Tag 1826 – Muss leider draußen warten.

Long story very short: ich war mit Michel erst bei der Hausärztin, dann im Krankenhaus, da durfte ich teilweise nicht mit rein und wir wurden behandelt wie Aussätzige, weil wir vor neun Tagen aus dem Ausland(TM) zurückgekehrt sind. Michels Sprunggelenk außen ist gebrochen. Es geht ihm gut und er hat auch, im Gegensatz zu seiner Mama, nicht geweint.

Die ganze Geschichte ist natürlich ungleich länger. Aber es war alles so scheiße, dass ich mich dabei nur in Rage und eine Migräne rede. Ich habe auch das Gefühl, ich kann das kaum zusammenhängend erzählen, weil mich das emotional so geschlaucht hat. Als wir endlich zu Hause waren, musste ich mich erst mal hinlegen, so fertig war ich.

Die Ärztin hatte uns nur gesagt, wir sollen nach Ahus fahren. Das ist ein großes Krankenhaus mit mehreren Gebäuden. Sie hatte nicht gesagt, in welches Gebäude wir müssen und ich habe Michel erst in das falsche getragen. (Natürlich getragen, er konnte ja nicht laufen, deshalb waren wir ja da.) Danach habe ich Michel also in das richtige Gebäude getragen. Da wurden wir erst ins falsche Wartezimmer gesetzt und wenn nicht ein Patient (!) gesagt hätte, dass wir zum Röntgen sicher nicht ins HNO-Wartezimmer müssen, würden wir da vielleicht jetzt noch sitzen. Aber schon geil, wenn man ein Kind mit einem dicken Fuß reinträgt, sagt, man komme zum Röntgen des Fußes, dass einen dann Planlose Person A ins falsche Wartezimmer setzt. Whatever, jedenfalls mussten wir in den Keller.

Da fragte uns eine Westenperson, eine Infektionsschutzaufpasserin, ebenfalls ohne wirklichen Plan, ob wir in den letzten 10 Tagen im Ausland gewesen seien. Ich sagte „äh.“ und rechnete nach und sagte dann, wir seien vor 9 Tagen aus Deutschland zurückgekommen. Ich muss jetzt dazu sagen, dass Deutschland ein okayes Reiseland war und nach wie vor ist, das heißt, wir mussten und müssen nicht in Quarantäne nachdem wir da waren. Die Westenfrau war aber von dieser Information trotzdem überfordert und musste erst wen anrufen. Die kamen dann nach 10 Minuten, in denen wir wie Falschgeld auf dem Gang standen, mit 1 Mundschutz und 1 Paar Handschuhe – fürs Kind. „Oder waren Sie auch im Ausland?“ Ja zur Hölle natürlich war ich auch im Ausland. Vor neun Tagen. In einem „grünen“ Land. What the fuck? Ok, nach weiteren 5 Minuten kam also noch ein Mundschutz und ein paar Handschuhe und alles wurde uns mit sehr spitzen Fingern am sehr langen Arm gereicht.

Danach durften wir uns endlich anmelden. Also in einem Wartezimmer eine Nummer ziehen, warten, und uns dann anmelden. Als einzige mit dem Mundschutz und den Handschuhen der Schande. An der Anmeldung wurde uns dann mitgeteilt, dass wir im Auto warten müssten. Wegen der Auslandsreise. Vor neun Tagen. In einem grünen Land. Wir würden dann angerufen.

Ich schleppte also Michel wieder zum Auto. Es war weit und warm. Nach etwa 45 Minuten warten, in denen ich vorsorglich schon mal organisiert habe, dass Pippi mit einem anderen Kind nach dem Kindergarten nach Hause fahren kann (wir haben ja nur ein Auto), klingelte das Telefon. Michel sei in 5 Minuten dran. Wir sollen zum Ambulanzeingang kommen. An der kurzen Seite des Gebäudes. Ich dürfe nicht mit rein. Wegen der Auslandsreise. In einem grünen Land. Vor neun Tagen. Einem Land, das geringere Infektionszahlen hat als Oslo. Vor neun Tagen. Vermutlich haben wir sogar vor Mitternacht die Grenze passiert.

Vor dem Gebäude stehend, nachdem ich Michel da wieder hin getragen hatte, ging mir auf, dass ein Rechteck zwei kurze Seiten hat. Ich ging also rein, zu Planloser Person A (s.o.) und fragte, wo der Ambulanzeingang sei. „Sind Sie die aus Deutschland???“ „Ja.“ „Wo ist ihr Mundschutz???“ „Im Mülleimer. Wo ist der Ambulanzeingang?“ (was zur Hölle einfach? Soll ich Mundschutz und Handschuhe stundenlang anlassen, damit in mein eigenes Auto und alles mögliche anfassen und dann einfach wieder damit ins Krankenhaus? Was. Zur. Hölle.). Planlose Person A zeigte es mir auf einer Karte: auf der entgegengesetzten Seite des kompletten Krankenhausgeländes. Geschätzte 10 Minuten Fußweg für mich allein, ohne humpelndes Kind, das ich tragen muss. Da brach ich in Tränen aus. „Ist das ihr Ernst?“ „Das ist der Ambulanzeingang.“ „Ich muss ihn da hin tragen, er ist sieben, und da kriege ich ganze fünf Minuten vorher Bescheid???“ Achselzucken.

Ich kam, mit Michel auf dem Arm, ziemlich sehr fertig, etwa den halben Weg weit, bevor mein Telefon wieder klingelte. Wo wir denn seien? „Auf dem Weg. Ich muss ihn tragen und ja um das ganze Gelände rum, ich darf ja auch nicht durch das Gebäude…“ „Warum um das Gelände rum, das ist auf der kurzen Seite des Gebäudes.“ „Ja aber welchen Gebäudes denn?“ „Dem, in dem Sie eben waren.“ „Planlose Person A in dem Gebäude hat mich grad zum anderen Gebäude geschickt!“ „Ja, das ist falsch.“ Ich brach schon wieder in Tränen aus. Wollten die mich alle verarschen? „Sie können mit dem Auto fahren und direkt vor der Tür parken.“ na immerhin etwas.

20 statt fünf Minuten nach dem Anruf, dass Michel bald dran sei, waren wir dann also am Ambulanzeingang DER ORTHOPÄDISCHEN AMBULANZ. NICHT DES GESAMTEN KRANKENHAUSES. Und ich war mit den Nerven runter. Und Michel wurde an der Tür von der Krankenpflegerin abgeholt, mit Handschuhen und Mundschutz versorgt, in einen mit Plastik ausgekleideten Rollstuhl gesetzt und davon gefahren. Ich durfte nicht mit rein. Nicht nur nicht in den Röntgenraum. In das Gebäude. Wegen der Auslandsreise. Die vor neun Tagen war. Die kein Problem gewesen wäre, wäre sie einen Tag früher beendet gewesen. Oder wenn wir in Oslo Urlaub gemacht hätten, das, ich sage es nochmal, wesentlich höhere Ansteckungszahlen hat als Deutschland, NRW und Bielefeld. Das sagte ich der Krankenpflegerin auch, als sie Michel wieder rausrollte. Dass ich das unverhältnismäßig finde, einen Siebenjährigen deshalb nicht in ein Krankenhaus begleiten zu dürfen. Sie verstand das, ich verstand, dass das nicht auf ihrem Mist gewachsen war, ich bat trotzdem um die Weitergabe meines Feedbacks.

Vielleicht deshalb durfte ich dann immerhin zur Behandlung mit rein (mit Mundschutz und Handschuhen). Wir wurden in einen leer geräumten Raum gesetzt, in dem alles, was noch drin war – ein Stuhl für mich, ein Hocker für den Arzt, ein Tischchen und diverse Türklinken – mit blauem Plastik abgedeckt war. Ich kam mir vor als hätten wir MRSA, Krätze, Syphilis und Covid19 zusammen und würden aus offenen Geschwüren heftig eitern oder so.

Nach sehr langer Warterei kam dann ein Orthopäde, der sich von einem sehr aufgeregten Michel nochmal die ganze Geschichte erzählen ließ, hielt erst übertrieben viel Abstand und musste dann doch eine körperliche Untersuchung vornehmen, Überraschung, Michel hat nicht einen meter fünfzig lange Beine. Immerhin wurde er dann zutraulicher. Zur Besprechung des Röntgenbildes holte er dann noch einen Kollegen dazu, der aber auch der Meinung war, es sei eben das Sprunggelenk etwas untypisch gebrochen, nur ein bisschen, nicht verschoben und ohne Spaltbildung, und ohne Bänderriss, also kommt da so eine abnehmbare Schiene drum, Schmerzmittel und schonen und in ein paar Wochen springt Michel wieder rum und spielt Fußball, kein großes Ding.

Auch der Rest – das Anpassen der Schiene und Herauskomplimentieren aus dem Krankenhaus – lief einigermaßen ok ab, aber ich glaube es dauert noch ne Weile, bis ich mich von der Aktion heute erholt habe.

(Und die Moral von der Geschicht: 1. bitte immer Leuten wirklich genau sagen, wo sie hinmüssen, 2. bitte nicht Ehrlichkeit mit unverhältnismäßigen Maßnahmen bestrafen, 3. Maßnahmen wenigstens erklären, damit sie Leuten nicht ganz so unverhältnismäßig vorkommen, 4. selbst Menschen mit Covid19 sind doch Menschen, die man nicht behandeln sollte wie Aussätzige.

Danke.)

(5. Zeit, in der man ansteckend wäre, Zeit bis zur Entwicklung von Symptomen, dies, das, egal.)

(6. Wenn es sich vermeiden lässt, nicht mehr nach Ahus.)

9 Gedanken zu “Tag 1826 – Muss leider draußen warten.

  1. Oh mein Gott, das klingt ja furchtbar. Da stellt ich mich lieber auf was ein,ich muss nämlich morgen auch zu einem Termin ins Krankenhaus, und ich habe ja gerade die Familie aus Deutschland, einem grünen Land, zu Besuch. Ich hatte bis gerade auch damit gerechnet, dass das kein Problem sein würde.

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    • Es ist gut gegangen, für eine Definition von „gut“. Sie haben mich gefragt, ob ich im Ausland war, was ich verneint habe, und von meiner Familie habe ich nach dieser Warnung lieber garnicht erst etwas gesagt. Dafür habe ich erst bei meiner Ankunft zur Sprechstunde erfahren, dass der Termin eigentlich als Telefongespräch gedacht war, wegen der Pandemie. Aber das weiß scheinbar das System nicht, dass die Briefe verschickt.Tja. Ist ja auch noch nicht so lange, dass man das nicht umstellen hätte können. Und überhaupt, Softwarefehler, da kann man nichts machen. Wissen wir Programmierer ja.

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  2. Sunni schreibt:

    Was für ein Horror! Könnte glatt genauso in D passiert sein. Was lernen wir daraus? Wahrheit sagen und Mist erleben oder Lügen und alles wird gut(abgesehen davon, dass planlose Menschen einem das Leben immer schwer machen). Was für ein Grauen (und sowas gibt Attila und seinen Barden eine Steilvorlage, hier jedenfalls)! Für das Kind gute Besserung, das wird natürlich wieder gut. Für die Mutter mindestens zwei Trostgläser, eine kühle Dusche und eine Stunde störungsloses Ausruhen (mindestens!) GlG

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  3. ohmskine schreibt:

    Liebe Frau Rabe,
    großer Tapferkeitsorden an Sie und Ihren Sohn!
    Eine ähnlich nervenaufreibende Geschichte erlebte ich vor Jahren mit meiner 5-jährigen Tochter (gebrochener Arm, wurde uns aber erst nach dem Gipsen mitgeteilt, was vor der notwendigen OP gar nicht hätte sein sollen, usw.).
    Ob ich das mit Steigerungsform „Covid-19-Verdacht!!1!“ überstanden hätte, wage ich zu bezweifeln.
    Erholen Sie (alle) sich gut und vergessen Sie nicht stolz auf sich zu sein.

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  4. simonsfossy schreibt:

    Unglaublich!!!!
    Ja, ein Rollstuhl von Anfang an hätte, besonders dir, euch einiges erspart!
    Ich würde noch mal einen „netten“ Hinweis an die Klinikleitung schreiben. Fühl dich ganz doll gedrückt von mir😘

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