Tag 719 – Allein daheim Tag 5.

Ich bin gar nicht zu Hause. Ich sitze in meinem Lieblingsrestaurant. Alleine. Also natürlich sitze ich hier nicht alleine, es ist sogar ziemlich voll, aber an meinem Tisch, da sitze nur ich. Und auch wenn mich die Ahnung beschleicht, dass das hauptsächlich der vorübergehenden Natur meines Alleinseins geschuldet ist, finde ich das ganz großartig. 

Hinter mir sitzt eine Geburtstagsgesellschaft. Die reden laut und sind wohl auch schon eine Weile hier, auf jeden Fall hat die Gastgeberin eben die letzte Runde ausgerufen, danach sollen die Gäste selbst zahlen. Daraus, dass fast keiner sofort zum Bestellen aufsprang, ließe sich vieles schließen, aber ich lasse das einfach. Die haben alle Spaß und bestimmt bin ich jetzt alleine und mit meiner Rentierpizza indirekt auf ganz vielen Fotos. 

Ein paar Tische weiter sitzt unsere Nachbarin von oben. Mit ihrem Freund. Den kannte ich bisher nur akustisch. Auch da: ich lasse das einfach. Das Starren und das Spekulieren. 

Mir gegenüber hängt ein Bild vom Trondheimer Leuchtturm. Offenbar ist der etwas schief. Ist mir in echt noch nie aufgefallen. Aber eine kleine Kontrolle in der Fotomediathek ergibt: doch, ist schief. 

Links von mir hängt auch ein Bild, aber das ist gemalt. Ich habe sehr viele Fragen zu diesem Bild. Darauf ist (von unten nach oben): eine schemenhaft angedeutete Frau, die etwas wedelt, was aussieht wie so ein Band von der Rhythmischen Sportgymnastik. Aber mit mehreren Enden. Das Band ist rosa. Ein schemenhaft angedeuteter Mann (blau), der eine Glaskugel in der Hand hält. Irgendwelche Dinger, die ein bisschen aussehen, wie Eisskulpturen. Dinge, die aussehen wie Blumenranken, aber in blau. Das zentrale Element ist eine Art verästelte Wurzel, hinter der ein überdimensionales Katzengesicht abgebildet ist. Oben mündet die Wurzel in… nichts, nur mehr Wurzel, die dann an der Oberfläche, die eher Wolke als Erde ist, sich flach ausbreitet. Das Katzengesicht hat keine Schnurrhaare und das irritiert mich wohl am meisten. Über dem Ganzen thront in einer Ecke ein märchenhaft anmutendes Schloss mit vielen Türmchen. 

Rechts von mir hängt eine Fotografie von den Häusern am Fluss, die man von der Gamle Bybro aus sieht. Bei Nacht und mit hübscher Spiegelung der Häuser und Lichter im Wasser. Ich witzele gerne mal, dass das Trondheims einziger schöner Spot ist, weshalb er auch auf 90% der Postkarten abgebildet ist. Das Bild kostet 7900 NOK. Aber dafür ist es vom Fotografen signiert. Signiert man üblicherweise Fotografien? Offenbar. Zumindest dieser Fotograf tut das. Ich schmunzle kurz über den Gedanken, mir dieses Bild zu kaufen und dann irgendwo hin zu hängen, wenn wir mal nicht mehr hier wohnen. Den einzigen schönen Spot Trondheims. 

Auf der anderen Straßenseite ist ein Haus, in dem viele Geflüchtete wohnen. Viele improvisierte Gardinen hängen da, damit die Leute vom Restaurant gegenüber nicht direkt in die Wohnung gucken können. In ein Fenster hat jemand ein billiges Metalldekodings gestellt, in ungleichmäßig großen Buchstaben steht da „HOME“. 

Tag 718 – Allein Daheim Tag 4. 

Es geht mir sehr gut. Ich arbeite viel, aber in meinem Tempo, hier ist es sauber und ordentlich, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich erst spät nach Hause komme. Die Sonne scheint, ich kann jeden Tag zu Fuß gehen, die Blasen an meinen Füßen heilen auch langsam. Ich gucke Fernsehen, alles nötige (und ein bisschen mehr) ist fertig geölt, das Öl ist jetzt auch fast leer. Ich esse einen Haufen getrocknete Tomaten zu allem und wenn das nicht reicht*, kippe ich noch selbstgemachten Ketchup drüber. Außerdem esse ich einen Haufen Erdbeeren. Heute habe ich drei Kilo gekauft, um nochmal Marmelade zu kochen. Außerdem habe ich heute die Anmerkungen vom Chef in die Diss fertig eingearbeitet und die Abschnitte, bei denen noch Referenzen fehlten, mit diesen gefüllt. Damit bin ich jetzt – soweit – fertig, es fehlen noch Tabellen, Abbildungen und ein wenig Prosa. Ich habe auch bei jemandem nochmal angerufen, dessen Firma ich gestern eine Bewerbung geschickt habe, nur um zu sagen, dass die Bewerbung da sein müsste und hoffentlich bald auf seinem Tisch landen wird. „It’s good that you follow up!“. 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich sehr darauf, dass Herr Rabe und die Kinder bald wieder da sind. Ich vermisse sie auch wirklich doll. Als wir heute telefoniert haben, hatte ich das Gefühl, Pippi spricht plötzlich viel mehr und ich verpasse alles. Und als sich Michel dann wehtat, wollte ich so gerne was tun können. Aber nichtsdestotrotz genieße ich gerade die Zeit alleine auch in vollen Zügen. Ich überlege sogar, ob ich morgen Abend einfach so alleine ein Bier trinken gehe. Weil ich’s kann.

 Dochdoch. Es ist schon alles in Ordnung so. 

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*Heißhunger auf Tomaten, ist doch bestimmt irgendein Mangel. Vitamin K? Ist aber eigentlich auch egal. 

Tag 717 – Allein Daheim Tag 3: „Redet mit sich selbst“.

Neulich habe ich ja mit Jette vom Halbesachenblog abends auf dem Balkon gesessen, Rosèsekt getrunken und über Schminke gesprochen. Wie Frauen™ das™ halt™ so™ machen™. Jedenfalls endete es damit, dass wir auf YouTube Schminkvideos guckten. Unter anderem dieses hier, was ich sehr lustig finde, weil es recht ehrlich zeigt, was Leute alles für Quark machen, um „natürlich“ auszusehen. Da schmunzelte ich noch. Dann kam dieser Artikel in der Zeit und dann der hier von Vrouwel und dann noch ein Tweet hier und einer da und Duchess Catherine of Cambridge sieht ja umwerfend toll aus und tut nieeee etwas dafür und man kennt das: am Ende macht man sein eigenes Schminkvideo*, das viel zu lang ist,** schneidet es stümperhaft*** und verlinkt es in seinem Blog. 

Kleines Fazit vielleicht: es ist ein bisschen wie mit dem Zucker. Malt euch an, wie ihr wollt, lasst es bleiben, wenn ihr wollt, aber malt euch bitte nicht an und behauptet dann, ihr wärt nicht angemalt. 

Geschminkte Seite. (Ich war voll aufgeregt und bin ein bisschen rot.)

Ungeschminkte Seite.

Das „klitzekleine bisschen“ Zeug, das daran beteiligt war.


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*Spoiler: ich bin da nicht sehr gut drin und am Ende sieht man kaum einen Unterschied. 

**weil ich 1. die ganze Zeit labere und 2. halt auch einfach langsam bin. 

***Genau genommen musste ich erst ein YouTube-Tutorial gucken, wie man am iPad Videos schneidet. Digital native galore. 

Tag 716 – Allein Daheim Tag 2. 

Aus diversen Gründen heute bei, über und während der Arbeit geärgert. Zu Hause dem Tisch noch eine weitere Ölung verpasst (wenn man das nur alle Jubeljahre macht, hat der es halt dann sehr nötig), Kinderwäsche abgenommen und verräumt, den Schleifklotz in die Hand genommen. Innegehalten. Den Schleifklotz weggelegt, mir was ordentliches zu Essen gekocht (scharfes Curry mit Brokkoli, Möhren und kleinen Garnelen, dazu Reis), das vorm Fernseher gegessen. Verraten Sie’s den Kindern nicht. Am Tisch kann man ja auch grad, leider, leider, nicht essen. House of Cards geguckt, dann den Feedreader leer gelesen und DANN ERST die Arbeitsplatte geschliffen und geölt. Ich werde also besser, im Sinne von: entspannter. 

Jetzt Sofa, Fußbad*, Erdbeeren und die Underwoods. Könnte schlimmer sein. 

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*einer der Gründe für mein Ärgern während der Arbeit: meine Sandalen haben abgefärbt und mir insgesamt vier Blasen verpasst**. Eine ist aufgegangen und jetzt hab ich da abgefärbte Lederfarbe „indigo“ auf dem (quasi) rohen Fleisch und mein innerer Hypochonder hat eigentlich schon vom Anblick Krebs. Das Bad ist zum Entfärben gedacht. 

**für so Scheiß ist mir mein Leben zu kurz und ich hab die Sandalen gleich entsorgt. 

Tag 715 – Allein Daheim Tag 1.

Ich prüddel so vor mich hin und beobachte mich. Heutige Feststellung: Dieses „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“-Ding sitzt bei mir ganz tief. Ich weiß gar nicht mal mehr, wer das immer gesagt hat, entweder meine Mutter oder meine Oma, aber es hat auf jeden Fall gewirkt. Zweite Feststellung (eigentlich keine Neuigkeit, aber interessant, dass es nur einen halben Tag braucht, bis es wieder reaktiviert ist): wenn es sich nicht „lohnt“, Dinge aufzuschieben, weil sie einfach nicht unangenehm genug sind, und alle Verantwortungsdiffusion wegfällt, weil keine erwachsene Person außer mir da ist, die es übernehmen könnte, mache ich viele Dinge wirklich am liebsten sofort. Spülmaschine ausräumen, Geschirr abspülen, Wäsche aufhängen. Sowas eben. Diese zwei Erkenntnisse lassen sich auch super kombinieren, heute habe ich halt (also, nach der Arbeit, da bin ich ja jetzt auch wieder…) erst schnell Kleinscheiß erledigt (Spülmaschine, Wäsche aufhängen, Trockner starten, Waschmaschine mit Kinder-Regenkleidung starten, Schnecken füttern und einsprühen), dann hab ich den Esstisch angeschliffen und geölt (das Öl stinkt so und grade ist es so warm, dass man das Fenster ruhig die ganze Nacht auflassen kann) und dann hab ich mich mit Brötchen als Abendessen und einem kleinen Glas Wein und einem Buch in den Park gesetzt, die Abendsonne genossen und die Leute um mich rum beobachtet. Das war sehr sehr fein. Gut, ich werde vermutlich auch für immer einen Ohrwurm haben, aber so ist das eben.

Vorm Ins-Bett-Gehen habe ich dann noch die Regenklamotten aufgehängt, die Handtücher aus dem Trockner zusammengelegt, verräumt, mein Weinglas gespült und die Picknickdecke aufgehängt. 

Ich bin ein bisschen fasziniert von mir selbst. Und von der Ordnung hier auch.

Tag 714 – Jetzt sind sie weg.

Herr Rabe und die Kinder sind endlich auf dem Weg zu Herr Rabes Schwester. Endlich, weil sie eigentlich schon längst da sein sollten, aber dann bekam Herr Rabe zwei Stunden vor Abflug eine SMS, dass der Flug gecancelled sei, „due to lack of crew“. Jetzt hab ich ja alles Verständnis dafür, dass auch Crewmitglieder krank werden. Aber Herrschaftszeiten, hat man dafür nicht Bereitschaftsmenschen? Oder werden die bei Norwegian auch schon eingespart? Und dann hing Herr Rabe auch noch geschlagene 45 Minuten in der kostenpflichtigen Hotline-Warteschleife, das finde ich dann schon mehr als dreist. Naja, Herr Rabe wird jedenfalls morgen über fairplane.de eine Entschädigung einfordern. (Dass der Flug, den sie jetzt haben, auch 45 Minuten Verspätung hat, also um viertel nach zwölf Ortszeit (also viertel nach eins „Hier“-Zeit) ankommen wird, ist dann schon fast egal. In England. Hoffentlich stehen sie nicht so lang an den Immigrations.)

Jedenfalls brachte dieses Chaos unseren geplanten Tagesablauf komplett durcheinander und im Endeffekt saßen Herr Rabe und die (natürlich super aufgeregten!) Kinder auf gepackten Koffern, während ich krampfhaft versuchte, etwas Ordnung zu schaffen. Als dann Michel anfing, auszurasten, weil er glaubte, WIR hätten das mit dem Flugzeug irgendwie verkackt, zogen wir die Reißleine und gingen Eis essen. Danach durfte Michel Shaun das Schaf gucken, Pippi machte sehr späten Mittagsschlaf, wir Erwachsenen räumten und tranken Kaffee und schwitzten (in der Wohnung war es sehr viel wärmer als draußen) und als Pippi wach wurde, kehrten wir einfach allesamt plus Gepäck ins Auto und fuhren Burger essen. Wir hatten nämlich für heute Abend kein Essen geplant und entsprechend auch nichts eingekauft und die Kinder waren eh aufgekratzt, da schien uns das eine gute Idee. Wars auch. Dann fuhr ich die Restfamilie zum Flughafen, sie gaben die Koffer auf und gingen zur Sicherheitskontrolle, wir drückten uns alle nochmal eine Runde und nahmen Abschied und dann…

…lief ich ziemlich schnell und den riesigen Kloß in meinem Hals runterschluckend zum Auto zurück, zahlte für 14 Minuten parken (12 sind kostenfrei) 30 Kronen und fuhr…

…direkt auf die Tankstelle, Benzin war grade relativ günstig. Dann überprüfte ich noch in einer Übersprungshandlung den Reifendruck. Twitterte. Und dann fuhr ich mit sehr lauter Musik an nach Hause. Dort überkam mich ein unwiderstehlicher Drang…

…zu putzen. Dabei war’s gar nicht so dreckig. Aber schlafen gehen, das wäre zwar schlau gewesen, aber wie denn, wenn die ganze Zeit der Katastrophenfilm zum Thema „Flugzeugabsturz“ im Kopf abläuft? Nur putzen schien mir noch nicht ganz ausreichend um den Film zu stoppen, also holte ich mir noch ein bisschen Putz- und Entspannungshilfe bei Tante Primitivo aus DutyFree-Land, das wird mir morgen vielleicht leid tun, aber hey, ich bin erwachsen, ich darf das ganz selbst entscheiden, ob ich nen dicken Kopf riskiere. Seit ich also zu Hause bin habe ich gesaugt (nur Küche, Essplatz und Bad, um nach zehn wollte ich nicht noch unbedingt überm Schlafzimmer der Nachbarin staubsaugen), gewischt, den Esstisch aufgeräumt und abgewischt, die Kinderstühle sauber gemacht, das Wohnzimmer aufgeräumt, die Dunstabzugshaube und die Kaffeemaschine geputzt und auf der Kaffeemühle und den Küchenlampen Staub gewischt. Das Glas Primitivo (sehr lecker übrigens) ist jetzt leer, ich habe geduscht, Klamotten sind rausgelegt, bei Twitter habe ich schon ausgiebig rumgeheult, vielleicht versuche ich es doch einfach mal mit dem Bett. Ich kann ja immernoch lesen, wenns mit dem Schlafen nicht klappt.

Tag 713 – Zwei Jahre. 

Meine liebe kleine Pippimaus,

Jetzt bist du schon zwei Jahre alt. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Eigentlich warst du gestern noch ein neugeborenes Minibaby, und vor fünf Minuten hab ich dich noch gestillt. Jetzt bist du so groß! Und so klein. Und so groß! (Wenn man sagt „bist du groß?“ reißt du übrigens die Hände nach oben und schreist „Jaaaaa!“, das ist sehr niedlich.)

Eine typische Unterhaltung mit dir ist ungefähr so:

„Pippi? Hörst du bitte auf, Sand zu essen?“ – „Nein.“

„Hörst du jetzt auf, Sand zu essen?“ – „Nein!“

„Hör jetzt auf, Sand zu essen!“ – „NEIN!!! *streckt Zunge raus und prustet – wie ein Minion*“

Du weißt was du willst. Immer. Du willst Sand essen und keine Eltern der Welt werden dich davon abhalten. Du willst keine Windel anziehen, oder das T-Shirt nicht, dafür den Schlafanzug. Die Schuhe müssen so rum. Du willst aufs Klo, drei mal in fünf Minuten. Auf der Nudel ist zu viel Ketchup. Wie, nur drei Mausclips? Nicht mit Pippi!

Meistens bin ich wegen deinem kleinen, hübschen Dickkopf sehr sehr stolz auf dich. Manchmal macht es mich auch ein kleines bisschen wahnsinnig, zum Beispiel wenn du, wie heute, nicht einschlafen willst. Aber dann, irgendwann, liegst du zusammengerollt im neben dem Bett und schläfst und seufzt manchmal „Hand, Mama“ und dann ist auch schon wieder fast alles vergessen. Und dann sehe ich da nur dich, und ich denke, es passt schon. Du willst viel mehr selbst bestimmen und kannst auch viel mehr selbst bestimmen, als ich das von deinem Bruder gewohnt bin. 

Überhaupt, dein Bruder. Dein größter Held. Du willst, was er hat, isst, tut. Manchmal macht ihr Quatsch zusammen. Dann platzt mein Herz. Er hat dich sehr lieb, das zeigt und sagt er auch ganz offen. Trotzdem gehst du ihm natürlich ganz oft ganz schön auf den Zeiger, wenn du ihm wieder irgendwas wegnimmst oder seine Zugbahn kaputt machst. Dabei willst du doch auch nur damit spielen. Dann ist das Geschrei auf beiden Seiten groß. Im Gegensatz zu dir würde er dich aber nicht hauen ;)

Wenn du mit anderen Kindern zusammen bist, bist du ein kleiner Clown. Der vermutlich niedlichste Clown aller Zeiten. Die „großen“ Kinder im Kindergarten sind dir allesamt verfallen, was mich unglaublich erleichtert, weil ich nach der grauenvollen Eingewöhnung vor knapp einem Jahr wirklich Angst hatte, dass niemand ein Kind mag, das den ganzen Tag motzt und brüllt und an der Erzieherin klebt. Aber nein, seit du da wirklich angekommen bist, nennen sie dich „Søtnos“ und wollen dich auf ihre viertenfünftensechsten Geburtstage einladen. M. möchte eine kleine Schwester, die ist wie du, also genau so. Eine Kopie. Du magst auch die größeren Kinder und jedes mal, wenn es an der Tür klingelt, rufst du freudestrahlend den Namen von Michels bestem Kumpel.

Du liebst es zu singen und zu tanzen und ich glaube in deinem kleinen Kopf geht viel mehr vor, als du verbal ausdrücken kannst.   Ich freue mich wirklich darauf, wenn du mehr sprechen kannst, dein Sturkopf und deine Niedlichkeit verheißen wunderbare Kleinkind-Diskussionen. Und später, ganz sicher, auch noch Großkind-Diskussionen.

Bei allem Wunsch des größer-Werdens möchte ich doch vor allem eins: dass du dir dein Wesen bewahrst. Meine große, kleine, willensstarke, schlaue, quatschige Rübennase. 

Ich hab dich lieb.

Deine Mama

Nur echt mit Rotznase und Erdbeerflecken. <3

Tag 712 – Ein paar Gedanken.

Die letzten zwei Wochen waren ja mehr oder minder verrückt. Eigentlich die letzten fünf, und eigentlich sogar das ganze letzte halbe Jahr, aber ich wollte doch mal die letzten zwei Wochen irgendwie gefühlsmäßig sortieren. Das wird vielleicht etwas wirr, wie eben auch die letzten Wochen waren.

Also das erste: direkt nach ner Stressphase in den Urlaub starten ist gleichzeitig sehr schlau und unfassbar dämlich. Auf der Con-Seite ist da vor allem die zeitliche Unmöglichkeit, Dinge vernünftig vorzubereiten. Wenn man sowas dann nicht auf den letzten Drücker erledigt bekommt oder allzu hochtrabende Pläne notfalls einfach fahren lassen kann, sollte man das lassen. Auf der Pro-Seite ist da aber die Deadline: Bis daundda muss alles fertig sein, UND DANN IST URLAUB. Muss man der Typ für sein, denke ich. Ich bin der Typ für sowas, das reduziert aber den damit verbundenen Stress nicht wirklich.

Dann: Leute aus dem Internet in echt kennen lernen ist ne ganz großartige Sache. Alle, die ich getroffen habe, sind in echt genau so, wie ich sie mir anhand von Tweets und Blogs und DMs (und Skype und Hangout und Telefon…) vorgestellt hatte. Außer Frau Brüllen. Die ist ein bisschen größer ;)

Dann ist auch noch so eine Sache, und das mag jetzt überraschend für Sie sein, aber: ich bin gar nicht so ne schlechte Mutter. Ich war eine sehr sehr gestresste Mutter, die sehr wenig Zeit für ihre Kinder hatte und so gefalle ich mir nicht, das macht mich dünnhäutig und dann reicht der normale Kinderlärm schon aus um mich aus der Haut fahren zu lassen. Wenn ich halbwegs entspannt bin, komme ich damit und mit viel mehr viel besser zurecht und siehe da: Ich kann mich an den kleinen und großen Rübennasigkeiten oft sogar erfreuen. Manchmal halt erst im Nachhinein, wie das eben so ist mit Kindern. Ich hoffe, dass ich ein bisschen von dem Entspannungsgefühl in den Alltag mitnehmen kann. Vielleicht wenigstens die Erkenntnis, dass meine gelegentlichen mütterlichen… Aussetzer eben nur gelegentlich sind und mit weniger Stress drumrum fast komplett wegfallen.

Aber auch die Erkenntnis ist interessant, dass Michel so eine Art „Sozial-Akku“ hat. In der Woche in Frankfurt hatte ich ein ganz zauberhaftes Kind, ganz offen und fröhlich und es sprach so gut deutsch wie nie! Ich hatte da schon die Vermutung, dass sich das rächen würde und so kam es auch. Zwischen Frankfurt und Bergen ließ Michel, ich kann es nicht anders sagen, die Sau raus. Suchte Streit (mit uns), rastete aus, schrie und schlug und warf Dinge. In Bergen dann wieder: Vorzeigekind. Nach Bergen, genau genommen am Abend der Fahrt von Høyanger nach Dønfoss, sprach Herr Rabe aus Verzweiflung  über die Ausraster from hell iPad-Verbot für den letzten Fahrt-Tag aus. Das führte zwar erstmal zu mehr Geschrei und dann auch am Morgen nochmal zu einem mittleren Terz, aber nach einer Stunde Fahrt und mit vielen phantasievollen Geschichten vom Rücksitz piepste er unvermittelt „Papa? Ich hab mich benehmt.“ Die message war also angekommen. Und das Kind kann seine Ausraster tatsächlich ein Stück weit kontrollieren. Hurra. (Nach nochmal einer Dreiviertel Stunde Fahrt und einer längeren Pause wurde das Verbot dann aufgehoben.) Ich bin maöl gespannt, wie es nächste Woche wird, wenn Herr Rabe und die Kinder Michels Tante in England besuchen.

Insgesamt bleibt noch das Fazit: Ferien mit Kindern sind toll. Ungleich anstrengender, das ganze drumrum, man schleppt plötzlich nen fast Fünfjährigen in Bergen einen Berg runter (davon bekommt man übrigens zornigen Muskelkater in Waden und Hüften), man balanciert zwei Kinderkoffer und ein schlafendes Kleinkind durch enge Flugzeuggänge, während man das nicht lesefähige Kind zur richtigen Reihe zu lotsen versucht, ganz abgesehen von „Ich muss ganz ganz dringend aufs Klo, jetzt sofort“ in den unmöglichsten Momenten, klar, das wäre alles viel einfacher, reiste man nur mit anderen Erwachsenen. Aber Urlaub mit Kindern, das ist schon prima, wie die die Welt sehen. Nur mit Erwachsenen würde man vielleicht mehr auf Berge steigen, aber vermutlich auch weniger in Aquarien gehen. Und dabei finde ich doch Axolotl und Schlangen und Frösche (alles klassische Aquarientiere, *hust*) selbst auch ganz schön toll. (Wandern dann halt später wieder, das, haha, läuft ja nicht weg.)

So, und jetzt ist es so spät, es ist mehr als Zeit, zu schlafen. Morgen wird Pippi zwei. Das mit dem Großwerden geht auch manchmal ganz schön schnell.

Tag 711 – Zu Hause ist’s doch, ähh, naja.

Beim Reinfahren nach Trondheim wieder bemerkt, dass ich in dieser Stadt einfach falsch bin. Norwegen, ja, bitte, Trondheim, nein, danke. 

Bevor ich jetzt aber noch mehr rummecker, hier ein Video vom Wasserfall gestern. (Ab morgen dann: Geburtstagsvorbereitungen, Pippi wird schon zwei!)

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Fehler
Dieses Video existiert nicht
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Tag 710 – Berge, Bäume, Berge, Bäume…

Also ich kann mich daran ja quasi nicht sattsehen. Michel schon. Heute hat er schon ganz von selbst beim Spülen geholfen, weil ihm langweilig war. Aber morgen gehts ja auch nach Hause, dann hat auch für ihn die Sitzerei ein Ende. 

Heute gings von „Häh, wieso hab ich mir denn die ganze Zeit eingebildet, wir fahren auf dem Rückweg über Flåm?“*, nämlich Høyanger, wieder nach Dønfoss. Mit einem kleinen Abstecher, um einen Wasserfall mit besonders hübscher Brücke drüber zu besichtigen. Im strahlenden Sonnenschein und bei >20 Grad war das einfach ganz wunderbar. Wir haben wieder viel Gegend gesehen, viele freilaufende Ziegen und Schafe auf der Straße getroffen, dann aber doch keine „lokal produzierte“ Ziegenwurst gekauft, uns darüber und über die räumliche Nähe von Elchwarnschildern und Elchburgerbratereien amüsiert, haben Biowürstchen und eine Bio-Salami** gekauft und am Ende waren wir so spät am Campingplatz, dass es grad noch für ein ganz kurzes Eintauchen reichte, bevor das Schwimmbad schloss. Dafür haben wir dafür alle zusammen auch nur 50 Kronen bezahlt, statt 50 Kronen pro Person. Dann Würstchen vom Grill und Ramen-Salat***. Schon schön. 

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*Das weiß ich wirklich nicht mehr, wie das kam, aber ich war mir totsicher, bis ich gestern dann beim Navigieren den Campingplatz erst gar nicht und dann in der anderen Richtung fand. Das war… interessant. Mit sowas kann ich auch nur im Urlaub halbwegs umgehen. 

**Da stand kein Preis am Regal und ich sag mal so: das ist jetzt mein Andenken an den Urlaub. 

***Man nehme: „Das schmeckt anders als zu Hause, das mag ich nicht.“ (Gebratene Ramen-Nudeln mit Ei, anders weil Sojasauce dran) von gestern, kalt, rühre „bläh“ (Cocktailtomaten) und „das mag ich nicht, obwohl, doch, wenn’s Käse ist vielleicht schon?“ (Schafskäse) ein, würze mit „was ist das hier für grünes Zeug, das ist eklig“ (Pizzakräuter) und schon hat man einen wirklich erstaunlich schmackhaften Nudelsalat. 

Dieser kleine Wasserfall ist eigentlich ein überlaufender See, was man leider auf dem Bild nicht gut erkennt. Ist aber trotzdem hübsch.


Likholefossen bru. Danach war irgendwie mein Schuh nass, dummdidumm.

Von der anderen Seite. Zu Hause lade ich auch ein Video hoch, das ist mir grad zu teuer mit mobilen Daten.

Voll super Viewpoint mit voll super hohen Bäumen vor der Aussicht.

Endlich angekommen. Ich war schon drin, es war wirklich sehr sehr frisch. Aber schön!

Mit Untertauchen (Beweisfoto). Man sieht auch schön den momentanen Zustand von „Matschauge“. So tuts jetzt immerhin nicht mehr weh, das ist schon die halbe Miete.