Tag 2240 – Überraschung.

Norwegens Gesundheits-Spitzen-Das-Sagen-Habende sind total überrascht, dass ohne Maßnahmen Delta einfach mal quer durch die Ungeimpften rollt. Jeden Tag neue Rekorde, Schulen komplett durchseucht, Testsystem bricht zusammen, die Krankenhäuser füllen sich und das konnte man alles seit Wochen kommen sehen, aber jetzt sind plötzlich alle total überrascht. Also nicht alle, denn wer mal kurz sein Hirn eingeschaltet hat in letzter Zeit, kann jetzt eigentlich nicht überrascht sein. Aber die ganz oben genannten Personen sind alle überrascht und haben folglich ihr Hirn in letzter Zeit nicht aktiv benutzt, so sie denn eines besitzen. Inzwischen zweifle ich dran.

Derweil säuft man im Werk wieder unter zweifelhaften Bedingungen redestillierte Lösemittel und plant die Rückkehr ins Büro ab Oktober und dass wir bis dahin umgebaut oder zumindest umgeräumt haben, und einen total hyggeligen Ausflug mit Übernachtung für alle, im Oktober oder November. Echt wahr. Ich scherze nicht.

Ich weiß nicht, was die angemessene Reaktion auf sowas alles ist und begnüge mich mit verständnislosem Kopfschütteln und der Erkenntnis, dass alle unter massivem Realitätsverlust leiden.

Tag 2238 und 2239 – Im Kaninchenbau.

Eigentlich könnte ich vermutlich die nächsten Tage auch gleich mit drauf schreiben. Es kommt grad vieles zusammen: Inspektion generell (viel Arbeit), erste on-site Inspektion seit fast einem Jahr (aufregend!), sehr viele Menschen auf einmal, sehr enger Kontakt mit Menschen, die ich seit vielen Monaten nur auf Bildschirmen gesehen habe und dass ich all das auch vermisst habe.

Trotzdem schlaucht das natürlich ungemein. Gestern bin ich abends über einer Folge RuPauls Drag Race eingeschlafen und habe dann beschlossen, nicht zu bloggen sondern einfach das Licht auszuschalten.

Anekdoten:

  • Meine Kollegin wurde bereits Mette-Marit genannt. Die Ähnlichkeit ist, äh, frappierend, oder so, so wie bei Äpfeln und Melonen ca.
  • Heute haben wir in schicker Krankenpflegekluft gearbeitet
  • Ich habe zwar alles Metall aus meinen Ohren entfernt bekommen, aber den einen Ring kriege ich nicht mehr rein
  • Eigentlich hätte ich hier nur ein paar Socken mit hinnehmen müssen (merken für‘s nächste Mal)
  • Es gibt hier zwei brauchbare Restaurants, plus das Hotelrestaurant, aber der Koch des Hotelrestaurants ist krank, also fällt das weg. Es gibt also wohl 2 x Pizza und 2 x Sushi.

Ich lieb meinen Job sehr. Er ist bekloppt aber liebenswert.

___

Norwegen hat binnen einer Woche Dänemark und Schweden überholt und ist jetzt Pandemie-Erster aber wir haben die Pandemie überhaupt nicht losgelassen, nein nein! Üüüüüberhaupt gar nicht! (Hier hartes Augenzucken vorstellen.)

Tag 2237 – Hotelzimmer(-aussichten) postpandemisch neu gezählt 1.

Hahahaha wie lustig ich bin, postpandemisch. As if, 1. ist Norwegen nicht der Nabel der Welt, 2. rollt auch hier die Kinderwelle ja grad erst an und auch hier versucht man nicht mal, sie zu bremsen, und ich darf da gar nicht so viel drüber nachdenken, sonst will ich einfach nur noch alles kurz und klein hacken.

Jedenfalls bin ich seit Ewigkeiten mal wieder in einem Hotel und hab ein super Zimmer.

Da ist sogar ein Sofa hinter meinem Bett!

Allerdings ist dieses Ding „Jobbreise“ so aufregend nach so langer Zeit, dass ich direkt erst mal eine ordentliche Migräne bekommen habe und dann sind drei Stunden im Auto gar nicht mal so schön. Langsam wirken aber die Medikamente, außerdem bin ich frisch geduscht in einem Bett ohne weitere Menschen und ich glaub, ich werd jetzt einfach schlafen wie ein Stein, es liegt eine arbeitsreiche Woche vor uns.

Tag 2235 – Gras und ein halber Zoo.

Herr Rabe befindet sich dieses Wochenende auf einem Field Trip mit seiner Arbeit, sie machen lauter Sachen, die reiche Boomer jung gebliebene, erfolgreiche Geschäftsleute gut und hip finden, wir Rafting und auf Berge steigen. Michel hofft, dass sich Herr Rabe dabei keinen Fuß bricht, das hoffen wir natürlich alle. Mein Kollege bezeichnete mich deshalb heute als „Graswitwe“ und es dauerte ein bisschen, bis ich schnallte, dass das wohl das norwegische Wort für Strohwitwe sein muss. Dann scherzten wir ein bisschen vorfeierabendlich herum und ich dachte im Nachhinein noch darüber nach und bleibe dabei, was ich ihm sagte: im Vergleich zu vielen Müttern, die ich kenne, wird mein (großes) Bedürfnis nach Alleinzeit hier eigentlich schon recht gut respektiert, deshalb bin ich auch nicht „froh“ dass Herr Rabe aus dem Haus ist. Ich freue mich für ihn, dass er raus kommt und Boomerdinge tut, und ich schaukele das hier zu Hause schon, aber ich freue mich nicht über mehr Alleinzeit. Herr Rabe nervt ja nicht.

Wo das gesagt ist, muss ich aber wenigstens erwähnen, dass ich „mein“ Bett, in dem ich theoretisch ja heute Nacht total viel Platz hätte, mit zwei Kindern und einem halben Zoo aus Kuscheltieren teile. Das hat Gründe, die viel mit sehr müden Kindern und Dingen, die anders sind als immer, zu tun haben, aber so richtig mega begeistert bin ich darüber nicht. Jetzt gerade hat Pippi Herrn Rabes Hälfte vom Bett, während Michel halb auf mir und halb auf seinem riesigen Kuscheltier „Bunti“ liegt.

Aber was soll‘s. Ich bin ab Sonntag sechs Nächte in einem Hotel und da sind keine anderen Menschen in meinem Bett, da kann ich nach- und vorschlafen.

Tag 2234 – Orakunke.

Heute Mittag sagte ich noch zu meiner Kollegin: es fehlt noch, dass Erna oder Høie ne Pressekonferenz ankündigen, Zack, war ne Stunde später ne Pressekonferenz angekündigt (von Høie). Die 4. Welle ist da (die, die vor ein paar Wochen noch „nicht sicher“ war, ob sie überhaupt kommt, weil hier ja Andersland ist und wir magisch davor gefeit sind einfach durch Willenskraft und Wollunterwäsche!) und bricht jetzt schon alle Rekorde. Das spitzenmäßig ausgedachte System, Kontakte von Menschen U18 zu testen statt (!) zu isolieren, bricht nach nur einer Woche schon in den größeren Städten zusammen, weil, Überraschung, Jugendliche ohne irgendwelche Begrenzungen dann schnell mal 200 Kontakte haben – Schule, Sport, Hobby, Freunde, Nebenjob, you name it.

Aber wie ich auch zu meiner Kollegin und meinem Kollegen sagte: zu befürchten haben wir wohl eher nichts (in Bezug auf die Inspektion nächste Woche), denn die Regierung wird vermutlich keine neuen nationalen Maßnahmen verhängen, sondern das schön auf die neue Regierung abwälzen. Vermutlich wird eine der ersten Aktionen einer neuen Regierung sein, dicht zu machen, weil es dann doch viel ist, wenn alle Kinder gleichzeitig krank werden.

Andererseits: das wäre dann jetzt potentiell das dritte mal, dass zugemacht wird, während ich auf einer Inspektion bin. So spannend! Vielleicht kriege ich die Hand ja sogar in dieser Pandemie noch voll. Ich bin da inzwischen etwas abgestumpft und zur Zeit ziemlich zynisch statt nur resigniert. Ich mach’s mir halt im Homeoffice schön und hoffe darauf, dass meine Kinder glimpflich durch die Coronainfektion kommen.

May the odds und so weiter.

Tag 2233 – Effekt.

Es könnte alles schlimmer sein, aber ich merke schon, dass ich gestern diese Impfung bekommen habe. Der Arm tut weh, der Rest tut auch weh und ich bin schon den ganzen Tag hundemüde.

Leider (1) muss ich jetzt auch schnell schlafen, weil ich morgen super früh ins Krankenhaus (argh!) fahren muss, um eine Blutprobe zu nehmen. Die Levaxintabletten habe ich vorsorglich schon weit weg getan und in meinen Rucksack gelegt.

Leider (2) muss ich noch kurz was arbeiten, aus Gründen. Abspazieren ist nicht, stattdessen sind Überstunden angesagt (immerhin bezahlt).

Leider (3) schießen die Infektionszahlen hier in die Höhe, kein Wunder, bei Schulen auf grünem Niveau. Die Welle wird nun ein Mal durch die ungeimpften Gruppen ziehen, hier in Norwegen sind das hauptsächlich Menschen unter 18. Aber dafür auch einfach mal alle Menschen unter 18, minus der Handvoll 12-18-Jähriger, die so schwere Vorerkrankungen haben, dass sie bereits geimpft wurden. Und da dürften auch viele Immunsupprimierte bei sein, die keinen ausreichenden Impfeffekt haben. Es ist zum Heulen. May the odds be ever in our favor.

Tag 2232 – Gute Nacht.

Den Termin für meine 2. Impfdosis hatte ich ja nicht in den Kalender eingetragen, weil ich davon ausging, dass der noch geändert wird. Den Sommer über gab es dann immer mal wieder Nachrichten über mehr oder weniger Impfstoff, aber da hatte ich ja eh andere Sorgen. Dann kam die Regierung (Wahlkampf!) mit YEAH ALLES SUPI ÖFFNUNG FRÜHER WIR IMPFEN ALLE ZWEI WOCHEN FRÜHER! um die Ecke, um Freude und Sonnenschein unter dem Volk zu verteilen, und ich machte mich bereit, dass der Impftermin verschoben würde. Die Kommune sagte da aber noch: näääää, keine Lust, voll viel Arbeit diese Terminverschieberei (ehrlich wahr, sie drückten es nur gewählter aus). Dann kam Polen und gab uns eine Million extra Dosen, und dann kam die SMS, ich könne, wenn ich wolle, den Impftermin ändern. Und deshalb war ich jetzt doch zwei Wochen früher dran. Hurra.

Mit Herzchen! (Weil ich Beta-Blocker nehme.)

Wie erwartet, geht es mir seit ein paar Stunden zunehmend nicht so super, ich fühle mich, als würd ich was ausbrüten, mit Gliederschmerzen an den seltsamsten Stellen und großer Müdigkeit. Auf Anraten der Dame, die die Spritze setzte, nahm ich eben zwei Paracetamol und liege jetzt im Bett und werde hoffentlich die heiße Phase der Immunantwort einfach verpennen. Und wenn nicht, ist es immer noch besser, als richtiges Covid zu kriegen.

Tag 2231 – Schläft wie ein Baby.

Michel hat seit frühesten Babyzeiten (nein, das stimmt nicht, Michel hat als Baby viel und friedlich geschlafen, aber so ab einem Jahr) scheinbar perfektioniert, tief und fest zu schlafen, solange wir daneben sitzen, aber sobald man auch nur dran denkt, sich mal langsam aus seinem Bett zu schleichen, aufzuwachen. Natürlich kann er dann nicht mehr einschlafen. Adé, Erwachsenenzeit, adé, freie Abende. Liebe Eltern von Babies: es wird nicht besser. Es wird anders, die Beine, die man nachts abbekommt, werden länger, die Arme, die einem unvermittelt ins Gesicht klatschen, ebenfalls, das gelegentliche Reden im Schlaf wird wirrer. Ansonsten bleibt das alles im Großen und Ganzen so. Ein Teil von mir wünscht sich heute, das Schlaftraining mit einem Jahr doch gemacht zu haben, einen Achtjährigen schlaftrainiert man nämlich nicht mehr, der Zug ist vor langer Zeit abgefahren.

Mann, was freue ich mich auf eine Woche Dienstreise nächste Woche. Garantiert kein Kind im Bett.

Japp, den Mutterorden kriege ich heute auch nicht, aber ich begleite hier total verständnisvoll seit Wochen jeden Abend stundenlang dieses Gerödel und schlafe am Ende doch mit Kind im Bett und deshalb ausgesprochen schlecht und ich hätte echt gern mal wieder einen Abend, an dem ich einfach mit Herrn Rabe auf dem Sofa gammeln kann. So. Grad stinkt mir das und das muss mal raus.

P.S. Michel kann da nichts für, das denke ich auch nicht, auch nicht, dass er das mit Absicht oder auch nur willentlich macht, ich bin nur völlig ratlos, weil nichts „hilft“ und er braucht den Schlaf eigentlich wirklich, genau wie wir alle.