Vertragsende das Feriengeld ausbezahlen muss, wenn man aber arbeitslos war und genau 0 Kronen Feriengeld angesammelt hat, ist das Recht kacke. Deshalb ein Hoch auf die Überstunden, denn sie sichern mir Urlaub ohne dass es hässlich große Löcher in die Haushaltskasse reißt. Groß wegfahren werden wir aber dieses Jahr wohl nicht.

Ja, so viel Arbeit ist sauanstrengend. Ich bin, Überraschung, nicht jemand, der nach Arbeitstagen von 9-19 Uhr noch die Energie für mehr als Essen–>Bett aufbringt. Pendeln, Arbeit, Pendeln, Schlafen, Repeat. Ich glaube auch nicht, dass sich das mit mehr Erfahrung bessern wird. Aber, und das ist der wichtige Punkt: es macht Spaß. Ich habe immernoch das Gefühl, im Lotto gewonnen zu haben. Ich kann mein Glück kaum fassen, ich sitze da in der Behörde, ich darf richtig interessante Sachen machen, mir wird auch intern schon richtig viel zugetraut und ich liebe es einfach. Ich mag meine Inspektør-Kolleginnen und Kollegen und dass das alles so grade-raus-e Menschen mit zum Großteil sehr trockenem Humor sind. Auch wenn die meisten meine Eltern sein könnten, hab ich das Gefühl, ich passe da hin. Und das ist ja nur die Seite im Büro*, wenn wir „draußen“ sind, auf Inspektion, sehe ich so viele verschiedene Pharmahersteller wie in keinem anderen Job in der Branche. Es ist immer anders, aber immer interessant. Kein Tag wie der andere und das liebe ich. Ich werd auch besser im Fragen und vor allem lockerer im Umgang mit all diesen Leuten, ich werd nur noch ein bisschen rot, wenn Leute meinen beruflichen Hintergrund abklopfen und habe gelernt, bei Diskussionen um das Pharmaziestudium und wie schwer ja Qualified Persons zu kriegen sind einfach aus dem Fenster zu gucken. Und der Rest kommt sicher mit der Erfahrung.

Neulich hab ich sogar meiner Kollegin erzählt, dass mich die Chipsfabrik nie bezahlt hat und ich da noch im Insolvenzverfahren drin hänge und auf mein Geld warte und dass das ordentlich kacke ist. Das ist für „immer fröhlich, nie persönlich“, was ich in den ersten Wochen gefahren habe schon eine große Entwicklung, mehr muss auch erstmal nicht sein, aber ich finde wenn man so eng zusammenarbeitet wie wir kann man zumindest ab und zu mal durchblitzen lassen, dass man ein Mensch mit Gefühlen ist.

Den Rest der Chipsgeschichte erzähle ich dann, wenn die Kollegin in Rente geht oder so. Das ist in ca. 10 Jahren, bis dahin kann ich das in eine lustige Dinnerpartygeschichte verpacken.

Also kurz und gut: super Job. Super anstrengend, super steile Lernkurve (das ist alles so ganz anders als absolut ales, was ich vorher gemacht habe!), super interessant, halt super. Jackpot.

Ansonsten: heute bei der Endokrinologin im Krankenhaus gewesen, endlich. War so hal gut und halb scheiße, denn jetzt grad sieht zwar alles tipptopp tommel opp aus, aber sie machte mir keine große Hoffnung darauf, dass das mein letztes Rezidiv war. Ich solle schon mal über eine mir passende Entfernungsmethode nachdenken, wegen der Augen käme aber eigentlich eh nur OP in Frage. Und das könnte man auch präventiv machen, man müsse nicht aufs Rezidiv warten**. Das muss ich nun erstmal verdauen, vielleicht bei einem Gin.

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*Großraumbüros hat allerdings der Teufel gemacht.

**letzteres kommentierte ich trocken mit „Das mache ich nicht solange wir einen Mangel*** an Levaxin haben!“, das sah die Ärztin dann auch ein.

***Medikamentenmangel. It’s a fucking big thing in Norway. Menschen auf derselben Etage wie wir drehen recht frei.

10 Gedanken zu “Tag 1322 – Vernachlässigt.

  1. Lea schreibt:

    Liebe Frau Rabe,
    ich lese wie schon eine ganze lange Zeit hier jeden Tag gerne ihre updates aus dem Norden und ging bei der Wortkargheit der letzten Tage von ‚alles ist zu viel‘ aus. Wenn es auch noch dazu ‚mehr als doof‘ war/ist, ist das doofer mist, und wenn sie sich offenvar jetzt ‚aufgelauert‘ (ist das das richtige Wort dafür..?) tut mir das leid. Denn das fühlt sich bestimmt nochmal doppelt blöde an.

    Schön, dass sie als Inspektørin einen Beruf zum gerne hingehen gefunden haben! Es liest sich von aussen nach sehr, sehr viel Arbeit und viel ‚Stoff‘, umso schöner, dass sie (anfangen?) sich da schon zu Hause fühlen.

    Herzliche Grüsse

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  2. Luluxand schreibt:

    Ein eigenartiger Gedanke, daß in einem europäischen, wohlhabenden Land ein Medikament, das für einige Menschen überlebenswichtig ist, knapp ist. Ich fand es letztes Jahr schon doof, als es wg. kranken Arztes etwas länger mit dem neuen Rezept dauerte.

    Ich drücke die Daumen, daß ein weiteres Rezidiv lange auf sich warten läßt.

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  3. Irene schreibt:

    Ich finde es wunderbar, dass du arbeitsmässig offenbar den Sechser im Lotto erwischt hast.
    Zur SD: ich hatte 5 Schübe, dann kam die Radiojodtherapie. 3 Jahre alles fein. Und letztes Jahr kamen dann die Doppelbilder. Wie sagte der Augenarzt, den ich notfallmässig in Norddeutschland aufsuchte? „Die Schilddrüse ist ja nur mitbetroffen, die Autoimmunerkrankung sitzt ja trotzdem in Ihrem Körper“.
    Damit will ich dir nicht von was auch immer abraten, aber ich habe den Eindruck, dass man sich hinterher vor allem vor einer auch nur leichten Unterfunktion hüten sollte.
    Wobei meine Augen auch bei der Ärztin in der Basler Augenklinik Kopfschütteln ausgelöst haben. Eins ist „basedowig“, eins reagiert verlangsamt. So guckt eins zu sehr nach oben und eins zu sehr nach unten.
    Dafür geht es mir seit 2015 stimmungsmässig sooo viel besser. Das ist mir sogar wert, dass ich momentan nicht Auto fahren soll.

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  4. Liebe Frau Rabe,

    als großes Tagebuchblogfangirl lese ich auch schon eine ganze Weile hier täglich mit und freue mich über die Einblicke in das Leben in Norwegen. Umso mehr, als ich kürzlich feststellte, dass wir fast auf den Tag genau gleichaltrig sind 🙂.

    Mehr wollte ich eigentlich gar nicht. Nur einen nicht-blöden Kommentar dalassen ;). Und ich bin nicht wegen eines wie auch immer gearteten Konflikts hier!

    Viele Grüße aus dem Süden (also von Norwegen aus gesehen)
    Gwendolyn Kucharsky

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  5. Sunni schreibt:

    Alles richtig, Daumen hoch! Und das SD-Ding ist sowas von ekelhaft, das wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind! Ich habe noch ca.1,1% Hoffnung, dass es mal besser wird mit meinen Augen trotz aller Medis oder mit denen, keine Ahnung. Hat man eigentlich schon mal von jemandem gehört, der die SD entfernen ließ und dann trotzdem das mistige Orbitopathieding weiter hatte? – Viel Kraft weiterhin. Und alle Phasen haben ein Ende, wirklich alle! :-) Sunni

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  6. Ach, Medikamenten-Knappheit gibts auch in Deutschland. Gerade war Frisium wochenlang nicht lieferbar – für viele Meschen mit Epilepsie ein echter Horror.
    Saskias Levetiracetam gab es aus irgendwelchen Gründen ein paar Wochen nur in der falschen Dosierung oder als Generikum von einer anderen Firma. Es wird aber „bei gut eingestellter Epi“ (gerade mit so’ner langen Leidensgeschichte vorher) nicht empfohlen zu wechseln. Tja nun.

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