Tag 2014 – Schieres Glück.

Norwegen schippert ja weiterhin relativ unberührt durch die Coronakrise. Wir haben knapp über fünfhundert Todesfälle bisher, davon nur 3 unter 40 Jahren und 9 unter 50 Jahren, über 85% waren über 70. Wir können noch gut behaupten, es stürben hauptsächlich „die Alten“ und „die Kranken“ und selbst da eigentlich nur „die Alten unter den Kranken“. Bei uns ist das so. Wir testen Kinder einfach nicht, dann werden sie auch nicht krank. Wir testen Familienmitglieder von Menschen in Quarantäne ohne Symptome nicht, die werden also auch nicht krank. Und seit heute möchte ich nur noch schreien. Es ist so weit, ich bin Corona-panisch geworden. Wie das kam? Ich war in einem Krankenhaus.

Morgen habe ich den Termin bei der Endokrinologin. Heute musste ich deshalb eine Stunde pro Weg zum Krankenhaus fahren, um eine Blutprobe nehmen zu lassen. Schon auf dem Weg fiel mir signifikante Rush-Hour-Problematik auf, also fahren wohl doch recht viele zur Arbeit, aber das ist vielleicht auch einfach ein Effekt der norwegischen Gemeinschaftspanik vorm ÖPNV, denn DA! DA steckt man sich an! ÖPNV IST FURCHTBAR GEFÄHRLICH. (in norwegen). Insofern: Schwamm über den Stau.

Aber im Krankenhaus empfing mich eine Dame mit Gesichtsschild und befragte mich zu meinem Coronastatus. Gesichtsschild mit Maske? Nein. Gesichtsschild ohne Maske. Die anderen Kontrolleur*Innen hatten Masken auf, diese nicht. Ich verkniff mir den „Sie wissen, dass das gar nichts bringt, weder Ihnen noch mir?“-Kommentar mit Mühe. Ich wollte nur rein, Nadel in den Arm, wieder raus. Reden macht Aerosole, also wenig reden.

Dann ging es weiter. Frau an der Blutentnahmerezeption: keine Maske, halbe Plexiglasscheibe. Viele Patient*Innen dort, wenige Sitzgelegenheiten, Abstand so lala, manche achten drauf, andere… naja halt nicht so. Manche Patient*Innen und deren Betreuende ganz ohne Maske (in meinem Brief stand, das Maske tragen sei Pflicht während des gesamten Aufenthalts in der Klinik). Ein paar schlecht sitzende Masken und mehrere Pimmelnasen. Niemand, der irgendwas zu irgendwem sagt, zum Beispiel „Nase rein!“ oder „das ist kein Kinnschutz!“. Nach einer Viertelstunde bin ich dran, Bioingenieurin holt mich ab – keine Maske. Niemand trägt dort Maske. NIEMAND. KEINE. EINZIGE. ANGESTELLTE.

In dem winzigen Entnahmeräumchen ist an einer Seite des Stuhls eine kleine Plexiglasscheibe angebracht. Aus Gründen will ich aber, dass am linken Arm Blut abgenommen wird. Die Bioingenieurin ohne Maske geht also um die Plexiglasscheibe rum und nimmt mir Blut ab. Blut abnehmen geht nicht ohne sich relativ nahe zu kommen. Wir haben weder Abstand noch Maske (also die, ich schon) und sind in einem winzigen Raum mit geschlossener Tür.

So schnell war ich nach der Probe noch nie aus dem Raum. Die Bioingenieurin lächelt, als ich unbeholfen und noch den Wattebausch auf meinen Arm pressend mit dem Ellenbogen die Tür aufmache. Auf dem Weg raus durch den engen Flur kommt mir ein älterer Herr mit Gesichtsschirm OHNE MASKE entgegen. Es ist nicht ansatzweise Platz genug um aneinander vorbei zu kommen und dabei noch den norwegischen mickrigen Meter Abstand zu halten. Ich drehe mich mit dem Gesicht zur Wand und atme flach. Der ältere Herr und danach noch drei Patient*Innen schlurfen an mir vorbei, dann ist endlich eine Lücke im Gegenverkehr, die groß genug ist, damit ich raus kann ohne irgendwelchen Pimmelnasen zu nah zu kommen.

Im Laufschritt gehe ich Richtung Ausgang. In der Krankenhausapotheke frage ich nach FFP2-Masken und werde von maskenlosen PTAs hinter kleinen Plexiglasscheibchen angeschaut, als hätte ich grad gefragt, ob sie zufällig das Bernsteinzimmer irgendwo liegen hätten.

Wieder im Auto möchte ich am liebsten in Tränen ausbrechen. Kann aber nicht, weil ich 10 Minuten später ein Meeting habe. Wegen warten vor der Blutentnahme, warten auf sich anziehende Kinder und Stau ist die Chance, bis 10 Uhr wieder zu Hause zu sein, vertan. Ich nehme mein Meeting also auf einem Mc Donalds-Parkplatz wahr. Oh the glory.

Alles an diesem Bild war vor einem Jahr noch undenkbar.

Auf dem Rückweg kaufe ich mir dann in Jessheim bei Clas Ohlson eine Packung FFP2-Masken. Niemand schaut mich schräg an. Alle haben Masken auf.

Für morgen. Und wann immer ich da noch mal hin muss.

Long story short: dass Norwegen bisher gut klarzukommen scheint, ist reines Glück. Ich bastle mir für morgen vielleicht noch ein Schild mit „40% ASYMPTOMATISCHE INFEKTIONEN! ATTACK RATE PRÄSYMPTOMATISCH 1,25! DAS SIND EURE EIGENEN ZAHLEN ZUM FICK NOCHMAL!!!“

Ich fasse es immer noch nicht. In einem effing Krankenhaus ist das komplette Personal ohne Maske unterwegs, im Laden nebenan aber mit Mundschutz. Wenn die Bioingenieurin morgen nen positiven Test hat – was dann? Gehen wir dann davon aus, weil es ja in Norwegen weiter keine Aerosole gibt, dass ich die Klinke ja nicht angefasst hab und deshalb safe bin? Ist es der Laden, aus dem ich dann Covid habe, weil da ja ne Plexiglasscheibe irgendwo in dem Blutabnahmeräumchen installiert war?

Ich möchte schreien. Einfach nur noch alle anschreien, die sich derart unverantwortlich verhalten. Die so unverantwortliche Richtlinien rausgeben. Es ist ne Pandemie, immer noch, wollen wir wirklich warten, bis irgendeine Mutation auch durch uns einmal durcheskaliert? Es kann doch nicht sein, dass sich im Krankenhaus Leute infizieren und sterben (nachzulesen hier) und die Leitung des Krankenhauses sagt ERNSTHAFT „Wir machen alles, was wir müssen, das Wichtigste ist Abstand.“ UND ES WERDEN WEITERHIN KEINE MASKEN GETRAGEN WEIL ES JA KEINE AEROSOLE GIBT AHHHHHHHH.

Entschuldigen Sie den Ausbruch. We are doomed. Bisher hatten wir einfach nur unwahrscheinliches Glück.

7 Gedanken zu “Tag 2014 – Schieres Glück.

  1. Mitleserin schreibt:

    Habe gerade den verlinkten Artikel gelesen und bin fassungslos (über den norwegischen (kl)einen Meter Abstand bin ich das schon länger – haben FHI und Co. noch nicht mitbekommen, dass im Rest der Welt 1,5-2m empfohlen wird??). „Das Wichtigste ist, Abstand zu halten“ – geht ja super beim Behandeln von Patienten 🤦‍♀️ – auch schön „Wir haben nicht vor, an unseren Abläufen etwas zu ändern.“ 🤦‍♀️🤦‍♀️🤦‍♀️ Fast ein kleiner Trost, dass es auch woanders durchaus „Sand im Getriebe“ gibt…
    Weiterhin gutes Durchhalten trotz Pandemiemüdigkeit (ja, auch hier, hilft ja aber nix!) und wenig Pimmelnasen beim nächsten Krankenhausbesuch!

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  2. Sunni schreibt:

    Die Schilderung könnte 1:1 aus einem der 5 Supermärkte sein, die ich hier abgeklappert habe, damit ich eingermaßen sicher einkaufen kann. Beste Antwort gestern der Kassiererin hinter einem winzigen Plastespuckschutz (so heißt das Alibiplastteteilchen, das sie alle fein vor sich aufgebaut haben und sich dann bei jedem gescannten Teil nach der Seite wenden, um einem direkt ins Gesicht zu reden, als ich bat, sie möge die am Kinn sitzende Maske aufsetzen, sie hätten doch schon 5 Erkrankte und eine auf ITS??? „Ja, stimmt ja, meine Tante ist dran gestorben! Aber hier an der Kasse müssen wir nicht, da ist ja der Plasteschutz!“ Ich konnte nicht antworten, der Dummheit und der Wut wegen und bin mit meinen Sachen rausgerannt, natürlich mit FFP2 und Desinfizieren im Auto, ja auch Lenkrad, Schlüssel und Türgriff…Aber in einem KH ist das noch eine andere Sachlage.Widerlich. Leider ist der Grund ein mehrfacher: Dummheit, Nachlässigkeit, keine Kontrolle und „Ich bekomme keine Luft“. Meine propere Immer-Antwort auf letztes Argument? „Was meinen Sie, wieviel Luft Sie mit einem Schlauch in der Luftröhre auf dem Bauch liegend bekommen, wenn Sie gerade ersticken?“. Es ist schlimm! Und alle Zahlen, ringsumher, sind absolut kein Wunder! Alles Gute!FFP2 auf, Desinfektionsmittel in Handtasche und ins Auto, heiß und lange Händewaschen, mehr geht halt nicht für den Einzelnen!!!Panik ist nie gut, aber wirklich kein Wunder, wenn man in sie verfällt…

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  3. Irene schreibt:

    Oh Gott. Ich wäre auch durch gewesen hinterher bzw. schon während der ganzen Geschichte.
    Ich drücke dir mal die Daumen, dass keiner positiv war. Denn vermutlich bekämst du nicht mal Bescheid, schliesslich warst du bei keiner beteiligten Person länger als 15 Minuten *gnah*.
    Seit Samstag habe ich auch auf FFP2 umgestellt in der Arbeit, zumindest im Kundenverkehr. Heute Nachmittag arbeite ich mit der Springerin, die ein Attest hat, ich bin begeistert…

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  4. Lotte schreibt:

    Ich kann Sie so gut verstehen. Ich platze bei jedem einzelnen Supermarktbesuch fast, weil ich mir auf die Zunge beißen muss, um den Mund zu halten, wenn ich die Nasen aus der Maskeeinkäufer sehe. Ich bin ein paar Mal echt böse angepöbelt worden, weil ich was gesagt habe und wollte mich jetzt einfach zurückhalten. Das ist so schwer und macht so wütend!!! Wir arbeiten in der Klinik alle Schichten mit mindestens FFP2 Masken und dazu auch körperlich schwer zum Teil. Uns fragt auch niemand, ob wir atmen können und ob uns nach der Schicht der Kopf brummt, weil alles eng anliegt. Halten Sie durch!!! Lg Lotte

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