Tag 2907 – Wieder allein.

Herr Rabe ist heute zu einem guten Freund aufgebrochen, der am Wochenende 40 wird. Damit haben wir seit dem 16. Juni exakt 2 Nächte im selben Bett geschlafen. Seit dem 2. Juni 15, seit dem 19. Mai 23. Sonntag Abend kommt er wieder und dann ist auch echt erst mal gut mit einzeln in der Weltgeschichte herumreisen.

Ich kämpfe weiter tapfer gegen den jet lag. Ich habe mich vorsichtshalber bettfertig gemacht, bevor ich die Kinder ins Bett gebracht habe, ich muss nämlich schon wieder ganz viel blinzeln irgendwie…

Ansonsten war ich heute im Büro und habe die Makulierungstonne gefüttert, das war sehr befriedigend. Jetzt fliegt hier nicht mehr so viel vertrauliches alles mögliche zu Hause rum, während (bald) wochenlang niemand zu Hause ist. Potentielle Bösewichte können jetzt nur ein paar handgeschriebene Notizen finden, aber das will ich sehen, wie die meine Inspektions-Handschrift entziffern wollen. Ich kann manchmal selbst schon nach kurzer Zeit nur noch einen educated guess machen.

Tag 2906 (glaube ich) – Wieder zu Hause.

Ich schreibe mal besser jetzt schon, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ich einschlafe, sobald ich mich irgendwo hinsetze oder gar lege, ca. 1 ist.

Die Reise verlief wundersamer Weise komplett reibungslos. Wir waren sogar eine halbe Stunde früher als geplant in Oslo. Das Gepäck kam an, ich bekam ohne Stress einen Zug und am Bahnhof holten mich Herr Rabe und Michel ab.

Die Kinder freuten sich sehr über die mitgebrachten Kleinigkeiten. Im Kakao-Land ist ja alles bunt und niedlich, das finden beide gut, also hatte ich kleine Anhänger mit niedlichen Figuren mitgebracht. Dazu ein paar Ohrringe für Pippi und eine Kette für Michel, beides aus dem Künstlerviertel in Seoul, handgemacht von einer kleinen, alten Frau in einem sehr sehr kleinen Laden. Eigentlich nicht so ganz im Preisrange für Souvenirs, aber dafür halt auch kein Ramsch.

Heute Morgen (im Flugzeug) und am frühen Nachmittag arbeitete ich ein bisschen, damit wir hoffentlich einen vorläufigen Report noch diese Woche (weil ich nächste Woche Urlaub habe) nach Korea schicken können. Seitdem kämpfe ich eigentlich nur mit diversen Maßnahmen gegen die zunehmende Müdigkeit an. Wäsche waschen und draußen aufhängen, alles auspacken und verräumen, Einkaufen, Spaziergang… trotzdem ist es echt lange her, dass ich um neun Uhr norwegischer Zeit so müde war, dass ich schon vom Zähneputzen phantasiere. Follow-Up von gestern übrigens: ich putzte am Platz die Zähne und schluckte die Zahnpasta. Besser als nicht Zähneputzen. Danach ließ ich mich von den Turbulenzen in den Schlaf schaukeln.

Konzentration ist jedenfalls auch aus. Aber ich bin halt auch seit über 20 Stunden wach und hab davor mit viel Wohlwollen 6 Stunden ineffizient geschlafen.

Tag 2905 – Rückweg.

Ein letzter Inspektionstag, ein Gruppenfoto, ich durfte die Adiletten behalten (als Andenken) und jetzt sitze ich schon wieder im Flugzeug. Das Internet ist so lala, es bleibt irgendwie immer zwischen Mitternacht und ein Uhr, ich würde gerne Zähne putzen und dann schlafen, aber das Anschnallzeichen leuchtet. Vielleicht putze ich einfach hier am Platz? Es schaukelt sehr, wer weiß, wann sich das beruhigt.

Und wer weiß, ob ich das jetzt hochgeladen bekomme. Naja. Gute Nacht jedenfalls.

Tag 2903 – Tourist.

Heute war ich in Seoul. Alleine. Und ohne Bargeld, weil hey, das hier ist ja Korea, hier ist überall Werbung für 8K OLED und ähnlich avancierten Technikschnickschnack, man kann sicher überall mit Karte zahlen und wenn nicht, gibt’s Geldautomaten. Haha.

Man kann für die Metro keine Tickets mit der Karte kaufen. Zwei Geldautomaten weigerten sich, mir auf zwei probierte Karten Geld auszuhändigen.

Tja.

Also lief ich. Das brachte meinen Plan etwas durcheinander, aber auch nur etwas, statt extra hinzugehen, nahm ich einige Sights einfach auf dem Weg mit.

Dafür lief ich heute auch gute 18 km bei 30 und aufwärts Grad im Schatten (gut, dass ich jetzt portablen Schatten habe!).

Und soll ich Ihnen was sagen? Es war großartig. Auch sehr absurd, stellenweise, stellenweise teuer (handgemachte hübsche Dinge kriegen mich echt gut) und stellenweise echt voll so für mein halbnorwegisches Gemüt.

Jetzt habe ich Blasen, irgendwie trotz fünf Litern (!!!) Wasser heute immer noch Durst, ein komplett nass geschwitztes und mit Sonnencreme verschmiertes Kleid, das hoffentlich trocknet, bis ich es in den Koffer stecken muss, keinen (!!!1elf!) Sonnenbrand* und mit den Schuhen, die ich heute anhatte, kann man kleinere Länder erobern, wenn man sie als chemisch-biologische Waffe einsetzt.

Außerdem bin ich voller Eindrücke. Und müde, müde bin ich auch. Sehr. Das hängt vielleicht auch miteinander zusammen.

Ich und Sunbrella
Hihi.
Da habe ich auch eine Weile meine Füße reingehalten, das war großartig!

Tag 2902 – Wo isses denn nu?

Wir, der Support und ich, haben heute gelernt, dass „fortress“ gar nicht zwingend so ist, dass man eine Mauer hat und alles innerhalb der Mauer ist automatisch dass das Fortress. Weit gefehlt. Sehr weit. Hier ist ein fortress eher ne Stadt in der Stadt. Zumindest in Suwon ist das so.

Weil wir hin- und zurück- und da noch rumliefen, weil wir ja dachten, wir müssten irgendwas fortressmäßiges finden, war danach nicht mehr soooo viel mit mir los. Einen Sonnenschirm habe ich mir gekauft (ich nenne ihn sunbrella, weil ich lustig bin), mein Buch fast ausgelesen und auf Abendessenzeit gewartet. Das erste Restaurant, das ich gestern auf meinem Spaziergang gesehen hatte, war leider bis auf den letzten Platz besetzt, mit mehreren Leuten, die davor schon Schlange standen. Am Ende fanden wir aber doch noch eine Alternative und so kam ich zu Gyozas in Käse-Mais-Soße. Mega lecker war das!

So, jetzt mache ich die Augen zu und freue mich auf morgen. Da fahre ich nach Seoul. Hurra!

Tag 2896 – Besser, Tröt und uiuiui.

Es sind nur noch knapp über 20 Grad und es hat sogar geregnet, in einer angenehmen Form, nämlich leichtes, aber stetiges Getröpfel über Stunden. Es ist, als würde die Natur einmal richtig aufatmen. Außer die Fluginsekten, die vielleicht nicht.

Die 3. Kompanie der Königlichen Garde

Die Kinder und ich fuhren heute nach Oslo, zum Tag der offenen Tür der Königlichen Garde (also der Soldaten mit den lustigen Hüten, die besonders gut im Paradieren sind). Die 3. Kompanie ist deren Drill- und Musiktruppe, die haben wir ja letzten Sommer schon mal gesehen, und mit zwei etwas nerdigen Korpskindern fand ich das eine gute Idee. Musik begeistert mich ja generell und auch wenn Marschmusik im Allgemeinen nicht soooo mein Favorit ist (generell dieses ganze militärische daran nicht) ist das, was die Garde spielt, auf einem Niveau, das es wert macht, dafür nach Oslo zu fahren. Außerdem sind das ja Wehrdienstleistende, das heißt, die diesjährige Garde ist eine komplett andere, als die letztjährige. Der Ausflug war auch echt gut, die Musik und der Drill einfach faszinierend, aber sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg passierten Dinge mit den Zügen, auf die ich flexibel reagieren musste, dazu kam, dass Pippi ein stetiger Quell von Geräusch und Bewegung ist, was mich auch stresst, und schon im Zug auf dem Weg zurück war mein Akku dann bedrohlich leer*. Wie Stöpsel gezogen. Das ist blöd, weil es im Nachhinein irgendwie das Erlebnis runterzieht. Anyway, auf dem Rückweg trafen wir dann noch Herrn Rabe, der in unseren Zug zustieg. Da war nicht mehr ganz so schlimm, dass ich mich zu Hause erst mal kurz etwas abschotten musste.

… denn die Verpflichtungen des Tages waren ja noch nicht vorbei, ich musste ja noch packen. Am liebsten hätte ich mich auch einfach heulend geweigert, überhaupt anzufangen, weil ich ja was vergessen könnte, aber ich bin ja nicht mehr 10 und habe mir das mit viel Mühe und ein paar Umarmungen von Herr Rabe verkniffen. Es ist jetzt fertig gepackt, zumindest soweit möglich, morgen kann ich mich noch bis ca. 16 Uhr verrückt machen und Last Minute Dinge in den Koffer werfen und dann geht’s auf nach Korea. Ohgottogott.

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*immerhin merke ich das inzwischen manchmal und mache dann auch, obwohl mit Kindern unterwegs, Kopfhörer rein und Musik an, weil mich das beruhigt und von weiteren Eindrücken (wie redenden Menschen überall) abschottet. Die Kinder haben ja von ner Mutter, die buchstäblich zu nichts mehr in der Lage ist, auch nichts.

Tag 2895 – Warm!

Es ist jammern auf hohem Niveau, das ist mir auch klar, aber es ist so warm hier. Norwegische Hitzewelle sind 30 Grad, darüber lachen Sie wahrscheinlich, aber ich gehe langsam ein. Heute hatte Pippi mit ihrer Tanzgruppe einen Auftritt beim Dorffest und wir waren spät dran, deshalb hatte ich mich noch nicht eingecremt. Nachdem ich Pippi abgeliefert hatte, suchte ich mir also ein schattiges Plätzchen unter einer Brücke und schmierte mich mit Lichtschutzfaktor 50 ein. Dazu setzte ich noch einen Sonnenhut auf. Und dann stellte ich mich, wie so eine gute Mutter, auf den Betonplatz vor der Bühne in die pralle Sonne, mittags, und versuchte, nicht darauf zu fokussieren, wo mir überall Schweißtropfen lang liefen. Die Kinder haben super gut getanzt und ich habe auch keinen Sonnenbrand bekommen, wollte danach aber am liebsten den Fluss aussaufen (oder einfach gleich reinspringen, scheiß auf Strömung und schlechtes Vorbild und alles, WAAAAARM!!!). Zu viel mehr als vegetieren war ich danach auch eigentlich gar nicht mehr in der Lage, ich hab aber trotzdem die Wäsche von gefühlten 30 Kindern in zwei Schränke geräumt, weitere Wäsche gewaschen (trocknet immerhin auf der Terrasse super schnell), eingekauft und Essen gemacht. Letzteres war bei dem Wetter auch irgendwie sinnlos, niemand hatte Hunger – das könnte auch mit einigen Eisen den Tag über zusammen hängen. Die Kinder hingen auch nur rum bis zur Bettzeit, wo beide auf ihren Decken liegend, alle Viere von sich gestreckt für maximale Belüftung, einschliefen.

Ich versuche echt nicht zu meckern über Wärme in Norwegen, aber das grad ist mir 2-5 Grad zu warm. Dank Klimawandel ist das wohl aber erst der Anfang vom neuen Normal. So schön, echt, feini den Planeten aufgeheizt bis man in Norwegen Wein anbauen kann, in Italien aber nicht mehr. Kotzi.

Tag 2894 – Müde.

Endlich Ferien. Also für die Kinder.

Herr Rabe ist gut in Dänemark angekommen.

Ich fürchte, der Apfelbaum ist hinüber. Das finde ich sehr traurig.

Ich muss höchstwahrscheinlich im nächsten halben Jahr NICHT nach China, das finde ich beruhigend.

Nach zu viel Arbeit und zu viel anderem Kram muss ich jetzt aber erst mal schlafen. Ich bin vorhin schon bei Michel im Bett eingeschlafen, habe dann aber, nachdem ich wieder aufgewacht war, noch draußen gegossen (mit der Kanne dürfen wir!) und Wäsche aufgehängt und mich dabei von Mücken fressen lassen. Die sind hier dieses Jahr zum ersten Mal so richtig schlimm, keine Ahnung wieso, es ist ja total trocken. Ein Hoch auf den Mückenstichbritzler, das ist kurz schlimm aber dann meistens direkt weg.

So, Licht aus jetzt, gute Nacht.

Tag 2893 – Dies und das.

War heute das vermutlich letzte mal vor meinem Urlaub im Büro. Seltsam. Habe die Lieblingskollegin gezwungen, mit mir Eis zu essen. Das war schön. (Drehe ansonsten weiter am Rad wegen Korea, aber was soll man machen, es wird ja so oder so passieren und dann irgendwie laufen.)

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Michel ging es heute schon viel besser, er hatte sich ja gestern auch sehr gründlich entladen. Auch das sehr ähnlich wie bei mir.

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Pippi hat am Samstag noch einen Tanzauftritt. Heute war Generalprobe dafür und – die sind ja schon sehr niedlich, diese Kleinen. Der Trainerin gebührt allerdings aller Respekt der Welt, so eine Horde kleiner Mädchen im Blick haben, ist echt nicht ohne und wäre absolut nichts für mich. Pippi freut sich sehr auf die Aufführung und hat mir vor und nach der Probe diverse Knöpfe an die Backe gelabert und dazwischen gesungen.

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Herr Rabe fährt (naja, fliegt) morgen mit seiner Arbeit auf die Färöer-Inseln. Der freut sich darauf auch. Außerdem hat er gestern den zweiten Platz beim Mario Cart-Tournier gewonnen, während ich bei der Arbeit so Sachen bespreche wie „Anträge richtig ablehnen“ und „Was ist eine sinnvolle Bußgeldhöhe“. Mir scheint, einer von uns hat den lustigeren Job.

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Es ist so warm. Ich meckere nicht darüber, aber ich meckere darüber, dass es auch so furchtbar trocken ist und ein paar Pflanzen und der Rasen schon leichte Ermüdungserscheinungen zeigen. Klimawandel, so schön.

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Der Geigenlehrer hat mir ein neues Stück gegeben. Jetzt übe ich das Presto aus der 1. Violinsonate von Bach, das ist gleichzeitig überraschend leicht (man bricht sich dabei gar nicht die Finger, faszinierend) und erwartet schwer (2 Seiten in gleichmäßigen, schnellen Sechzehnteln rauf und runter dudeln und es wie Musik klingen lassen ist nichts für Feiglinge). Es geht einfach immer noch ein bisschen weiter, noch mal 8 Takte, nochmal 4, und nochmal acht und dann, etwas überraschend in dem ganzen Fluss, zwei Schlussakkorde. Ta-Taaaa!