Tag 2526 – Die Geister die ich rief.

Ich sagte, ich wolle mal wieder was anderes machen als testen. Und heute kam ich einfach nicht mehr ins System. Fehlermeldung mit kryptischen Zahlenreihen und wenn ich die wegklickte ging einfach der ganze Browser zu. So hatte ich mir das allerdings nicht vorgestellt. Nachdem auch Neustart und Fluchen nichts brachte, gab ich auf, sagte dem Testteam Bescheid und verbrachte den Vormittag damit, den Screenshot der Fehlermeldung diversen Menschen zu schicken, die alle „hmm.“ dazu sagten. Ab der Sekunde, in der ich eigentlich Essen gehen wollte, ging es wieder, nach dem Essen musste ich meiner Chefin erklären, warum die Inspektionstypen in der Testumgebung so Namen haben wie „AT Inspektion Auftrag EMA“ und nicht „GMP-Inspektion“ (weil ich so auf einen Blick weiß, was das für ein Inspektionstyp ist, welche Parameter der hat [hier: Auftrag EMA] und dass ich den eigens fürs Testen eingerichtet habe). Dann hab ich erklärt, wie man komplexe Suchanfragen an das System stellt und warum uns das bei $Problem nicht weiter hilft. Das hatte ich auch schon versucht, diversen Entwicklern zu erklären, erfolglos leider. Chefin explodierte daraufhin aber ein bisschen und ich konnte nur immer wieder sagen „ich WEISS das das scheiße ist, das sage ich seit Januar, aber mir hört niemand so richtig zu!“. Spitze gelaufen der Tag.

Erfolg: am Ende des Tages hörte mir jemand zu und aus „out of scope, schade Schokolade“ wurde „ja, die Ansicht, dass das kritisch ist, teile ich voll und ganz und das muss auf jeden Fall in den Scope!“. Erst nachdem ich gesagt hatte, dass wir dafür sogar schon ein Szenario haben, mit Akzeptanzkriterien und so weiter, aber immerhin.

Die Arbeit, das zu implementieren, ist übrigens auf 6 Stunden geschätzt. Da haben wir bereits wesentlich mehr Zeit damit verbracht, zu diskutieren, ob das jetzt out of scope oder total kritisch ist.

Egal. Ebenfalls Erfolg: abends zum Sport gegangen und jetzt kann ich mich wahrscheinlich wieder drei Tage lang nur eingeschränkt bewegen und muss beim Lachen vor Schmerzen stöhnen, aber gut war das. Jetzt ist leider bis Ende August nichts mehr.

Tag 2525 – Testeditest…

Die kleine R. möchte bitte aus Testhöllenhausen abgeholt werden. Die kleine R. würde wirklich gern mal langsam wieder was anderes machen. Mit eisernem Willen wird die kleine R. morgen fertig und muss dann auch echt dringend mal ein paar testfreie Tage haben.

Vielleicht besorge ich zur Schulungswoche nach den Ferien einfach ganz viel Schnaps, dann können wir uns das System kollektiv schön saufen.

Nie mehr mache ich sowas, ich schwöre. Productownership ist NICHT vereinbar mit meinem Job, nicht in dieser Organisation, in der erwartet wird, dass man das irgendwie so nebenher wuppt.

Genauso wie man halt nebenher noch nen Vortrag vorbereitet und vor Fachpublikum hält. Und eine Inspektion in einem dieser Drittstaaten vorbereitet, mit allem was dazu gehört, zum ersten Mal. Mein Kollege kriegt hinterher nen sehr großes Lakritzeis spendiert, weil der echt viel hilft, mit so Dingen wie „hast du den MAH angeschrieben, dass sie dir ne Bestellnummer für die Rechnung schicken? Du kannst da Artikel blabla aus Regulation dingsbums referenzieren wegen der Kostenübernahme.“ äh, ok, ja.

Wenn ich da aber nicht bald mal die Tonnen von Dokumentation gelesen kriege, wird das eine Lächeln-und-Winken-Aktion, ein bisschen wie dieser Vortrag. Der aber überraschend gut lief, so insgesamt, ich bin ja gut im kompetent auftreten und locker flockig improvisieren. Frisst nur vorher, währenddessen und nachher alle meine Nerven.

Tag 2524 – Kaputtgespielt.

Den ganzen Tag über positiv, kommunikativ, seriös gewesen, abends wollte ich eigentlich nur noch in irgendein Loch kriechen, stattdessen waren wir auf dem Sommerfest von Michels Stufe und mussten da auch noch Michels Klassenlehrerin verabschieden, die nächstes Schuljahr wieder mit einer 1. Klasse anfängt. Ich bin traurig, sie ist eine sehr gute Lehrerin, aus rein menschlichen Gesichtspunkten.

Danach bei Michel im Bett eingeschlafen, ich bin halt auch seit viertel nach fünf wach. Jetzt geht nichts mehr außer Bett.

Tag 2522 – Die Vögel singen.

Die Familie ist auf Korpsausflug. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich es hörte, nachdem endlich der Dauer-Geräuschpegel weg war: es gibt hier tatsächlich Vögel. Welche, die singen!*

Herrlich.

Gemacht habe ich auch Dinge, hauptsächlich an der Nähmaschine und im Haushalt, Geige gespielt habe ich auch und insgesamt bin ich sehr zufrieden mit mir und der Stille. Hach.

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*wenn es immer ein bisschen hell ist, singen die armen Vögel auch 24/7

Tag 2521 – Mit nichts so richtig fertig.

Trotzdem halbwegs zufrieden. Halbwegs. Es wird schon schief gehen, ne?

Michels neue Brille war heute endlich fertig und wir haben sie abgeholt. Michel ist mäßig zufrieden, weil sie nicht so schön ausgeleiert ist wie die alte, aber es schon ganz schön ist, was sehen zu können. Als die SMS kam, dass die Brille fertig sei, fragte ich kurz bei Herrn Rabe an, wann der denn nach Hause käme (hoffend, er könne vielleicht mit Michel zum Optiker fahren). Herr Rabe war zwar theoretisch auf dem Heimweg, aber es war totales Zugchaos in Oslo, es fuhr gar nichts. Kein einziger Zug. Er nahm dann schlussendlich eine T-Bane an die Nähe vom Stadtrand, von da einen Bummelzug in einen Vorort und von da den Zug nach Hause. Selbiges tat der Mann der Optikerin, die, offenbar ungeplant, deshalb keine Betreuung für ihren etwa drei Jahre alten Sohn hatte. Die arme Frau versuchte also gleichzeitig Michels Brille anzupassen und ihr eigenes Kind davon abzuhalten, das ausgestellte Teleskop umzuschmeißen (erfolgreich, also das Abhalten) oder sämtliche für ihn erreichbaren Brillen aus den Aufstellern zu räumen und fein säuberlich auf dem Tresen aufzureihen (erfolglos). Sie war dann sehr dankbar, als eine Kollegin die Brillenanpassung übernahm und sicher noch dankbarer, als der Laden schloss. Ich war dankbar, dass meine Kinder schon so groß sind, dass sie immerhin diese Art Mist nicht mehr machen. Yeah. (Als Außenstehende war das niedlich und lustig. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es das für sie sicher nicht war.)

Tag 2519 – Stillarbeit.

Ich kann eigentlich leider gar nicht mehr sprechen, sondern nur noch flüstern. Ach wäre doch nur ein Tag gewesen, an dem ich nicht hätte reden müssen. Haha.

Testen läuft so lala, gestern ok, heute scheiße, weil die Umgebung erst nicht fertig war, dann hatte ich Meetings, dann musste ich erst mal Gedön ins System legen, damit meine Kolleginnen eine Grundlage zum Testen haben, und dann war 14 Uhr und die Umgebung wieder nicht fertig (weil dann deployed wird. Fragen Sie mich nicht, was dabei genau passiert oder warum wir in der Zeit nicht testen können, aber es klingt doch, als hätte ich voll Ahnung, oder? „Wir können nicht testen, die Entwickler deployen in die Testumgebung.“).

Alles andere bleibt grad liegen und ist so viel und so dringend, dass ich gar nicht drüber nachdenken darf, sonst lähmt mich die schiere Masse.

Wegen keiner Stimme ließ ich den Sport heute ausfallen. Ansonsten bin ich zwar recht fit, aber das kann nicht gut sein, denke ich mir.

Seit heute Nachmittag hab ich auch einen sehr nervigen Ohrwurm, von „Und es regnet“ von Die Ärzte. „Vertrocknet ist die rote Rose, ich huste rote Brocken aus. Ich glaub ich hab Tuberkulose, doch ich will nicht ins Krankenhaus. Ich will bei dir sein, ich bin so allein, ich will bei dir sein, immer bei dir sein.“

Tag 2518 – Röchel.

Herr Rabe hat letzte Woche aus Barcelona eine Erkältung mitgebracht, die laut diverser Tests an diversen Leuten kein Covid ist, und jetzt ist sie bei mir angekommen. Immer noch kein Covid. Aber ich höre mich an, als hätte ich die letzten 20 Jahre täglich eine Packung Rothändle geraucht und zwischendurch gegen den Teerbelag im Hals mit Whisky gegurgelt.

Nach der Arbeit fühle ich mich auch einigermaßen zerschlagen (kein Fieber, einfach Matsche) und bin jetzt im Bett.

(Ich bin eine wirklich unangenehme Kranke, ungeduldig mit mir und allen drum herum und während ich mich nicht mal zum Geige spielen aufraffen kann, möchte ich Geigenyoutube ein saftiges „NORMALE LEUTE MACHEN KEINE DEZIMEN ZUM AUFWÄRMEN!!!“ entgegenschreien. Wäre halt nur eher ein Entgegenkrächzen.)

Dezimen. Echt mal.