Tag 2010 – Unsichtbar weiß.

Meine Haare werden in rapidem Tempo weiß. Das ist schon ok so, ich erhoffe mir ja mit sichtbar fortschreitendem Alter eine entsprechend seriösere Erscheinung, das kann als Inspektørin definitiv nicht schaden. Was mich allerdings ein bisschen betrübt, ist dass das auf Bildern nicht sichtbar ist, Sie müssen mir das also einfach glauben. Es sind jedenfalls inzwischen ziemlich viele weiße Haare zwischen den blonden. Bei Herrn Rabe auch, bei dem fällt das nur natürlich gegen die dunkelbraunen Haare viel mehr auf.

Michel haben wir heute versucht weiszumachen, dass man vom Durchmachen graue Haare und Falten bekommt. Er wollte nämlich wissen, ob wir schon mal durchgemacht hätten. „Früher, als wir noch jünger und cooler waren, da ja.“ sagten wir, „Und jetzt guck uns an, jetzt sind wir alt!“, „Ja, das kommt alles vom Durchmachen!“ Aber Michel wäre nicht Michel, wenn er uns das wirklich abkaufen würde. Wir hoffen mal stark, dass wir noch acht bis zehn Jahre Zeit haben, bis unsere Kinder die Nächte durchmachen.

Ich denke, die grauen Haare kommen hauptsächlich vom Alter. Die Falten auch. Und vielleicht ein bisschen von Kindern, Covid und Co. Schon ok so.

Tag 2009 – Viel zu spät!

Wir wollten nur eine Folge Discovery gucken und dann wurden es die letzten drei der dritten Staffel. Spannend war’s, und schön auch. Am Ende wird alles gut, hach. (Ich geb’s zu, ich hab einen schlimmen Happy End-Drang und Geschichten mit traurigem oder gar offenem Ende verfolgen mich ewig.)

2009 haben Herr Rabe und ich geheiratet und jetzt, äh, drei Jahre später, versacken wir immer noch zusammen vorm Fernseher.

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Ansonsten war heute Entwicklungsgespräch mit Michels Lehrerin und Michel, über Teams und Michel ist schon ein super Kerl. Und ich werd nicht müde, die Lehrerin zu lobhudeln, aber die hat so eine nette und trotzdem verbindliche Art, mit Michel zu kommunizieren, das ist ganz faszinierend zu sehen. Da hört er zu, ohne bei Kritik gleich auszuflippen und dicht zu machen. Es ist Zauberei! Anders kann ich mir das nicht erklären. Michel ist jedenfalls in ungefähr allem total gut in der Schule, muss nur noch aufpassen, dass er „wenn viele Gedanken aus seinem Kopf wollen“ nicht beim Schreiben schludert („dann fliegen die Buchstaben in voller Fahrt von der Linie“). Das habe ich auch schon bemerkt, hätte das aber eher als Sauklaue bezeichnet oder halt als Schludrigkeit, und deshalb bin ich auch nicht Grundschullehrerin, sondern sie.

Tag 2008 – Grummelstimmung.

Der Tag fünf für mich mit einem Meeting an, das ich, zu allem Überfluss vergessen hatte. Wenn ich muss, schaffe ich es innerhalb 20 Minuten aus dem Schlafanzug über die Dusche bis geschminkt an den Schreibtisch. Ein Hoch auf Homeoffice. Das Meeting war trotzdem richtig RICHTIG doof, Behörde galore, manchmal macht mich das ja schon fertig. Dass Herr Rabe kurzfristig einspringen und Pippi zum Kkndergarten fahren musste, machte ein schlechtes Gewissen bei mir und alles nicht besser.

Dann las ich ziemlich viel auf meinem Nettbrett [tablet] und versuchte mit der Schrifterkennung warm zu werden – erfolglos. Dann war auch noch der Stift sehr schnell leer, so, liebes Nettbrett, wird das leider nichts mit den Inspektionen. Da brauche ich Akku für 8 Stunden, sowohl im Nettbrett als auch im Stift. Man hätte das vermeiden können, dass ich mich jetzt drüber ärgere, wenn man einfach nach der spec gekauft hätte, die ich erstellt hatte, alternativ mir schonend beigebracht hätte, dass es solch Wundergerät nicht zu kaufen gibt, hat man aber nicht. Man hat nur Nettbrett gelesen und eins bestellt. Hrmpf.

Nachmittags flatterte dann noch ein Antrag auf Dokumenteneinsicht rein (hasse das. Da muss man alles für stehen und liegen lassen wegen absurd kurzer Fristen und hinterher ist niemand so richtig zufrieden) sowie eine email mit „kannst du das beantworten?“ die ich reflexhaft mit nein beantworten wollte, dann seufzend den Vertrag zwischen der EU und UK aufmachte, dort eine halbe Stunde in den Annexes las, und schlussendlich meine Chefin anrief und „nein“ sagen musste, „nein, keine Ahnung, sorry“.

Btw: die EWR-Staaten haben keinen Vertrag mit UK. Nur die EU hat einen. Theoretisch ist UK für Norwegen nun auf der gleichen Stufe wie Indien, Guatemala oder Weißrussland. Es ist zum Mäusemelken. Ich hoffte nur, im Vertrag vielleicht die Antwort zu finden *wenn wir denn nen Vertrag hätten*. Aber leider nein, leider gar nicht.

(Lichtblick: der Kollege, der alles weiß, war für mich sogar noch nach einem Zehnstündigen Inspektionstag (per Videokonferenz, mit einem Hersteller in einer komplett anderen Zeitzone) zu sprechen, weiß auch keine Antwort, und empfahl mir noch eine weitere Gesprächsperson. Die werd ich dann morgen mal anhauen, ob die ne Idee hat.)

So war das heute.

Sehr viel Liebe für Herrn Rabe, der abends noch eine Tiefkühlpizza geholt hat, damit seine Frau wegen „Abend“-Essen um halb fünf nicht um halb zehn vor Hunger vom Stuhl kippt.

Tag 2007 – Still homeofficeing.

So langsam reagiere ich ein bisschen allergisch auf die Frage „wie läufts bei euch“, weil halt. Läuft, muss ja, aber dieses extreme homehocking macht mich fertig. Ich meine – unser Team hat die Teams-Meeting-Phase erreicht, in der wir nicht mal mehr den verschwommenen Hintergrund einsetzen, sollen doch alle die Hochzeitsbilder, Zimmerpflanzen und Bücherregale im Hintergrund sehen. Who cares. Aber so ein Tag mit 4,5 h Meeting (nicht komplett am Stück) schlaucht enorm und dann ist es am Ende des Arbeitstages auch schon wieder dunkel.

Das schlimmste ist eigentlich, dass ich, wenn ich mir unsere Infektionszahlen so anschaue, nicht davon ausgehe, dass wir vor dem Sommer das Büro in nennenswertem Grad zu sehen bekommen. Mimimi. Ich mag nicht mehr. Scheiß Pandemie soll jetzt endlich weg gehen.

Mir ist ja auch völlig bewusst, dass ich auf hohem Niveau jammere, immerhin sind meine Kinder den halben bzw. 7/8 des Arbeitstages außer Haus betreut. Vorerst. Wenn ich mir unsere Zahlen so angucke…

Es ist zum Heulen.

Darüber hinaus hab ich mir den Magen verdorben – mit Tee. Lakritztee. Trinken Sie niemals große Mengen lange gezogenen Lakritztee. Das hat den Effekt, vor dem auf Katjespackungen gewarnt wird, nur habe ich den mit Katjes und co. noch nie erreicht (und das liegt ganz sicher nicht daran, dass ich die nie übermäßig verzehre). Jetzt aber also mit Tee.

Was schönes: ich habe, auf einer Playlist, die „Alternative 00ers“ heißt, die Band „Mother Mother“ entdeckt und bin sehr verliebt. Das ist sehr gute Musik (zu der man bestimmt gut arbeiten kann, wenn man nicht grad den ganzen Tag Meetings hat). Ich bin da sicher ganz doll late to irgendeiner Party, man möge mir vergeben, ich hörte erst vor kurzem, dass es diese Party überhaupt gibt. Hier ein Video: The Stand .

Tag 2006 – Wochenende Zack rum.

Wo ist der Tag hin? Ich hab doch noch gar nix großartiges gemacht, ein bisschen gearbeitet, auf dem Bauernhof Eier* und Kartoffeln geholt, gekocht. Meerschweinchen sauber gemacht.

Michel ist manchmal halt doch eine riesige Quatschnase. Heute bat er Herrn Rabe darum, einen Witz zu erzählen (erst bat er mich, aber ich kann keine Witze erzählen). Auf den irre lustigen Witz („Wie macht ein 2 kg schwerer Spatz auf dem Baum?“ „?“ *tiefe Stimme* „Püüp.“) spielte Michel dann auf seinem Handy mit der Garage Band-App „Badumm – Tsssss!“. Ich lag fast auf dem Boden vor lachen, das wertet unseren Humor noch mal um 2000% auf, wenn nach unseren seltsamen Witzen ein „Badumm – Tsssss!“ folgt.

Missverständnisse in unserem Haushalt: wenn Herr Rabe sagt „die Steckrübe schäle ich jetzt und dann tue ich sie in die Brühe?“ sage ich „ja, aber du musst sie schon erst kleinschneiden!“ und je nach Tagesform ist Herr Rabe dann belustigt oder beleidigt, dass ich ihm zutraue, eine Steckrübe im Ganzen kochen zu wollen. Heute eher belustigt, vor allem als er begriff, dass ich das ganz ernst gemeint hatte. Er hat das ja aber auch so gesagt!

Generell merke ich, trotz grad erst Urlaub gehabt, wie meine Energie (vermutlich pandemiebedingt) nicht auf der Höhe ist. Dann kann ich schlecht Ungesagtes richtig interpretieren oder auch falsch Interpretiertes unkorrigiert lassen. Im derzeitigen gesellschaftlichen Klima ist das eine Bitte um Social Media Ärger, weshalb ich mich da versuche, fern zu halten. Leider habe ich auch viele Sozialkontakte über Gruppen in Social Media. Hmm.

Die Nerven liegen global halt blank und was wäre auch anderes zu erwarten angesichts von absolut allem.

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*die Hühner haben ihre Winterpause beendet und wir können jetzt wieder Eier beim Bauernhof holen.

Tag 2005 – Schon wieder nix zu erzählen.

Lange geschlafen, gebadet, spazieren gegangen. Fast wie Wellness.

Länger mit meiner Mutter telefoniert, auch mal wieder sehr schön.

Mit Michel über einen Vorfall gestern Abend gesprochen. Leider ist er da nicht sonderlich zugänglich und will hauptsächlich, dass wir aufhören, darüber zu reden. Ich möchte, dass er versteht, dass schlechte Gefühle nicht weggehen, wenn man nicht darüber redet.

Ein paar Jahre haben wir noch für dieses „Erziehen“.

Die Kinder haben heute Wintersport betrieben, Michel war Schlittschuhlaufen mit seinem Kumpel, Pippi war Ski laufen (wohl im Schneckentempo, aber tjanun, man muss das eben auch lernen) mit Herrn Rabe. Leider nicht gleichzeitig, sonst wäre ich hier wohl jubelnd durchs Haus getanzt. Jetzt endlich haben wir ja sowohl Schnee als auch durchgehend Minusgrade, sodass der Bolzplatz an der Schule nun wieder eine Eisbahn ist. Es ist auch alles gleich viel freundlicher und heller und nicht mehr so grau.

Jetzt aber ab ins Bett, schon wieder so spät!

Tag 2004 – Nix zu erzählen.

Homeoffice, viel zu tun.

Michel kommt nach der Schule seit Dienstag allein nach Hause. Wenn er sich nach der Schule nicht noch eine Pølse an der Tankstelle holt, denkt er auch dran, anzurufen, wenn er losgeht.

In den Kindergarten dürfen wir jetzt gar nicht mehr. Damit ist der Kindergarten endgültig ein schwarzes Loch, in dem Kindersachen verschwinden.

Sehr pandemiemüde, aber es hilft ja alles nix.

Tag 2003 – Piep.

Bei Michel im Bett eingeschlafen und dort bis Mitternacht gepennt. Gedöst. Wie auch immer.

Ein okayer erster Arbeitstag nach dem Urlaub, würd ich sagen. Eine Sache ist kompliziert und ich hab Angst, dass meine Fragen an meine Kolleg*Innen dumm sind, aber ich komme nicht weiter, lost in Ausnahmendjungel. Ansonsten viel E-Mail-Sichtung und Arbeitsplanung, und ein paar Meetings.

Tag 2001 – Spazieren gehen. (Wooozaaa.)

Ich hab heute wenig wirklich sinnvolles getan, aber dafür war ich zwei mal eine knappe Stunde draußen unterwegs. Vormittags ging ich zur neuen Vertretung meiner Hausärztin (aus Gründen hier ein kleines Augenrollen einfügen), nachmittags ging ich einkaufen. Vormittags bekam ich so sogar richtiges Sonnenlicht ab. Auch wenn das ja furchtbar „weit weg“ ist, tut es gut. Und bei der klirrenden Kälte über die weißen Wege laufen tut auch gut. In meinen dicken Schneesachen bin ich zwar nicht so schnell wie sonst, aber was sollst. Licht und Luft. Hach.

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Großes Kopfschütteln über den deutschen „Lockdown“. Warum ist das so unfassbar schwer in Deutschland, Homeoffice da, wo es möglich ist, auch anzuordnen, also die Arbeitgeber*Innen zu verpflichten, das möglich zu machen? Das funktioniert hier zum Beispiel ja auch und ich sag es mal ganz vorsichtig: zur Zeit stehen wir im Vergleich relativ gut da…

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Auch Kopfschütteln über das Impfgemotze, hüben wie drüben. „Man“ hätte eigene Verträge mit den Lieferanten machen müssen, „man“ hätte viel mehr bestellen müssen, „man“ müsste jetzt viel schneller und so weiter. Ich frag mich, wie groß der Aufschrei wäre, hätte zum Beispiel Norwegen mit irgendeinem Lieferanten nen Vertrag gemacht und 10 Millionen Dosen bestellt und dann kommt das Zeug nicht durch die Zulassung und die Kohle für 10 Millionen Dosen ist weg. Oder, der Lieferant auf den man gesetzt hat, kann halt erst in Q2 2022 liefern, und man hat ja 10 Millionen Dosen bestellt, soll man also ernsthaft doch noch was anderes einkaufen, um *jetzt* mit dem Impfen anfangen zu können. So schnell ist die europäische Solidarität dahin, wenn’s um „wer kriegt wieviele Dosen“ geht, ist sich jeder plötzlich wieder selbst der nächste.

Und da hab ich noch nicht mal was dazu gesagt, wie lange sich diese Impfkampagne hinziehen wird und dass man nicht wirklich groß lockern kann, bevor genug geimpft sind, um eine gewisse Herdenimmunität zu haben. Da ist es wahrlich wumpe, ob man in den ersten paar Tagen 20.000 oder 50.000 Dosen verimpft. Das Personal fällt ja auch nicht von den Bäumen, ich kann mir auch vorstellen, das große Teile des Personals, das dafür qualifiziert wäre, zur Zeit damit beschäftigt ist, kranke Menschen zu versorgen.

Als wäre irgendwas, irgendwo, jemals an Tag 1 perfekt rund angelaufen. In ner Krise, in der alles am besten gestern aus dem Hut gezaubert werden muss, kann man das dann natürlich erst recht erwarten.

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So, rant over, ich gehe morgen wohl doch noch ein paar mehr Stunden spazieren, sonst rege ich mich ja nur auf. Ganz offensichtlich.