Tag 1946 – Langsam leicht balla balla.

Das Rumgeeier angesichts der explodierenden Pandemie hier in Norwegen lässt mich mehr und mehr Haare raufen. Unser R-Wert ist jetzt bei 1,4 (vor grad mal zwei Wochen war er ja angeblich noch bei 0,99, wir hatten keine zweite Welle und alles war total rosig) und die Prognosen sagen düsteres voraus. Aber die Tanzschule ist ein Fitnesscenter und kein Breitensport, darf bei uns also auf bleiben. Aber nicht in Oslo (oder Bærum oder Asker), da sind Fitnesscenter geschlossen. Es ist alles kompliziert. In Hurdal (oder war’s Nannestad? Ums Eck jedenfalls) muss man in Läden auch Mundschutz tragen, bei uns aber nicht. Als würden sich Leute nie zwischen den Kommunen bewegen. Ha. Ha. Bei uns darf man noch ins Restaurant, in Oslo auch, aber bei uns gibt’s Alkohol immerhin bis 22 Uhr, in Oslo jetzt gar nicht mehr.

Ich komme mit meinem Homeoffice weiter nur so Mittel gut klar. Mein Arbeitgeber hat sich jetzt überlegt, dass wir HMS auch in 330 Homeoffices (und diversen Hütten vermutlich) beachten müssen und ich hab dazu morgen ein Gespräch. Bin gespannt, ob dann aus Klagen über schlechte Bedingungen auch Taten folgen, oder ob nur traurig genickt wird und mit „das ist verständlich, aber so geht es allen und wir können da leider gaaar nichts machen!*“ geantwortet wird.

Die Laune sinkt umgekehrt proportional zur Inzidenz.

*was Geld kostet

Tag 1945 – Tagesausflug.

Ich hatte heute frei, um Zeug fürs Homeoffice zu besorgen. Vielleicht traue ich mich ja, am Donnerstag mal anzufragen, ob ich das nicht als Arbeitszeit abrechnen kann, immerhin ist das notwendige Ausrüstung, damit ich einen ergonomisch okayen Arbeitsplatz bekomme. Wie auch immer, jedenfalls hatte ich nach viel hin und her und Recherche und Dings einen Laden aufgetan, der gebrauchte Büromöbel vertreibt, unter anderem Untergestelle für höhenverstellbare Schreibtische. Herr Rabe wollte sowas ja sehr gern haben und machen wir uns nix vor: für mich wäre das auch besser, würde ich mich mehr bewegen und ab und an mal die Stellung wechseln. Also die Sitzhaltung. Ich rief den Laden gestern an und erfuhr, dass sie noch zwei schwarze, kleine Untergestelle haben. Die reservierte ich und heute fuhr ich eben mal nach Drammen zu des Ladens Lager. War ich in Drammen also auch mal.

Der Lagermitarbeiter schenkte mir eine Faust voll Schrauben dazu, das Geld wurde kontaktlos gevippst und dann wuppte der Lagermitarbeiter mir die Untergestelle ins Auto. Staunend, dass die in Carona passen. Äh. Das ist ein kleiner LKW. Naja.

Auf dem (langen) Rückweg fuhr ich noch beim Showroom des Gebrauchtbüromöbelladens vorbei, ich hab ja immer noch keinen anständigen Bürostuhl. Hatte, jetzt habe ich nämlich einen. Auch den gekauft mit Abstand und sehr netten Mitarbeitern, die mir alle fancy Einstellungsmöglichkeiten meines neuen Luxusstuhls zeigten. Er ist nicht hübsch, aber saumäßig bequem. Und gegenüber dem Neupreis habe ich 2/3 gespart.

Zusätzlich zu dem Stuhl behalte ich dann noch unseren Wackelhocker als Stehhilfe. Michel möchte den grauen Ikea-Bürostuhl behalten, haben wir das auch geklärt.

Etwas lustig war, dass während ich in dem Showroom war (in Asker), in Asker eine Mundschutzpflicht in Läden eingeführt wurde. Ich hatte kurz vorher noch gefragt, ob sie möchten, dass ich einen aufsetze, Nö Nö, das passt schon (und wir hatten wirklich viel Abstand). Und dann kamen sie plötzlich mit einer Box angerannt.

Weiter auf dem Rückweg fuhr ich bei Ikea vorbei, Tischplatten kaufen. Und Gedöns, aber nicht viel und nichts, was wir nicht wirklich auch brauchen. An der Kasse fanden noch zwei Marzipanbrote dazu. Und weil ich ja wusste, dass in Asker nun auch Mundschutzpflicht herrscht, trug ich den, so wie alle Mitarbeiter*Innen, die ich sah, und etwa, naja, 15% der Kund*Innen. Es ist halt noch neu für die Norweger*Innen.

Ikea in 40 Minuten, inklusive Frühstück Veganem Hotdog. Am längsten daran hat glaube ich gedauert, an dem unfassbar benutzerunfreundlichen System rauszufinden, wo ich die Tischplatten denn genau finde. Die Zeit weiß ich so genau, weil ich Carona währenddessen geladen habe. Tschakka.

Auch Stuhl und Tischplatten passten übrigens noch völlig problemlos zu den Tischgestellen in Carona. Hurr hurr kleiner LKW.

Zu Hause war jemand sehr glücklich über meinen erfolgreichen Shopping-Trip, also noch jemand anderes als ich, und machte sich gleich an den „Zusammenbau“.

Wir haben halt immer noch kein Fenster, aber Tische, Stühle, sehr bald auch ein Gästebett (ist bestellt und unterwegs), zu viel Zeug, das wir noch loswerden müssen und langsam schon keine Lust mehr. Regalbauteile werden bestellt, Design, juhu. Ich habe mir überlegt, wie man die Regalteile stapeln könnte, das wird schön. Hach, Ich freue mich. Aber erst mal das Fenster.

AproposZeug loswerden, da messe ich grad so ein kleines Wandregal aus, das in die Kleinanzeigen darf.

Tag 1943 – Geschoren.

Keiner von uns weiß mehr, wie wir drauf kamen aber nach dem Frühstück haben Herr Rabe und ich uns gegenseitig die Haare geschnitten. Herr Rabe aus kophautgesundheitlichen Gründen komplett alles ab, ich kürzer und „unfrisuriger“ als überhaupt jemals und… ich liebe es.

Michel bekam dann auch noch die Haare geschnitten, der will sie aber oben lang haben und mit seinen Wellen sieht das super cool aus. Pippi wollte sie dann auch „so wie Mama!“ aber das haben wir abgewendet. Bei einer Fünfjährigen vertraue ich nicht unbedingt darauf, dass ihr klar ist, dass es sehr lange dauern wird, bis sie dann wieder „Anna-Zöpfe“ haben kann.

Tag 1942 – Weg damit.

Die orange Wurst drüben ist abgewählt, Hurra! Nur noch dingsundsiebzig Tage bis da wieder jemand an der Macht ist, der nicht vollständig auf seinem eigenen Planeten lebt. Und in zehn Jahren erklären wir dann unseren halbstarken Kindern, wie das eigentlich angefangen hat, damals, mit diesem superreichen* Rumpelstilzchen-Typen, der mit schöner Regelmäßigkeit in irgendwelchen halbseidenen Medien auftaucht und behauptet, ja eigentlich immer noch rechtmäßiger POTUS zu sein, weil er ja nie abgewählt worden sei. Das wird dann bestimmt lustig, wenn wir das so erzählen, wie das war, mit „Fake News“ und allem.

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Hier im Rabenhaus geht alles seinen gewohnten Gang, will sagen: wir machen tolle Pläne und setzen sie im Tempo einer sedierten Schnecke um.

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Die Kinder, ne? Ich hab die so lieb und trotzdem möchte ich sie so oft im Wald aussetzen. Aber dann kuscheln wir abends und da ist so viel Vertrauen und hach und im Wald ist es kalt und feucht und voller Mücken, das wäre vielleicht doch ganz schön gemein.

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*angeblich hat er ja auch irre hohe Schulden, aber machen wir uns nix vor: der wird immer reich bleiben, egal wie viele Schulden er eigentlich hat.

Tag 1941 – Bier nur noch zu Hause.

Wir wohnen zwar nicht in Oslo, auch nicht in einer angrenzenden Kommune, sondern in zwei Kommunen weiter, aber ich gebe unserem Kaff noch zwei Wochen, bis wir vergleichbar strenge Maßnahmen wie Oslo haben. Die sind ab in fünfzehn Minuten: alles schließt um Mitternacht, ab 22 Uhr darf keiner mehr rein, es gibt keinen Alkohol und man muss Mundschutz tragen, solange man nicht am Tisch sitzt. Meine Theorie dazu: ausgehen soll so wenig Spaß wie möglich machen, damit man es einfach gleich bleiben lässt. Darüber hinaus sind alle Freizeitaktivitäten für Erwachsene verboten*. Kinos, Theater, Fitnesscenter: zu. Party zu Hause/im Garten/egal wo mit mehr als 10 Leuten: verboten. Oberstufe: Homeschooling.

Wie gesagt, ich gebe Viken noch zwei Wochen.

Ganz hedonistisch ist mir das grad alles egal, ich bin heute wieder nach Hause gekommen, um zehn nach neun, recht fertig und mit ganz leichtem Fließschnupfen, yeah. Das einem eine ganz leicht laufende Nase mal derartig peinlich sein kann, hätte ich ja auch nicht gedacht. Keine Sorge: ich rieche noch alles und huste auch nicht.

Am Wochenende wird zu Hause gerödelt. Der Onesie ruft.

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Verboten as in: tatsächlich verboten. Strafrechtlich verfolgbar.

Tag 1940 – Im Eimer.

Jöss, ich bin so müde. Inspektion ist anstrengend. Auch interessant. Wieder was anderes. Aber – uff.

Ich vermisse die Kinder, eins ist krank (natürlich, denn es ist immer ein Kind krank, wenn ich auf Inspektion bin) und schreibt mir süße Nachrichten, es ist zum Knutschen.

Hotelbett ist schon auch nice, aber wohl für ne Weile wieder das letzte Mal. Maaaaann. Scheiß Corona.

Tag 1939 – Die Illusion von gerade.

Das Hotel, in dem ich grade bin, heißt Zollhaus. Ich nehme mal ganz stark an, es ist in einem alten Zollhaus. Jedenfalls ist das Haus sehr alt, auch wenn das Hotel darin sehr modern ist. Und da muss man sich eben was einfallen lassen, damit die Gäste nicht nachts aus dem Bett plumpsen.

Das mit der Spiegelleiste ist halt schon klug gemacht.

Morgen Corona-Pressekonferenz. März wiederholt sich tatsächlich.

Tag 1938 – Hotelzimmeraussichten Teil 5.

Pittoresk.

Es ist wirklich richtig hübsch hier. Vielleicht ist meine Wahrnehmung auch gefärbt davon, dass es das erste mal seit März ist, dass ich in einem Hotelbett liege und nach Hotelshampoo rieche. (Habe ich eigentlich mal erwähnt, wie toll ich es finde, dass ich kurze Haare habe? Es ist super gut, einfach färben, bleichen, schneiden und weirde Shampoos ausprobieren zu können, weil alles maximal ein paar Monate hält. Ich ruiniere nicht durch Haarfarbe meine Spitzen und damit die durch jahrelange, mühselige Pflege erreichte Länge, und wenn die Spülung die Haare schwer macht, so what, sie sind ja kurz und kleben nicht am Kopf. Kurze Haare for life!)

Im März, beim letzten Hotelaufenthalt, waren wir am Anfang der 1. Welle und die Inspektion wurde wegen sehr spontanem Lockdown hauruckmäßig in drei statt vier Tagen durchgezogen. Jetzt sind wir am Anfang mittendrin in der 2. Welle, es wird endlich auch so benannt Hallelujah und der Gesundheitsminister kündigt neue Maßnahmen noch diese Woche an. Mal sehen, ob wir diese Inspektion wie geplant fertig machen dürfen.

Ich wollte echt nie in spannenden Zeiten leben. März fühlt sich an wie hundert Jahre her und was ich an meinem Geburtstag schrieb wie die total weltfremde Einstellung einer 15-Jährigen. 2020 könnte meinetwegen jetzt vorbei sein. 2021 auch, wenn wir schon dabei sind, ich sage nämlich schon mal gewohnt positiv voraus, dass die spannenden Zeiten noch so ein Jährchen dauern dürften.

Tag 1936/1937 – Schön, schön.

Das Wochenende war tatsächlich so richtig rundum schön. Es hat sehr gut getan, mal wieder die Freunde zu sehen und lange zu quatschten. Es hat auch sehr gut getan, die Kinder nicht 24/7 bespaßen zu müssen, weil die noch ein weiteres Kind, einen Hund und drülfzig Tonnen Zeugs zur Beschäftigung hatten. Hach, hach. Es war wirklich gut. Auch wenn Pippi um zehn nach sieben neben meinem Bett stand und mich vorwurfsvoll fragte, warum wir Chips gehabt hätten.

Es war auch sehr schön, als Herr Rabe zurück kam und wir noch einen halben Sonntag und einen ganzen Apfelkuchen zusammen hatten.

Die Kinder wurden leider wohl doch beide bei den jeweiligen Geburten vertauscht und mögen keinen Apfelkuchen.

Ich ignoriere Twitter, Corona und Trump nach Kräften, weil ich da keine Kapazitäten für habe. Twitter und Trump klappt gut, Corona leider gar nicht. Alle saufen Lack, eine 2. Welle ist erst, wenn die Lage eskaliert und man appelliert jetzt an die Gefühle der Menschen. Wir wollen doch alle ein koseliges Weihnachten haben, ODER??? Ich befürchte, auch damit erreicht man wieder nur diejenigen, die eh schon vernünftig und vorsichtig sind („flink“, wie es auf Norwegisch heißt), die haben dann ein schlechtes Gewissen wegen dem wenigen, was sie noch tun und der Rest… tja. Scheißt drauf. Und dann machen am Ende eben doch wieder Schulen und Kindergärten zu, damit wenigstens die Eltern jüngerer Kinder mit dem Arsch zu Hause bleiben müssen, was dann ausgleicht, dass andere weiter Parties feiern und große Hochzeiten ausrichten. Aber das ignoriere ich alles, backe noch einen Apfelkuchen, koche eine Tonne Apfelmus, bügle im Meeting meine Blusen (ein Hoch auf Kamera aus!) und bereite mich auf die wahrscheinlich letzte Inspektion des Jahres vor. Schubidu.

Ich hab ja jetzt ein Wochenende, an das ich immer mal zurück denken kann.