Tag 2620 und 2621 – Party!

Gestern hab ich irgendwie nicht geschrieben. Ich fiel irgendwann ziemlich platt ins Bett, denn tagsüber hatten wir Kindergeburtstag vorbereitet. Wir hatten Pippi ja noch eine Nachfeier versprochen und das war also heute. Und weil Herr Rabe und Michel gestern bei einem „Military Tattoo“ waren, war ich mit Pippi alleine. Wir kauften gemeinsam ein, Ich backte und befüllte die obligatorische Piñata, abends dekorierten wir und Herr Rabe räumte die Bank und den Esstisch im Wohnzimmer frei. Das ist jetzt alles in einer Klappkiste, aber immerhin auf der richtigen Etage.

Heute war also die Feier, mit nahezu allen Mädchen aus der Klasse, weil das hier halt so ist, dass man alle einladen muss, das waren also neun eingeladene, davon kamen sieben. Ein lauter Haufen, aber ein netter, bei dem es bisher keine festen und/oder rivalisierenden Cliquen zu geben scheint. Drei Mütter blieben noch eine Weile hier, weil deren Kinder nicht so gern alleine hier bleiben wollten, das ist ja auch ok und ein Kaffee ist schnell gekocht. Es klappte alles, aber anstrengend war es für mich trotzdem. Pippi hat es aber in vollen Zügen genossen und das ist ja das wichtigste. Zum Geburtstag hat sie eine „Beauty-Maske“ und Nagellack bekommen, weshalb wir danach noch „Spa“ gemacht haben.

Blogfreundliches Kinderfoto.

Zum Stressabbau habe ich mich gestern und heute unnötig ausgiebig mit dem Strompreis beschäftigt und habe strategisch günstig die Autos geladen, Waschmaschine und Trockner getimet und gebadet. Und gestern zwei und heute etwas über eine Stunde lang Geige gespielt, was allerdings heute nach hinten los ging, weil eine neue Etüde, die ich probieren wollte, ein derart unbefriedigendes Ende hat, dass ich mich seither darüber aufrege. Ey, es muss ja nicht alles mit ner vollständigen Kadenz enden, aber man endet doch nicht ein Stück in C-Dur auf e. Das macht man einfach nicht. Das ist wie nen Marathon laufen und 100 Meter vorm Ziel einfach aufhören. Falls das so ein musikalischer Witz sein soll, verstehe ich ihn nicht und finde ihn auch nicht lustig. Diese Etüde hätte mich bestimmt ganz wichtige Dinge gelehrt, aber muss von mir ungespielt bleiben. Aus Protest und zum Schutz meiner Nerven.

Tag 2611 – Frau Rabe redet laut am Telefon.

Herr Rabe sagt das und jetzt sagt es auch noch der Lieblingskollege. Ich merke das nur leider gar nicht.

Ansonsten war Arbeit so lala, ehrlich gesagt graut mir vor nächster Woche schon sehr gründlich. Auf der Rückfahrt rief auch noch meine Teamchefin an und überbrachte Hiobsbotschaften zum IT-Projekt. Und das wo ich grade Hoffnung geschöpft hatte, dass es tatsächlich was wird bis Montag. Darüber hinaus wurde eine Reise nach Indien gebucht und wir sind damit spät dran und deshalb werden wir jetzt auf beiden Wegen total gerädert ankommen. Und wir schaffen es noch nicht mal, alle drei im gleichen Flieger zurück zu fliegen, weil die Kollegin und ich einen Tag länger bleiben als der Lieblingskollege, der zufällig zeitgleich eine andere Site im selben Land inspiziert. Zitat Lieblingskollege: meh. Die Teamchefin fragte auch, ob ich wirklich echt Herbstferien haben will, weil wir da ja ne neue Kollegin bekommen und „alle“ anderen in Dublin auf einem Seminar sind (nicht alle, aber mehrere). Aber ich habe frei, weil ich nicht auf dieses Seminar fahre. Ich wäre gern auf dieses Seminar gefahren! Aber es sind so viele Hardcore-Inspektionen bis Weihnachten, dass ich ein bisschen Realismus walten lassen muss, was meinen Akku angeht. Arbeiten statt Beine hochlegen ist deshalb in dieser Woche keine Option, auch nicht, wenn das heißt, dass ich die neue Kollegin erst so richtig nach der Indien-Reise kennenlerne. Manchmal haben die da bei meiner Arbeit lustige Ideen, alle miteinander.

Michel hatte nach der Schule einen Platten am Rad, wogegen ich von Oslo aus herzlich wenig tun konnte. Aber Herr Rabe konnte ihn, von Oslo aus, überreden, sein Rad zum Fahrradladen zu bringen, mit dem er vorher besprochen hatte, dass er das morgen oder Freitag bezahlt. Aber ich glaube wirklich, Michel dachte, ich schwänge mich mal eben in den Zug, um dann meine heilenden Hände auf den Reifen zu legen und ihn zu reparieren. Ich hab das letzte mal so vor 25 Jahren einen Reifen geflickt, ich weiß noch nicht mal, ob, und wenn, wo, wir Flickzeug haben. Aber Herr Rabe hat es ja nun fern-gefixt.

Auch heute war wieder ein lustiges Vereinbarkeitsgehampel, was durch einen vergessenen Schlüssel und einen Schlüssel, der statt in der Schlüsselbox auf dem Terrarium im abgeschlossenen Haus lag, auf die Spitze getrieben wurde. Auch da wieder die Erwartung, dass ich sofort komme, wen juckt es, dass die kleine Schwester zum Tanzen muss. Es löste sich übrigens auch das Thema recht einfach, Michel fuhr mit seinem Kumpel zum Schlagzeugunterricht und hing danach noch etwas bei ihm ab bis Pippi und ich wieder da waren. Aber ich bin jetzt mal bereit für einen entspannten Tag im Homeoffice, an dem ich zumindest theoretisch irgendwelche Fahrräder irgendwo abholen könnte und sich die Frage nach dem Haustürschlüssel gar nicht stellt. Wie haben wir das 2019 eigentlich noch alles gemacht? (Der Notfallschlüssel ist aber auch wieder in der Schlüsselbox.)

Tag 2610 – Tennis.

Hier fühlt sich alles oft so an, wie Tennis mit so einer Ballschießanlage spielen, die einfach unaufhörlich Bälle rauspumpt. An guten Tagen komme ich in so eine Art Flow dabei, die ständig wechselnden Aufgaben möglichst schnell wegzuschlagen. Weg, weg, weg, weg, Check. An schlechten Tagen hingegen kommt mir das alles wie Sisyphusarbeit vor (ist es ja auch, es hört ja nie auf) und ich möchte am liebsten von vornherein kapitulieren und auf dem Boden liegen und die Bälle Bälle sein lassen.

Heute war ein guter Tag. Außer Arbeit (eine Tennisballschießanlage für sich) habe ich noch, wie so eine Superperson, Michel von der Schule abgeholt und zum Augenarzt begleitet, dann Pippi vom Hort abgeholt und zum Schlagzeugunterricht gefahren, dann beiden Kindern Eis gekauft, später beide Kinder zum Korps gebracht und wieder abgeholt, warmes Essen serviert und war beim Ballett. Danach beide Kinder ins Bett gebracht, davor Pippi noch zum Duschen genötigt, Brotdosen vorbereitet, die Spülmaschine aus- und wieder eingeräumt, Pfannen gespült und die Gaspatrone an der Blubbermaschine gewechselt. Die Meerschweinchen habe ich auch gefüttert und den Müll rausgebracht und Brot aufgetaut.

Das ist alles viel und nächste Woche gibt’s hier sicher wieder Genöl, weil ich antriebslos nichts gebacken bekomme (Spaß. Nächste Woche gibt es Kurzmeldungen wegen Arbeitswoche straight outta hell). Aber für solche Zeiten muss ich das ab und an mal aufschreiben. Es ist nicht immer schlecht, ich bin nicht immer faul, und wenn es gut ist, ist es oft sogar richtig gut.

Ach ja: die Kinder waren, während ich beim Ballett war, allein zu Hause. Sie hatten eine Reihe Aufträge bekommen, wie zum Beispiel die Kühlschranksachen vom Essen wieder wegräumen und Zähne putzen, bevor ich wieder komme. Die Regeln für alleine zu Hause sein (sie bleiben hier und andere Kinder können nicht zu Besuch kommen und wenn was ist, anrufen und wenn wer blutet oder es brennt oder sonstige Notfälle sind, zu den Nachbarn gehen) kennen sie ja auch, nur haben wir die zwei zusammen bisher höchstens mal 20 Minuten für kurz was einkaufen alleine gelassen. Die zwei haben das heute aber prima gemacht. Große Kinder sind toll.

Tag 2608 – Entspannt.

Herr Rabe hatte heute Java-Kinder-Konferenz und nahm Michel mit. Die beiden hatten es gut und Michel findet jetzt wohl, dass sein Papa der allergrößte ist. Hat er ja auch recht.

Pippi ging gegen Mittag (auf leichten Druck meinerseits) rüber zum Nachbarsmädchen.

Ich war vier Stunden lang alleine. Das war besser als Schlafen. Die Hälfte der Zeit habe ich Geige gespielt, bis mir die Fingerspitzen weh taten. Dann habe ich ein kleines Nickerchen gemacht, gelesen, die Meerschweinchen sauber gemacht, Wäsche gewaschen und dann war immer noch Zeit übrig. Jetzt habe ich auch noch meine eine Leinenhose repariert und die Taschen weiter nach oben gesetzt.

Es ist ganz schön, ab und zu seine eigenen Gedanken hören zu können.

(Leider kam Pippi wieder und klagte über Bauchschmerzen und Kopfschmerzen und das Fieberthermometer erklärte zumindest letzteres. Meh.)

Tag 2606 und 2607 – Tröt in krass.

Die Geschichte von gestern ist schnell erzählt: ich hab insgesamt 10 Stunden gearbeitet und bin dann auf dem Sofa eingepennt.

Heute mussten wir auch alle halbwegs früh aufstehen, was so mittel gut geklappt hat, denn mein Wecker hat nicht geklingelt und weil ich in Michels Bett geschlafen habe, weil Michel, als ich vom Sofa ins Bett kroch, in unserem Bett lag und Herr Rabe unter Michels Bettdecke nicht schlafen kann, bin ich auch nicht von Herrn Rabes Wecker aufgewacht. Gab dann einen Kaltstart und ich war den ganzen Tag ungeschminkt mit fettiger Haut und einem Schlafstrubbel am Hinterkopf unterwegs – zwischen tausend Leuten und man kennt sich hier ja auch. Uff, naja. Egal.

Jedenfalls war heute „Musikfest im Park“, was vom Titel her vielleicht ein falsches Bild vermittelt, denn es war Korpsmusik am Eidsvollbygningen. Das ist ja ein sehr ehrenwürdiges Gebäude, in dem 1814 die norwegische Verfassung unterschrieben wurde und da ist es schon auch schön, man kann da unter anderem überaus gut spazieren gehen und/oder Pokémon fangen. Wir allerdings MUSSTEN da hin, weil der Schulkorps da hin musste. Unsere Kinder sind ja „nur“ Aspirant und Rekrut, spielen also noch nicht mit, marschieren aber und stehen, während der Hauptkorps spielt, dekorativ rum (Pippi tanzend und ihre Troddel an der Mütze propellern lassend, Michel mit dem Gesichtsausdruck eines routinierten Begräbnisunternehmers). Trotzdem mussten sie hin. Außerdem hatte mein Lieblingskollege gesagt, wenn ich mal nen richtig guten Korps sehen Wolle, solle ich auf jeden Fall die Garde anschauen. Nach den ganzen Eidsvoller Schulkorpsen und Erwachsenenkorpsen spielte nämlich die 3. Kompanie der Königlichen Garde, was, wie Wikipedia verrät, eine der weltweit besten Marsch-, Drill- und Konzertkapellen ist. Jaha. Wie, Drill sagt ihnen nichts? Mir auch nicht, bis vorhin.

Also erstmal war natürlich Marschieren mit den Kindern angesagt und das haben die prima gemacht. Michel wird langsam nölig, weil er in den Hauptkorps will, und wenn ich den Hauptkorps so höre, denke ich, da passt er von der Leistung her auch rein. Ähäm. Ansonsten habe ich heute gelernt, dass es einen Eidsvoller „Bonuskorps“ gibt, der nur einmal im Monat probt und ich bereue jetzt, kein Trötinstrument zu spielen, die hatten nämlich offenbar eine Menge Spaß und waren musikalisch ein echtes Highlight.

Was dann aber echt krass war, war die Garde. Die sehen zum Großteil aus wir halbe Kinder, was kein Wunder ist, denn das sind Wehrpflichtige. Das, was wir jetzt sehen, sind die letzten Aufführungen der Truppe, jetzt im September tritt der nächste Jahrgang seinen Dienst an. Hence the Pickel. Ich habe auch messerscharf aus den Anwesenden geschlossen, dass zwei Frisuren ok sind (geschlechtsunabhängig): ganz kurz oder langes Haar stramm im Nacken zusammengebunden, im geflochtenen Knoten.

Janitsjar- und Signalkorps.

Es ist natürlich alles ein einziges Pimmelgewedel. Ich teile durchaus Michels Verwunderung, dass man Soldat*In und Musiker*In gleichzeitig sein kann und dass das Militär ganz eigene Musiker*Innen hat, aber ich hake das unter Seltsamkeiten des Patriarchats ab. Und aus künstlerischer Perspektive ist das halt schon sehr beeindruckend, sowohl musikalisch als auch choreographisch und vor allem in Kombination.

Erst mal gab es eine Drillvorführung, und zwar einen kompletten „Oladrill“, das ist wohl was besonderes. Die Kompanie besteht aus drei Divisionen: Korps, Drilltruppe und Kampaniestab (Zeugwarte etc.). Das Korps (der?) spielt, die Drilltruppe wirbelt und wirft mit ihren Gewehren mitsamt Bajonetten rum und schießt auch (zu Pippis Schock) und alle marschieren, aber schon sehr fortgeschritten, wenn ich so dran denke, wie viele wenige Schritte es brauchte, bis Vilberg Skolekorps nicht mehr so ganz im Gleichschritt war, und die mussten nur geradeaus laufen.

Sehen Sie hier:

Danach spielten die Korpse (das sind eigentlich 2, ein Janitsjar-[Jah-nitt-schah]Korps und ein Signalkorps, der aus Trommeln und Fanfaren [oder zu Konzertzwecken Kornetten, im Drill aber tatsächlich Fanfaren] besteht) noch ein Konzert, fast eineinhalb Stunden lang. Da zeigten sie auch, dass sie durchaus nicht nur Marschmusik können (eins der Videos ist leider zu groß, da spielen sie ein arabisch-amerikanisches Stück und als Gimmick läuft Pippi mehrmals durchs Bild, erst marschierend und dann „arabisch“ tanzend).

Alles in allem ein leicht absurder, aber interessanter und schöner Tag. Und nicht nur ich habe hinterher 2 Stunden lang geübt, sondern auch Michel und sein Kumpel haben Kornett und (Pippis) Trommel gespielt. Yeah.

Jetzt nur noch verhindern, dass eins meiner Kinder deshalb zum Militär gehen möchte.

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Edit: ich hatte ein bisschen technische Probleme beim Hochladen, aber jetzt sollte es eigentlich gehen. Sorry.

Tag 2593 – Familie Nerd.

Michel hat sich gewünscht, mal Dungeons and Dragons zu spielen. „Mal“. Der Mann hat sowas ja früher öfter gemacht und fand deshalb die online-Plattformen, die es da gibt, doof und wollte lieber ein Starterset mit fertigen Charakteren und einer Kampagne kaufen. Augenrollen gab ich mein Ok zu dieser Ausgabe und jetzt haben wir also ein Starterset. Herr Rabe ist der Spielleiter, ich bin Zauberin und Michel ein Elf. Wir haben noch einen Menschen namens Bort dabei, und suchen einen Zwerg, dessen Namen ich vergessen habe. Heute spielten wir insgesamt so 3,5 Stunden und sind schon drei mal fast tot gewesen. Ich finde es für den Anfang trotz Starterset irre kompliziert und ich mag ja generell Glücksspiel nicht und man muss ja ständig irgendwas würfeln (immerhin mit fancy Würfeln), ob man nun an dem Goblin vorbei schleichen kann, ob man getroffen hat oder getroffen wird und wenn ja, wie hart, usw. Aber für Michel mache ich sogar das. Aller Voraussicht nach die nächsten Wochen große Teile der Wochenenden (nächste Woche nicht, da bin ich nicht da).

Tag 2583 – Langweilige Stimmung.

Im Mai kaufte ich zwei Konzerttickets für die Philharmonie, für Herrn Rabe und mich. Nun kam es aber so, dass Herr Rabes Arbeitgeber völlig dekadent für alle Angestellten Tickets für das Øya-Festival gekauft hat, für den selben Tag. Gut, da kann Liszt nicht gegen anstinken, verständlich. Ich bat die Karte noch einer anderen erwachsenen und musikinteressierten Lieblingsperson an, aber die ist noch im Urlaub, tja. Dann dachte ich, ich frage einfach bei Facebook in dieser einen Gruppe*, aber ich bin ja auch sozial awkward und dann schlug Herr Igelbert vor, ich könne doch Michel mal fragen. Der war erst verhalten, aber dann doch interessiert und so mussten wir auch nur noch Pippi wegorganisieren, win-win. Nun war Herr Rabe heute krank statt auf dem Festival, aber das änderte an den anderen Plänen nichts, also waren Michel und ich heute in der Philharmonie.

Erst mal hat Michel ja grundsätzlich irre viele Fragen. Was kostet ein Zug, warum heißt das Philharmonie, warum gibt es Tubas, die man sich um den Hals hängt, und welche, die man auf dem Schoß hat, warum heißt das Stück und nicht Lied und was soll das heißen, ein Lied ist da 20 Minuten lang, bei Spotify sind es nur drei!

Als dann gespielt wurde, war aber dann selbst Michel mal still, wenn auch etwas zappelig. Eingepfercht zwischen Menschen aus Michels Groß- und Urgroßelterngeneration und dem occasional jungen Pianisten (saß direkt neben Michel). Manche alten Leute riechen echt schlecht, aber das ist ein anderes Thema.

Das Konzert war wirklich toll. Klaus Mäkelä, der gefühlt 23 Jahre alt ist, scheint ein sehr guter Dirigent zu sein, und Sibelius‘ Tapiola war ein einziger wunderbarer finnischer Landschaftstraum (im Ernst, ich muss bei Sibelius‘ immer an Schwäne, die über unendliche Wälder gen Süden ziehen, denken. Warum auch immer. Sind Schwäne überhaupt Zugvögel? Gibt es in Finnland Schwäne?). Es gibt übrigens eine neue, wirklich tolle Aufnahme aller Sibelius-Symphonien vom Oslo Philharmonieorchester, dirigiert von Klaus Mäkelä, bei Spotify. Just sayin‘.

Danach kam Yuja Wang und spielte Ling-Ling-gleich Liszt‘ erstes Pianokonzert, das war… Whoa. Unbeschreiblich. Auch die zwei (!) Zugaben waren makellos und mitreißend gefühlvoll. Hach. Und das alles in den höchsten Schuhen, die ich je an einer nicht-Dragqueen gesehen habe. Stilettos mit Plateau vorne und quasi senkrechtem Gefälle zwischen Ferse und Ballen. Ich kann in sowas nicht mal Auto fahren, geschweige denn so Pianopedale bedienen, aber ich bin halt auch nicht Yuja Wang.

Nach einer Pause (in der ich mir ein alkoholfreies Bier bestellte und es in einem Rotweinglas serviert bekam) wurde noch Strauss‘ Heldenleben gespielt. Man kann über Strauss ja viel sagen, aber wenigstens muss man nicht raten, was die Musik einer sagen soll, da ist die Botschaft nahezu kitschig plakativ. Der Held wächst heran, der Held zieht in den Kampf (täteretääää!), der Held findet eine Frau, es ist alles sehr ramontisch, ein paar ruhige Jahre, Tod (heldenhaft, ich tippe, mit dem Schiff gesunken oder so in der Art). Dazu: sehr schön gespielt und dirigiert, und ich habe ja eine Schwäche für massiv besetzte Orchester mit 8 Hörnern und 8 Kontrabässen und zwei Harfen und gefühlten 70 Geigen. Ist jetzt nichts, was ich mir täglich anhören würde, aber so mal, und speziell live, finde ich das tatsächlich ganz schön. Das fand auch Michel, dem die Musik insgesamt sehr gut gefallen hat, aber die Stimmung komisch und lahm fand. Alte Leute halt.

Das war ein sehr schöner letzter Urlaubstag. Ich will trotzdem nicht morgen wieder arbeiten müssen.

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*der Menschen, die gut darin sind, zu erkennen, welches Bild als nächstes kommt

Tag 2581 – Folter.

Wir quälen ja hier im Haus gerne unsere Kinder, insbesondere Michel, insbesondere indem wir sie zu Aktivitäten schicken, die sie selbst vor wenigen Wochen noch gerne machen wollten. Zum Beispiel ein einwöchiges Science-Sommerprojekt, das hier im Ort diese Woche täglich von 9-15 Uhr, also auch unmenschlich lange, stattfindet. Da machen sie so grauenvolle Dinge wie Bakterien züchten, charakterisieren und unter dem Mikroskop anschauen, schrecklich. Mikroskopieren interessiert Michel ja auch gar nicht. Es ist alles sehr grausam. So furchtbar, dass mir Michel hinterher diverse Knöpfe an die Backe laberte, was sie heute alles gemacht haben und was sie die nächsten Tage über machen werden und dass sie die von zu Hause mitgegebenen Materialien (3 x gebrauchte, gespülte und getrocknete Verpackungen und eine leere 1,5 L Plastikflasche, darüber bekamen wir schon vor zwei Wochen Bescheid und daher war ich vorbereitet) doch erst morgen brauchen und er hätte das aber jetzt schon dort gelassen und dann ist er übrigens noch beim Fußball hingefallen und hat jetzt ein Pflaster am Knie, Bolzplätze mit Sand, wer denkt sich denn sowas aus, und die anderen haben alle Bakterienproben vom Klo genommen aber er nicht, er hat die von der Tafel und dem Waschbecken genommen aber das dauert ja jetzt noch ein paar Tage, ne Mama, du arbeitest auch mit sowas, oder früher mal, bevor du inspektør wurdest, ne, haben wir auch mal gemacht, aber heute haben wir auch die Nährböden für die Bakterien selbst gemacht und…

Wahrlich schrecklich muss es gewesen sein.

(Und ein bisschen seufze ich der Zeit hinterher, als Michel noch „Brakterien“ sagte.)

Nur um es erwähnt zu haben, bin ich mal wieder die am wenigsten kümmerige Ehefrau der Welt. Herr Rabe siecht mit irgendeinem nicht-Corona Fieberinfekt dahin und hat sich heute nicht nennenswert aus dem Bett bewegt und ich… naja. Involviere mich eher wenig. Ich wüsste auch nicht, wie. Dutzi dutzi machen hasse ich ja selbst sehr, wenn es mir schlecht geht. Ich will alleine in meiner Höhle sterben. Das übertrage ich vermutlich auf andere, zusätzlich zur Hilflosigkeit. Tja.

Tag 2580 – Tröööt!

So, alle Ehre heute den Organisator*Innen und Instruktor*Innen dieser Korpsfreizeit(en). Das war rundum wirklich beeindruckend. Nicht nur haben sie (sicher nicht nur meines) auch die etwas ängstlichen Kinder abgeholt und voll mitgenommen und allen eine gute Zeit gegeben, sondern sie haben auch echt musikalisch was auf die Beine gestellt. Heute war das Abschlusskonzert, da spielte jede Instrumentengruppe erst ein Stück einzeln, und dann spielten alle zusammen noch mal vier Stücke. Das Konzert dauerte eine Stunde. Und man brauchte wirklich nicht mal viel elterliches Wohlwollen, um das musikalisch gut zu finden! Bei unserem Schulkorps braucht man das ja schon hin und wieder, aber das heute war objektiv richtig gut und würde auf so einem Wettbewerb, wie Michel ihn im Frühjahr mitgemacht hat, alle Preise einfach konkurrenzlos abräumen. Nach drei Tagen! Gut ausgewählte Stücke für das Niveau (oder wie Michel am ersten Tag meinte: VIEL ZU SCHWER OMG WIE SOLL DAS GEHEN!!! Woraufhin ich ganz achtsam, aus dem Fundus meiner langjährigen Musiklernerfahrung schöpfend, schrieb, dass er das schon schaffe, wenn übt. Was er, so unglaublich das klingen mag, so akzeptierte und offenbar umsetzte) und wirklich viel Einsatz von Instruktor*Innen und Kindern. Und alle hatten sichtlich Spaß und waren stolz, zu zeigen, was sie geschafft haben. Wirklich richtig, richtig toll.

Blaskapellenmusik kann echt ok sein! Mind blowing.

Auf Michel bin ich doppelt stolz, weil er sich durchgerungen und viele Ängste überwunden hat. Und ich hab jetzt ein Video, wo er sichtbar mit-swingend das UNGLAUBLICH SCHWERE Stück spielt. Hach!

Gerne wieder. Dass das das zweitniedrigste Niveau war, das man bei diesen Sommerkursen machen kann, lässt einiges erwarten für zukünftige Abschlusskonzerte.

Tag 2579 – Weiter Urlaub.

Michel lässt verlauten, es ginge ihm gut, der Tee sei lecker und wir sollen morgen bitte 20 Minuten VOR dem Konzert da sein. Er wollte noch, dass ich die Meerschweinchen mitbringe, weil die beim Kurs gesagt haben, es könnten alle kommen, Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Omas, Opas *und Hunde, Katzen und was man sonst noch so zu Hause hat*. Ja, das Kind nimmt ziemlich wörtlich, was Erwachsene so sagen. Die Meerschweinchen bleiben aber trotzdem hier, die finden Marschmusik auch gar nicht so schön, glaube ich.

Wir haben heute lange geschlafen, dann ein bisschen herumgerödelt und danach haben wir einen Spaziergang in den Ort gemacht, um noch mehr leckeres Essen aus Transportern und ähnlichem zu essen (heute: vegetarische Taco-Bowl für mich und Herrn Rabe und Softeis für Pippi und Herrn Rabe, wobei Pippi wie immer bei uns auch mitgegessen hat und das wie meistens sehr gut fand).

Spaziergang mit Hase.

Danach fuhren Herr Rabe und Pippi nach Hamar, die Ikea-Bestellung abholen. Wir haben vor der harten Matratze doch sehr schnell kapituliert und einen Topper gekauft. Ich spielte Geige. Später machte ich mich noch über den Reparatur- und Änderungsstapel her, setzte an einer Hose Taschen ein, nähte eine andere Hose im Schritt wieder zusammen (da hatte ich gestern so einen Silikonstreifen herausgetrennt, der mich wegen Pieksigkeit jedes Mal in den Wahnsinn trieb, wenn ich die Hose trug), machte einen Rock von Pippi enger (nur eingefaltet und umgenäht, da der Rock eh eine Wickeloptik mit Rüschen hat und zudem klein gemustert ist, fällt das gar nicht auf, dass das die Fauli-Version von Anpassung ist) und flickte eine hellgraue Jogginghose von Michel am Knie, mit – fancy ausgedrückt – visible mending, was so viel heißt, dass ich von hinten einen Flicken aus Jersey aufgenäht und dann mit verschiedenen bunten Garnen kreuz und quer mit Zickzackstich über den Riss genäht habe. Letzteres vor allem, weil Michel an losen Ecken und Kanten so lange friemelt, bis es unreparierbar kaputt ist. Jetzt hat die Hose halt ein neues Design-Feature.