Tag 1837 – Null Pilze.

Ich war mit den Kindern im Wald, aber ich fürchte, wir waren viel zu spät dran um noch Pilze zu finden. Ein Mann kam uns zwar mit einem Korb voller Pfifferlinge entgegen, aber der kam auch aus dem Wald-Wald, während wir uns wegen Michels Fuß Ja eher auf den Wegen halten mussten. Michel fand den ganzen Ausflug eh scheiße und motzte in einer Tour, es war wirklich kaum auszuhalten, aber ich hatte Herrn Rabe gesagt, wir würden ihn ein bisschen arbeiten lassen. Tja. Da muss man dann durch.

Immerhin den Hurdal-See haben wir gefunden. Da kann man bestimmt auch baden, aber wir hatten keine Badesachen dabei. Warm genug wäre es wohl gewesen, mir war in langer Hose und langem, dünnen T-Shirt ziemlich warm.

Bild ohne Ton, das Gemotze hören Sie also nicht.

Auf dem Rückweg kam wirklich recht plötzlich eine fette schwarze Wolkenwand von hinten, weshalb ich kurzerhand beschloss, den kürzeren Weg an der Straße lang zurück zum Auto zu gehen, statt durch den Wald. Das war auch gut so, denn kaum waren wir am Auto, fing es an zu tröpfeln und fünf Minuten später goss es, wie gestern, wie aus Kübeln.

Pippi hat versucht, auf einen Baum zu klettern, wollte nicht hören, als ich gesagt habe, sie soll das lieber lassen, die Zweige seien zu kraaaach, direkt die dünnen Ästchen abgebrochen und fies am Bein aufgeschrabbt. Da hat sie ja morgen im Kindergarten was zu erzählen. Bis dahin war Pippi aber gut drauf und hat begeistert Blaubeeren gesammelt, auch die waren zwar schon sehr abgegrast, aber ich mag die eh nicht und Pippi steckte sie eben sofort in den Mund, da wäre eh keine Marmelade draus geworden. Am Ende hatte ich dann halt ein Kind mit roten Fingern, einer dunkelroten Zunge und einer Kriegsverletzung Schramme, und eines das auch in Stunde zwei noch unverändert motzte.

Abends habe ich unseren Kartoffeleimer abgeerntet. Ich weiß ja nicht. Soll das so? Gefühlt haben wir aus drei großen die selbe Nettomenge Zwergenkartoffeln gemacht. Lecker waren sie aber.

„Ich kaufe 200 Gramm Kartoffeln…“

Die hier war die allerkleinste:

Eher Erbse als Kartoffel.

Wie gesagt, war aber lecker. Der gefüllte Patisson-Kürbis dazu war auch ok, die Füllung aus veganem Hack, Schafskäse, Zwiebeln, Tomaten und frischen Kräutern ist sehr lecker, der Kürbis selbst schmeckt allerdings wirklich nach gar nichts. Da ist jede Zucchini geschmacksintensiver. Also, kann man machen, sieht hübsch aus, aber vom Geschmack her fülle ich dann doch lieber eben eine Zucchini oder so ca. jede andere Kürbissorte. Die Konsistenz war aber schön knackig, das ist vielleicht was für Leute, denen andere Kürbissorten schnell zu schlonzig werden.

Vielleicht probiere ich es nächstes Wochenende noch mal mit den Pilzen. Falls ich dafür die Motzekinder zu Hause lassen darf. Man kann Kürbis mit mehr Eigengeschmack bestimmt auch super mit Pilzen füllen.

Jetzt zackig schlafen. Morgen ist wieder Präsenztag im Büro!

Tag 1449 – Technikmuseum.

Heute hat es geregnet, das heißt, es ist nicht mehr schwül, nicht mehr heiß und wir mussten die Blumen draußen nicht gießen. Alles win. Das nicht mehr zu Baden im See verpflichtende Wetter nutzten wir zu einem Ausflug ins Technikmuseum Oslo. Das war… Tjanun. https://twitter.com/rabensalat/status/1156200848541831168?s=21

Michel war ein bisschen überfordert mit allem, Pippi hat andere Interessensgebiete als er und so richtig cool wurde es für mich deshalb erst, als ich Michel mit der restlichen Familie in der Cafeteria zusammenführen konnte und mir wenigstens einen Teil der restlichen Ausstellung allein anschauen konnte. Ich setzte dabei einen deutlichen Schwerpunkt auf das norwegische Medizinmuseum, das war super cool, aber auch beklemmend.

Das seltsame Gefühl, wenn die Dinge, die man selbst vor gar nicht so langer Zeit mit sich rumschleppte, jetzt im Museum ausgestellt sind.

Tuberkulose. Schlimm. Und auch heute noch schlimm, besonders multiresistente Tuberkulose ist zum Beispiel in Archangelsk wirklich ein großes Problem. Besonders nahe gingen mir die Berichte über Kinder, die zum Teil Jahre in Lungensanatorien fern der Heimat und der Familie verbrachten. Diese Lungensanatorien waren wohl auch oft nicht der pädagogische Himmel auf Erden und… puh.

(Mit besonderem Gruß an alle Impfgegner*Innen.)

Fazit jedenfalls: super cool, aber fast zu groß und zu viel für einen Tag mit (meinen) Kindern. Mit anderen Kindern geht das unter Umständen besser, mit meinen in ein paar Jahren eventuell auch, aber heute wünschte ich mir irgendwann, ich wäre allein da, ohne Kinder. Zu lernen und zu gucken gab es da nämlich wirklich viel.

Tag 1242 – Bremse.

Heute ein wenig Zen praktiziert. Unfreiwillig. Mir war gar nicht so richtig klar, wie schnell ich meist gehe, wenn ich zu Fuß unterwegs bin. Selbst mit Kindern, aber da ist ja auch Michel dabei, der meistens rennt. Immer rennt. Oder nicht mehr kann. Heute war Michel aber bei seinem Kumpel und die Kombination aus Pippi, meinem sturzängstlichen Schwiegervater und meiner kniegeschädigten Schwägerin verlangte mir einiges an Geduld ab. Trotzdem schafften wir es durchs Vikingerschiffhaus und, of all things, das Freilichtmuseum. Letzteres hat im Januar quasi keine Aktivitäten, man wandert also nur so durch die Gegend und guckt alte Häuser an, das ist ziemlich kalt, wenn man sich halt in etwa der Hälfte der normalen Geschwindigkeit bewegt. Tjanun. Es war trotzdem ein sehr schöner Tag und ich starte jetzt total entschleunigt in die neue Woche.

Tag 983 – Recovery Day.

Heute war im Grunde nicht viel, Samstag halt. Hinten raus würde es etwas stressig, weil wir noch einkaufen mussten, als wir vom Trondheim Vegan Fair zurückkamen. Das ist ja bei uns um die Ecke und eigentlich immer sehr nett, allerdings war es mir heute viel zu voll und mit einem zu starken Fokus auf Bilder von schrecklich leidenden Tieren. Ich frage mich in diesem Zusammenhang echt, warum die da an jedem 2. Stand Plakate haben, auf denen traurige Ferkel in winzigen Zellen oder halbtote Legebatteriehühner zu sehen sind. Denn die Leute, die da hinkommen, sind ja zumindest aufgeklärt und aufgeschlossen, vielleicht sogar selbst Vegetarier oder Veganer, die wissen doch, dass Massentierhaltung scheiße ist. Und Laufkundschaft wird’s da wohl kaum geben, dazu ist es wiederum zu weit außerhalb des Stadtzentrums. Mir schlagen solche Bilder jedenfalls auf den Magen und der diskriminiert da dann nicht, sondern hat auch auf die vielen veganen Leckereien und Probierhäppchen und Menüs sippenhaftmäßig auch gar keinen Bock mehr. Gegessen haben wir dann auch erst, nachdem die Kinder sich in der Öko-KiTa nebenan ordentlich ausgetobt hatten und bemalt und glücklich waren. Da waren die köstlich aussehenden veganen Pralinen aber schon weg. (Mac ’n‘ Greens war aber auch echt richtig lecker.) Insgesamt war es ein echt schöner Ausflug, die Kinder hatten Spaß und waren hinterher ordentlich müde und das ist am Wochenende doch irgendwie alles was zählt.

Tja und weil sich dann eben alles um die zwei Stunden verzögerte, die wir länger da waren, als geplant, gab es Kinder-ins-Bett-bringen erst um halb zehn, Sportprogramm für mich (geplant war Recovery Day, 17 Minuten Pilates und Stretching, aber ich hatte so Bewegungsdrang und auch ein bisschen Wut, weil alles so spät geworden war, dass ich noch 30 Minuten Cardio vorher gemacht hab) um viertel nach zehn, Fußbad um viertel nach elf und eben jetzt erst Bett und Blog. Hmm.

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Auto-Lobhudelei: So schnell habe ich wohl noch nie eingekauft.

Tag 353 – Rittersport und die Mutter aller Wutanfälle. 

Michel und ich waren heute bei einem Ritterturnier. Es sind nämlich Olavsdagene hier in Trondheim, da gibt’s viel religiösen Kram rund um den Dom und Ritterfestspiele für die Kinder. Da aber der Eintritt 150 NOK pro Person betrug, sollte nur ein Erwachsener mit Michel da hin gehen und da darüber hinaus Herr Rabe und Pippi zusammen einen sehr ausgedehnten Mittagsschlaf machte, packte ich Michel in den Fahrradanhänger und fuhr mit ihm zum Dom. 

Als wir ankamen wurden gerade die Ritter  gesegnet und ritten dann zum Festplatz, da wurde Michel schon leicht panisch, dass wir was verpassen würden. Wir waren dann trotz noch-Karten-kaufen-Müssens aber doch mehr als pünktlich an der Arena und bekamen auch gute Plätze mittig in der ersten Reihe. Kopfhörer auf und los ging es. 

Nach einigem Erkläre, was historisch die Ritterspiele bedeuteten (in erster Linie Training und Quatsch, dann verbot  irgendwann ein König, dass mit scharfen Waffen gekämpft wird, weil ihm zu viele Ritter dabei drauf gingen, seitdem gab es Helm-Gebot und stumpfe Lanzen aus Holz statt Metall), ging es los. Eine Art Hofnarr (nicht der peinlichen Sorte, und ich bin da sehr empfindlich) leitete durch die Wettbewerbe, die Ritter und Ritterinnen wurden mit ihren Pferden vorgestellt und dann prügelten sich erst mal die Knappen und demonstrierten Waffenlosen Kampf. Die Spiele waren in drei Runden unterteilt: Eine Runde Übung mit Lanze, Schwert und Speer, dann das was man so als Ritterturnier kennt, also aufeinander zureiten und den anderen mit der Lanze treffen, dann eine Runde Ringe einsammeln auf der Lanze. 

Alles sehr spannend.

Runde Eins: Wehrloses Obst mit Schwertern zerhacken und dabei aggressiv brüllen.


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Runde Drei: Ringe einsammeln gegeneinander.

Zwischen den Runden demonstrierten die Knappen noch Kampf mit verschiedenen Waffen und einen Kampf mit sehr unausgeglichenen Waffen, da hatte der eine nur ein Messer und der andere hatte ein Schwert, eine Axt, ein Schild und einen Speer. Natürlich gewann der mit dem Messer. 

Insgesamt muss ich sagen, es war ein tolles Spektakel und die 300 NOK taten mir lange nicht so leid wie nach einigen Kinofilmen. Der Unterhaltungswert war für Groß und Klein etwa gleich: ich fand die Kostüme toll gemacht, die Erzählungen informativ und unterhaltsam, die Pferde toll, die Leistungen beeindruckend und vor allem nichts Fremdschamerregend, Michel hatte einen Mordsspaß, fand alles total interessant und spannend und stellte eine Million Fragen. Am Ende sprang er wild herum und klatschte dabei unaufhörlich. Und er wollte ein Schwert. 

Am Schwertstand war die Hölle los. Michel hatte sich schon eins geschnappt, ich konnte den überforderten Verkäufer aber noch nicht mal sehen, so viele Leute waren da. Dann sah ich alle Leute um mich rum Bargeld rauskramen. Ich hatte keins. Ich sah auf Michel, das Schwert, die Leute, Michel, das Schwert… Und schappte mir Michel, samt Schwert. Ich erklärte ihm, dass wir das Schwert kurz ausleihen und Geld holen, dann zurückkommen und das Schwert bezahlen. Mit einem halb geklauten Schwert wanderten wir also durch die halbe Trondheimer Innenstadt auf der Suche nach einem Geldautomaten. Michel und ich wissen jetzt: wenn man mit dem Schwert dagegen haut, machen Straßenschilder und dergleichen *Pling* oder *Döng*, Laternen machen nur *Tokk*. Jedenfalls holten wir Geld, gingen zum Stand zurück, bezahlten das Schwert und schlenderten dann noch über den Mittelaltermarkt. Da prägten wir uns unsere eigene Silbermünze, das war auch echt cool, und dann ließ ich Michel nicht das Gesicht schminken, weil das 70 (!!!) NOK gekostet hätte, das war nicht ganz so cool. Tjanun. Unter Zuhilfenahme von gebrannten Mandeln lockte ich Michel zum Fahrrad zurück. 

Münze und Schwert.

Nach dem Markt wollten wir noch kurz in der Buchhandlung vorbei, da hatten wir nämlich gestern Pippis Trinkflasche vergessen. Vor der Buchhandlung trafen wir allerdings den Pokémon-fangenden Herrn Rabe samt schlafender Pippi. Die hatten die Flasche schon eingesammelt und wir beschlossen, noch ein Eis für Michel und einen Kaffee für mich zu holen. 

Und so gingen wir in einen SevenEleven, da hab ich nämlich ne Stempelkarte und der Kaffee schmeckt auch. Michel ging direkt zum Frozen Joghurt Spender. Er wollte Schokolade. Ich drückte, es kam nichts. Leer. Michel war enttäuscht. Dann eben Erdbeer. Ich drückte. Es kam nichts. Auch leer. Michel fing an zu weinen. Er wollte Erdbeereis. Ich erklärte ihm, es sei leider alle. Er schmiss sich auf den Boden. Traurig, weinend, schreulend. Der Ladenheini kam an und bot Vanille an, das sei noch da. Michel schreulte (auf Deutsch), dass er „Blumen-Eis“ nicht wolle, nur Erdbeer. (Das mit den Blumen kommt vom Joghurt: da sind bei Vanillegeschmack immer die Blüten abgebildet.) Ich schaffte es, ihn etwas zu beruhigen und schleppte ihn zur Eistruhe. Bot ihm an, er könne sich was aussuchen. Auch so Erdbeereis in der Waffel, das mag er sonst super gerne. Nein. So Erdbeer-Joghurt-Eis, sonst nichts. Er schmiss sich wieder auf den Boden. Ich erklärte ihm, ich ginge jetzt erst den Kaffee bezahlen, dann könnten wir weiter sehen. Michel tobte und schrie. Menschen sahen uns an. Ich bezahlte meinen Kaffee und noch eine Bolle für Pippi. Michel kreischte inzwischen ziemlich herum und steigerte sich voll in den Wutanfall rein. Schlug um sich. Trat gegen Sachen. Ich stellte die Kaffeemaschine an und brachte Michel raus zu Herrn Rabe. Michel brüllte und schrie und tobte und kreischte und warf sich auf den Boden. Mitten in der Fußgängerzone. Herr Rabe erklärte. Er könne ein anderes Eis haben, das Joghurteis sei eben alle. Michel wälzte sich im Dreck, Menschen sahen uns an, Menschen dachten Dinge über uns, es war mir egal. Überhaupt waren Herr Rabe und ich total ruhig die meiste Zeit (bis Michel aus Wut und Überforderung anfing, uns zu schlagen und zu treten, da wurde der Ton kurzzeitig etwas schärfer), wir konnten es ja tatsächlich einfach nicht ändern. Immer wieder boten wir ihm das sonst so geliebte Erdbeereis in der Waffel an, aber es war zwecklos. Inzwischen hatte sich so ziemlich die gesamte Trondheimer Innenstadt ihr Urteil über unsere Elterlichen Fähigkeiten gebildet, mein Kaffee war ausgetrunken, ein Aufhören des Tobsuchtsanfalls nicht in Sicht. Michel trat weiterhin auf Bäume ein, hysterisch „Erdbeereis!!!“ kreischend. Wir stellten ihm ein Ultimatum: Waffeleis oder nach Hause auf drei. Er kreischte weiter „ERDBEEREIS!!!“. Herr Rabe steckte ihn in den Wagen. Mit einem Anhänger, aus dem es schrill „LASS MICH RAUS! LASS MICH RAUS!!! ERDBEEREIS! LASS MICH RAUS!“ tönte, fuhr ich los. (Anmerkung: er kann die Gurte des Anhängers sehr wohl selbst lösen. Aber es klingt ohne dem nicht so schön dramatisch.) Nach zweihundert Metern ebbte das Geschrei etwas ab. Nach zweihundertfünfzig Metern rief er schluchzend: „Ich mir überlegt! Ich will doch Waffeleis!“. Versprochen ist Versprochen. Also hielt ich beim Supermarkt, holte das rotgeheulte Kind aus dem Wagen und kaufte ihm unter den verständnislosen Blicken der gleichen Passanten, die den Anfall in der Fußgängerzone bezeugt hatten, ein Eis. 

Das Ende des bisher schlimmsten Wutanfalls ever.


Ich hatte es ja versprochen. Und er tat mir auch wirklich leid. Also sowohl, dass das Joghurteis alle war, als auch dass er sich in seiner Wut sicher unverstanden gefühlt hat. Nun ist es aber ja gleichzeitig so, dass so extreme Wutanfälle auch einfach nicht nachvollziehbar sind, da kann ich also auch kein Verständnis für die Wut zeigen, ab einem gewissen Grad. Da kann ich nur anbieten, was ich anbieten kann: das andere Eis, Trost, Nähe. Wenn das alles nicht gewollt wird, kann ich noch da sein und aushalten. Und mich in Teflon-Manier üben, was die Blicke und Sprüche der Anderen angeht. 

Puh. Was ein Tag. (Der Rest davon lief dann wieder recht harmonisch ab. Und das obwohl ich noch einen Ritterhelm gebastelt habe!)