Tag 1575 – Zwei Mäntel.

So, ich sitze im Zug [Update: 12,5 Stunden später sitze ich wieder im Zug, aber in die andere Richtung] und habe einen einigermaßen apokalyptischen Artikel zur Klimakatastrophe gelesen, habe jetzt Lust wirklich nachdrücklich unbequem zu werden und in Schule, Hort und Kindergarten den Fleischkonsum anzusprechen zu kritisieren zu shamen, irgendwo müssen wir alle anfangen und da macht es tatsächlich einen Unterschied. Die Alternative ist dass unsere Kinder in 30 Jahren vielleicht gar nichts mehr zu essen haben, das muss man einfach mal so plump sagen.

Aber zu etwas positiverem: wir kaufen auch alle viel zu viele Klamotten aus Niedriglohn- und Hochausstoßländern und als wäre das ein großer Unterschied, wenn man industriell hergestellte, gefärbte, bedruckte usw. Stoffe kauft statt ganze Kleidungsstücke.

Meine Güte die Sonne scheint mir aus dem A…Hintern, merkt man, ne? Die gute Italienische Seide gibt’s dann auch in 30 Jahren nicht mehr, weil es Italien nicht mehr gibt. Aber vielleicht lerne ich einfach spinnen und weben, in Norwegen gibt’s vielleicht weiter Schafe. Oder ich leg mir ne Alpaca-Herde zu, das hat eine andere Inspektørin auch gemacht, ganz bei uns in der Nähe. Dann kann ich meinen Kindern (die dann erwachsen sind, aber oh je meine armen Babies was habe ich getan) wenigstens was zum Anziehen beschaffen. Dann reaktiviere ich noch Grundschulwissen über Flachsspinnerei und schon sind wir immerhin nicht nackt.

Nun ja. Neuer Anlauf: ich bin zur Zeit nicht nackt. Ich habe mir nämlich zwei Mäntel genäht. Erst den einen, der dauerte ein Jahr, dann noch einen, der dauerte keine zwei Wochen wenn man davon absieht dass ich die zweite Knopfleiste immer noch nicht angenäht habe. Ich fange aus Bildgründen mit dem zweiten Mantel an, nämlich Ingvild:

Ingvild hat Taschen (Liebe für Taschen) und das sogar innen, weil man Ingvild nämlich wenden kann. Ich liebe Ingvild sehr, das Muster ist super gut beschrieben (gibt’s auch auf Englisch) und es war einfach zu nähen und (am Wichtigsten) Ingvild passt gut und sitzt ohne großes Anpassungstralala. Wer aber gerne anpassen will, findet IN DER ANLEITUNG eine Anleitung dazu. Ein Hoch auf die Nähmutter Melilot. (Werbung aus Überzeugung, ich kriege da nix für, ok vielleicht nen Kaffee beim nächsten Treffen aber Werbung müsste eventuell vorher ja abgesprochen sein und das ist sie nicht, nicht mal Kaffee.)

Bei Ingvild habe ich mich zur Abwechslung mal ans Muster gehalten, das mache ich ja oft nicht und ärgere mich dann. Vielleicht mache ich mir wirklich noch eine dünnere Version mit Kapuze, Kapuzenmäntel sind einfach noch einen Tacken praktischer bei Regen. [Mir fällt grad ein: ich hab ja die Ärmel länger gemacht, damit ich sie umschlagen kann. Soviel zu ans Muster gehalten. Und ich hab keine Knopflöcher gemacht sondern Knopfschlaufen.]

Ich habe zwei Wollstoffe verwendet, deshalb ist der Mantel wirklich schön warm. Auch um die Beine ist so viel Stoff, dass ich da auch bei Minus 10 Grad (für Sie getestet) nicht friere. Auf dem Bild habe ich im Übrigen zwei Strumpfhosen übereinander an, dann Wollsocken und gefütterte Stiefel und so kam ich bis auf die letzte Viertelstunde ohne taube Zehen durch das Baumanzünden. Zurück zu den Wollstoffen: der innere ist ein grün gestreifter angeblicher Loden, für Loden ist er aber zu flexibel und Brennprobe ergab einen deutlichen Synthetikanteil (schmurgel) aber er ist warm und war ein Rest, also hab ich mich immerhin nicht dumm und dämlich gezahlt. Der karierte Stoff außen ist reine Wolle in hellblau-erdfarbenem (Senf, Oliv, äh… Lehm?) Schottenkaro vom Wollhändler meines Vertrauens, den ich seit dem anderen Mantel habe (in Norwegen).

Also insgesamt super Mantel, 10/10 Punkten. Aber warum habe ich diesen Mantel zusätzlich zum Jahresmantel genäht? Tjanun. Der Jahresmantel ist kein Alltagsmantel und kriegt trotz stolzem Preis für die Rohmaterialien höchstens 7/10 Punkte. Aber erstmal zeigen:

Das ist Berga von Schnittquelle. Wie man sieht eher schick und deshalb auch mein Businessmantel. Hier habe ich mich nicht ans Muster gehalten, nämlich:

  • Ich habe den Mantel gefüttert, in Norwegen ist es kalt.
  • Ich habe Taschen aufgesetzt (wer erfindet taschenlose Mäntel???). Einfach zwei rechteckige Stoffstücke aufgesetzt, mit „offenen“ Nähten.
  • Ich habe Schulterpolster und Ärmelfische eingesetzt.
  • Der Kragen hat einen Druckknopf bekommen, weil der sonst immer offen steht.

Ich habe für Berga außen Vadmel (echten Loden) genommen und weil mir das wirklich für den norwegischen Winter nicht gereicht hätte ihn noch mit einem dünneren Wollflanell gefüttert. Das Futter war im Muster nicht vorgesehen (wie auch einiges mehr) und da habe ich mehr oder weniger drauflos gebastelt. Das hat gut geklappt, aber so richtig erklären was ich da gemacht habe kann ich leider nicht.

Warum ist das nun kein Alltagsmantel? Nun, mein Hauptmanko ist, dass die Ärmel so eng sind, dass wirklich ein dickerer Pulli drunter einfach nicht mehr geht. Wenn ich den Mantel *und* einen Blazer anziehen will, muss ich den Blazer in einer Jutetüte mit mir rumtragen. Auch ohne dicken Pulli sind die Ärmel so eng, dass es anstrengend ist, die Arme anzuwinkeln. Natürlich kommt ein Teil der Ärmelenge vom im Muster nicht vorgesehenen Futter, aber bei weitem nicht alles und ich sag mal so, ich hab ja schon mal ein Schnittquelle-Muster genäht und da sind die Ärmel auch eher… eng anliegend. Was alles kein Problem ist, wenn man in Jersey oder Wollwalk näht, aber bei Stoffen, die nicht nachgeben… tja. Hat man halt nun einen Mantel mit sehr engen Ärmeln. Und ein Kleid mit recht engen Ärmeln. (Und dabei hab ich beim Mantel an den Ärmeln schon alles an Nahtzugabe rausgelassen :/)

Schwachstellen am Muster (meiner Meinung nach):

  • Der Beleg vorne und der Kragen werden laut Muster nicht verstürzt. Weiß nicht, wie das gehen soll ohne dass es ömmelig aussieht, sobald man den Mantel auszieht. Hab ich mit dem Futter gelöst.
  • Der Kragen stand ohne den Druckknopf auf wie bei Sherlock.
  • Ärmel zu eng.
  • Keine Taschen.

Aber sonst schon sehr schön.

Jetzt haben Sie also meine Mäntel gesehen. Die Welt geht trotzdem unter, aber was soll’s, wenigstens ist mir warm dabei.

7 Gedanken zu “Tag 1575 – Zwei Mäntel.

  1. Marika schreibt:

    Wunderschöne Mäntel und so toll, Sie darin mit norwegischer Schneelandschaft im Hintergrund zu sehen. Das mit dem Schnee ist hier aus Deutschland-Sicht schon was Besonderes und Sehnsuchtsvolles gerade im Advent – auch wenn ich die lange Kälte und die Dunkelheit in Norwegen nicht vermisse. Mh, was der Klimawandel uns so bringt will ich mir allerdings lieber nicht vorstellen…

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  2. Constanze D. schreibt:

    Toll! Besonders der Mantel nach dem Schnitt von der Nachbarin, der hat schöne Details: die Abnäher im Vorderteil und überhaupt die Tatsache, dass er wendbar ist – ohne wie ein Bademantel geschnitten zu sein (die einzige Art von Wendemantel, die ich kenne). Der blaue ist aber auch sehr schön, besonders die Farbe. Bei den Schnittquelle-Schnitten für Walk ist mir immer nicht klar, ob die wirklich als Mantel für draußen gedacht sind, oder ob sie nicht eher als so eine Art Strickjackenersatz gemeint sind, so ganz durchdacht ist das nicht, scheint mir. Aber gut gelöst mit dem Flanellfutter und den Belegen, und wegen der Ärmel ist das dann halt ein „Übergangsmantel“, falls es diese Jahreszeit in Norwegen gibt.

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  3. Kerstin schreibt:

    Ich sollte vielleicht die Mäntel kommentieren, das wäre höflich, aber Mäntel gegen Klimadrama, da beschäftigt mich nur Letzteres. Ich sehe die Entwicklung ähnlich realistisch wie du, vermutlich mit einem Hauch mehr Hoffnung. Ich habe Angst um mein Kind, ich würde es so gern beschützen. Es ist zum Verzweifeln, dass wir das nicht können werden. Ich bin wütend auf die Mutter, die mir zwischen Tür und Angel erzählt, dass sie übers Wochenende nach Barcelona fliegen werden und ich bin wütend auf mich, dass ich sie nicht frage, wie sie das zu kompensieren gedenkt. Ich werde das nächste mal nicht wütend auf mich sein, sondern den Mund aufmachen. Überhaupt viel öfter den Mund aufmachen. Reden. Anfangen.
    Und trotzdem soll man Mäntel nähen und sich auch daran freuen, das ist auch wichtig. Es ist eine bekloppte, bekloppte Welt.

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Ich freue mich über jeden Kommentar, außer er ist blöd, dann nicht. Außerdem ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, um Ihnen mitzuteilen, dass WordPress bei jedem Kommentar eine mail an mich schickt, in der die Mailadresse, die Sie angegeben haben und auch ihre IP-Adresse stehen. Müssen Sie halt selbst wissen, ob Sie mir vertrauen, dass ich diese mails von meinen Devices alle sofort lösche, und ob Sie damit leben können, dass WordPress diese Daten auch speichert (damit Sie nämlich beim nächsten Mal hier einfacher kommentieren können).

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