Hier heute nix. Aus Gründen.
Jahr: 2019
Tag 1331 – Macht man nicht!
Kennen Sie das? Sie kommen vom Friseur, schon vielleicht nicht hundertprozentig superhappy, aber dann kommen Sie aus der Dusche und das volle Ausmaß der Verschneidung offenbart sich im heimischen Spiegel? Ich hatte das am Freitag. Hui. Meine Experimente mit der Lehrling waren ja eh schon immer etwas aufregend, dieses Mal hatte ich auch wieder zwischendurch mehrmals sagen müssen, sie möge es bitte noch kürzer schneiden, aber: hui. Da guckten überall noch einzelne Haare raus, der Nacken war auf beiden Seiten unterschiedlich viel zu lang, am Vorderkopf (ist das ein Wort?) war noch vieeel zu viel Haar über, um die Ohren eh, es war… hui. Huff! Oioioi. Am Vorderkopf hat Herr Rabe dann korrigiert (Herr Rabe ist da wirklich begabt!), aber als ich dann am Sonntag beim rumfühlen obendrein ein „Loch“ am Hinterkopf fand, war ich sicher: schlimmster Haarschnitt, der überhaupt jemals auf meinem Kopf gewesen ist. Schlümm.
Wissen Sie auch, was man in solchen Fällen tut?
Genau. Man geht natürlich ganz selbstbewusst da hin und sagt „SAMMA HAKTS??? Ich bin mit dem Schnitt nicht zufrieden, das ist hier und da zu lang und da ist ein Loch.“ Das tut man.
In einem Paralleluniversum jedenfalls. In einer anderen Welt, da gehe ich da selbstbewusst hin. Und ganz ganz viele andere auch. Dauernd quasi kommen Kunden zu Friseursalons zurück und sagen „Das war Murks.“ oder sagen im Restaurant „Das Steak hatte ich medium-rare bestellt, das hier ist medium-well done, bitte bringen Sie mir ein neues“ oder auch „Wissen Sie, nachdem das zweite Steak auch medium-well done war, möchte ich hier kein Trinkgeld geben.“ Doch doch, das passiert ständig.
Nicht.
Jedenfalls entnehme ich das der Reaktion der Friseurin und der Lehrling darauf, dass ich mich sachlich beschwerte und nachfragte, wie man das nun lösen könne. Auch dass ich tatsächlich wiederkam um der Lehrling die Gelegenheit zu geben, ihre Fehler selbst zu sehen und dann auch noch zu korrigieren, schien eher so häufig zu sein wie tanzende Einhörner im heimischen Garten. Das wundert mich nicht, denn es deckt sich mit meinem (ganz subjektiven) Gefühl: vielen Leuten, besonders Frauen, ist es ganz unangenehm, negative Kritik auszuüben.
Wieviele Leute nicken lächelnd auf die Frage „hat’s geschmeckt?“ und kommen dann kommentarlos einfach nie wieder in dieses Restaurant? Die Hälfte? Zwei Drittel? Nicht ganz kommentarlos, weil sich gegenüber Dritten natürlich schon darüber ausgelassen wird, wie schrecklich die bei Friseur X immer die Haare schneiden und dass der Koch von Restaurant Y ja eh keine Ahnung hat und eigentlich war auch die Bedienung immer schon unfreundlich. Aber Leuten das ins Gesicht sagen ist unhöflich, macht man nicht, sagt man nicht. Norwegen ist da ganz besonders groß drin, Janteloven, so schön.
Und ich sag Ihnen mal was: zum Friseur zurückgehen und die Lehrling um Korrektur des Disasters auf meinem Kopf bitten war heute wirklich unangenehm. Aber sehr erwachsen. Das Richtige, denn die Lehrling wird nun hoffentlich niemandem mehr Löcher in die Haare säbeln bei der nächsten Kundin mit kurzen Haaren besser drauf achten, dass um die Ohren rum kein Helmeffekt entsteht. Quasi pädagogisch total wertvoll. Erwachsen halt. Und wie alles erwachsene voll mein Ding und gar nicht unbequem und ich bring das auch so ganz entspannt und natürlich rüber, haha, wer denn nicht.
Ich nicht. Aber ich bemühe mich.
Für mehr sachliche, bestimmte, aber höfliche Kritik und weniger hintenrum Gemotze und Geläster.
Tag 1330 – Technik! So großartig! Alles daran!
Während ich heute morgen mit denkbar schlechter Laune (Kinder, Schlaf, Kombi daraus) im Zug saß, las ich den gestrigen Beitrag von Frau Wunnibar. Also, in Etappen tat ich das, weil die Netzdeckung zwischen Eidsvoll und Eidsvoll Verk nur so lala ist und das Internet deshalb immer etwas hakt. Und mit dem Zug-WLAN redet mein Handy ja aus irgendeinem Grund nicht. Unterbrochen von blankem Bildschirm beim Scrollen las ich also, wie großartig das alles ist, wie viel einfacher unser Leben geworden ist, weil wir immer Computer im Hosentaschenformat mit uns rumschleppen, die die vielfache Rechenpower einer der Möhren haben, auf denen wir damals Tetris und Mahjong und Lemmings spielten und über die großartige Graphik von Monkey Island völlig aus dem Häuschen gerieten.
Bei dem Artikel fiel mir siedend heiß ein, dass ich ein neues Bahnticket brauchte, und zwar ab in 30 Minuten. Ich hatte gestern schon versucht, das zu kaufen, natürlich über die App, aber da war noch meine alte Kreditkarte gespeichert, die inzwischen abgelaufen ist und irgendwie hatte es gestern meine neue Karte nicht registrieren wollen. Also versuchte ich dasselbe heute nochmal, BankID spinnt ja gerne mal rum und kriegt sich kurz drauf wieder ein.
Es klappte aber wieder nicht. Selber Fehler wie gestern, selber Fehlercode. Auch bei einer weiteren Kreditkarte. Aber es gibt ja die Möglichkeit, in der NSB-App mit Vipps zu bezahlen. Logischerweise war das der nächste Versuch. Bei Vipps war auch noch die alte Kreditkarte registriert, aber da klappte das Einlesen der neuen komischerweise problemlos, obwohl beide Systeme (also NSB und Vipps) scheinbar auf den selben Dienst zugreifen. Seltsam. Aber egal, innerlich klopfte ich mir schon auf die Schulter für diesen Workaround. „Zahlung gesendet, Vipps möchte auf die NSB App zugreifen“ zeigte es an und ich klickte auf ok auf dass mir das Ticket in die NSB App geflogen käme. Und dann passierte nichts. Kein Ticket in der NSB App. Geld aus Vipps weg, Geld laut Bank-App auch vom Konto runter, aber kein Ticket. Ich atmete sehr heftig und vielleicht sagte ich auch sowas wie „What the fuck?“ ziemlich laut da im Zug und Spotify war fertig mit Linkin Park und spielte nun Hammerhead von The Offspring, das war so fröhlich und damit in Diskrepanz zu meiner Laune, dass ich kurz davor war, das Handy einfach aus dem Zugfenster zu werfen, aber das wär ja blöd, dann hab ich kein Ticket und keine Möglichkeit, wen bei irgendwelchen Hotlines anzuschreien. Die 30 Minuten waren inzwischen auch rum, ich musste aussteigen und so machte ich einfach fluchend Screenshots von der Bezahlung in Vipps, der Bezahlung in der Bank und dem nicht-Ticket in der NSB-App und fuhr den Rest des Wegs dunkelgrau zur Arbeit.
Da kaufte ich dann zuerst ein Ticket über die Ruter-App, natürlich nachdem ich auch dort meine neue Kreditkarte registriert hatte und dann suchte ich auf der NSB-Webseite nach einer Hotlinenummer um Menschen anzuschreien, die auch nichts dafür können, dass die Uhrzeit falsch ist und die Kinder sich dauernd streiten. So eine bin ich nämlich. Schlau von den NSB-Media-Menschen ist es an dieser Stelle gewesen, den „Chat“-Button sehr groß und prominent auf der Seite anzubringen. So kotzte ich mich schriftlich aus schilderte wutschnaubend mein Problem. Die Dame sagte, da sei kein Ticket in meinem Account, wenn die Bank das Geld tatsächlich abbuche, solle ich mich morgen noch mal melden. Morgen??? Ich schnaubte noch mehr. Da plopped an meinem Arbeitsrechner ein Feld auf, ich solle mich für eine Anwendung einloggen, das wunderte mich, das hätte ich noch nie gemusst, aber ich gab mein Passwort ein und dann nochmal das richtige Passwort und dann nochmal das wirklich ganz sicher richtige Passwort und dann sagte das System, mein Account sei nun gesperrt.
Mein Arbeitsaccount, dessen Passwort ich gestern erst geändert hatte, war gesperrt, ich draußen und die NSB-Chat-Frau drinnen. Zum Glück [hier vor Ironie triefenden Tonfall vorstellen] haben wir ja unseren Support, der für solche Fälle Selbstbedienungslösungen bereit hält, die man mit Autentifizierung über drülfzig Faktoren erreicht. So hatte ich meinen Account schnell wieder entsperrt und dabei auch gleich mein Passwort noch einmal geändert, diesmal auf etwas, das sich gut schreiben statt nur gut merken lässt. Natürlich half diese Sache nicht grad beim Heben meiner Laune. Natürlich war auch, bis ich wieder drin war, die NSB-Chat-Frau mit den Worten „Meld dich sonst einfach morgen nochmal, wenn es doch abgebucht wurde.“ gegangen. Mit inzwischen ziemlichem Blutdruck machte ich mich an die Arbeit, Arbeit Arbeit, oh, Meeting, oh, Meetingergebnis ist: schreib denen eine Mail, dann kannste auch gleich im Dokumentenverwaltungssystem eine neue „Sache“ anlegen, sag Bescheid, wenn was ist, oh, oh, oh. Sache anlegen dann viel einfacher als gedacht, aber Mail schreiben eher so ein Großprojekt, meine erste Mail als Inspektørin, sozusagen, eine Mail nach draußen, mit erhobenem Zeigefinger, uiuiui. Ich hab noch nie so lange für eine fünf Zeilen lange Mail gebraucht. Ich hab aber auch noch nie von einer @behörde.no Adresse und mit „Inspektør“ unterzeichnete Mails mit erhobenen Zeigefingern drin geschrieben.
Nach dem Mittagessen dann zurück an den Rechner und eine Arbeit verrichten „für einen, der Vadda und Mudda erschlagen hat“, wie mein Opa früher sachte, Abweichungen zählen und daraus eine kleine Statistik basteln, die SOP, es ist kompliziert. Jedenfalls ca. 40 Reports aus unserem Dokumentenverwaltungssystem rausgesucht, scroll scroll, Zähl Zähl, scroll scroll, Zähl, zähl, immer so weiter, bis plötzlich „Passwort eingeben“. Was tun? Eingeben vorhin war doof, also „Abbrechen“. Oh, geht gut. Weiter gescrollt und gezählt und gescrollt und gezählt und schwupps „Account gesperrt“, aber komplett, ich kam gar nicht mehr rein.
Und da bin ich dann auch einfach nach Hause gegangen. Einfach so. Ganz ruhig. Innerlich alles kleinhackend.
Zusammenfassung: Technik, voll schön wie abhängig man sich davon gemacht hat und nun ist. Weiterhin schön, wenn sie denn funktioniert, was sie ja nie zu 100% tut, und wenn so richtig ernsthaft was nicht geht möchte ich alles einfach zerstören und allein im Wald ein elektrofreies Leben leben. Heute jedenfalls male ich mir das da im Wald als überaus befreiend und gemütlich aus. Fragt mich dann nochmal, wenn es seit Tagen nur Dreckwasser zu trinken gab.
Tag 1329 – Ohrwurm.
Wir sind ein müder Haufen hier. Allesamt haben wir die Sommerzeitumstellung nicht besonders gut verkraftet. Dann hab ich mir heute auch noch die Schulter/den Nacken fies verkrampft und jetzt fühle ich mich wie hundert Jahre alt. Aber ohne aus Fenstern steigen.
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Apropos Alter: heute den 50. einer Kollegin gefeiert, die ich auf, also, naja, hüstel, wie sag ich’s, dass sie dann wohl neulich noch 49 war kann ich kaum glauben. Ich hatte eher angenommen, dass sie an den Wochenenden ihre Enkel hütet, als dass tatsächlich ihre zwei Kinder noch zu Hause wohnen. Vielleicht sind meine Kolleg*Innen doch alle gar nicht so alt wie ich annahm. Sondern wirken nur so.
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Seit Tagen einen Ohrwurm vom Anfang eines Gedichts, das ich als Kind mal auswendig konnte.
Herr Soundso, aus Irgendwo,
Der hatte einen Traum.
Er träumte nachts um zehn nach zwo
Von einem Bleistiftbaum.
Der trug nicht weniger als drei…
…unddreißig Riesenstifte Blei.
Google sagt, das sei eigentlich ein Buch von Frantz Wittkamp. Ich hatte das in einem „Jahrbuch für Kinder“. Im Traum stieg er auf sein Plumeau und flog damit von Irgendwo geradewegs nach Tokyo.
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Mit 20 Jahren Verspätung kriegt mich die Musik von Linkin Park. Mit Wucht. Ich liebe Spotify.
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„Michel, wie war’s beim Sport-Hort?“
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„Gut.“
Na dann.
Tag 1328 – Alarm! Alarm!
Neulich hatten wir bei der Arbeit schon Kakerlaken, also in unseren eigenen Büros, die sind wohl recht verbreitet hier und dann hat einer eine gesehen und Zack, überall Fallen und Gedön und „Sanering av kakerlakker“, was ich immer als „Sanierung von Kakerlaken“ gelesen habe und jetzt denke, dass überall frisch sanierte, glänzend gestriegelte Kakerlaken rumkriechen. Mit kleinen, weißen Spa-Handtüchern um. Hab ich erwähnt, dass es „tyske kakerlakker“ waren? Ich hätte dann jetzt gerne meine Sanierung.
Heute dann: Papierfischchen. Es seien Papierfischchen gesichtet worden, in den Büros. Alarm, Alarm, neues Spiel, Fallen, Putzen, alles Papier muss von den Tischen entfernt und mit Insektiziden behandelt werden, kein Essen mehr am Arbeitsplatz, nein, wirklich gar keins, Alarm, Papierfischchen! Um deren Ausbreitung zu verhindern würde ab sofort außerdem außerhalb der Bürozeiten (8:00-15:45) die Temperatur im Gebäude „wesentlich gesenkt“ werden. Man könne sich, würde man länger arbeiten oder früher kommen, ein Set persönlicher Wollunterwäsche abholen, damit man nicht friert. Wegen des gestrichenen Essens am Arbeitsplatz (No more Knäckebrot, Knäckebrot ist des Papierfischchens Leibspeise, gleich nach super sensiblen Papieren die wir ja auch gar nicht alle digital verfügbar haben…) würden außerdem diesen Monat 100 Kronen mehr auf die Kantinenkarte geladen, um den Anreiz zu erhöhen, in der Kantine zu essen.
Bei Wollunterwäsche war ich noch bei What The Fuck?!?, bei der Kantinenkarte hab dann aber auch ich gerafft, dass das ein Aprilscherz war. Haha. Sehr lustig.
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Unlustig: erklärt bekommen, was in Norwegen so passiert, wenn KriseKriegKatastrophe eintreffen sollte. Bin ja nun im Staatsapparat und muss sowas wissen, wenigstens die Medikamentenversorgungsseite. Leider kriege ich bei solchen Themen aber derartige Beklemmungen, dass ich nur weinen und wegrennen und meine Kinder drücken will, viel mehr als „Du musst Jodtabletten kaufen!“ kommt in meinem Kopf da nicht an. Wahrlich ein lustiger Tag.
Tag 1327 – Frühling (fast ganz bald).
Gestern habe ich aus dem Fenster gesehen und festgestellt, dass die ersten Bäume bei uns vor der Tür fast schon blühen. Also fast halt. Demnächst. Und weil demnächst ja auch Ostern ist und wir vier Tage am Stück frei haben, die wir gern verschiedenes im Garten und am Haus machen würden, war heute spontaner Garten-Tag zur Bestandsaufnahme und Planung angesagt. Herr Rabe hat das kleine Gewächshaus fertig zusammengebaut. Ich habe zum dritten Mal ausgemessen, ob ein 1,32 m breites, 1,98 m hohes und 69 cm tiefes „großes“ Gewächshaus an die Rückwand unseres Schuppens passt und die Antwort ist weiterhin „vielleicht“. Wenn es nicht passt, dann um einen Zentimeter oder so nicht, ich traue meinem Augenmaß bei sowas halt null, weil ich echt ganz schlecht Größen- und Längenverhältnisse abschätzen kann. Wär natürlich echt kacke, ein 3000 Kronen Gewächshaus zu kaufen, zusammenzubauen und dann festzustellen: möööp, passt nicht. Vielleicht sollte Herr Rabe ein viertes mal messen. Weiterhin haben Herr Rabe und ich besprochen, was wir als „Abgrenzung“ zum Schotterparadies der Nachbarn aus 4A haben wollen. Genau genommen war ich gegen ganz viel. Buchsbäume, Lattenzaun, Efeuberanktes irgendwas: nein. Ich möchte was, was nicht alle Sonne nimmt, aber ein bisschen eine Grenze zieht. Momentan stehen da kniehohe Büschlein, die sind hässlich und *keine* Grenze. Der Konsens lautet nun Beerensträucher und dazwischen Wiesenblumen. Ich denke, das wird schön. Wir werden weiterhin zwei weitere Pflanzkisten für Kleingemüsequatsch* anschaffen und ein Blumenbeet anlegen, ich möchte gern sowas wie Schmetterlingsflieder haben, hätte gern den halben Garten mit Kapuzinerkresse und bunten Blumen vollgewuchert (rettet die Insekten!) und Herr Rabe möchte Obstbäume und einen Kompost. Ich möchte eine Regentonne (oder zwei), falls es wieder so einen trockenen Sommer gibt, können wir wenigstens ein bisschen länger noch wässern. Mal sehen, welche Zähne davon uns von Gärtnern gezogen werden, weil Boden oder Standort ungeeignet oder wasweißich. Jedenfalls wird Ostern nicht langweilig. Den Balkon und die Terrasse müssen wir auch ölen und das Balkongeländer muss gestrichen werden. Ich hätte also gern sonnige Ostern.
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Heute sehr über Twitter gewundert. Ein Gespräch, in dem man sich bisher eigentlich nur harmlos-lustig angefrotzelt hatte, eskalierte plötzlich zu einer Grundsatzdiskussion. Ich muss das sicher nicht verstehen. Aber hier kann ich ja mal sagen: ich mag mich nicht über Belanglosigkeiten ernsthaft streiten. Über die großen Dinge gern, solange es bei einer respektvollen Diskussion bleibt, aber auch das nicht auf Twitter. Niemals auf Twitter über wirklich wichtige Dinge diskutieren, das hab ich in den letzten 1327 Tagen gelernt. Aber über Tanzen auf Konzerten? Über Menstruationstassen? Über Rosenkohl? Ernsthaft streiten? Nee. Da beschneide ich lieber meinen Lavendel**. Und zu Tanzen auf Konzerten hat Christian auch alles gesagt, was es zu sagen gibt:
Die Geschmäcker sind also wohl verschieden. Ich kenne beide Seiten – ich hab früher gerne meine Haare vorne mittendrin fliegen lassen und ich hab halt auch schon nur da gestanden. Auch vorne.
Und ich habe natürlich jedesmal die anderen gehasst, Is’ klar.
Am besten also alles nicht so ernst nehmen.
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Apropos nicht diskutieren: ich hasse die Sommerzeit. Ich möchte nicht darüber reden. Sie soll einfach weggehen und nie wiederkommen.
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*Sein wir mal ehrlich: ein Kistchen Möhren und eins mit Erdbeeren ist so weit von Selbstversorger entfernt, wie man nur als waschechter Ex-Stadt-Hipster sein kann. Aber ich mag einfach in Erde wühlen und möchte den Kindern näher bringen, woher all die „magichnicht“s kommen, bevor sie im Supermarkt landen.
**Der sah traurig aus nach dem Winter, also googelte ich heute hektisch. Fazit: nach dem Winter darf der ruhig etwas traurig aussehen, man sollte ihn aber im Sommer nach der Blüte eigentlich um 1/3 zurückschneiden, das hab ich natürlich letzten Sommer nicht gewusst und nicht gemacht. Im frühen Frühjahr (auf der deutschen Seite stand Februar, naja, euer Februar ist unser März, hab ich erwähnt, dass ich heute auf der Terrasse Schnee geschippt habe?) dann um 2/3 beschneiden, also 2/3 der beblätterten Stängel ab, nicht bis ins verholzte unten rein. Da die Stängel an meinem traurig aussehenden Lavendel innen alle normal grün waren, gehe ich davon aus, dass er wiederkommt. Und weil bleibt, wer schreibt, schreibe ich das mit den 1/3 2/3 hier auf. Und nächsten Winter doch besser gut einpacken, noch, Frau Rabe?
Tag 1326 – Ausgerüstet.
Heute ein mittleres Vermögen ausgegeben, um Michel für den Sport-Hort auszustatten. Plötzlich braucht das Kind Hallenschuhe, Draußen-Sportschuhe, Trainingskleidung für drinnen und draußen und noch ein paar Schichten für sportliches zwiebeln: es ist ja noch nicht wirklich Frühling, wenn der Sportplatz nicht grad in der prallen Sonne liegt, ist es mit nem Windjäckchen über nem T-Shirt nicht getan. Allerdings bewegen die Kinder sich ja auch, es muss also möglich sein, was auszuziehen, möglichst mehrmals.
Mit dieser Mission brachen wir also heute auf, das Kind einzukleiden. Natürlich schlief Pippi, die alte Rübennase, im Auto ein, aber das war nicht so schlimm, so konnte ich in Ruhe mit Michel einkaufen, während Herr Rabe mit ihr im Auto sitzen blieb. Michel war vor allem auf einen Turnbeutel scharf und, Spoiler: der war das einzige, das wir nicht bekommen haben. Dann blieb er in der Nachbarabteilung hängen, vorm Lego. Erst ärgerte ich mich darüber, dann war’s allerdings sehr praktisch, denn ich konnte nach den entsprechenden Klamotten ganz in Ruhe suchen, eine Vorauswahl nach Muster und Preis treffen und dann Michel vorm Lego-Regal in seinem Hypnoseartigen Zustand anprobieren lassen. Wenn ich ohne Kinder einkaufe, unterschätze ich ja grundsätzlich Pippis und überschätze Michels Körpergröße, deshalb ist anprobieren schon gut. Als wir fast fertig waren, meinte Michel, den Blick weiter fest auf das Lego-Regal gerichtet: „Das hier oder das hier wünsche ich mir.“ und als ich dann sagte, dass er sich eins davon von seinem gesparten Taschengeld kaufen könne, war er ganz aus dem Häuschen. „Aber erst suchen wir die Sachen zusammen, die du für den Sport-Hort brauchst!“ Ab da ging es eh super, Michel probierte an, meinte „Super, Mama, guck, wie schnell ich damit rennen kann!“ und flitzte eine Runde durch den Laden, so schnell er konnte. Am Ende hatten wir alles bis auf Schuhe in diesem einen Laden gefunden, Michel ist jetzt der erste in der Familie der so eine schreckliche Sporthose mit Reißverschlüssen an den Waden besitzt, er braucht aber eigentlich diese Reißverschlüsse null, weil an dem kleinen Spargeltarzan auch diese Hose natürlich schlackert. An der Kasse bezahlte ich dann den riesigen Klamottenhaufen und Michel, super stolz, sein Lego. Hach, der Große. 
Tag 1325 – Alle wieder da.
Herr Rabe ist wieder da. Wir haben ihn vorhin vom Bahnhof abgeholt, alle drei, die zwei Pappnasen* und ich.
Die Kinder und ich sind eigentlich ganz gut miteinander ausgekommen. Wenn sie müssen, machen sie wirklich gut mit, das hätte ich ja nie gedacht, aber es klappte heute morgen echt wie am Schnürchen und sogar fast ohne Streit**. Michel hat das Zwiebelprinzip echt verinnerlicht***.
Herr Rabe hat vom Flughafen allerdings Gin mitgebracht und einen hab ich auf meinen Sodbrennigen Magen getrunken, das war aus mehreren Gründen ne doofe Idee und jetzt wird der Beitrag wieder eher kurz, das ist besser als wirr.
Dienstag geht’s los mit Sport-Hort. Wir sind alle aufgeregt und müssen dann morgen wohl mal richtiges Sportzeug für Michel kaufen.
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*Die Kinder hatten sich Pappnasen gebaut, bevor wir Herrn Rabe abholten. Das war sehr niedlich, eh schon und dass Pippi mitsamt Pappnase auf und giftgrünen Regenhandschuhen auf dem Weg zum Bahnhof einschlief noch mal mehr.
**Wenn man „MAMA! PIPPI ZIEHT WIEDER DEN SCHLÜPFER VON GESTERN AN!!!“ mal außen vor lässt.
***vier T-Shirts hatte er heut übereinander an.
Tag 1324 – Eigentlich…
… müsste ich ins Bett. Aber ich bin ja gar nicht müde. Morgen früh bin ich dann wieder super müde, jaja, aber jetzt halt nicht.
… müsste ich duschen. Dann muss ich nicht morgen früh duschen. Aber ich hab keine Lust.
… müsste ich noch mindestens einen Liter Wasser trinken. Und Sport machen. Ich möchte so viel. Nähen. Alte Freunde anrufen. E-Mails schreiben. Brotdosen fertig machen. Sinnvolle Blogeinträge schreiben.
Aber RuPaul läuft. Was will man machen? Es liegt hier quasi ein Sachzwang vor.
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Eins muss ich aber noch kurz loswerden: heute haben wir im Kurs Übungsaufgaben für das Examen bearbeitet. Ich weiß jetzt
- Der Kurs war eine sehr schlechte Vorbereitung auf das Examen
- Mein Job ist eine sehr gute Vorbereitung auf das Examen
- Das würde ich vermutlich mit links bestehen
- Weil ich aber wieder! Andere! Qualifikationen! Nicht! Habe! (unter anderem fehlt mir ein (1) Monat Arbeitserfahrung), müsste ich ziemlich viel Überzeugungsarbeit in meinen Zertifizierungsantrag stecken, um zu zeigen, dass ich die formellen Kriterien trotzdem erfülle und werd mir das Examen wohl sparen
Ich könnte mich darüber aufregen, aber was soll’s. Das ist es nicht wert. Falls ich in 5 Jahren doch nen anderen Job haben will, passt das mit der Arbeitserfahrung und auch in 5 Jahren erledige ich das Examen auf ner halben Arschbacke. So what.
(Und erstmal 160 Stunden Kurs verlangen ist natürlich ein Top Geschäftsmodell für einen Kursanbieter slash Zertifizierungsbetrieb.)
Tag 1323 – Kurs.
Der Einarbeitungsplan verlangt ja diesen Lead Auditor-Kurs von mir und heute und morgen ist der zweite Kursteil. Dann könnte ich, wenn ich wollte, im Juni noch das Zertifizierungsexamen machen, das weiß ich aber noch nicht, ob ich das will. Mal sehen. Für die Arbeit brauche ich nur den Kurs. Das verlangt aber einiges von mir ab, zum Beispiel den ganzen Tag da zu sitzen und morgens um neun die Frau, die mit „können wir morgen um acht anfangen? Dann können wir früher nach Hause!“ nicht zu erwürgen. Denn um (sicher) um acht da zu sein, muss ich um 06:51 den Zug nehmen, der Bus ist planmäßig um 06:51 am Bahnhof, das klappt also oft nicht, der Bus davor fährt um 06:23. sorry, nein. Beim letzten Kurstag meinte die Dame auf diesen meinen Einwand hin, dann solle ich doch einfach im Hotel in Oslo wohnen, so wie sie auch. Ich sag’s mal so: geh dich gehackt legen und du hast den schlimmsten Dialekt überhaupt, du Wurst. Ätsch. Und weil die Kursleiterinnen mit Menschen wie mir mindestens genauso viel Mitleid haben, wie mit Menschen die im vollen Bewusstsein über die Kurszeiten Flüge buchen, die machen, dass sie eine Stunde eher gehen müssten, fangen wir nun um 08:30 an. Lose-lose. Danke, Dialekt-Wurst.
Vielleicht würde mich das nicht so ärgern, wenn ich nicht Montag noch mit viel Mühe den Babysitter überredet hätte, morgen abzuholen, weil ich sonst eine Stunde früher gehen müsste.
Auch ansonsten ist der Kurs etwas herausfordernd, denn wir müssen Rollenspiele machen. Ich mag sowas nicht. Gar nicht. Ich habe stellenweise starkes Fremdschämen und möchte, wenn meine „Kollegin“ zum 3. mal fragt, wer die Abweichungen denn nun schließt, obwohl sie eigentlich wissen will, warum da keine Bewertung des Effekts der Maßnahmen gemacht wurde, dann möchte ich gerne eingreifen und sagen „was meine Kollegin eigentlich meint ist…“. Und dann erinnere ich mich an Michel und die spiegelverkehrten Zahlen und dass sie’s nicht lernt wenn sie nicht in diesem safen Setting diese Fehler machen darf. Jedenfalls atme ich viel und schaue aus dem Fenster und lese die Standards und vielleicht mache ich das Examen wirklich, dann hab ich wenigstens einen Survivor-Badge.
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Apropos Survivor-Badge: gestern habe ich diesen Brief vom Inkasso-Büro beantwortet, indem ich der Forderung recht förmlich widersprochen habe. Es hat Vorteile, bei der Behörde zu arbeiten, unter anderem Gesetzestexte lesen zu können und auch auf beamtennorwegisch schreiben zu können. Um ein bisschen einen auf dicke Hose zu machen, schloss ich mit „Bitte bestätigen Sie mir den Eingang dieses Widerspruchs. Mit freundlichen Grüßen – Dr. R. Rabe“. Gnihihi. (Nee, ne Bestätigung habe ich noch nicht bekommen.)
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Morgen fliegt Herr Rabe nach London. Auf eine Konferenz. Ich bin also zwei Tage mit den Kindern alleine, das wird spannend.
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Ansonsten heute wunderbarer Sonnenschein, wärmend und bei 9 Grad im Schatten. Fast konnte man den Frühling schon riechen. Wär jetzt halt noch super, wenn ich von diesen Temperaturanstiegen nicht immer Kopfschmerzen bekäme.