Tag 2333 – Alte Routinen ausgraben.

Eigentlich hatten die Jobreise-Routinen ja kaum Zeit, welche zu werden, bevor Pandemie losging. Und naja, das Packen hätte schneller gehen können, aber es war auch schon mal schlimmer. Da ich zum ersten Mal mit dem eigenen (!) Auto fahre, muss ich auch keinen Platz sparen und nichts umfüllen außer Shampoo, weil das hier im Haus alle benutzen. Ich habe sogar kurz überlegt, meine Geige mitzunehmen, das dann aber wegen dünner Hotelwände und eh abends meistens wenig Zeit verworfen. Stattdessen habe ich Nagellack mitgenommen, das müsste bei der Firma nächste Woche kein Problem darstellen und ich werde ja bis Freitag auch nicht Geige spielen. Heute habe ich noch mal ausgiebig geübt und das sehr genossen. Anders als Freitag nach der Arbeit, als irgendwie nichts funktionieren wollte, ging heute vieles wieder recht gut bis „ ich mache die Augen beim spielen unwillkürlich zu“.

Worauf ich mich freue: vier Nächte allein in einem Doppelbett, mit Fenster auf. Letzte Nacht schlief ich so und es war königinnenlich, ich hab so gut geschlafen wie seit langem nicht mehr. (Natürlich ist es trotzdem schön, dass Herr Rabe wieder da ist.)

Tag 2332 – Hadern.

Die guten Dinge zuerst: Michel hatte heute Distriktsmeisterschaft im Korps-Musizieren und das war sehr gelungen. Wenn auch früh. Michels Korps trat in der Anwärterklasse an, da bekommen noch alle einen Preis und alle machen den 1. Platz und alles ist insgesamt ganz pädagogisch wertvoll. Aber das ist ja auch richtig so, wenn man schon dringend so Meisterschaften haben muss, muss man den Kindern ja nicht direkt alle Spielfreude nehmen, indem man ihnen an den Kopf knallt, dass das Schlagwerk rennt, die Posaunen schleppen und die eine Klarinette quiekt. So konnten die Kinder ein bisschen Bühnenluft atmen, ein bisschen Wettbewerb haben und vor allem Spaß haben. Michels Korps war der allerkleinste, aber wir sind ja auch ein Kaff. Michel hat das, trotz aller Aufregung, super gemacht und ist direkt bestimmt einen Meter gewachsen.

Ich denke dann einfach nicht weiter drüber nach, warum Norwegen, wo doch alle gleich sind, nahezu zwanghaft Wettbewerbe in allem haben muss.

Ich hingegen hadere mit mir. Wahrscheinlich ist das immer noch eine Nachwirkung von gestern und auch heute, jede Aktion isoliert wäre vielleicht noch gegangen, aber beide waren viel zu viel. Auf dem Rückweg hätte ich am liebsten beide Kinder bei Burger King vergessen, weil die einfach viel zu laut und zu lebhaft waren. Es sind halt Kinder! It’s not them, it’s me. Von dem Gruppenspaziergang noch erschöpft mit zu wenig Schlaf in Räume voller Menschen, zwei eigene kleine Menschen dabei, die Aufmerksamkeit wollen und brauchen (und so Dinge wie essen, trinken, Klo, das wollen die ja auch ständig, können die das nicht unterdrücken, wie Mama? Spaß, aber nur zum Teil.), eng gesteckte Zeitpläne und dann auch noch mit allen möglichen Leuten reden müssen und möglichst niemanden anschreien, weil MUSS DAS KIND DENN JETZT GENAU HIER WEINEN oder MEINE FRESSE PUTZ DEINE NASE UND WARUM BIST DU MIT LAUFENDER NASE ÜBERHAUPT UNTER MENSCHEN??? Ich schreie innerlich und danach gehe ich ins Bett. Ich habe noch mal drei Stunden geschlafen und war auch den Rest des Tages wahrlich nicht mein sozialstes Selbst. Vermutlich wirkte ich beim Einkaufen sogar ziemlich unhöflich, aber mehr Konversation als „Hallo“, „Nein“ (zur Tüte) und „Ja“ (zum Kassenbon) war einfach nicht drin. Vielleicht sollte ich mir ein Schild basteln „sorry, Worte sind für heute aus“.

Und mal ehrlich: das ist doch irgendwie auch ziemlich kacke. Es kann doch nicht sein, dass ich mich von einem Spaziergang mit einer Handvoll Leute (die ich halbwegs gut kenne und mag) und ein paar netten Gesprächen zu nicht-fachlichen Themen erst mal tagelang erholen muss. Ist das mein neues Leben? Freitag bin ich auf einer kleinen Geburtstagsfeier, also kann ich den Rest des Wochenendes abschreiben für alles außer schlafen? Treffen nur noch 1:1, maximal 1:2? Ist alles wenig erquicklich, ich bin ja gleichzeitig keine Eremitin. Warum hat Mama drinnen eine Sonnenbrille auf und Kopfhörer drin? Ach, sie hat bloß mit ihren Kollegen Mittag gegessen und muss sich jetzt abschirmen, damit sie nicht ausflippt oder irgendwo einschläft.

Das war doch früher nicht so extrem? Es soll wieder wie früher sein.

Tag 2330 – Ende 30.

Die Welt geht vor die Hunde, Baby, aber Leute haben trotzdem Geburtstag, sogar so signifikante Geburtstage wie der 37. passieren täglich überall auf der Welt.

Ich finde älter werden weiterhin im Großen und Ganzen gut. Die Haare werden grau, das Gesucht wird ein bisschen faltig, der Bauch, der Po und die Arme werden weicher (gut, das würde mehr Training vermutlich richten, ähäm). All das ist gut. Wehwehchen, hier mal Rücken, da mal Knie, werden schleichend mehr, das ist nicht so schön. Was aber eigentlich am Besten ist, ist, dass mir, ebenfalls schleichend, eine innere Scheißegalhaltung gegenüber äußeren Erwartungen wächst. Man kann’s eh nicht allen recht machen und der Versuch ist voll anstrengend, warum sollte ich das also tun? Bester Effekt des Älterwerdens. Wer weiß, vielleicht schaffe ich es sogar noch bis zum 20. Abijubiläum, die so weit auszubauen, dass ich da hin gehe und nicht, wie beim 10. den Organisatoren mit „eher schieße ich mir in den Fuß“ antworte.

Geburtstag war so weit allerdings unspektakulär. Ich habe mich sehr über viele Glückwünsche gefreut und mein bestes Geschenk ist ein sehr kleiner Kaktus/Sukkulent in Herzform von Michel, sowie dass sich die Kinder damit angefreundet haben, Essen zu gehen, und sich dort sogar benommen haben. Pippi hat der Bedienung im indischen Restaurant ein deutsches Buch vorgelesen, das war schon ziemlich niedlich. Der Kuchen ist lecker, wenn auch die Glasur nicht gut temperiert war und nicht knackig wurde. Herr Rabe hat sich um alle Kaffees des Tages gekümmert und war mit Michel beim Zahnarzt. Ich habe in Frieden gearbeitet und habe im Flow auch noch ein Meeting vergessen.

(Derweil behauptet der Kriegsverbrecher, er hätte von dem Krankenhaus gar nichts gewusst und überhaupt würde man keine Zivilisten angreifen. Ich habe keine Worte mehr für diese Abscheulichkeit.)

Tag 2329 – Ein bisschen Vorfreude.

Realitätsflucht Kuchen backen, weil ich Geburtstag habe. Morgen.

Derweil bombardiert der Kriegsverbrecher Kinderkrankenhäuser*.

Draußen kamen heute fast schon Frühlingsgefühle auf. Was eine signifikante Anzahl Tageslichtstunden so ausmacht, ist doch immer wieder verwunderlich. Es ist ja weiterhin alles mit einer dicken Schicht Eis bedeckt.

Sprich: im Kleinen alles prima, im Großen alles furchtbar.

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*nicht von unabhängigen Quellen verifizierte Information

Tag 2327 – Lachs.

Neue Sitzplatzordnung (aka „feste Base, freie Platzwahl“) ausprobiert. War so geht so. Technische Schwierigkeiten, ich will meinen Stuhl wirklich WIRKLICH gerne behalten, und permanentes Umstellen des PC von lautlos (im Großraumbüro) auf Ton (in Gesprächen über Teams) nervt und wird dauernd vergessen. Wir werden sehen, was das für eine neue Routine wird.

Dafür aber gut: kein Gemecker wegen normalen Gesprächen zwischen Kolleg*Innen. Ich hege die leise (no pun intended) Hoffnung, dass Atmen und gelegentliches Frustschnauben über die Technik auf unserer neuen Etage erlaubt sein wird. Auch gut, dass ich den ganzen Tag über produktiv war, unter den Augen der Kolleg*Innen.

Die Lieblingskollegin hat Covid und es geht ihr schlecht. Wir haben nächste Woche Inspektion zusammen geplant, da weiß ich jetzt auch nicht so ganz, was ich machen soll. Die Lieblingskollegin hat es außerdem entweder aus dem Büro oder vom Weg ins Büro, weil sie sonst niemanden trifft. Das ist natürlich extra bitter. Immerhin war es nicht ich, weil ich ja letzte Woche aus Trotz gar nicht im Büro war.

Zu Hause erwartete mich mein neuer Pass. In einer Farbe, die ich irgendwie nicht erwartet hatte. Aber man kann wohl kaum den Pass (und alles damit zusammenhängende) zurückgeben, weil einer die Farbe nicht gefällt?

Auf dem Bild kommt es nicht so ganz rüber, aber die Farbe ist die von ordentlich mit Farbstoff gefüttertem, norwegischen Zuchtlachs.

Von der Farbe abgesehen: wie effizient ist bitte die norwegische Passproduktion? Von Antrag bis ID-Karte im Briefkasten waren es 4 Werktage, bis zum Pass 6 Werktage. Man muss halt erst mal nen Termin kriegen, aber da ist es ja fast echt eine Option, in irgendeine Distriktskommune zu gurken, statt mehrere Monate auf einen Termin in Oslo zu warten. Das soll jetzt nicht heißen, dass Hamar ein Kaff ist! Von uns aus gesehen ist Hamar eine große Stadt. Hat immerhin mit seinen 31500 Einwohnenden fast 1/5 mehr als wir und es hat eine Uni! Quasi eine Metropole.

Tag 2326 – Wochenendausklang.

Muss echt schon wieder fast Montag sein? Uff.

Gestern waren Pippi und ich übrigens auf einem Kindergeburtstag, das war, wo ich übertrieben habe. Pippis Freundin, die auf die französische Schule in Oslo geht, hatte Geburtstag, und es waren gefühlt 300 (in echt so 5?) andere Kinder dieser Schule da, sowie die zwei Eltern, die sie gefahren hatten. Die französischsprachigen Kinder sind, gemessen an norwegischen Kindern, laut und wild und die Eltern tiefenentspannt und lassen sie halt ölen. Kein Entertainmentprogramm, dafür mehr Zeit und hinterher sah es halt aus, als hätten 7 Kinder wild gefeiert, während die Eltern Kaffee tranken. Ich blieb mit Pippi dort, weil die anderen Eltern nett und interessant schienen und Pippi bis auf ihre Freundin keine anderen Kinder kannte. Die anderen Eltern waren tatsächlich nett und interessant. Es passiert nicht so oft, dass ich geballt auf mehrere (ebenfalls) sehr gebildete, intelligente und herumgekommene Erwachsene treffe, die auch noch alle einen unterschiedlichen Hintergrund haben. Menschen schicken ihre Kinder auch aus völlig unterschiedlichen Gründen auf eine französische Schule, weiß ich jetzt. Pippis Freundin ist dort, weil ihre Familie Französisch spricht und ihr Vater selbst auf einer französischen Schule war. Ihre Mutter hat in Paris studiert. Beide Eltern haben aber andere (und unterschiedliche) Muttersprachen. Ein weiteres Kind, das da war, ist Tochter eines Botschafters aus einem französischsprachigen Land. Die Kinder einer Mutter, die gefahren war, sind auf der Schule, weil der Vater der Kinder auch auf einer französischen Schule gewesen war, der dort war, weil wiederum dessen kommunistischer Vater eine säkulare Schule wünschte, was in Francos Spanien nicht so ohne Weiteres möglich war. Die Kinder eines Vaters, der gefahren war, sind hauptsächlich dort, weil sie die nächstgelegene Schule ist. Der Vater hat den größten Teil seiner Schulzeit in Kanada gelebt, kann also auch Französisch, aber sie wohnen halt neben der Schule.

Dementsprechend gemischt ist auch das Norwegisch der Kinder und in Gegensatz zu uns Erwachsenen können die sich ja nicht problemlos auf Englisch unterhalten, aber es klappte tatsächlich ganz gut, Pippi zu integrieren. Ich integriere mich bei sowas ja wundersamer Weise immer problemlos, muss mich aber hinterher hinlegen. Aber es war wirklich nett und auch gut, mal erwachsene Gespräche zu führen mit anderen, die nicht ausschließlich den norwegischen Blickwinkel mitbringen. Gerade jetzt. Heute verdaue ich aber immer noch daran herum und morgen muss ich ins Büro und schon wieder Leute treffen, mimimi.

Was mir bei mimimi einfällt: ich habe gar nicht erzählt, wie es mit dem Schweinchen und seinem Gnubbel am Po weiterging. Nachdem der Chirurg sich von einer Covid-Infektion erholt hatte, wurde der Gnubbel Mittwoch entfernt. Sie wollen nicht wissen, was das gekostet hat, ich sage mal so: das Pflaster, das danach auf dem Schweinepo klebte, hätte eigentlich auch aus reinem Gold sein können bei dem Preis. Haustiere haben ist ne schlechte Idee bei strammem Budget. Mittwoch nachmittag holte ich ein leicht desorientiertes, aber sonst fittes, Meerschwein ohne Gnubbel vom Tierarzt ab, das auf seinem rasierten Po ein fettes Pflaster kleben hatte (why???). Erwartungsgemäß hielt das Pflaster nicht lange, aber ich hab ja liebe Schweinchen, die nicht an ihre Wunden gehen. Und jetzt habe ich ein beleidigtes Schwein ohne Gnubbel, das nicht lustig fand, täglich aus dem Käfig gefischt zu werden, um Schmerzmittel zu bekommen. Mit einer fetten Narbe, die aber gut zu heilen scheint und einer einseitig rasierten Pobacke. Es ist erstaunlich, wie viel Fell diese Klöpse haben, wenn man es dann mal stellenweise entfernt. Aber es ist ja auch Winter, wer weiß, vielleicht schneit es plötzlich im Wohnzimmer. Jetzt hoffen wir auf ein paar Gnubbelfreie Jahre, das wäre schön. Es soll ja auch eigentlich gerne wieder ein drittes einziehen, aber ich finde immer nur Jungtiere aus unseriösen Quellen und mich da jetzt groß in der norwegischen Meerschweinwelt vernetzen, uff, nee. (Sind eh hauptsächlich Züchter*Innen.)